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	<title>Belletristik Archive - ostdeutschland.info</title>
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	<title>Belletristik Archive - ostdeutschland.info</title>
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	<item>
		<title>Buchvorstellung: „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-peggy-maedler/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Peggy Mädlers Roman verbindet die Themen Kybernetik und zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Erzählstrang reicht von den 1960er-Jahren in der DDR bis in die Gegenwart.</p>
<p>BUCHTIPP:<br />
<img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-9879" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/06/Maedler_Selbstregulierung-des-Herzens_Cover.png" alt="Das Cover von Peggy Mädlers Roman Selbstregulierung des Herzens" width="280" height="457"><br />
Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“, Galiani Verlag, Berlin 2026, 304 Seiten, 23 € (Hardcover).</p>
<p>Die Handlung beginnt in den 1960er-Jahren der DDR. Damals wurde Kybernetik als eine Möglichkeit gesehen, nicht nur die Technik, sondern auch die Gesellschaft zu verbessern. Man hoffte, dadurch [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Peggy Mädlers Roman verbindet die Themen Kybernetik und zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Erzählstrang reicht von den 1960er-Jahren in der DDR bis in die Gegenwart.</p>
<p><span id="more-9892"></span></p>
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<tbody>
<tr>
<td><strong>BUCHTIPP: </strong>
<p><img decoding="async" class="alignleft wp-image-9879" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/06/Maedler_Selbstregulierung-des-Herzens_Cover.png" alt="Das Cover von Peggy Mädlers Roman Selbstregulierung des Herzens" width="280" height="457"></p>
<p>Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“, Galiani Verlag, Berlin 2026, 304 Seiten, 23 € (Hardcover).</p></td>
</tr>
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<p>Die Handlung beginnt in den 1960er-Jahren der DDR. Damals wurde Kybernetik als eine Möglichkeit gesehen, nicht nur die Technik, sondern auch die Gesellschaft zu verbessern. Man hoffte, dadurch mehr Freiheit und Selbstbestimmung zu erreichen. Mädler erzählt ihre Geschichte sachlich und ohne die DDR zu verklären. Sie verwendet eine distanzierte Erzählhaltung und nutzt Begriffe aus der Kybernetik, um das Verhalten ihrer Figuren zu beschreiben.</p>
<p>Die Geschichte dreht sich um Georg Paschke, der aus einer Arbeiterfamilie stammt. Um ihn herum bildet sich ein Kreis aus Georgs Freunden Roland und Marlies sowie seiner späteren Frau Helga. Im Laufe der Jahre stößt die Künstlerin Mona dazu. Sie versucht, in einem Staat, der alles regulieren will, ausreichend Freiheit für ihre Bilder zu erlangen.</p>
<p>Georg arbeitet zunächst auf dem Bau, beginnt aber 1960 ein Ökonomiestudium. Während dieser Zeit debattiert er mit Roland und Marlies, angeregt durch die Vorlesungen von Professor Benders, über die wirtschaftliche Ausrichtung des Landes. Roland plädiert für marktwirtschaftliche Reformen, Marlies hingegen verteidigt die Planwirtschaft. Georg selbst positioniert sich zwischen diesen Extremen. Er entwickelt eine Faszination für die neuen Großrechner, die versprechen, komplexe Datenströme in binäre Abläufe zu übersetzen. Die drei Freunde betrachten die Wirtschaft als regelbasiertes System und überlegen, wie die Planwirtschaft der DDR mithilfe der Kybernetik verbessert werden kann.</p>
<p>Mit dem Scheitern des Prager Frühlings im Jahr 1968 zerschlagen sich die Hoffnungen auf wirtschaftliche Verbesserungen und eine gesellschaftliche Liberalisierung. Das studentische Gefüge zerbricht. 1969 flieht Roland über die Donau in den Westen, während Georg den Weg in eine innere und berufliche Nische wählt. Er verlässt die Hochschule und arbeitet fortan als Programmierer im Rechenzentrum. Dort schreibt er mühsam Programme auf Lochkarten, oft nach dem Trial-and-Error-Prinzip, während die eigentliche Rechentechnik für ihn unerreichbar hinter einer Glasscheibe bleibt.</p>
<p>Die Autorin benutzt das technische Vokabular aus Regelkreisen, Rückkopplungen und Impulsen, um die emotionale Zurückhaltung ihrer Protagonisten zu schildern. Diese im Krieg geborene Generation hat gelernt, ihre Gefühle zu kontrollieren. Emotionale Vorsicht prägt auch Georgs Annäherung an Mona. Ihre Versuche, ihn bei der Arbeit künstlerisch zu porträtieren, scheitern an den Absurditäten der DDR‑Mangelwirtschaft. So manipuliert beispielsweise ein Mitarbeiter im Rechenzentrum ein Programm zur Fischverteilung, um sich exklusiv Aal zu sichern. Die daraufhin einsetzende Untersuchung der Staatssicherheit wegen Sabotageverdachts verschärft die Sicherheitsvorkehrungen im Betrieb und verhindert Monas Kunstaktion. Solche Vorfälle verdeutlichen, wie die staatliche Kontrolle selbst in die kleinsten privaten und beruflichen Nischen hineinreichte.</p>
<p>Die Fragilität dieser Rückzugsorte veranschaulicht der Roman unter anderem anhand einer Bungalowsiedlung in einem Dorf nahe Wandlitz bei Berlin. Georg und seine Familie bauen sich dort Ende der 1960er-Jahre aus alten Türen von Abbruchhäusern ein Wochenendhaus, um sich ins Private zurückzuziehen. Doch die vermeintliche Abgeschiedenheit erweist sich als Trugschluss. Mitte der 1970er-Jahre wird unmittelbar hinter den Grundstücken ein Stacheldrahtzaun errichtet. Erst nach der Wende erfahren die Bewohner, dass sich dahinter der geheime, dreistöckige Atomschutzbunker der DDR befand. Die Siedler bewegen sich unter den Ferngläsern patrouillierender Soldaten und versuchen, sich zwischen Vorsicht, Anpassung und kleinen Gesten der Annäherung, wie dem Reichen von Bier durch den Zaun, zu arrangieren.</p>
<p>Mitte der 1980er-Jahre verödet Monas sommerlicher Zufluchtsort nahe Bernau. In diesem Zeitraum stellen immer mehr ihrer Künstlerfreunde Ausreiseanträge und werden daraufhin mit Berufsverboten und sozialer Isolation belegt. Mit dem Zusammenbruch der DDR und dem Verlust seiner Arbeit gerät Georg in den 1990er-Jahren aus dem Gleichgewicht. Mit inzwischen fünfzig Jahren beginnt für ihn eine Phase der Selbstbefragung bei langen Läufen durch die brandenburgischen Wälder. Der Roman beschreibt den Übergang von der Scham über das eigene Mitläufertum zum Trotz.</p>
<p>Peggy Mädler zeigt, wie sich die Hoffnungen ihrer Figuren im Laufe der Zeit verändern. Georg und seine Freunde glauben zunächst daran, die DDR durch neue Ideen verbessern zu können. Nach dem Scheitern dieser Hoffnungen ziehen sie sich immer mehr ins Private zurück und versuchen, trotz der staatlichen Kontrolle ihren eigenen Freiraum zu bewahren. Auch nach der Wende müssen sie mit den Folgen ihrer früheren Entscheidungen und der Veränderungen in ihrem Leben umgehen.</p>
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		<title>Jägerschnitzel. Der Ost-Ost-Blick #6: Die Osterklärer</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/jaegerschnitzel-der-ost-ost-blick-6-die-osterklaerer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Jun 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Teil sechs seiner Kolumne widmet sich Julian Nejkow dem Autor Lukas Rietzschel und dessen Buch „Sanditz“. Am Beispiel Rietzschels beschreibt er das Phänomen der „Osterklärer“ und erläutert, warum er es für problematisch hält.</p>
<p><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-10553" class="wp-image-10553" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/09/Nejkow-Cover-Kolumne.jpg" alt="Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser" width="450" height="563">Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat [...]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In Teil sechs seiner Kolumne widmet sich Julian Nejkow dem Autor Lukas Rietzschel und dessen Buch „Sanditz“. Am Beispiel Rietzschels beschreibt er das Phänomen der „Osterklärer“ und erläutert, warum er es für problematisch hält.</p>
<p><span id="more-9946"></span></p>
<div id="attachment_10553-2" style="width: 460px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-10553-2" class="wp-image-10553" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/09/Nejkow-Cover-Kolumne.jpg" alt="Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser" width="450" height="563"><p id="caption-attachment-10553-2" class="wp-caption-text">Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser</p></div>
<p>Eines vorweg: Jeder Einzelne und jede Einzelne,&nbsp;der oder die sich für den Osten der Republik engagiert, wird in mir einen Verbündeten finden. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir nicht ab und an mal Bilanz ziehen müssen, was wir im Großen erreicht haben. Die Geschichten im Kleinen sind zahlreich, aber viel zu wenig erzählt.</p>
<p>Die Liste der Namen, die sich für den Osten der Republik engagiert haben und engagieren, ist umfangreich. Einige von ihnen sind durch ihre mediale Präsenz durchaus dem ost- wie westdeutschen Publikum bekannt.</p>
<p>In den Fokus geriet zuletzt noch einmal der Autor Lukas Rietzschel. In Bezug auf seinen Roman „<a href="https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-sanditz-von-lukas-rietzschel/" target="_blank" rel="noopener">Sanditz</a>“ überschlugen sich die Literaturkritiker und Feuilletons der Republik. Fast kein Loblied konnte zu hoch gesungen werden: „Nachwendeepos“, „das Buch, wenn man Ostdeutschland verstehen will“, um nur zwei von Dutzenden zu nennen. Zuweilen konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Herren Literaturkritiker fleißig voneinander abgeschrieben haben. Aber da kann ich mich natürlich täuschen.</p>
<p>Doch zurück zur Sache. Sanditz ist ein gutes, ein wichtiges Buch. Wer den Autor und die Stadt, an die dieser Roman angelehnt ist, kennt, der kann sie quasi gemeinsam mit ihm abgehen und – wenn man aus ähnlichen Verhältnissen kommt – gewiss auch seiner eigenen Vergangenheit nachspüren. Sicher steht die fiktive Stadt auch für andere ostdeutsche Städte und Rietzschel holt damit gewiss viele Menschen ab. Ich für meinen Teil feiere das Buch, aber genau da liegt das Problem: Autorinnen und Autoren solcher Bücher, Influencer, Podcasthosts etc. werden zu Osterklärern stilisiert – zunächst von den Medien, doch irgendwann erheben sich einige auch selbst in diesen Stand. Nur für wen erklären sie den Osten? Für die Ostdeutschen selbst wohl kaum. Diese nehmen sie meist auch nicht als ihre Vertreter wahr und ernst.</p>
<p>Nein, diese Menschen erklären allzu oft den Westdeutschen, wie es im Osten so läuft. Und ihre Lesungen sind voll. Umgekehrt lassen sich viele Ostdeutsche gern von „Wessis“ wie Björn Höcke oder Alice Weidel die Welt erklären – bizarr. Die Besucher hören den Osterklärern jedenfalls gespannt zu, wenn diese behaupten, der Osten sei so oder so, die Menschen würden deswegen oder jenes wegen die AfD wählen und sie seien unglücklich und unzufrieden. Bis dann einer aus dem Publikum ruft, sie sollten doch dankbar sein.</p>
