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	<title>Musiker Archive - ostdeutschland.info</title>
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	<item>
		<title>Padraig Parkhurst: „In Ostdeutschland gab es Rockmusik?!“</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/padraig-parkhurst-in-ostdeutschland-gab-es-rockmusik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2026 05:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kessel Buntes]]></category>
		<category><![CDATA[Musiker]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der australische Musikwissenschaftler Dr. Padraig Parkhurst entdeckte die DDR-Rockmusik eher zufällig für sich. Hier beschreibt er, wie er erst zu einem Fan wurde und dann sogar eine Doktorarbeit zu dem Thema schrieb.</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-10508" class="wp-image-10508" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/09/AF05BDA5-F99E-4ACB-B40C-0C3FD1DA9B55.jpg" alt="Der Musikwissenschaftler Padraig Parkhurst. Über das Lied „Der Losverkäufer“ der ostdeutschen Rockgruppe Panta Rhei entwickelte er seine Leidenschaft für die DDR-Rockmusik. Abbildung: Padraig Parkhurst" width="450" height="600">Der australische Musikwissenschaftler Dr. Padraig Parkhurst. Über das Lied „Der Losverkäufer“ der ostdeutschen Rockgruppe Panta Rhei entwickelte er [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/padraig-parkhurst-in-ostdeutschland-gab-es-rockmusik/">Padraig Parkhurst: „In Ostdeutschland gab es Rockmusik?!“</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der australische Musikwissenschaftler Dr. Padraig Parkhurst entdeckte die DDR-Rockmusik eher zufällig für sich. Hier beschreibt er, wie er erst zu einem Fan wurde und dann sogar eine Doktorarbeit zu dem Thema schrieb.</p>
<p><span id="more-10449"></span></p>
<div id="attachment_10508-2" style="width: 460px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-10508-2" class="wp-image-10508" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/09/AF05BDA5-F99E-4ACB-B40C-0C3FD1DA9B55.jpg" alt="Der Musikwissenschaftler Padraig Parkhurst. Über das Lied „Der Losverkäufer“ der ostdeutschen Rockgruppe Panta Rhei entwickelte er seine Leidenschaft für die DDR-Rockmusik. Abbildung: Padraig Parkhurst" width="450" height="600"><p id="caption-attachment-10508-2" class="wp-caption-text">Der australische Musikwissenschaftler Dr. Padraig Parkhurst. Über das Lied „Der Losverkäufer“ der ostdeutschen Rockgruppe Panta Rhei entwickelte er seine Leidenschaft für die DDR-Rockmusik. Abbildung: Padraig Parkhurst</p></div>
<p>Warum sollte ein Australier über populäre DDR-Musik promovieren wollen? Weil ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht habe. Ursprünglich war ich kein Musikwissenschaftler, sondern Musiker mit Abschlüssen in Gitarre und Komposition. Während des Lockdowns im Jahr 2020 hatte ich für mein elektronisches Musikprojekt „Anarchosophist“ keine Gelegenheit mehr zum Cratedigging (Stöbern nach Vinylscheiben), also suchte ich stattdessen im Netz nach interessanter Musik. Dabei stieß ich auf ein Lied, das mein Leben verändern sollte. Es war funky, heavy, progressiv und einzigartig. Es heißt „<a href="https://open.spotify.com/intl-de/track/7JBUriH2UGbnkoOYdJviaT" target="_blank" rel="noopener">Der Losverkäufer</a>“ und stammt von der ostdeutschen Rockgruppe Panta Rhei.</p>
<p>Ostdeutsche Rockgruppe?! Ich dachte, das muss ein Fehler sein. Trotz meiner Universitätsausbildung wusste ich, wie viele Leute in westlichen Ländern, fast nichts über die DDR. In der Vorstellung vieler Australier erscheint die DDR fast wie Nordkorea. Deshalb konnte es dort natürlich keine echte Rockmusik gegeben haben, höchstens ein wenig Marschmusik, nicht wahr?!</p>
<h2><span class="title-bg">Die DDR-Musikszene war groß und vielfältig</span></h2>
<p>Mir öffnete sich der Weg in eine vergangene Welt. Er führte dazu, dass ich vier Jahre später dem Panta-Rhei-Komponisten Henning Protzmann in einem Café am Müggelsee gegenübersaß. Aber der Reihe nach: Als ich anfing, zur Musikszene in der DDR zu recherchieren, fand ich nicht nur Repression und Bürokratie, sondern auch großzügige Förderung und ein faszinierendes Geschäftsmodell. Letzteres war fast unglaublich. Ab diesem Moment wollte ich alles darüber herausfinden und wurde zu einem überzeugten Fan ostdeutscher Musik. Sie vereint Virtuosität und Komplexität mit Funk und Geschmack.</p>