<p>Um es überspitzt zu sagen: Dann ist die Debatte beendet – oder zumindest sind alle Beteiligten mehr oder weniger zufrieden.</p>
<p>Bis dann irgendwann die nächste Sau durch ein ostdeutsches Dorf getrieben wird. Meist medial durch verantwortliche Redakteure, die sich im Osten so gut auskennen wie ich mit Atomphysik. Zur Hilfe werden dann die Osterklärer gerufen, die erklären sollen, was da wieder in Sanditz, Chemnitz oder Görlitz etc. vor sich geht. Was haben wir nicht alles erklärt und wiederholt und erklärt und wiederholt! Jetzt wollen wir verbieten und maßregeln und die Leute sollten am liebsten die Fresse halten, oder nicht? (Der Ton ist bei uns im Osten ein wenig rauer).</p>
<p>Das Leben soll ja in der Kurzschau eine Tragödie und in der Langschau eine Komödie sein, so einst Charlie Chaplin. Doch wo ist hier der Höhepunkt, wo das retardierende Moment? Wird das Ende zu einer Katastrophe und wie sähe das aus? So altklug und abgedroschen es klingen mag: Wenn wir das wirklich wissen wollen, müssen wir eben nicht erklären, sondern zuhören – so lange, bis es uns aus den Ohren herauskommt. Denn zu behaupten, das wurde ausreichend gemacht, halte ich für genauso hanebüchen wie die Behauptung, die Einheit sei vollzogen. Denn sie wurde wirtschaftlich gedacht und gesellschaftlich vernachlässigt.</p>
<p>Jetzt noch einen frischen Slogan oder gar eine Handlungsempfehlung – ohne mich! &nbsp;Jeder weiß, was zu tun ist.</p>
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<td><strong>BUCHTIPP: </strong>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-8127" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/10/Nejkow_Hoellenjahre.jpg" alt width="200" height="284">Julian Nejkow: „Höllenjahre – von jetzt auf gleich”, epubli, Berlin 2024, 336 Seiten, 19,90 € (Softcover).</p>
<p>Mehr Informationen unter&nbsp;<a href="http://www.Ölbart.de" target="_blank" rel="noopener">Ölbart.de</a>.</p></td>
</tr>
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			</item>
		<item>
		<title>Buchvorstellung: „Sanditz“ von Lukas Rietzschel</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-sanditz-von-lukas-rietzschel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 May 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Sehnsucht nach individueller Freiheit und Zugehörigkeit ist ein weit verbreitetes Gefühl unter vielen Ostdeutschen. Diese Gefühlslage ist auch Thema in Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“. Der Autor stellt am Beispiel einer Kleinstadt verschiedene prägende Erfahrungen dar und entführt die Leserschaft in ein spannendes Zeitpanorama.</p>
<p>BUCHTIPP:<br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-9162 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/03/rietzschel_sanditz_cover.jpg" alt width="280" height="452"><br />
Lukas Rietzschel: „Sanditz“, dtv Verlag, München 2026, 480 Seiten, 26 € (Hardcover).</p>
<p>Sanditz ist eine fiktive Kleinstadt in der Oberlausitz, am Rande der Republik gelegen. Früher prägte der Qualm [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-sanditz-von-lukas-rietzschel/">Buchvorstellung: „Sanditz“ von Lukas Rietzschel</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Sehnsucht nach individueller Freiheit und Zugehörigkeit ist ein weit verbreitetes Gefühl unter vielen Ostdeutschen. Diese Gefühlslage ist auch Thema in Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“. Der Autor stellt am Beispiel einer Kleinstadt verschiedene prägende Erfahrungen dar und entführt die Leserschaft in ein spannendes Zeitpanorama.</p>
<p><span id="more-9427"></span></p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong>BUCHTIPP: </strong>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-9162 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/03/rietzschel_sanditz_cover.jpg" alt width="280" height="452"></p>
<p>Lukas Rietzschel: „Sanditz“, dtv Verlag, München 2026, 480 Seiten, 26 € (Hardcover).</p></td>
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<p>Sanditz ist eine fiktive Kleinstadt in der Oberlausitz, am Rande der Republik gelegen. Früher prägte der Qualm aus den Schloten des Flachglaswerks das Stadtbild, heute sind es die gefluteten Tagebaue. Die Familie Wenzel/Moschnik hat diese Wandlung durch unterschiedliche Zeiten miterlebt. Sie besteht aus Dirk Wenzel und Marion Wenzel mit ihren Eltern Erika und Norbert sowie Marions Ehemann Roland Moschnik und den Zwillingen Tom und Maria. Die Familienmitglieder sind die Hauptprotagonisten in Rietzschels Roman. In zwei unterschiedlichen Erzählsträngen nimmt Rietzschel die Leser mit auf eine Reise in eine typische ostdeutsche Kleinstadt und in die Gefühlslage und den Alltag der Menschen vor Ort.</p>
<p>Ein Erzählstrang beginnt im Corona-Winter 2021: Tom ist überzeugter Impfgegner und kapselt sich Stück für Stück von seiner Familie ab. Der Lockdown belastet ihn und er sehnt sich nach der fehlenden Freiheit. Da seine Mutter sich streng an die Vorgaben hält, feiert Tom Weihnachten nicht mit der Familie. Seine Freizeit verbringt er in Telegram-Chats mit Impfgegnern. Der Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 weckt in Tom das Gefühl, nach individueller Freiheit in der Ukraine suchen zu müssen, und er widmet sich Chats mit Pro-Ukraine-Aktivisten. Tom entschließt sich dazu, selbst in die Ukraine zu gehen und die ukrainischen Streitkräfte zu unterstützen, im Glauben, so ein Zugehörigkeits- und Freiheitsgefühl zu finden. Kurz vor seiner Abreise kehrt er zur Familie zurück, ohne diese über seinen Entschluss zu informieren. Als seine Zwillingsschwester Maria und sein Onkel Dirk ahnen, was Tom vorhat, ist es zu spät, um ihn abzuhalten.</p>
<p>Während Tom sich in Telegram-Chats die Zeit vertreibt, versucht Maria, sich langsam wieder in ihrer alten Umgebung von Sanditz zurechtzufinden. Für ein Studium war sie nach Kassel gezogen, kam in Westdeutschland aber nie richtig an. Die Diskussionen mit Westdeutschen strengten Maria so sehr an, dass sie sich unter falschem Namen als „Mandy aus Sachsen“ vorstellte. Zurück in Sanditz muss sie aber merken, dass sich ihre Heimat, ihr Umfeld und auch sie selbst verändert haben.</p>
<p>Marias Onkel Dirk lernt nach dem Tod von Mutter Erika 2021 das Leben allein kennen. Er beginnt, sich Menschen mehr zu öffnen, und schläft zum ersten Mal mit einer Frau. Vor Erikas Tod führte Dirk ein Einzelgängerleben. Er war fasziniert von Elektronik, brachte Digitalkameras in die Wohnung, überwachte seine Mutter und spionierte Nachbarn aus.</p>
<p>Der zweite Erzählstrang beginnt im Jahr 1978 in der DDR. Der Bauarbeiter Roland Moschnik lernt durch einen Zufall den Lebenskünstler Achim kennen. Aus Skepsis wird mit der Zeit Wertschätzung und Roland fühlt sich zu Achim hingezogen. Trotz seiner Gefühle entschließt er sich dazu, Marion zu heiraten. Der Kontakt zwischen Roland und Achim bleibt intensiv und es entwickelt sich eine Verbundenheit auf Lebenszeit. So erlebt Roland mit Achim, Marion und anderen Sanditzern, wie 1989 als Resultat der friedlichen Demonstrationen von ihnen und anderen Bürgern das Ende des DDR-Systems eingeläutet wird. Sie sind bei der Besetzung der örtlichen Stasi-Zentrale dabei, als Roland entdeckt, wie ein Mann über Jahre seine Ehefrau bespitzelt hat. Nach der Wende ackert Roland auf einer Baustelle in Westdeutschland und sucht vergeblich nach Anerkennung für den Mut, den Achim, er und andere Sanditzer 1989 hatten.</p>
<p>Mit „Sanditz“ schafft Lukas Rietzschel ein Porträt seiner Heimat, der Oberlausitz, sowie der Lebensgeschichte von Ostdeutschen über verschiedene Zeiträume hinweg. Dabei gelingt es ihm, die verschiedenen Zeitabschnitte – Leben in der DDR, Ende der DDR, Wendezeit, Pandemiezeit und Ukrainekrieg – zu einem Ganzen zu formen. Besonders beeindruckend ist, wie Rietzschel, der 1994 nach dem Ende der DDR geboren wurde, den DDR-Alltag fantasievoll wiedergibt. Durch die unterschiedlichen Erzählstränge gelingt es ihm, eine Nähe zu den Protagonisten aufzubauen und gleichzeitig wieder Abstand zu gewinnen. Die Authentizität, die durch detaillierte Beschreibungen von Landschaft und Alltag sowie einen guten Spannungsaufbau entsteht, macht aus „Sanditz“ einen Roman mit Suchtpotenzial.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Buchvorstellung: „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ von Karsten Krampitz</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-gesellschaft-mit-beschraenkter-hoffnung-von-karsten-krampitz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Feb 2026 07:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Einmal ausbrechen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Diesen Wunsch haben vier DDR-Jugendliche mit Beeinträchtigung. Karsten Krampitz beschreibt in seinem Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“, wie aus diesem Wunsch eine einzigartige Kommune entstand. Nach einer wahren Begebenheit.</p>
<p>BUCHTIPP:<br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-8806" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/02/cover_krampitz_gesellschaft_mit_beschraenkter_hoffnung.jpg" alt="Karsten Krampitz beschreibt in seinem Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“, wie vier DDR-Jugendliche mit Beeinträchtigung dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben nachgehen. " width="280" height="466">Karsten Krampitz: „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“, Edition Nautilus, Hamburg 2025, 200 Seiten, 22 € [...]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Einmal ausbrechen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Diesen Wunsch haben vier DDR-Jugendliche mit Beeinträchtigung. Karsten Krampitz beschreibt in seinem Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“, wie aus diesem Wunsch eine einzigartige Kommune entstand. Nach einer wahren Begebenheit.</p>
<p><span id="more-8761"></span></p>
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<td><strong>BUCHTIPP: </strong>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-8806" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/02/cover_krampitz_gesellschaft_mit_beschraenkter_hoffnung.jpg" alt="Karsten Krampitz beschreibt in seinem Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“, wie vier DDR-Jugendliche mit Beeinträchtigung dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben nachgehen. " width="280" height="466">Karsten Krampitz: „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“, Edition Nautilus, Hamburg 2025, 200 Seiten, 22 € (Hardcover).</p></td>
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<p>Arnstadt, Thüringen, Ende der 1970er-Jahre: Die Jugendlichen Gruns, Schröder, Rose und Christian beschließen, aus dem Marienstift auszubrechen. Gruns, der Kopf der Gruppe, ist Absolvent einer Predigerschule in Eisenach und stellt den Kontakt zur Thüringer Landeskirche her. Er fragt nach der Möglichkeit zur Gründung einer Wohngemeinschaft. Die Kosten für die „Latscher“ (Pfleger) sollen durch die Rente und das Pflegegeld der Bewohner gedeckt werden.</p>
<p>Die Kirche stellt ein verlassenes Pfarrhaus in Hartroda im Altenburger Land in Thüringen zur Verfügung. Zusammen mit den vier Gründern ziehen die Pfleger Franky Lohmann, Biene Mayer und Timo Schüller ein – die „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ ist gegründet. Während Christian die Kommune bald wieder verlässt, schließt sich Gruns Schwester Lena der Gruppe an. Auch der schweigsame ehemalige Grenzer Bernd Mozeck kommt nach Hartroda. Er pflegt Gruns und widmet sich in seiner Freizeit dem Fernschach.</p>
<p>Als weiterer Pfleger stößt Schlotter zur Kommune. Er ist Roadie der Bluesrockband „Mischpoke“ und hat vom Staat ein Berlin-Verbot erteilt bekommen. In Hartroda findet er sein Exil. Gemeinsam mit ihm kommen auch die übrigen Bandmitglieder um den Bandleader Eisen nach Hartroda und werden fester Bestandteil der Gemeinschaft. Zwischen Lena und Schlotter entwickelt sich eine enge Verbindung, sie verlieben sich ineinander und heiraten. An den Wochenenden ist Mischpoke bei sogenannten „Muggen“ (Konzerten) in der gesamten DDR unterwegs. Für die Auftritte in Berlin tritt mit der Zeit Mozeck anstelle von Schlotter als Roadie ein.</p>
<p>Eine offene Atmosphäre, die durch Rüstzeiten, Gartenfeste und Konzerte entsteht, zieht bald Menschen aus ganz Thüringen und darüber hinaus an. Hippies, Punks und Existenzialisten kommen nach Hartroda. Auch Gruns Predigten sorgen für Aufmerksamkeit und Besucher. In seinen Predigten in der Dorfkirche übt er Kritik an den Verhältnissen in der DDR und schafft es dabei immer wieder, Konsequenzen durch die Staatsmacht zu entgehen. Hartroda bleibt ein scheinbar geschützter Raum, in dem alles, was gesagt wird, auch dort bleibt.</p>
<p>Doch das Leben der Kommune bleibt nicht ohne Brüche. Im Frühjahr 1985 tritt Mischpoke beim Steinbrücken Open Air auf. Als die Bandmitglieder zurückkehren, erfahren sie, dass Lena sich während ihrer Abwesenheit bei einem Sturz schwer verletzt hat. Zwar erholt sie sich teilweise, bleibt aber gesundheitlich angeschlagen. Schlotter kümmert sich verstärkt um sie und Mozeck springt häufiger als Roadie ein. Ende der 1980er-Jahre erhält die Band ein Lizenzverbot und arbeitet deshalb in wechselnden Side-Projekten unter neuen Namen weiter.</p>
<p>Mit dem Jahr 1989 verändert sich schließlich alles. Während Mischpoke unter dem Namen „Gruppe Kongress“ auf Tour in der Sowjetunion ist, gerät die DDR ins Wanken. Als die Musiker zurückkehren, spüren sie die revolutionäre Stimmung im Land. In diese Zeit fällt Lenas Tod, der für die Gemeinschaft ein schwerer Schlag ist.</p>
<p>Nach dem Mauerfall droht der Kommune das Aus. Schröder und Rose gehen und Gruns bleibt allein zurück. Er will sich davon nicht unterkriegen lassen und sucht Unterstützung bei der Organisation „Ambulante Hilfe e. V.“, um ein Hotel für Menschen mit Beeinträchtigung aufzubauen. Dafür muss Gruns die frühere Wirtschaftlichkeit der Kommune belegen. Bei Recherchen in Stasi-Akten stößt er auf Mozecks Vergangenheit und erfährt, warum dieser so lange geschwiegen hat und wie Mozeck als IM Interna aus Hartroda weitergeleitet hat. Zwar versöhnen sich die beiden, doch die Zukunft Hartrodas bleibt offen.</p>
<p>Karsten Krampitz gelingt ein eindringlicher Roman nach einer wahren Begebenheit, der zeigt, wie Menschen trotz widriger Umstände ihre eigene Form von Freiheit und Gemeinschaft schaffen. Die Band Mischpoke ist der DDR-Bluesband Freygang nachempfunden, und auch die Geschichte der vier Jugendlichen, die aus dem Arnstädter Marienstift ausbrechen, beruht auf historischen Ereignissen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-gesellschaft-mit-beschraenkter-hoffnung-von-karsten-krampitz/">Buchvorstellung: „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ von Karsten Krampitz</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
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		<title>Buchvorstellung: „Mauerpogo“ von Sonja M. Schultz</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-mauerpogo/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Nov 2025 08:00:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eisenwerda im Jahr 1982. Josefine, Jo genannt, färbt sich die Haare grün und gründet eine Punkrockband. Bald gerät sie ins Visier der Stasi. Sonja M. Schultz’ Ostpunkroman „Mauerpogo“ zeigt, wie in der Repressionslogik der DDR jeder einzelne Schritt eines Individuums zum Anecken an ein totalitäres Systems führen konnte.</p>
<p>Die vierzehnjährige Protagonistin Jo steht kurz vor der Jugendweihe. Als ihr ein Foto einer jungen Londonerin mit Lederjacke, zerrissener Strumpfhose und wirrer Frisur in die Hände fällt, macht für Jo plötzlich alles Sinn. [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-mauerpogo/">Buchvorstellung: „Mauerpogo“ von Sonja M. Schultz</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Eisenwerda im Jahr 1982. Josefine, Jo genannt, färbt sich die Haare grün und gründet eine Punkrockband. Bald gerät sie ins Visier der Stasi. Sonja M. Schultz’ Ostpunkroman „Mauerpogo“ zeigt, wie in der Repressionslogik der DDR jeder einzelne Schritt eines Individuums zum Anecken an ein totalitäres Systems führen konnte.</p>
<p><span id="more-7701"></span></p>
<p>Die vierzehnjährige Protagonistin Jo steht kurz vor der Jugendweihe. Als ihr ein Foto einer jungen Londonerin mit Lederjacke, zerrissener Strumpfhose und wirrer Frisur in die Hände fällt, macht für Jo plötzlich alles Sinn. Von nun an ist sie Punk und verbringt die Nächte in einem geheimen Untergrund-Club namens „Pressluftschuppen“. Jo will dazugehören und lauter und aufregender leben, als es im Jahr 1982 in ihrer ostdeutschen Heimatstadt „Eisenwerda” vorgesehen ist. Sie verliebt sich in die Schlagzeugerin Ratte und gründet eine Punkband.</p>
<p>Aus jugendlichem Leichtsinn und Provokation wird Ernst, als Jo ins Visier der Autoritäten gerät. Es folgen Schikanen, Verhaftungen und Gewalt. Jedes noch so kleine Symbol, jeder unüberlegte Satz wird bis ins Skurrile verdreht und geahndet. Während der Ton in der ersten Romanhälfte noch von&nbsp; Leichtigkeit geprägt ist, verfinstert sich die Atmosphäre zunehmend.</p>
<p>„Mauerpogo“ ist eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und Gesellschaftsporträt, das von Freundschaft, Wut und Rebellion erzählt.</p>
<p>Dabei steht Jo stellvertretend für viele Teenager, die sich in der DDR-Diktatur nicht zu Hause fühlten. Der Roman zeigt, wie aus jugendlicher Selbstbehauptung politischer Widerstand wird, und erinnert daran, wie wichtig es ist, laut zu sein, wenn andere schweigen.</p>
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<tr>
<td><strong>BUCHTIPP: </strong>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-7066 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/Schultz_Mauerpogo_2025.jpg" alt width="200" height="308">Sonja M. Schultz: „Mauerpogo”, Blumenbar, Berlin 2025, 368 Seiten, 22 € (Hardcover).</p></td>
</tr>
</tbody>
</table>
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		<title>Die Wende und die Literatur #6: Wie aus Umweltschutz Widerstand wurde</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/die-wende-und-die-literatur-6-wie-aus-umweltschutz-widerstand-wurde/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Sep 2025 05:30:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im sechsten Teil seiner Kolumne widmet sich Dr. Tobias Lehmann dem Roman „Flugasche“ von Monika Maron. Ein Buch über schwerwiegende soziale Probleme, unmenschliche Arbeitsbedingungen und die Schwierigkeiten der Selbstfindung in der DDR.<br />
<img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5324" class="wp-image-5324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/04/Tobias-Lehmann-large.jpeg" alt="Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig." width="300" height="300">Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Im sechsten Teil seiner Kolumne widmet sich Dr. Tobias Lehmann dem Roman „Flugasche“ von Monika Maron. Ein Buch über schwerwiegende soziale Probleme, unmenschliche Arbeitsbedingungen und die Schwierigkeiten der Selbstfindung in der DDR. <span id="more-7570"></span></p>
<div id="attachment_5324-2" style="width: 310px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5324-2" class="wp-image-5324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/04/Tobias-Lehmann-large.jpeg" alt="Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig." width="300" height="300"><p id="caption-attachment-5324-2" class="wp-caption-text">Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig.</p></div>
<p>Manchmal möchte man neugierigen Freunden, die nur wenig über die DDR-Gesellschaft und noch weniger über ihre Literatur wissen, Bücher empfehlen, die ihre Neugier befriedigen könnten. „Flugasche“ empfiehlt sich für diesen Zweck in vorbildlicher Weise, nicht zuletzt, weil es auch in einer passablen englischen Übersetzung vorliegt. Interessanterweise hätte dieses Buch von Monika Maron 1988 in der DDR mit einer, wie sie selbst kryptisch anmerkte, „zehnjährigen Verspätung“ erscheinen sollen, ist aber tatsächlich nur in Westdeutschland erschienen. In seiner Dramatisierung der Kluft zwischen dem offiziellen Selbstverständnis der DDR und den alltäglichen Lebensrealitäten, die er anhand der Arbeitswelt – in den unterschiedlichen Milieus des Journalismus und der Industrie – behandelt, berührt dieser Roman viele jener literarischen und gesellschaftlichen Themen, die das Studium der DDR-Literatur so faszinierend machen: die Rolle der Frau, den Generationenkonflikt, der sich in den Problemen der Nachkommen der Gründergeneration manifestiert, vor allem aber die psychologischen Auswirkungen der unerbittlichen ideologischen Druckausübung.</p>
<div id="attachment_7572-2" style="width: 378px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7572-2" class="wp-image-7572" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/odoo_9783455012866.webp" alt width="368" height="600"><p id="caption-attachment-7572-2" class="wp-caption-text">Monika Marons „Flugasche” ist im Hoffmann &amp; Campe Verlag erschienen.</p></div>
<p>Die Ursprünge des Romans liegen in Monika Marons eigenen Erfahrungen als Journalistin, die bis 1976 für die „Wochenpost“ arbeitete. Die Heldin des Romans, Josefa Nadler, wird von ihrem Redakteur beauftragt, einen Artikel über „B.“ zu schreiben – eindeutig Bitterfeld, eine Stadt, die für eine bestimmte Etappe in der Entwicklung der ostdeutschen Literatur bekannt ist, hier jedoch unter ihrem Ruf als „die schmutzigste Stadt Europas” erscheint. Ein Ort, an dem die Luft täglich von 180 Tonnen Industrieabfällen verpestet wird, die Bronchitisrate fünfmal höher ist als anderswo, wo Bäume „über Nacht ihre Blüte verlieren, als wäre ein böser Zauber über sie hinweggefegt” und der von einem „Kraftwerk, in dem das Wort Sicherheit nicht erwähnt werden darf”, dominiert wird.</p>