<p>Haben Sie bemerkt, dass ich nicht „Ostrock“ sage? Obwohl die Musik sehr einzigartig war, gab es fast jedes im Westen vertretene Genre auch in der DDR. Mit mehr als 5.000 registrierten Amateurbands und rund 110 Profi-Bands war die DDR-Musikszene groß und vielfältig. Jede Stadt hatte ihre eigene Szene und ihr eigenes Flair: von sächsischem Art-Rock und Magdeburger NDW bis hin zu Ostberliner Post-Punk. Obwohl Aufnahmen in Australien schwer zu bekommen waren, suchte ich beharrlich danach.</p>
<h2><span class="title-bg">Spielen auf „Quaster“ Hertrampfs Gitarre</span></h2>
<p>Immer wenn ich Australiern davon erzählte, erhielt ich eine von zwei Reaktionen. Einige Musiker äußerten Neid auf die gesicherten Honorar-Rahmen ihrer ostdeutschen Kollegen. Andere entgegneten, ich sei nicht kritisch genug, und sagten nur verächtlich: „Frag doch einfach jemanden aus einem kommunistischen Land!“ Das Problem ist aber, dass eine einzelne Person kein repräsentativer Datensatz ist. Deshalb fragte ich vier Jahre später, im Rahmen meiner Doktorarbeit, nicht nur eine Person, sondern fast sechzig.</p>
<div id="attachment_10509-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-10509-2" class="wp-image-10509" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/09/IMG_9145.jpg" alt="Dr. Padraig Parkhurst mit dem Komponisten Michael Heubach („Du hast den Farbfilm vergessen“). Parkhurst hat mit vielen DDR-Bands, Produzenten und Kulturfunktionären Interviews geführt. Abbildung: Padraig Parkhurst" width="600" height="450"><p id="caption-attachment-10509-2" class="wp-caption-text">Dr. Padraig Parkhurst mit dem Komponisten Michael Heubach („Du hast den Farbfilm vergessen“). Parkhurst hat mit vielen DDR-Bands, Produzenten und Kulturfunktionären Interviews geführt. Abbildung: Padraig Parkhurst</p></div>
<p>Inzwischen habe ich aus fast jeder großen DDR-Band mindestens ein Mitglied interviewt, außerdem Textdichter, Produzenten und Kulturfunktionäre. Jedes einzelne Interview war für mich sowohl als Fan als auch als Musikwissenschaftler unwirklich. Meine liebsten Komponisten, darunter Michael Heubach und Arnold Fritzsch, haben mir originale, handgeschriebene Noten gezeigt. Uwe Hassbecker spielte mir Original-Demo-Kassetten aus den Februar-Sessions vor, Bernd Römer präsentierte mir eine von allen Karat-Mitgliedern signierte Platte von „Über sieben Brücken“. Einmal durfte ich mit Erlaubnis von Dieter „Quaster“ Hertrampf auf einer seiner Gitarren spielen, sah Stefan Laschs Spielerlaubnis und trank ein Bier mit Mitgliedern von City, NO55, Monokel, Die Skeptiker und Formel 1 in verschiedenen Ostberliner Kneipen. Es war, um es mit einem Wort zu sagen, unglaublich.</p>
<p>Alle Musiker – inklusive derer mit goldenen Schallplatten an der Wand – waren mir gegenüber sehr offen und freundlich. Dafür gibt es wohl mehrere Gründe: Ich bin Australier und selbst Musiker, deshalb verband sich meine wissenschaftliche Neugier mit dem richtigen Stallgeruch des Rockers. Aber vielleicht lag es auch daran, dass sich mein Interesse, im Gegensatz zu vielen anderen Forschern, nicht nur auf „Widerstand gegen das System“, sondern auch auf den Alltag der Musiker richtete. Im Gegensatz zu einigen Musikwissenschaftlern habe ich mich nicht auf die illegale Punkszene spezialisiert, sondern ganz bewusst auf die Profiszene.</p>
<h2><span class="title-bg">Zwischen staatlichen Strukturen und Überwachung</span></h2>
<p>In der westlichen Vorstellung war jeder DDR-Bürger entweder Dissident oder Kollaborateur. Ich fand keines von beidem vor, sondern normale Menschen. Selbst ein entschiedener Regimekritiker wie Wolf Biermann hätte seine Lieder wohl vermutlich bei VEB Deutsche Schallplatten veröffentlicht, wenn man ihm diese Möglichkeit gegeben hätte. Er hat zumindest zweimal antiimperialistische Lieder direkt an Ulbricht oder den Kulturminister geschickt.</p>
<div id="attachment_10523-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-10523-2" class="wp-image-10523" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/09/Padraig-Parkhurst-mit-Toni-Krahl.jpg" alt="Padraig Parkhurst mit Toni Krahl, dem Frontmann von City. Abbildung: Padraig Parkhurst" width="600" height="435"><p id="caption-attachment-10523-2" class="wp-caption-text">Padraig Parkhurst mit Toni Krahl, dem Frontmann von City. Abbildung: Padraig Parkhurst</p></div>