<p>Auf einer ersten Ebene handelt der Roman von Josefas gescheiterter Veröffentlichung ihres Artikels über „B.“ und dem dadurch ausgelösten Konflikt mit Kollegen und Beamten, der ihre Mitgliedschaft in der Partei gefährdet. Die psychologischen Voraussetzungen für diesen Konflikt, an dem sie scheitern wird, werden schnell geschaffen. Ihre Überlegungen im ersten Kapitel des Romans über ihre Großeltern zeichnen das Bild einer Persönlichkeit mit einer anarchischen und unruhigen Veranlagung, die sich mit der Aufgabe, die von ihrem Herausgeber geforderten Porträts vorbildlicher Helden der Arbeit und die banale Vision des industriellen Milieus zu liefern, nicht wohlfühlen wird: „Die Verrücktheit des Großvaters“, heißt es bei ihr, „war verlockend, verrückte Menschen erschienen mir freier als normale“ und steht in Verbindung mit ihren eigenen komplexen Ängsten. „Die Machtsucht primitiver Gemüter lässt mich zittern. … Was habe ich zu befürchten? Das Bett, in dem ich sterben werde. Die Leben, die ich nicht lebe. Die Monotonie bis zum Verfall und danach“ ist es, die sie nur schwer verarbeiten kann.</p>
<p>Ihr Besuch in Bitterfeld ist eine dramatische Erfahrung, die ihr die Augen öffnet. Da sie sich ihrer Unkenntnis über die entsetzlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Einwohner der Stadt bewusst ist, fragt sie: „Und warum habe ich nichts davon gewusst? Jede Woche steht etwas in der Zeitung über ein neues Produkt, eine Veranstaltung im Kulturpalast, vorzeitig abgeschlossene Pläne, die Medaille, die dem Kollegen Soundso verliehen wurde. Nichts über das Kraftwerk, kein Wort über die Aschekammern, die das Schlimmste sind.“</p>
<p>Besonders aufschlussreich ist ihre unmittelbare Erfahrung mit dem, was sie später als „die Gewalttätigkeit industrieller Arbeit“ bezeichnet. Eine entscheidende Konfrontation mit dem Heizer Hodriwitzka – einer Figur, die zunächst an den konventionellen sozialistisch-realistischen Helden erinnert, hier jedoch eine völlig überzeugende Kontur erhält – lässt sie entschlossen sein, nicht dem Beispiel ihrer Kollegen zu folgen. Diese waren ebenfalls „betroffen und erschüttert“, gingen jedoch weg, um in braver und konformistischer Manier beschönigende Berichte zu verfassen. Von Bedeutung bei dieser Begegnung mit Hodriwitzka ist Josefas peinliche Erkenntnis über die Kluft zwischen Arbeitern und Intellektuellen – dramatisiert durch ihr unwillkürliches Zurückzucken vor seinem kohlestaubigen Händedruck. Es ist eine Kluft, die es ihr ermöglicht hatte, das Bild von „B.“ in der Zeitung ohne Hinterfragen zu akzeptieren und isoliert und ungestört in jenem Bereich der nicht-manuellen Arbeit zu verweilen, den Thomas Brasch einmal als entscheidender für die Lebensqualität bezeichnet hat als das ideologische und politische System, unter dem man lebt.</p>
<p>Erfahrungen wie diese bestärken Josefa in ihrem Entschluss, den Vorschlag ihres Freundes Christian, „zwei Varianten“ zu schreiben, abzulehnen. Die erste wie es war, und eine zweite, die gedruckt werden kann. Sie vervollständigt und reicht ihr Manuskript ein und setzt damit einen Prozess in Gang, der mit der Danksagung von Luise, ihrer älteren Kollegin und Mentorin, beginnt – „Das ist eine Reportage so ganz nach meinem Herzen“ –, uns dann aber ungewöhnliche Einblicke in den Zusammenhang zwischen den Mechanismen der Zensur und journalistischen Praktiken in der DDR sowie den psychologischen Auswirkungen auf die daran Beteiligten bietet.</p>
<p>Ein Beispiel ist die unheilvolle Vignette von Josefas „Illustrierte Woche“-Kollegen Fred Müller, der täglich eine großzügige Portion Schnaps braucht, um die Abscheu vor seinem Job in Schach zu halten. Erst wenn der Alkohol seine betäubende Wirkung entfaltet hat, kann er seine Redaktionsfunktion ausüben und „gleichmütig, als handele es sich um mathematische Formeln, die Sätze durch sein taubes Gehirn strömen lassen“. Er erinnert sich an seinen früheren bitteren und betrunkenen Ausbruch: „Ich habe die ganze Scheiße satt. Diese Arschlöcher. Schleimscheißende Kriechtiere. Alles fette Ärsche und hohle Eierköpfe, Hirnaussauger!“ Wir erhaschen, während er seiner Arbeit nachgeht, ein einst kreatives Talent, das durch übermäßige Auseinandersetzung mit dem ideologischen Image und den Klischees, die das Handwerkszeug seines Berufs sind, verdummt ist: „Die immer bessere Durchführung komplexer Wettbewerbsmethoden, das immer offene Ohr eines Bürgermeisters, die immer neueren Neuerermethoden befreit er vom größten grammatikalischen und syntaktischen Unsinn.“ Die verbleibenden sprachlichen Ungereimtheiten folgen den eigenen Gesetzen einer Formelsprache und lassen sich nicht redigieren.</p>
<p>Oder, im Fall Josefa, werden wir Zeuge der zerstörerischen Wirkung von Blockaden und Hindernissen für den Ausdruck einer authentischen Sicht der Wirklichkeit auf ein Individuum, das schlecht gerüstet und zu Kompromissen nicht bereit ist. Zu Beginn des Romans probt sie in einem imaginären Gespräch mit Luise die Argumente, die sie in eine heikle Konfrontation mit ihren Kollegen und der Obrigkeit führen werden: „Wem nützen unsere Schwindeleien, Luise“, fragt sie in einem unheimlichen Echo der ersten Zeilen von Wolf Biermanns Gedicht „Fragen, Antworten Fragen“ und schließt sich damit all jenen kritischen Geistern in der DDR an, die ihr Bekenntnis zum Sozialismus als Sprungbrett für eine offenere Diskussion seiner Fehler und Defizite nutzen wollen. An dieser Stelle muss aber auch betont werden, dass „Flugasche“ viel mehr ist, als ein tragisch endendes Psychogramm über die verwirrende Art und Weise, wie der DDR-Journalismus die Arbeitswelt oder Umweltprobleme behandelt.</p>
<p>Was dem Roman seine besondere Kraft verleiht, ist die Verknüpfung dieser Themen mit Fragen der Identität und Selbstverwirklichung, der Suche nach dem, was Josefa „die ihr gemäße Biografie“ nennt. Ihre Ablehnung der „Schizophrenie als Lebenshilfe“ ist eine Weigerung, nicht nur im Berufs-, sondern auch im Privatleben Kompromisse einzugehen. Der Wunsch nach Abgeschiedenheit und Unabhängigkeit, nicht über eine Beziehung mit einem Mann definiert werden zu wollen – „die Angst, ein Vierbeiner zu sein“ – ist ebenso ein Versuch, ihre Integrität zu bewahren, wie ihre Bemühungen, Kompromissen in ihrer journalistischen Arbeit zu widerstehen. Die beiden Sphären sind in einem weiteren Sinne miteinander verbunden: Die Möglichkeit persönlicher Erfüllung und privaten Glücks wird durch ihre Unfähigkeit, in der Öffentlichkeit so zu funktionieren und zu agieren, wie sie es gerne möchte, zerstört. Da ihr nicht gestattet wird, ehrlich zu dokumentieren, was sie in ihrer beruflichen Funktion sieht und erlebt, wird auch jede Chance zunichte gemacht, im Privatleben Frieden zu finden.</p>
<p>Sie möchte aus einem Guss sein, doch dies erweist sich als unmöglicher und zerstörerischer Wunsch. In einem entscheidenden Wortwechsel mit Luise vergleicht sie sich mit einem Auto: „Ein Auto, das man hundert Kilometer mit angezogener Handbremse fährt, geht kaputt.“ Sie fühlt sich um ihr Leben betrogen: „Ich werde um mich selbst betrogen. … Sie betrügen mich um mich, um meine Eigenschaften. Alles, was ich bin, darf ich nicht sein.“ Sie betrachtet dies zudem nicht als ein nur ihr eigenes Problem, sondern als Teil eines weit verbreiteten Unbehagens, das aus der Natur der DDR-Gesellschaft selbst resultiert. Es ist die selbst auferlegte Zensur nicht nur im Pressewesen und in der Kultur, sondern im gesamten Alltagsleben, die aus der Angst rührt, dass sie sensible Charaktere zerstören kann. Diese Angst führt zudem zu Duckmäusertum und Unterwürfigkeit, welche die Humanität und das eigene Ich unterdrücken und dazu führen, ständig in einen Sog psychischer Anpassungsleistungen zu geraten.</p>
<p>In einer der emotional aufgeladensten Passagen des Romans skizziert sie eine albtraumhafte Vision einer Gesellschaft, die vollständig von kalter Rationalität beherrscht wird und in der der Einzelne nur in Träumen die Freiheit der Meinungsäußerung finden kann: „Und ein Mensch, glaubst du, der bleibt heil? Der geht auch kaputt. Er bleibt nicht stehen, fällt nicht um, aber er wird immer schwächer, bringt nichts mehr zustande. Seine wichtigste Beschäftigung wird die Kontrolle über sich selbst, das Verleugnen seiner Mentalität, seiner Gefühle. Er reibt sich auf in dem Kampf gegen sich selbst, stutzt seine Gedanken, ehe er sie denkt, verwirft die Worte, bevor er sie gesprochen hat, mißtraut seinen eignen Urteilen, schämt sich seiner Besonderheiten, verbietet sich seine Gefühle; und wenn sie sich nicht verbieten lassen, verschweigt er sie.“</p>
<p>An diesem Punkt, an dem wir vielleicht beginnen, den Roman in einen größeren Zusammenhang zu stellen und uns mit einer Gesellschaft auseinanderzusetzen, in der es wenig Platz für die authentischen Launen der poetischen Vorstellungskraft zu geben scheint und in der die Überempfindlichkeit des Dichters als pathologisch angesehen wird – „Beweis für krankhafte Selbstüberschätzung“ –, eröffnet sich ein viel weiterer Blickwinkel.</p>
<p>Auf den letzten Seiten von „Flugasche“ findet sich Josefa Nadler in ihrem Bett, in das sie sich zurückgezogen hat. Aus dieser zeitlichen und räumlichen Perspektive wird der zweite Teil des Romans in Rückblenden erzählt. Marons nächster Roman „Die Überläuferin“ beginnt mit der Heldin Rosalind Polkowski, die sich in einer ähnlichen Situation befindet: „Seit zwei Tagen lag, saß sie im Bett, auf dem Teppich, im Sessel.“ Obwohl die Namen und beruflichen Umstände ihrer jeweiligen Protagonistinnen geändert wurden – Rosalind Polkowski arbeitet an einem Institut für historische Forschung –, scheinen die beiden Romane dennoch ineinander überzugehen, und der zweite kann als Fortsetzung der am Ende des ersten Romans ungelösten Probleme gesehen werden.</p>
<p>In „Flugasche” wurde ein Individuum sichtbar, das sich selbst an den Rand gedrängt hatte, außer Gefecht gesetzt durch das Scheitern seiner Ziele sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben. Der Leser wird Zeuge einer Art Lähmung individueller Bestrebungen, die teils selbstverschuldet waren, teils die Folge kollektiver Unnachgiebigkeit und Opportunität. „Flugasche“ spielt größtenteils in der realen Welt und handelt von den Bemühungen eines Individuums, zur Lösung schwerwiegender sozialer Probleme beizutragen: Umweltverschmutzung und unmenschliche Arbeitsbedingungen. Fantasie hatte hier eine unmittelbar gesellschaftliche Bedeutung. Josefa Nadlers fantasievolles Empfinden ließ sie von der verstörenden Lebenswirklichkeit in „B.“ schockieren, war aber auch Ursache für jene Verstöße gegen die Disziplin und die anerkannten Normen politischen Verhaltens, die sie schuldig machten und dafür sorgten, dass sie in Ungnade fiel. Fantasie spielte zudem eine wichtige Rolle bei der Artikulation ihrer Schwierigkeiten und Ängste und provozierte die Träume, Albträume und eskapistischen Fluchtfantasien, in denen diese ihren Ausdruck fanden.</p>
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		<title>Die Wende und die Literatur #5: Die Möglichkeit von Glück oder die Möglichkeit eines Neuanfangs</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/die-wende-und-die-literatur-5-die-moeglichkeit-von-glueck-oder-die-moeglichkeit-eines-neuanfangs/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Sep 2025 05:30:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im fünften Teil seiner Kolumne widmet sich Dr. Tobias Lehmann dem Roman „Die Möglichkeit von Glück“ von Anne Rabe. Ein Buch über politische Folgen, eine Gesellschaft im Umbruch, über Familien, die schweigen, und Kinder, die dieses Schweigen irgendwann nicht mehr ertragen.<br />
<img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5324-3" class="wp-image-5324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/04/Tobias-Lehmann-large.jpeg" alt="Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig." width="300" height="300">Dr. Tobias Lehmann [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/die-wende-und-die-literatur-5-die-moeglichkeit-von-glueck-oder-die-moeglichkeit-eines-neuanfangs/">Die Wende und die Literatur #5: Die Möglichkeit von Glück oder die Möglichkeit eines Neuanfangs</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Im fünften Teil seiner Kolumne widmet sich Dr. Tobias Lehmann dem Roman „Die Möglichkeit von Glück“ von Anne Rabe. Ein Buch über politische Folgen, eine Gesellschaft im Umbruch, über Familien, die schweigen, und Kinder, die dieses Schweigen irgendwann nicht mehr ertragen. <span id="more-6604"></span></p>
<div id="attachment_5324-4" style="width: 310px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5324-4" class="wp-image-5324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/04/Tobias-Lehmann-large.jpeg" alt="Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig." width="300" height="300"><p id="caption-attachment-5324-4" class="wp-caption-text">Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig.</p></div>
<p>Obwohl das Buch als Roman bezeichnet wird, liest es sich wie ein autobiografischer Bericht mit einer Ich-Erzählerin und einer Mischung aus persönlicher Geschichte, historischem Material und Reflexionen über die DDR. Die Erzählerin Stine wurde 1986 geboren, genau wie die Autorin. Sie war drei Jahre alt, als die Mauer fiel und das sozialistische Regime zusammenbrach. Sie wurde in einer historischen Zäsur geboren – einem Wendepunkt in der Geschichte. Dieses Buch handelt maßgeblich davon, wie sich das für sie auswirkte.</p>
<div id="attachment_6636-2" style="width: 376px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6636-2" class="wp-image-6636" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/Moeglichkeit-von-Glueck.png" alt width="366" height="600"><p id="caption-attachment-6636-2" class="wp-caption-text">Anne Rabes „Die Möglichkeit von Glück“ ist im Klett-Cotta-Verlag erschienen.</p></div>
<p>Die Ich-Erzählung hat zwei Hauptstränge: Zum einen Stine als Tochter, die sich entscheidet, die Beziehung zu ihrer misshandelnden Mutter abzubrechen und ihre eigene Tochter Klara außerhalb des Elternhauses aufzuziehen. Zum anderen bekommt Stines Leben als Schriftstellerin Bedeutung, die die wahre Geschichte der Karriere ihres Großvaters Paul unter dem Nationalsozialismus und der SED untersucht. Diese Handlungsstränge sind durchsetzt mit Poesie und journalistischen Reflexionen über verschiedenste Aspekte der ostdeutschen Gesellschaft, von den Nachwirkungen des Jahres 1989 bis in die heutige Zeit.</p>
<p>Der Roman taucht direkt in eines seiner eindringlichsten Themen ein: Stines Beziehung zu ihrer Mutter – aus der Sicht einer jungen Frau, die jetzt ihr eigenes Baby hat. Stine hat ihre Mutter um Rat gefragt, wie man mit einem schreienden Baby umgeht, denn es kommt ihr so vor, als würde ihr kleiner Sohn Kurti schon seit drei Monaten weinen. „Ach, Tim war auch so“, sagt ihre Mutter fröhlich, „und wir haben ihn einfach weinen lassen.“ Stine erinnert sich daran, wie verzweifelt und verlassen ihr kleiner Bruder war, als niemand zu ihm kam. Das ist nur der Einstieg in das Verhalten ihrer Mutter.</p>
<p>Die kleineren Grausamkeiten, die sie im ersten Teil des Buches an den Tag legt, wirken wie die einer Frau, der es an Mitgefühl und Empathie mangelt: ihre Weigerung, die kleine Stine zum Arzt zu bringen, ihr Bestehen darauf, dass die Kinder im eisigen April Sandalen ohne Socken tragen. Doch es kommt zu einer Eskalation der körperlichen Gewalt: zu Kopfnüssen und Schlägen und schließlich zu einer wirklich schrecklichen Schilderung des Verbrühens, die man nur als sadistisch bezeichnen kann.</p>
<p>Es überrascht nicht, dass Stine so schnell wie möglich von zu Hause auszieht, um in Berlin zu studieren. Das Verhältnis zu ihren Eltern ist gespannt. Als sie den positiven Schwangerschaftstest sieht, denkt sie zuerst: „Gott sei Dank, jetzt muss ich zu Weihnachten nicht nach Hause.“ Als ihre Mutter anfängt, die Jugendweihe ihrer Tochter Klara zu planen, lehnt Stine dies ab. Klara werde weder eine Jugendweihe feiern noch geschlagen werden. Ihre Mutter rastet aus und beschuldigt Stine der Lüge, woraufhin Stine den Kontakt abbricht. Es ist jedoch nicht so leicht, die Auswirkungen der Grausamkeit ihrer Mutter abzuschütteln – und die Mittäterschaft ihres Vaters, der wenig unternimmt, um sie aufzuhalten. Stine leidet unter Albträumen und Selbstmordgedanken, besonders als sie von ihrem Bruder Tim erfährt, dass ihre Mutter sie nun als psychisch krank einstuft und sich Zugang zu ihren Enkeln Klara und Kurti wünscht, um sie vor ihrer labilen Mutter zu schützen.</p>
<p>Stines Geschichte scheint eine lineare Erzählung zu sein, was sie aber in Wirklichkeit nicht ist. Von Anfang an wird Stines persönliche Geschichte mit dem Kontext der ostdeutschen Gesellschaft durchsetzt. Stines Eltern waren Mitglieder der SED, der Regierungspartei in der DDR. Es wird erwähnt, dass sie nach 1989 und der Wende der PDS, der Nachfolgepartei der SED, beitraten und dann die PDS verließen, wobei die Chronologie nicht klar ist. Es genügt zu sagen, dass in der kleinen Stadt an der Ostsee, in der Stine aufwächst, bekannt ist, dass ihre Familie in der SED war. Ihre ehemalige Schulfreundin Ada, deren Eltern in der Dissidentenbewegung im Umfeld der evangelischen Kirche aktiv waren, erzählt ihr, dass sie sie gehasst haben, als Stine ein Kind war.</p>
<p>Doch über diese Spaltungen, die noch lange nach der Einheit bestanden, wurde nicht offen gesprochen. Tatsächlich beklagt die erwachsene Stine, dass Deutschland sich zwar seiner Nazi-Vergangenheit stellt, es aber keine vergleichbare Aufarbeitung der Verbrechen des totalitären SED-Staates gegeben hat. Stattdessen herrschten Schweigen und Untätigkeit vor und innerhalb der Familie wurden – wie so oft in Diktaturen – die Missbrauchserfahrungen geleugnet.</p>
<p>Schon zu Beginn des Romans erfahren wir von Stines Beziehung zu ihrem Großvater Paul, dem Vater ihrer Mutter. Er ist inzwischen alt und hat sein Augenlicht verloren. Er genießt es, mit seiner kleinen Enkelin an der Küste spazieren zu gehen und ihr Fragmente seiner Lebensgeschichte zu erzählen, die oft mit dem Nachkriegsspruch „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Faschismus!“ enden. Die junge Stine weiß, dass Opa Paul und Oma Eva Mitglieder der SED waren. Aber erst als Erwachsene, fast als Reaktion auf den Bruch mit ihren Eltern, beschließt Stine nachzuforschen, welche Rolle Paul in der DDR spielte. Ihre erste Anlaufstelle ist seine Akte in den Stasi-Archiven. Sie erinnert sich daran, dass Paul gesagt hat, er habe sie gesehen, und ist daher überrascht, als sie erfährt, dass sie nicht vorhanden ist. Hat er sie in dem Zeitfenster, in dem das möglich war, entfernt und vernichtet? Nach hartnäckigen Nachforschungen und Bemühungen findet sie weitere Unterlagen und setzt sein Leben zusammen, das sie gegen Ende des Romans in vier Abschnitten schildert.</p>
<p>Rabe schreibt aus einer frischen und originellen Perspektive, erschafft gut entwickelte, glaubwürdige Charaktere und schreckt auch vor moralischer Komplexität nicht zurück. Die fragmentarische Struktur des Romans wird sehr wirkungsvoll eingesetzt und führt zu einem zunehmenden Gefühl der Spannung während der gesamten Erzählung. In einer zutiefst schockierenden Episode werden die Protagonistin und ihr Bruder von ihrer misshandelnden Mutter gezwungen, ein unerträglich heißes Bad zu nehmen. Die Art des mütterlichen Missbrauchs wurde bis zu diesem Punkt des Romans größtenteils nur angedeutet, sodass diese Sequenz eine gewalttätige und zutiefst erschütternde Enthüllung ist – eine, die den Leser noch lange nach der Lektüre des Buches verfolgt.</p>
<p>Der Schluss ist versöhnlich. Das Buch endet damit, dass Stines Kinder eine Partie Schlagball spielen, bei der Wärme, Zärtlichkeit und Spaß im Vordergrund stehen, und es entsteht ein Gefühl des Optimismus, ein Versprechen auf neue und liebevolle Familienbeziehungen für diese Generation. Es scheint, als hätten Stines Nachforschungen und ihre ehrliche Einschätzung von Großvater Paul es ihr ermöglicht, sich mit der dunklen Seite der Geschichte ihrer Familie und ihres Landes auseinanderzusetzen. Damit können sie und ihre Kinder nun weitermachen und in die Zukunft blicken.</p>
<p>Dieser Roman ist eine überzeugende literarische Repräsentation über das Aufwachsen in einer Familie und in einer Gesellschaft, die aus einer Diktatur hervorgegangen ist. Es gibt jedoch auch Wiederholungen und einige Berichte über das Leben als Teenager, in denen die Erzählung ein wenig nachlässt. An anderen Stellen hätte ich gern mehr erfahren: Was waren diese Wochenkrippen und warum findet Stine sie so schrecklich? Obwohl ich nichts gegen wechselnde Zeitebenen habe, waren die Wechsel hier manchmal etwas zu verwirrend.</p>
<p>Rabes preisgekrönte Talente als Dramatikerin, Drehbuchautorin und Essayistin kommen in diesem außergewöhnlichen Werk der Literatur zum Tragen, das auf der Short-List des deutschen Buchpreises 2023 stand. „Die Möglichkeit von Glück“ ist eine einzigartige literarische Leistung, in der sich verschiedene Formen des Schreibens zu einem nuancierten und beunruhigenden Werk verbinden, das ebenso gelehrt wie fesselnd ist.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/die-wende-und-die-literatur-5-die-moeglichkeit-von-glueck-oder-die-moeglichkeit-eines-neuanfangs/">Die Wende und die Literatur #5: Die Möglichkeit von Glück oder die Möglichkeit eines Neuanfangs</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
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		<item>
		<title>Buchvorstellung: Eddis Traum. Lok ohne Feuer</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/buchvorstellung-eddis-traum-lok-ohne-feuer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Aug 2025 05:30:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Harald Schleuter hat als Chemiker und Ingenieur den Staatlichen Außenhandel der DDR beraten. Der preisgekrönte Autor hat ein Buch über die gelebten Widersprüche in einem scheiternden Gesellschaftsmodell vorgelegt.</p>