<p>Jeder, mit dem ich sprach, erzählte mir komplexe Geschichten, die den vereinfachenden Erzählungen widerstanden. Niemand war undifferenziert pro oder contra. Leute mit schrecklichen Erlebnissen – Gefängnis, Überwachung, verhinderte Karriere – sprachen dennoch positiv über besondere Aspekte oder Funktionäre, die ihnen geholfen hatten. Ebenso erzählten enthusiastische SED-Mitglieder bitterere Geschichten von staatlicher Misswirtschaft oder personellen Schwierigkeiten.</p>
<p>Was auch immer die DDR ihrer Meinung nach war, sie hatten dort einen großen Teil ihres Lebenswerks vollbracht. Im Staatssozialismus zu leben, bedeutete eben, in staatliche Strukturen eingebunden zu sein. Das Politbüro der SED hatte nur zwei Dutzend Mitglieder und das Zentralkomitee rund 200, doch der Partei gehörten insgesamt 2,3 Millionen Ostdeutsche an. Mehr als 90 Prozent der Werktätigen arbeiteten im sozialistischen Wirtschaftssektor – und dabei sind LPGs noch nicht einmal mitgerechnet.</p>
<div id="attachment_10524-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-10524-2" class="wp-image-10524" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/09/Padraig-Parkhurst-mit-Dieter-Maschine-Birr.jpg" alt="Padraig Parkhurst mit Dieter „Maschine“ Birr, Sänger der Puhdys. Abbildung: Padraig Parkhurst" width="600" height="450"><p id="caption-attachment-10524-2" class="wp-caption-text">Padraig Parkhurst mit Dieter „Maschine“ Birr, Sänger der Puhdys. Abbildung: Padraig Parkhurst</p></div>
<h2><span class="title-bg">Eine der aktivsten Live-Kunst-Szenen der Welt</span></h2>
<p>Ich hatte mich schon früh gefragt, warum so viele Musiker darauf bestanden, dass ich mit prominenten Kulturfunktionären sprechen sollte. Ich hatte erwartet, dass diese als Unterdrücker dargestellt werden würden, doch die Künstler bezeichneten bestimmte Funktionäre als „Mitkämpfer“ für ostdeutsche Musik. Nach mehreren Interviews wurde mir klar, dass viele von ihnen in den staatlichen Strukturen sinnvolle Arbeit leisten wollten. Sie wollten Talente entdecken, Festivals oder Aufnahmen organisieren und Förderung und Schutzmaßnahmen für Musiker bereitstellen. Sie taten das mit einigem Erfolg – DDR-Bands gehörten zu den aktivsten Live-Künstlern der Welt. Andererseits machten dogmatische Kräfte manchen Musikern das Leben sehr schwer. Um ihr Leben zu verstehen, musste ich zunächst jeden DDR-Bürger als Individuum mit Handlungsfähigkeit verstehen.</p>
<p>Es ist einfach, das Klischee vom unterdrückten Kulturschaffenden zu kolportieren, den die westliche Geschichtsschreibung im DDR-Musiker sehen will. Die Wahrheit ist jedoch erheblich komplexer. Meine wissenschaftliche Aufarbeitung „Agency, Agencies, &amp; Agents: Popular music and the ‚state‘ in Honecker-era East Germany, 1971-1989“ belegt das im Detail.</p>
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		<item>
		<title>DT64: Die Power von der Eastside kehrt zurück</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/dt64-die-power-von-der-eastside-kehrt-zurueck/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Feb 2025 06:30:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kessel Buntes]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Musiker]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit einem Mix aus Musik, Rebellion und Freiheit prägte er nicht nur die Jugendkultur der DDR. Nach der Wende aber musste der legendäre Radiosender DT64 um seine Existenz kämpfen. 1993 ging der Kampf endgültig verloren.<br />
<img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3807" class="wp-image-3807" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/01/eSv-wjotR3eU2sgGWf76cw.jpg" alt="DT64 war überall. Abbildung: Ideogram" width="600" height="337">DT64 war überall. Abbildung: Ideogram<br />
Lange Zeit war es vergriffen, nun liegt es – als erweiterte Neuauflage – wieder vor: „Power von der Eastside! Jugendradio DT64: Massenmedium und Massenbewegung“. Das Buch mit Beiträgen von [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Mit einem Mix aus Musik, Rebellion und Freiheit prägte er nicht nur die Jugendkultur der DDR. Nach der Wende aber musste der legendäre Radiosender DT64 um seine Existenz kämpfen. 1993 ging der Kampf endgültig verloren. <span id="more-3801"></span></p>
<div id="attachment_3807-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3807-2" class="wp-image-3807" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/01/eSv-wjotR3eU2sgGWf76cw.jpg" alt="DT64 war überall. Abbildung: Ideogram" width="600" height="337"><p id="caption-attachment-3807-2" class="wp-caption-text">DT64 war überall. Abbildung: Ideogram</p></div>
<p>Lange Zeit war es vergriffen, nun liegt es – als erweiterte Neuauflage – wieder vor: „Power von der Eastside! Jugendradio DT64: Massenmedium und Massenbewegung“. Das Buch mit Beiträgen von Marion Brasch, Jürgen Balitzki und vielen weiteren Insidern huldigt einem Phänomen, dessen Geschichte vor über 60 Jahren begann.</p>
<p>Wir werfen ebenfalls einen Blick auf die bewegte Vergangenheit des Senders. Denn vielen, die in der DDR aufgewachsen sind, wird bei der Zeichenfolge DT64 warm ums Herz. Ein Hauch von Abenteuer, eine Prise Rebellion und vor allem eine gehörige Portion Musik – das waren die wesentlichen Zutaten des auf junge Hörer ausgerichteten Radiosenders, der eher aus Zufall entstand und doch zu einem wichtigen Element der Jugendkultur wurde.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>Keimzelle: „Die Junge Welle“</strong></span></h2>
<p>Es war 1959, als das Radio der DDR, damals noch ein eher strenger und gezähmter Ort für Informationsvermittlung, die Redaktion „Junge Welle“ ins Leben rief. Ziel war es, einen frischen Wind in den Äther zu blasen. Doch dieser war zunächst nur ein laues Lüftchen. Mit Programmen wie „Aus dem Butzemannhaus“ für die Kleinsten und einem „Kinderradio DDR“ für den Nachwuchs wurde ein seichtes Fundament gelegt. Der wahre Anstoß kam dann 1961: Der „Abend der Jugend“ ging an den Start. Ein wöchentlicher Ritt durch die Themen, die junge Menschen damals beschäftigten: Politik, Sport, Freizeit – und natürlich Musik. Klaus Schneider, damaliger Redakteur, bemühte sich, ein Programm zu schaffen, das dem Geschmack der jungen Leute entsprach. Das bedeutete: keine altmodische Klaviermusik, sondern die frischen Wellen des Rock’n’Roll und der aufkommenden Beatmusik, die die Welt eroberten.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>Startschuss: „Deutschlandtreffen“</strong></span></h2>
<p>Es war 1964, als die DDR das „Deutschlandtreffen der Jugend“ vorbereitete. Um dem Event Gehör zu verleihen, wurde ein „Sonderstudio“ ins Leben gerufen. Der Name: DT64. Anfang Mai lief das erste Programm. Ein regelrechter Musikmarathon: eine 99 Stunden lange Übertragung mit internationalen Einflüssen. Ein Projekt, das sich schnell einer großen Anhängerschaft erfreute und eine viel größere Frage aufwarf: Warum nicht täglich so etwas anbieten? Warum nicht der Jugend eine eigene Stimme im Radio geben? Tatsächlich war die erste Reaktion der DDR-Intendanten ausweichend: nicht machbar, nicht ins Konzept passend! Doch der Berliner Rundfunk ergriff die Chance und am 29. Juni 1964 war es dann soweit: Das erste reguläre DT64-Programm ging auf Sendung und nahm einen festen Platz im Radio ein.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>Beats zwischen Beton</strong></span></h2>
<p>Es war nicht immer ein „Freundschaftsspiel“. Schon 1965, nur ein Jahr nach der Gründung von DT64, wetterte Erich Honecker gegen das Programm und stellte die Musikpolitik des Senders in Frage. Besonders die „einseitige Propagierung der Beatmusik“ missfiel ihm, er verlangte eine stärkere Betonung auf „allseitige Bildung“. Ein klarer Versuch, die musikalische Freiheit, die der Sender verkörperte, einzuschränken.&nbsp;Aber DT64 ließ sich nicht beirren.</p>
<p>Später sorgten die „Jugendkonzerte“, die ab 1976 regelmäßig ausgestrahlt wurden, und das im Jahr 1981 neugestaltete Abendprogramm (mit regelmäßigem Musikmix zwischen 19 und 24 Uhr) für einen regelrechten Boom. Auch der „Morgenrock“ und die „Hit-Globus-Show“ (mit Charts aus der BRD, Großbritannien und den USA) sorgten für Aufsehen und ließen die DDR-Jugend aufhorchen. Internationale Hits, die sonst nur über die West-Radio-Stationen oder von illegalen Bändern zirkulierten, fanden nun ihren Weg in die Häuser. Und durch das Programm „Duett – Musik für den Rekorder“, bei dem komplette Schallplatten abgespielt wurden, konnte man den Sound sogar mit nach Hause nehmen. Ein cleverer Schachzug, der es der aufkeimenden Jugendkultur ermöglichte, ihre eigene Musikbibliothek zu schaffen.</p>