<p>„Eddis Traum. Lok ohne Feuer“ schildert das Heranwachsen und spätere Leben eines Jungen namens Eddi, eingebettet in die dramatischen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland, speziell der DDR. Eddi wächst in einem kleinen Dorf auf. Sein Alltag ist geprägt von traumatisierten Großeltern, skurrilen Dorfbewohnern und politischen Umbrüchen. Der Autor verknüpft [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Harald Schleuter hat als Chemiker und Ingenieur den Staatlichen Außenhandel der DDR beraten. Der preisgekrönte Autor hat ein Buch über die gelebten Widersprüche in einem scheiternden Gesellschaftsmodell vorgelegt.</p>
<p><span id="more-6495"></span></p>
<p>„Eddis Traum. Lok ohne Feuer“ schildert das Heranwachsen und spätere Leben eines Jungen namens Eddi, eingebettet in die dramatischen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland, speziell der DDR. Eddi wächst in einem kleinen Dorf auf. Sein Alltag ist geprägt von traumatisierten Großeltern, skurrilen Dorfbewohnern und politischen Umbrüchen. Der Autor verknüpft Episoden mit historischen Entwicklungen wie dem Einmarsch der Alliierten, dem Aufstieg der SED und der Gründung der DDR.</p>
<p>Später entfaltet sich eine Lebensgeschichte, die tief in die Struktur und Widersprüche des DDR-Staates eintaucht. Eddi wird Pionier und erlebt die neue Weltordnung mit einer Mischung aus Neugier und innerem Widerstand. Er studiert, macht Karriere als Ingenieur und erkennt zunehmend die ideologischen und wirtschaftlichen Spannungen im System. Auslandseinsätze, Reformversuche, Parteidruck und persönliche Enttäuschungen führen zu einer wachsenden inneren Distanz zum Staatsapparat.</p>
<p>„Eddis Traum. Lok ohne Feuer“, eine Mischung aus Erinnerung, Zeitzeugnis und literarischer Reflexion, beschreibt den Weg eines Menschen durch Diktatur, Anpassung und stille Rebellion. Prägnant sind die Darstellungen von Technikbegeisterung, politischer Gängelung und leiser Gegenwehr. Der Ton schwankt zwischen Humor, Melancholie und politischer Schärfe. Der Prolog thematisiert in einem sarkastischen Reim das Ende der DDR. Er basiert auf dem „Schürer-Papier“, das den wirtschaftlichen Bankrott des Staates offenlegte. Diese Thematik – die Kluft zwischen Anspruch und Realität im Sozialismus – durchzieht das gesamte Werk, das weder verbittert noch verklärend das Leben in der DDR reflektiert. Das Buch gewährt tiefe Einblicke in das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem dieses Landes.</p>
<p>Wer in Kauf nehmen kann, dass das Buch keinem klassischen Spannungsbogen folgt, sondern eher eine Abfolge von Erinnerungsbildern darstellt, findet hier eine interessante, stark persönlich geprägte Lektüre, die einen authentisch anmutenden Einblick in historische Lebensrealitäten gewährt.</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong>BUCHTIPP: </strong>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6496 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/07/Eddis-Traum.jpg" alt width="200" height="267">Harald Schleuter: „Eddies Traum. Lok ohne Feuer”, <span dir="ltr">Kallinich Media Digital Verlag</span>, Erfurt 2024, 273 Seiten, 14,99 € (Softcover).</p></td>
</tr>
</tbody>
</table>
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		<title>Die Wende und die Literatur #4: Wie eine ostdeutsche Schriftstellerin den sozialistischen Realismus elektrisierte</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/die-wende-und-die-literatur-4-wie-eine-ostdeutsche-romanautorin-den-sozialistischen-realismus-elektrisierte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Jul 2025 05:30:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im vierten Teil seiner Kolumne widmet sich Dr. Tobias Lehmann dem Roman „Die Geschwister“ von Brigitte Reimann. Er beleuchtet die aktuelle Wiederentdeckung des Werks, dessen autobiografische Bezüge sowie den Entstehungshintergrund im Kontext des Bitterfelder Wegs.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5324-5" class="wp-image-5324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/04/Tobias-Lehmann-large.jpeg" alt width="300" height="300">Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig.<br />
Brigitte Reimann nutzte die ihr zugestandene künstlerische Freiheit und hielt [...]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Im vierten Teil seiner Kolumne widmet sich Dr. Tobias Lehmann dem Roman „Die Geschwister“ von Brigitte Reimann. Er beleuchtet die aktuelle Wiederentdeckung des Werks, dessen autobiografische Bezüge sowie den Entstehungshintergrund im Kontext des Bitterfelder Wegs.</p>
<p><span id="more-6317"></span></p>
<div id="attachment_5324-6" style="width: 310px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5324-6" class="wp-image-5324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/04/Tobias-Lehmann-large.jpeg" alt width="300" height="300"><p id="caption-attachment-5324-6" class="wp-caption-text">Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig.</p></div>
<p>Brigitte Reimann nutzte die ihr zugestandene künstlerische Freiheit und hielt das Leben in der DDR fest – samt ihrer eigenen zerrissenen Verpflichtungen. In einem entwaffnend direkten Stil, der von Dialogen und Details lebt, erweckte Reimann die berauschende, unmögliche Versuchung, die eigenen Ideale zu leben.</p>
<div id="attachment_6641-2" style="width: 359px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6641-2" class="wp-image-6641" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/07/Geschwister.webp" alt width="349" height="600"><p id="caption-attachment-6641-2" class="wp-caption-text">Der Roman „Die Geschwister“ von Brigitte Reimann ist im Aufbau-Verlag erschienen.</p></div>
<p>Reimanns 1963 erschienener Roman „Die Geschwister“ (Aufbau-Verlag) wurde kürzlich von Lucy Jones ins Englische übersetzt, nachdem das unzensierte Manuskript und die nachträglichen Korrekturen der Autorin im vergangenen Frühjahr zufällig entdeckt worden waren. Es geht um Debatten über den sozialistischen Realismus und den künstlerischen Umgang mit ihm, die in einer Kohlebrikettfabrik kontrovers geführt werden. 1959 verkündete die SED nämlich, ihre Schriftsteller sollten dem „Bitterfelder Weg“ folgen. Diese Initiative zielte darauf ab, Autoren in industrielle Umgebungen einzubinden, um ihr Elitedenken zu schwächen und gleichzeitig der Arbeiterklasse Kultur näherzubringen. Der Slogan „Greif zur Feder, Genosse; die deutsche sozialistische Nationalkultur braucht dich!“ brachte diesen Aufruf zum Ausdruck.</p>
<p>Reimann, Tochter eines Bankangestellten aus einer Kölner Bürgerfamilie, hatte sich im Alter von 14 Jahren, als sie sich von einer Kinderlähmung erholte, entschlossen, Schriftstellerin zu werden. Mit 17 veröffentlichte sie ihr erstes Buch mit Theaterstücken. Mit 20 heiratete sie einen Maschinenschlosser, brachte ein Kind zur Welt, das noch am selben Tag starb, und unternahm wenig später einen Selbstmordversuch. Im Alter von 27 Jahren war sie bereits seit vier Jahren Mitglied der Schriftstellergewerkschaft der DDR und hatte einige vielversprechende Novellen geschrieben, während sie gleichzeitig als Lehrerin arbeitete, um über die Runden zu kommen. Im Jahr 1960 folgte sie dem Ruf der Partei. Nach der Scheidung von ihrem Mann (dem ersten von vier) zog sie in eine abgelegene Stadt in Sachsen, um in einem Kohlewerk zu arbeiten. Dort arbeitete sie mit ihrem Geliebten, einem Schriftstellerkollegen, und organisierte unter den Werktätigen eine Kulturbrigade. Sie las ihnen ihre Geschichten vor und brachte ihnen bei, eigene zu schreiben. Das war der Bitterfelder Weg.</p>
<p>Sie zog dorthin zum einen, um ihre Geldsorgen zu lösen, zum anderen, weil es ein „Abenteuer“ war: Es war nicht so, dass sie glaubte, der Staat wisse, was er tat, wenn es um Literatur ging. Seit Jahren, so schreibt sie in ihr Tagebuch, seien kaum noch gute Bücher erschienen: „Überall Opportunisten und Dummköpfe. Das einzige Thema, das es wert ist, in einem Roman behandelt zu werden, scheint die Notwendigkeit zu sein, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Menschliche Probleme liegen nicht im Trend.“ Aber die Romane, die sie während ihrer Zeit in der Fabrik entwickelte, „Ankunft im Alltag“ (1961), „Die Geschwister“ (1963) und „Franziska Linkerhand“ (1974), sind voll von Menschen mit Problemen, die zufällig in Fabriken oder Werften arbeiten. Reimann hielt sich an die Regeln, was in der DDR veröffentlicht werden durfte: nur „positive Helden“, keine unglücklichen Enden, ein Teil spielt in einer Fabrik, und das Ganze wird vom staatlichen Verlagsapparat geprüft bzw. zensiert. Dennoch gelang es ihr, den berauschenden, unmöglichen Reiz, die eigenen Ideale zu leben, zum Leben zu erwecken.</p>
<p>Zu Lebzeiten wurde Reimann mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet. Ihr letzter unvollendeter Roman „Franziska Linkerhand“, der nach ihrem Krebstod im Alter von 39 Jahren veröffentlicht wurde, war Kult. Er schilderte die zunehmende Desillusionierung der Protagonistin in Bezug auf Liebe, Arbeit und die DDR selbst, eine Situation, die Reimanns eigene widerspiegelte. Die Veröffentlichung war Ergebnis der kurzlebigen Periode kultureller Freizügigkeit, die Erich Honecker nach seiner Machtübernahme einführte.</p>
<p>Doch Reimanns Werk blieb jahrelang unbeachtet. Es knüpfte weder an feministische Traditionen an, wie das ihrer Freundin Christa Wolf. Noch war es Teil der Nachkriegsaufarbeitung, wie das ihres Idols Anna Seghers. In Deutschland war Reimann bis vor Kurzem vielleicht am bekanntesten, weil sie von Martina Gedeck in „Hunger auf Leben“ gespielt wurde, einem Dokumentarfilm, der auf ihren mit Sex gefüllten, quälenden Tagebüchern basiert, die ab 1983 in Ost- und Westdeutschland in immer vollständigeren Ausgaben erschienen. Unter den deutschen Lesern sind die Tagebücher wegen ihres klaren Blicks auf das Leben in der DDR und wegen ihres lebendigen Porträts einer jungen Künstlerin, die sowohl verführt als auch verführt wird, sehr beliebt. In diesem Jahr, ein halbes Jahrhundert nach Reimanns Tod, wurden ihre Bücher in Deutschland neu aufgelegt – in Pastellfarben, wie man sie auch auf einem aktuellen Prada-Laufsteg finden könnte. Menschliche Probleme sind wieder en vogue.</p>