<div id="attachment_3803-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3803-2" class="wp-image-3803" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/01/DT64.svg.jpg" alt="Keep it simple: Das Logo von DT64 fällt ins Auge." width="600" height="359"><p id="caption-attachment-3803-2" class="wp-caption-text">Keep it simple: Das Logo von DT64 fällt ins Auge. Abbildung: Public domain, via Wikimedia Commons</p></div>
<h2><span class="title-bg"><strong>Vom Wandel zur Revolution</strong></span></h2>
<p>Im Jahr 1986, als DT64 eigenständig wurde, war der Sender nicht mehr einfach nur ein Musikprogramm, er war ein kultureller Leuchtturm. Doch der Wind der Geschichte wehte immer schneller. Am 2. Oktober 1989 hatte das Ministerium für Staatssicherheit bereits Verbindungen zum „Neuen Forum“ vermerkt – eine Bewegung, die der Obrigkeit aufgrund ihrer rebellischen Attitüde eher unbequem war.</p>
<p>Die politische Stimmung in der DDR spitzte sich zu. Und DT64 blieb davon nicht unberührt. Als der Sender während der friedlichen Revolution samt seiner Montagsdemonstrationen über die Ereignisse berichtete, war er für viele die erste Anlaufstelle, um mehr über das zu erfahren, was in der Welt und im eigenen Land geschah.&nbsp;Und dann fiel die Mauer.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>DT64 nach 1990: Kampf ums Überleben</strong></span></h2>
<p>Als DT64 im April 1990 unter neuer Leitung und in einem veränderten Land wieder auf Sendung ging, war das Motto klar: „Power von der Eastside!“ Ab sofort war der Kanal rund um die Uhr auf Sendung und nicht nur die Tagesordnung wurde neu geschrieben, sondern auch die musikalischen Maßstäbe. Am 17. August 1990 starteten DT64 und der SDR 3 gemeinsam das ambitionierte Projekt „Top 2000 D“. Neun Tage lang wurden 2000 von den Hörern gewählte Songs gesendet.</p>
<p>Doch was anfangs wie ein Triumph wirkte, sollte bald einem unerbittlichen Wettlauf mit der Zeit weichen. Nur einen Monat nach diesem musikalischen Meilenstein, am 7. September 1990, wurden die Frequenzen von DT64 außerhalb Berlins ohne Vorankündigung an den westberliner Sender RIAS abgegeben. Ein harter Schlag für die Fans und eine unmissverständliche Botschaft, dass der Sender in der neuen Ära nicht sicher war. Es gab Empörung. Proteste in Berlin, Dresden und Neubrandenburg brachen los – die Leute wollten ihren Sender zurück. Die Wut war so groß, dass DT64 nach nur einem Tag der „Enteignung“ seine Frequenzen wiedererhielt. Doch damit war nur eine Schlacht gewonnen, nicht der Krieg.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>Spaltung und Widerstand</strong></span></h2>
<p>Mit der Wiedervereinigung und dem Inkrafttreten des Einigungsvertrages kam auch das große Zerreißen: Der Jugendkanal der DDR stand vor dem Aus. Es wurde beschlossen, dass bestimmte Programme, die als „spezielle Angebote“ galten, entweder abgewickelt oder in öffentlich-rechtliche Strukturen integriert werden müssten. DT64 – als ein solcher Fall – sollte in die Geschichte eingehen.</p>
<p>Doch die Fans des Senders waren nicht bereit, dabei einfach zuzusehen. Im Mai 1991 formierte sich an der Technischen Universität Chemnitz der Verein „Freunde des Jugendradio DT64 e. V.“, um für den Erhalt des Senders zu kämpfen. Es war der Beginn einer langen und leidenschaftlichen Protestwelle, die sich durch die einstigen DDR-Gebiete zog. In Leipzig, Dresden, Halle, Potsdam und Altenburg gingen Tausende auf die Straßen, um zu zeigen: DT64 war mehr als ein Sender. Er war ein Symbol für die Freiheit, für die Jugend und für die Musik.</p>
<div id="attachment_3813-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3813-2" class="wp-image-3813" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/01/Bundesarchiv_Bild_183-J0701-0301-001_Berlin_Nalepastrasse_Sendezentrum_Spree.jpg" alt="DT64 sendete vom Funkhaus Nalepastraße. Abbildung: Bundesarchiv, Bild 183-J0701-0301-001/CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, Wikimedia Commons" width="600" height="436"><p id="caption-attachment-3813-2" class="wp-caption-text">DT64 sendete vom Funkhaus Nalepastraße. Abbildung: Bundesarchiv, Bild 183-J0701-0301-001/CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, Wikimedia Commons</p></div>
<h2><span class="title-bg"><strong>Techno, Mayday und Politik</strong></span></h2>
<p>Mehr noch: DT64 war einer der ersten Sender, die Techno-Musik spielten. Die Sendung „Dancehall“ von Marusha wurde zum Kult. Zudem entstand 1991, als der Sender von Techno-DJs und der Berliner Szene gefeiert wurde, die „Mayday“, ein riesiger Indoor-Rave, der am 14. Dezember 1991 zum ersten Mal stattfand. Ursprünglich als Protestveranstaltung für den Erhalt von DT64 gedacht, entwickelte sich daraus eines der größten Festivals in Deutschland.</p>
<p>Doch die unsichere Lage und die fehlende Unterstützung vonseiten der Medienpolitiker wurde die Situation für den Sender immer unhaltbarer. Am 16. November 1991 gingen in Dresden nochmals 10.000 Menschen auf die Straße, um lautstark den Erhalt des Senders zu fordern. Es war ein letzter verzweifelter Versuch, dem Sender eine Zukunft zu sichern. Doch die Politik hatte andere Pläne.</p>
<h2><span class="title-bg"><strong>Schließung und letzte Fahrt</strong></span></h2>
<p>Am 12. Dezember 1991 lehnte der Bundestag einen Entschließungsantrag für den Erhalt von DT64 ab. In Magdeburg zeigte sich der MDR zwar bereit, den Sender für sechs Monate weiter auszustrahlen, doch das war im Prinzip nicht mehr als ein Gnadenakt. Schließlich, am 31. Dezember 1991, war für die Region Mecklenburg-Vorpommern Schluss: DT64 wurde dort aus den UKW-Frequenzen genommen.</p>
<p>Doch die Fans gaben nicht auf. Am 25. Januar 1992 fand in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle ein großer Rockmarathon statt. Ein Sonderzug fuhr nach Pankow, mit legendären Bands und einer Abfertigung durch Udo Lindenberg. Er brachte die Musik direkt auf die Schiene. Der Protest war groß, doch der Countdown lief unaufhaltsam. Am 18. Januar 1993 wurde beschlossen, die Produktion von DT64 nach Halle zu verlegen und ab März 1993 auf dem Astra-1B-Satelliten auszustrahlen. Aber auch das nützte nichts mehr, die politische Stimmung war längst gegen den Sender. Am 1. Mai 1993 war es dann endgültig vorbei.</p>
<p>Dass die Erinnerung dennoch lebendig bleibt, beweist auch die „Power von der Eastside!“-Neuauflage, die am 6. Dezember 2024, pünktlich zum 60. Jahrestag der Gründung, erschienen ist. Sie zeichnet die wesentlichen Kapitel eindrucksvoll nach, ergänzt durch Abbildungen und weitere Materialien. DT64 mag Geschichte sein. Aber was für eine!</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-3802" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/01/Power-von-der-Eastside.jpg" alt width="200" height="293">
<p>Heiko Hilker, Alexander Pehlemann, Andras Ulrich, Jörg Wagner (Hg.): „Power von der Eastside! Jugendradio DT64: Massenmedium und Massenbewegung“, Ventil Verlag 2024, 384 Seiten (Softcover), 28,00 €.</p></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/dt64-die-power-von-der-eastside-kehrt-zurueck/">DT64: Die Power von der Eastside kehrt zurück</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Andrej Hermlin: Die Ostschrippe</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/andrej-hermlin-die-ostschrippe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Sep 2024 22:10:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Kessel Buntes]]></category>
		<category><![CDATA[Musiker]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=1382</guid>

					<description><![CDATA[<p>Andrej Hermlin vom Swing Dance Orchestra „The Swinginʼ Hermlins“ ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch in dem Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/hermlin_ost-info.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1505" class="wp-image-1505 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/hermlin_ost-info.jpg" alt="Andrej Hermlin, Swing Dance Orchestra „The Swinginʼ Hermlins“. Abbildung: Uwe Hauth" width="706" height="1000"></a>Andrej Hermlin, Swing Dance Orchestra „The Swinginʼ Hermlins“. Abbildung: Uwe Hauth<br />
Nichts ist wohl so bitter und überwältigend wie eine enttäuschte Liebe. Wenn [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Andrej Hermlin vom Swing Dance Orchestra „The Swinginʼ Hermlins“ ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch in dem Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><span id="more-1382"></span></p>
<div id="attachment_1505-2" style="width: 716px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/hermlin_ost-info.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1505-2" class="wp-image-1505 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/hermlin_ost-info.jpg" alt="Andrej Hermlin, Swing Dance Orchestra „The Swinginʼ Hermlins“. Abbildung: Uwe Hauth" width="706" height="1000"></a><p id="caption-attachment-1505-2" class="wp-caption-text">Andrej Hermlin, Swing Dance Orchestra „The Swinginʼ Hermlins“. Abbildung: Uwe Hauth</p></div>