<p>„Die Geschwister“ spielt kurz nach Ostern 1960, als Reimanns Heldin, die 24-jährige Malerin Elisabeth Arendt, versucht, ihren Bruder Uli davon zu überzeugen, nicht in den Westen zu gehen. Die Berliner Mauer wurde zwar offiziell erst am 13. August 1961 errichtet, aber sie existierte, wenn auch nur in den Köpfen, schon lange vorher. Zwei Ostern zuvor war bereits Elisabeths älterer Bruder Konrad in ihr Zimmer gekommen, um sich zu verabschieden. Als sie den „ungewohnten, stockenden“ Tonfall des Auf-Wiedersehen-Sagens ihrer Mutter hörte, wurde ihr klar, dass ihr Bruder nicht wiederkommen würde. In Briefen aus einem Durchgangslager in Westdeutschland gesteht Konrad seinen „Verräterkomplex“, aber das Ausmaß seines ideologischen Bruchs mit der Familie wird deutlich, als Elisabeth und ihre Mutter ihn nach seiner Etablierung im Westen aufsuchen. Er lädt sie zum Essen in das Nobelhotel Kempinski ein. Konrad wirft Elisabeth Romantik vor, wenn sie von ihrer Arbeit als Leiterin eines Malerkreises in der örtlichen Fabrik erzählt. Elisabeth konfrontiert ihn mit der Ansicht der Familie, dass er ein Gauner sei, weil er sein Studium von der DDR bezahlen ließ, um dann seine Ingenieurskunst in den Westen zu tragen. Sie können sich nicht einmal darüber einigen, ob die DDR ein Staat ist: „‚Es heißt nicht Zone. Es heißt DDR. Ich red ja auch nicht von der Westzone. So viel Achtung kann ich für unseren Staat schon verlangen.‘ ‚Staat …‘, sagte Konrad. ‚Ein paar Quadratkilometer ärmliches Land; eine Regierung, die von den Sowjets ausgehalten wird …‘ Wir sahen uns über den Tisch hinweg an, mit einem Blick, der die gutwillig geheuchelte Familieneintracht zerschnitt. ‚Du hast doch bei uns gelebt‘, rief ich, ‚du musst es doch besser wissen …‘“</p>
<p>In einem entwaffnend direkten Stil, der von Dialogen und Details lebt, verbindet Reimann die Widersprüche der DDR mit dem Erbe des Dritten Reiches – diese Zonen oder Sektoren wurden von den Alliierten im Mai 1945 geschaffen –, anstatt zu beschönigen, was es bedeutete, aus kriegszerstörten Trümmern eine neue Gesellschaft zu schmieden.&nbsp;Als die Mutter der Geschwister sie bittet, den Streit zu beenden, verlässt Elisabeth das Restaurant und weint „ohne Tränen“ bis sie die Grenze erreicht: „In diesem Augenblick begriff ich, was das hieß: das gespaltene Deutschland.“ Sie will keine Teilung mehr, sie will nie wieder den schwankenden Tonfall ihrer Mutter hören, nie wieder einen Bruder aus ihrem Leben gehen sehen. Der 25-jährige Uli, ein frischgebackener Diplomingenieur, steht auf der schwarzen Liste, weil er für einen in den Westen geflohenen Professor gearbeitet hat. Welche Zukunft kann er in der DDR haben? Als er Elisabeth seinen Entschluss mitteilt, das Land zu verlassen, hat sie zwei Tage Zeit, ihn aufzuhalten. Ihre Überzeugungskraft ist begrenzt, aber sie hat Ressourcen: die Nähe zu ihrem Lieblingsbruder, das Wissen um ihre Kindheit während des Krieges und die Zeit danach, ihren Freund Joachim Steinbrink, der mit seinen 28 Jahren das Braunkohlewerk leitet, in dem sie arbeitet, und nicht zuletzt das immergrüne Ideal eines Staates, der von jedem nimmt, was er kann, und jedem gibt, was er braucht.</p>
<p>Reimanns eigener Bruder Lutz, der ihr altersmäßig am nächsten stand, ging im April 1960 mit Frau und Kind in den Westen. „Ich bin sehr traurig“, schreibt sie in ihr Tagebuch. Lutz war ein „Wirrkopf“, dessen Handlungen sie „prinzipiell“ verurteilte, aber er war ihr Bruder. „Ich liebe ihn, wir haben uns viele Jahre lang gut verstanden“, schrieb sie. Sie erkannte sofort das Potenzial der Geschichte für die Kunst: „Zerrissene Familien, Konflikte zwischen Brüdern und Schwestern – was für ein literarisches Thema! Warum nimmt sich niemand dieses Themas an, warum schreibt niemand ein aktuelles Buch? Furcht? Unfähigkeit? Ich weiß es nicht.“ Sie würde es tun, und der daraus resultierende Roman würde „so sein, wie die Dinge hätten laufen sollen, aber nicht gelaufen sind“. Reimann nahm den Namen ihres verbliebenen Bruders Uli für Elisabeths schwankendes Geschwisterchen und fügte Zeilen aus ihrer Korrespondenz mit Lutz – „Und ich habe einige Verräterkomplexe, wie man so sagt“ – in Konrads Briefe ein. Lutz war verärgert über den fertigen Roman, Uli und Reimanns jüngste Schwester Dorli waren begeistert.</p>
<p>„Für jeden Schriftsteller ist die Arbeit eine Selbstbefragung“, schrieb Reimann im Dezember 1959 in ihr Tagebuch, „und es scheint, dass gerade darin die Kunst liegt: diese Selbstbefragung allgemein interessant und einer möglichst breiten Leserschaft zugänglich zu machen.“ Reimann war kein Apparatschik. Sie war genauso neugierig darauf, ihre eigenen Erfahrungen festzuhalten wie jeder Künstler, aber sie hatte nicht die Freiheit, so zu schreiben, wie sie wollte. Sie konnte sich nicht einmal ihr Genre aussuchen.</p>
<p>Der sozialistische Realismus galt lange Zeit als kitschig, politisch und ästhetisch kompromittiert. Kunst, die unter diesen Bedingungen gemacht wird, lädt zu Spott ein: Kann man unter der Kontrolle eines Michail Suslow gute Romane schreiben? Aber Reimanns Werk zeigt, dass sie es können. Wie sie damals feststellte, steckte in der Forderung des Staates an seine Schriftsteller, einen neuen Kanon der sozialistischen Literatur zu schaffen, ein Kompliment. Die Parteifunktionäre waren der Meinung, dass es darauf ankommt, wer in den Romanen vorkommt, wie sie geschrieben sind und wie sie enden. Reimanns Talent wurde erkannt und genutzt: Sie erhielt ein Stipendium vom Schriftstellerverband und Buchverträge von den staatlichen Verlagen und wurde gebeten, den Arbeiterschreibkreis in der Brikettfabrik zu leiten. Dennoch trat sie nie in die Partei ein, und ihre Unzufriedenheit mit dem Staat wuchs immer mehr. Schon in den frühen 60er-Jahren schrieb sie über den Druck der Stasi, die Verlockungen des neonbeleuchteten Westens und das Leben in einem Regime, das Loyalität höher bewertete als Talent. Beim Lesen von „Geschwister“ kann man nostalgische Gefühle für eine Gesellschaft verspüren, die noch an die Bedeutung der Kunst glaubte.</p>
<p>In „Die Geschwister“ bringt Reimann die Vergangenheit so nahe, dass sie sich kaum vergangen anfühlt. Elisabeth erinnert sich an die Meißner Figuren, die ihre Mutter nach dem Krieg verkaufte, um sich Lebensmittel zu kaufen. Sie erzählt von der Freundin von Konrad, die versuchte, sie mit seltenen Taschenbüchern und französischem Lippenstift in den Westen zu locken. Schließlich reflektiert sie die Geschichte ihrer Auseinandersetzung mit einem älteren Maler, Ohm Heiners, der ebenfalls im Kohlekraftwerk arbeitete und die sie ihrem müden Bruder als Inspiration erzählte. Elisabeths Disput mit diesem Künstler der vorangegangenen Generation ist der Höhepunkt des Romans, in dem Argumente über den Wert der Kunst, über die Art der Wiedergutmachung für die unter Hitler Geschädigten und über die Art und Weise, wie der neue Staat für seine Arbeiter sorgen sollte, miteinander verbunden werden. Dieser Abschnitt in Kapitel 8 beunruhigte die Behörden, die erfolglos versuchten, ihn vor der Veröffentlichung zu streichen. Als der Roman 1963 erschien, akzeptierte Reimann einige kleinere Kürzungen, wehrte sich aber vehement gegen größere. 1969 überarbeitete sie den Roman selbst. Für die vorliegende Veröffentlichung im Jahr 2023 verwendeten die Herausgeberinnen Angela Drescher und Nele Holdack einen Entwurf der ersten fünf Kapitel, der bei Renovierungsarbeiten in der Wohnung in Hoyerswerda gefunden wurde, in der Reimann während ihrer Arbeit in der Kohlefabrik lebte.</p>
<p>Der Streit beginnt im Kaffeeraum der Fabrik. Heiners fragt Elisabeth, was sie von einem seiner Bilder hält, das in der Kantine hängt, und sie beschließt ehrlich zu sein. „Meine Brigade war nicht begeistert … Dein Bild ist schlecht“, sagt sie. „Du hast einen hirnlosen Produktioner gemalt … Ich kenne den Mann. Er hat nichts mit deinem finsteren Roboter zu tun.“ Heiners explodiert und versucht, Elisabeth zu diskreditieren, indem er sie „einen bürgerlichen Grünschnabel“ nennt, deren Vater Journalist unter Hitler war. Als Heiners, der von den Nazis mit Malverbot belegt worden war, einige Tage später ihr Atelier besucht, offenbar um die Wogen zu glätten, geht der Streit weiter: „Ein Arbeiter würde doch bloß lachen, wenn er deinen Lichtbogen sieht“, behauptet Heiners. „Mein Auge ist aber keine Kameralinse, und ich bin kein Fotoapparat, ich bin ein Mensch mit Empfindungen und mit einem bestimmten Verhältnis zu dem Menschen, den ich male, und dieser Mensch … hat seine Empfindungen und seine eigene Beziehung zum Leben, zu seiner Arbeit, zu sich und anderen, und das alles sollte in einem Porträt sein, viele Schichten statt einer glatten Fläche.“ Dann fordert Heiners sie auf, von ihrem hohen Ross herunterzukommen.</p>
<p>Ein Problem bei der Schaffung eines neuen ostdeutschen Kulturkanons war der Mangel an Vorläufern. Die Geschichte hatte 1949 mit der Gründung der DDR begonnen, sodass es nicht viel gab, worauf die Künstler aufbauen konnten. Der bedeutende marxistische Theoretiker György Lukács fand einen Weg, dieses Problem zu umgehen: Er argumentierte, die großen bürgerlichen Schriftsteller – darunter Balzac, Stendhal, Fontane und Zola – hätten die unlösbaren Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft erfasst und so deren Untergang aufgezeigt. Reimanns Lieblingsautor war Stendhal, auf den sie sich immer wieder bezog und den sie nie aufhörte zu lesen. Elisabeth plädiert für einen besonderen Realismus, der die eigene Sichtweise des Künstlers respektiert und sich die Freiheit nimmt, dem Subjektivismus nahe zu kommen.</p>
<p>Da Heiners die ästhetische Auseinandersetzung nicht gewinnen kann, greift er zu schmutzigeren Taktiken. Er streut Gerüchte, Elisabeth würde mit Mitgliedern ihres Malerzirkels schlafen. Er bezeichnet sie als „eine intellektuelle Nutte“, die „jeden Abend mit einem anderen ins Bett“ ginge. Heiners erzählt seinen Parteifreunden auch von Elisabeths Ansichten zur Malerei, was einen Besuch der Staatssicherheit nach sich zieht. „Es wird behauptet, Sie hätten in Ihrem Zirkel eine bürgerliche Fraktion gebildet“, sagt der Stasi-Mann, bietet ihr eine Zigarette an und bemerkt ihr Händezittern. „Wir sollten uns offiziell zusammensetzen.“ (Auch diese Szene hatten die Behörden zunächst unterdrücken wollen.) Elisabeth beschließt, sich zu wehren. Sie denkt, sie könne den Gerüchten durch ein Gespräch mit Bergemann, dem örtlichen Parteisekretär, entgegentreten. Spät in der Nacht geht sie in seine Wohnung, um ihm ihre Schilderung der Vorkommnisse zu geben. Sie findet „Anna Karenina“ und „Der Zauberberg“ sowie ein Selbstporträt von Henri Rousseau an der Wand. „Wunderbar ermutigt“ von Rousseaus bärtigem Gesicht, weiß sie plötzlich, wie sie Bergemann überzeugen kann. Sie zeigt ihm die Porträts, die sie von den Arbeitern im Werk gemacht hat. „Ich verstehe nicht genug von der Malerei“, sagt Bergemann und betrachtet ihre, aber „ich kann nur sagen: Das ist nützlich, das ist schön, das gefällt mir … Es kommt in der Kunst darauf an, das Wesen der Dinge darzustellen.“ Als Heiners im Büro des Parteisekretärs hinter einer lederbezogenen Tür mit seinem Verhalten konfrontiert wird, wirft er seinen Parteiausweis über den Schreibtisch und verlässt seinen Posten in der Fabrik.</p>
<p>Diese fiktive lederbezogene Tür passt zu anderen Erinnerungsstücken aus der DDR. In den Büros des Ministers für Staatssicherheit in Berlin, die heute als Teil eines Museums erhalten sind, stehen drei Telefone auf einem Holzschreibtisch. Sie warteten darauf, Gerüchte weiterzugeben, die jemanden das Leben erschweren konnten. In der Leipziger „Runden Ecke“, der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit im früheren Bezirk Leipzig, steht eine Maschine, die Akten kreuzweise zerkleinert und mit Klebstoff vermischt. So entstehen grobe, graue Ziegel, die den Rohinhalt für immer unlesbar machen.</p>