<p>Nichts ist wohl so bitter und überwältigend wie eine enttäuschte Liebe. Wenn der Junge das begehrte Mädchen nicht bekommt oder das Mädchen den begehrten Jungen nicht. Denke ich an das Ostdeutschland der letzten drei Jahrzehnte und insbesondere an jenes unserer Tage, so fällt mir fast zwangsläufig das Gleichnis von der enttäuschten Liebe ein.</p>
<p>Wie groß waren seinerzeit die Hoffnungen gewesen, vor über drei Jahrzehnten, als das kleine, missratene, graue Land im Osten aufging in der bunt schimmernden, scheinbar alles ermöglichenden großen Bundesrepublik. Fast über Nacht wandten sich viele Ostdeutsche von ihrer Vergangenheit ab.</p>
<p>Sie verließen ihre Schauspieler, ihre Dichter, ihre Musikanten. Sie wollten westlicher sein als der Westen, sie aßen nun keine Ostschrippen mehr, sondern die pappigen aus dem Supermarkt, der sich – „Achtung, frisch gestrichen!“ – in der alten Kaufhalle eingenistet hatte.</p>
<p>Die Ostdeutschen wollten keine Tomaten mehr aus Brandenburg, sondern jene aus den Niederlanden. Die schmeckten zwar fade, aber sie waren aus dem Westen.</p>
<p>Ach, waren die Hoffnungen groß, die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Doch das Mädchen wollte den Jungen nicht. Die Westler wiesen die Ostdeutschen schroff zurück. Lernen sollten sie, wie es im Kapitalismus so zugeht, sie hätten ja lang genug – zu lang – in einem kleinen, missratenen, grauen Land gelebt, während draußen das Leben war.</p>
<div id="attachment_1386-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/0B5A82832.5.A4┬®UweHauth.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1386-2" class="wp-image-1386" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/0B5A82832.5.A4┬®UweHauth.jpg" alt="Andrej Hermlin and his Swing Dance Orchestra. Abbildung: Uwe Hauth" width="600" height="400"></a><p id="caption-attachment-1386-2" class="wp-caption-text">Andrej Hermlin and his Swing Dance Orchestra. Abbildung: Uwe Hauth</p></div>
<div id="attachment_1387-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/785A18862┬®UWEHAUTH.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1387-2" class="wp-image-1387" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/785A18862┬®UWEHAUTH.jpg" alt="Andrej Hermlin mit seiner Tochter Rachel Hermlin und seinem Sohn David Hermlin. Abbildung: Uwe Hauth" width="600" height="400"></a><p id="caption-attachment-1387-2" class="wp-caption-text">Andrej Hermlin mit seiner Tochter Rachel Hermlin und seinem Sohn David Hermlin. Abbildung: Uwe Hauth</p></div>
<p>Sie seien wie kleine Kinder, die erst einmal erzogen werden müssten, bevor sie irgendwann groß werden könnten. Dann, aber auch nur dann würde man sie – in ferner, unabsehbarer Zukunft – aufnehmen in den Kreis der gleichberechtigten Erwachsenen. Das begehrte Mädchen hatte flüchtig mit dem Auge gezwinkert.</p>
<p>Haltet euch ran, hieß es, fragt nicht viel, lasst uns das machen, dann wird die Werbung aus dem Westfernsehen wahr.</p>
<p>Dafür sollten die Ostdeutschen allerdings nur die Hälfte des Lohns bekommen, und die große Karriere lebten ihnen die Westler vor. Auch im Osten. Einige Zeit hielt sich die Hoffnung auf Liebe. Aber irgendwann spürten die Menschen in Ostdeutschland, dass es nichts werden würde mit dem begehrten Mädchen oder dem begehrten Jungen. Sie zogen sich in sich selbst zurück. Auf einmal war der Kessel Buntes wieder bunt. Und die Puhdys irgendwie wieder cool, zumindest in der Provinz.</p>
<p>An die Dichter wollte man sich dann doch nicht näher erinnern, das war zu kompliziert. Und sie hatten ja auch ihre Schuldigkeit getan, als mutige „Hans, du hast die größten Schuhe an“ in einem Land der Jungen Welt und des Neuen Deutschlands.</p>
<p>Wenn ihr uns nicht wollt, sagten sich die Zurückgewiesenen, dann sind wir eben wieder die Ostler, die Ossis. Ihr versteht uns sowieso nicht, aber wir haben die Revolution gemacht, wir sind echt, ihr seid falsch. Wir sind das Volk, wer seid ihr?</p>
<div id="attachment_1388-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/1361000101┬®UweHauth.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1388-2" class="wp-image-1388" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/1361000101┬®UweHauth.jpg" alt="Auf Tournee in New York: Andrej Hermlin 2002. Abbildung: Uwe Hauth" width="600" height="393"></a><p id="caption-attachment-1388-2" class="wp-caption-text">Auf Tournee in New York: Andrej Hermlin 2002. Abbildung: Uwe Hauth</p></div>