<p>Trotz so vieler Verluste – eines Bruders, einer Zukunft, einer Ideologie – haben Reimanns „Geschwister“ irgendwie überlebt, ein ungewöhnliches Stück politischer, persönlicher und ästhetischer Freiheit.</p>
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		<title>Die Wende und die Literatur #3: Zeitenwende in „Mit der Faust in die Welt schlagen“</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/die-wende-und-die-literatur-3-zeitenwende-in-mit-der-faust-in-die-welt-schlagen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Jun 2025 05:30:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im dritten Teil seiner Kolumne analysiert Dr. Tobias Lehmann den Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“ sowie Lukas Rietzschels gleichnamige Romanvorlage über das Aufwachsen zweier Brüder in Ostdeutschland nach der Wende.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5324-7" class="wp-image-5324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/04/Tobias-Lehmann-large.jpeg" alt width="300" height="300">Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig.<br />
Wie ist das mit den Zeitenwenden, den Schlüsselmomenten? Begriffe, die auf etwas [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/die-wende-und-die-literatur-3-zeitenwende-in-mit-der-faust-in-die-welt-schlagen/">Die Wende und die Literatur #3: Zeitenwende in „Mit der Faust in die Welt schlagen“</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Im dritten Teil seiner Kolumne analysiert Dr. Tobias Lehmann den Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“ sowie Lukas Rietzschels gleichnamige Romanvorlage über das Aufwachsen zweier Brüder in Ostdeutschland nach der Wende.</p>
<p><span id="more-6200"></span></p>
<div id="attachment_5324-8" style="width: 310px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5324-8" class="wp-image-5324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/04/Tobias-Lehmann-large.jpeg" alt width="300" height="300"><p id="caption-attachment-5324-8" class="wp-caption-text">Dr. Tobias Lehmann hat an der University of Oregon zum Thema Wendeliteratur promoviert. Geboren 1981 in Eisenhüttenstadt war er lange Zeit in Südkorea und anschließend in den USA tätig.</p></div>
<p>Wie ist das mit den Zeitenwenden, den Schlüsselmomenten? Begriffe, die auf etwas Jähes, Schockartiges, Durchschüttelndes hinweisen. In ihnen, meint man, träte etwas zutage, das Alt und Neu strikt trennt. Ein Bruch wird markiert, der das Vergangene nicht mehr ins Jetzt rüberholt. Wie zwei Erdplatten, die sich abgetrennt haben und auf eine unabsehbar neue Schollenarchitektur zudriften. Aber läuft das überhaupt so?</p>
<div id="attachment_6638-2" style="width: 395px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6638-2" class="wp-image-6638" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/06/Mit-der-Faust-in-die-Welt-schlagen.jpg" alt width="385" height="600"><p id="caption-attachment-6638-2" class="wp-caption-text">„Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel, erschienen im Ullstein-Verlag.</p></div>
<p>Philipp und Tobi könnten die Tom Sawyer und Huckleberry Finn des Ostens sein. Doch sie stecken in der Oberlausitz fest: Regisseurin Constanze Klaue wirft in der Verfilmung von „Mit der Faust in die Welt schlagen“ einen Blick auf eine verlorene Generation. Diejenigen, die in den 1990er-Jahren geboren wurden, die die DDR nicht mehr erleben mussten, aber von Umbrüchen, sozio-ökonomischen Veränderungen und Mentalitätswandel geprägt worden sind.</p>
<p>Im Kommunismus waren Polen und die DDR Freunde. Nach der Wende wurde daraus ein individueller Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten. Stefan Zschornack spürt die Auswirkungen davon. Seine beiden Söhne wissen nur ungefähr, was er während seiner längeren Abwesenheit macht. Er ist dann in Süddeutschland, bei der Arbeit. Bis er eines Tages nach Hause kommt und der Familie erzählt, dass jemand aus Polen seinen Platz eingenommen hat. Ein typisches Schicksal in den frühen 2000er-Jahren, als die Geschichte, die in dem Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erzählt wird, beginnt. Denjenigen, die sich in der Literatur auskennen, mag das bekannt vorkommen. Denn so hieß auch ein Roman von Lukas Rietzschel.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>Ein Zuhause mit Ecken und Kanten</strong></span></h2>
<p>Die Berliner Regisseurin Constanze Klaue nahm ihn zum Ausgangspunkt für ihren Film. Für Philipp und Tobi ist ihr Vater Stefan eine Respektsperson, aber es ist leicht zu sehen, dass er draußen in der Welt nicht nur auf Respekt und Anerkennung stößt, obwohl alles gut aussieht. Die Familie wohnt in ihrem eigenen Haus, aber es hat trotzdem seine Macken. Die Heizung könnte zuverlässiger sein, und es bedarf noch letzten Anstrengungen, um alles für fertig zu erklären.</p>
<p>Doch dafür ist eigentlich nie Zeit, und als Stefan Tschornack in einen Alltag ohne geregelte Arbeit gerät, wird das immer mehr zum Problem. Seine Frau Sabine arbeitet oft Nachtschichten und die Kinder müssen früh in die Schule. Ehe man sich versieht, sind vor allem Tobi und Philipp ein bisschen einsam inmitten der Familie. Stefan reagiert darauf, indem er immer öfter zur Flasche greift, die er in einem Versteck für sich bereithält.</p>
<p>Lukas Rietzschel wird oft als repräsentative Stimme für die neuen Bundesländer wahrgenommen. Als Journalist und Autor versucht er, Klischees aufzubrechen, aber er benennt auch die Missstände im Osten Deutschlands. Sein Roman ist klar mit einem Repräsentationsanspruch konzipiert – im Mittelpunkt stehen, wie im Film, die beiden Kinder. Sie repräsentieren die erste Generation der Freiheit. Lukas Rietzschel und Constanze Klaue wollen an ihrem Beispiel deutlich machen, woher das Ressentiment kommt, das vielerorts den Zusammenhalt vergiftet.</p>
<p>„Mit der Faust in die Welt schlagen“ folgt konventionellen Mustern. Die Schwäche des Vaters schafft eine Leere, die ihn für martialische Worte empfänglich macht. Aber die Muster werden auch immer wieder durchbrochen. Stefan Tschornack wirkt zwar wie ein Versager, aber er versteht sich auch sehr gut mit seiner attraktiven Nachbarin, die für den Erfolg in seinem neuen, freien Leben steht. Das macht ihn aber für seine Söhne noch weniger greifbar.</p>
<p>Die sorbische Minderheit ist ein Aspekt der ethnischen Differenz, der auch im Alltag der Menschen eine Rolle spielt. Das deutet auf etwas hin, das für den kleinen Tobias zunächst interessanter ist als für den bereits pubertierenden Philipp, der vor allem mit einem sensiblen Klassenkameraden befreundet ist, mit dem er die Männlichkeitsrituale, in die er sukzessive eingeführt wird, ausprobiert.</p>
<p>Der Roman wie auch der Film versuchen eine Genealogie der Destruktivität, wobei Constanze Klaue die ganz kleinen Schritte mit einem ganz großen Zeitsprung vermittelt: vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2015, als der Rechtspopulismus schon weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen war. Ein Schweinekopf vor der Haustür einer muslimischen Familie ist eine Form der Gewalt, die sich nicht linear aus den Enttäuschungen der „Wendeverlierer“ ableiten lässt, sondern mit den vielen kleinen Unzulänglichkeiten in den versprochenen „blühenden Landschaften“ in Verbindung gebracht werden kann.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>Das Potenzial, etwas blühen zu lassen</strong></span></h2>
<p>Constanze Klaue nimmt Helmut Kohl pointiert beim Wort. Sie betont, dass Ostdeutschland sehr wohl das Potenzial hat, etwas blühen zu lassen. Die rudimentäre Wildnis, in der die Jungen immer wieder umherstreifen, hat aber auch damit zu tun, dass sich die Zivilisation aus ihr zurückgezogen hat. Ruinen zeugen davon, dass es hier einmal etwas gab. Philipp und Tobi könnten auch ein Tom Sawyer und ein Huckleberry Finn des Ostens sein, aber de facto sind sie aufgrund schlechter Busverbindungen einfach zu einem Leben im Gebüsch verdammt.</p>
<p>Der Film wirkt sehr realistisch. Der Schwerpunkt liegt nicht auf einer durchgehenden, eskalierenden Handlung, sondern auf episodischen Alltagsbeobachtungen. Viele Konflikte werden aufgedeckt, aber nicht zu Ende erzählt. Fraglich ist auch, ob der Sprung in das Jahr 2015 überhaupt nötig war.</p>
<p>Über weite Strecken funktioniert der Film als einfühlsame Studie über die Menschen in einer strukturschwachen Region, die keine bekannten Nachrichtenbilder reproduziert und so die Erwartungen immer wieder geschickt unterläuft. Es sind vor allem die Details, die den Film ausmachen: der Bus, der nicht fährt, weshalb ein Mädchen nicht aufs Gymnasium gehen kann, oder der Freund des Vaters namens Uwe, dessen Leben nach der Vereinigung aus den Fugen geraten ist und über dessen Stasi-Vergangenheit niemand reden will.</p>
<p>Die Kluft zwischen der Sehnsucht nach einem idyllischen Familienleben und der bitteren Realität ist immer präsent. Vor allem am Anfang spürt man die Wärme, die sich alle Beteiligten wünschen, und umso schwerer fällt es, wenn sie schwindet. Einen weiteren Kontrast finden Klaue und Kameramann Florian Brückner, wenn sie die Schauplätze in eindrucksvollen Bildern festhalten: blühende Natur mit verfallenen Häusern und mittendrin Plattenbauten sowie malerische Wiesen und dazwischen eine marode Straße. Dieses völlig unvoreingenommene Einfangen von Idylle und Verfall beschreibt vielleicht am besten die Ambivalenz Ostdeutschlands.</p>
<p>Dabei sind die im Film auftretenden Neonazis nicht nur gefährliche Systemveränderer, sondern auch die verletzlichen Söhne und Töchter von Menschen, die mit ihrem Leben nicht (mehr) zurechtkommen. Nichts ist unumkehrbar, es sei denn, die Gewalt wird tatsächlich tödlich.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>Das eigentliche Geschehen fällt in die Ellipse der Erzählung</strong></span></h2>
<p>So weit geht „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht. Constanze Klaue hat das wichtigste Merkmal des Films aus der Struktur des Romans übernommen. Sie lässt nicht zu, dass Handlungen allmähliche Folgen haben, sie verfolgt nicht die kleinen Schritte über die vielen Jahre. Sie nimmt zweimal Proben. Das eigentliche Geschehen spielt sich jedoch in der Ellipse zwischen 2007 und 2012 ab und muss aus dem, was der zweite Teil verrät, abgeleitet werden. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ wendet sich damit gegen den Determinismus, an den sich eine Gesellschaft zu schnell gewöhnt, die nach Anschlägen oder störenden Aktionen sofort nach Erklärungen fragt.</p>
<p>Constanze Klaue und Lukas Rietzschel leiten nichts ab. Sie setzen aus kleinen Beobachtungen etwas zusammen, das so etwas wie Identität für fiktive Figuren ergibt. Inwieweit diese Identität auf Abgrenzung und inwieweit sie auf Annäherung beruht, schafft ein Spannungsmoment, das möglichst viel Aufmerksamkeit auf den subtil erzählten Film lenken soll. Und die Zeitenwende nicht nur für Philipp und Tobi markiert.</p>
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