<div id="attachment_1389-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/DSC07696┬®uwehauth.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1389-2" class="wp-image-1389" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/DSC07696┬®uwehauth.jpg" alt="Auftritt der „Swingin‘ Hermlins“ während der Coronapandemie, Berlin 2021. Abbildung: Uwe Hauth" width="600" height="400"></a><p id="caption-attachment-1389-2" class="wp-caption-text">Auftritt der „Swingin‘ Hermlins“ während der Coronapandemie, Berlin 2021. Abbildung: Uwe Hauth</p></div>
<p>Jene Partei, die man zuvor noch verflucht hatte, wurde nun zum Sprachrohr eines gedemütigten Selbst. Man wählte sie nicht, weil sie vorgab, noch immer irgendwie sozialistisch sein zu wollen oder weil sie einen Parteivorsitzenden mit jüdischem Hintergrund hatte – sondern trotz alledem. Eine Weile ging das gut, aber später tauchte dann doch noch eine andere Bewegung auf, die den Gefühlen vieler Ostdeutscher besser entsprach.</p>
<p>Man musste jetzt Ausländer nicht mehr zähneknirschend gut finden, im Ausländersein hatte man schließlich Erfahrung, man konnte die unerwünschte Konkurrenz jetzt beim Namen nennen.</p>
<p>Hin und wieder brannte es in Ostdeutschland, wenn die Wut überschäumte. Heute brennen vor allen Dingen noch die Seelen.</p>
<p>Und doch: Was wurde damals über den korpulenten Kanzler gelacht und seine blühenden Landschaften. Aber nur ein Blinder kann heute leugnen, dass es sie gibt. Wenn auch mit großer Verspätung.</p>
<p>Ich habe mich nie als Ostler gefühlt, ich wollte vom westdeutschen Mädchen nicht geliebt werden, aber ich habe oft nach meiner Identität gesucht. Was ist meine Heimat? Die DDR, Deutschland, Ostdeutschland, Berlin, Ostberlin, Pankow? Am ehesten wohl noch Benny Goodman.</p>
<p>Die Ostdeutschen – sie werden das Mädchen nicht mehr bekommen. Den Jungen auch nicht. Vielleicht wächst es sich aus, in einigen Jahrzehnten oder Generationen. Aber bis auf Weiteres verstehen die einen die anderen nicht und die anderen die einen auch nicht.</p>
<p>Was bleibt, ist die Ostschrippe.</p>
<div id="attachment_1390-2" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/08627┬®UWEHAUTH.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1390-2" class="wp-image-1390" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/08627┬®UWEHAUTH.jpg" alt="Live-Sendung „The Music Goes Round And Around“ während des ersten Lockdowns, Berlin, April 2020. Abbildung: Uwe Hauth" width="600" height="400"></a><p id="caption-attachment-1390-2" class="wp-caption-text">Live-Sendung „The Music Goes Round And Around“ während des ersten Lockdowns, Berlin, April 2020. Abbildung: Uwe Hauth</p></div>
<div id="attachment_1391-2" style="width: 398px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/poster_A1_newyear┬®Uwe-Hauth.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1391-2" class="wp-image-1391" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/poster_A1_newyear┬®Uwe-Hauth.jpg" alt="Plakat für ein Konzert des Swing Dance Orchestras in Halle (Entwurf Uwe Hauth). Abbildung: Uwe Hauth" width="388" height="550"></a><p id="caption-attachment-1391-2" class="wp-caption-text">Plakat für ein Konzert des Swing Dance Orchestras in Halle (Entwurf Uwe Hauth). Abbildung: Uwe Hauth</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Andrej Hermlin</span></h2>
<p><strong>GEBOREN:</strong> 1965/Berlin (Ost)<br>
<strong>WOHNORTE (aktuell):</strong> Berlin, Nairobi<br>
<strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> <a href="https://amzn.to/4crwdZr" target="_blank" rel="noopener">Stephan Hermlin: „Abendlicht“, 1979</a><br>
<strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „Ich war neunzehn“, 1968<br>
<strong>MEIN URLAUBSTIPP:</strong> Usedom</p>
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<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/07/Cover-Denke-ich-an-Ostdeutschland.jpg" width="342" height="483">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p>In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist auch 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Dieser Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2024, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
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