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Padraig Parkhurst: „In Ostdeutschland gab es Rockmusik?!“

Der aus­tra­li­sche Musik­wis­sen­schaft­ler Dr. Padraig Park­hurst ent­deck­te die DDR-Rock­mu­sik eher zufäl­lig für sich. Hier beschreibt er, wie er erst zu einem Fan wur­de und dann sogar eine Dok­tor­ar­beit zu dem The­ma schrieb.

Der Musikwissenschaftler Padraig Parkhurst. Über das Lied „Der Losverkäufer“ der ostdeutschen Rockgruppe Panta Rhei entwickelte er seine Leidenschaft für die DDR-Rockmusik. Abbildung: Padraig Parkhurst

Der aus­tra­li­sche Musik­wis­sen­schaft­ler Dr. Padraig Park­hurst. Über das Lied „Der Los­ver­käu­fer“ der ost­deut­schen Rock­grup­pe Pan­ta Rhei ent­wi­ckel­te er sei­ne Lei­den­schaft für die DDR-Rock­mu­sik. Abbil­dung: Padraig Parkhurst

War­um soll­te ein Aus­tra­li­er über popu­lä­re DDR-Musik pro­mo­vie­ren wol­len? Weil ich mei­ne Lei­den­schaft zum Beruf gemacht habe. Ursprüng­lich war ich kein Musik­wis­sen­schaft­ler, son­dern Musi­ker mit Abschlüs­sen in Gitar­re und Kom­po­si­ti­on. Wäh­rend des Lock­downs im Jahr 2020 hat­te ich für mein elek­tro­ni­sches Musik­pro­jekt „Anar­cho­so­phist“ kei­ne Gele­gen­heit mehr zum Cra­te­dig­ging (Stö­bern nach Vinyl­schei­ben), also such­te ich statt­des­sen im Netz nach inter­es­san­ter Musik. Dabei stieß ich auf ein Lied, das mein Leben ver­än­dern soll­te. Es war fun­ky, hea­vy, pro­gres­siv und ein­zig­ar­tig. Es heißt „Der Los­ver­käu­fer“ und stammt von der ost­deut­schen Rock­grup­pe Pan­ta Rhei.

Ost­deut­sche Rock­grup­pe?! Ich dach­te, das muss ein Feh­ler sein. Trotz mei­ner Uni­ver­si­täts­aus­bil­dung wuss­te ich, wie vie­le Leu­te in west­li­chen Län­dern, fast nichts über die DDR. In der Vor­stel­lung vie­ler Aus­tra­li­er erscheint die DDR fast wie Nord­ko­rea. Des­halb konn­te es dort natür­lich kei­ne ech­te Rock­mu­sik gege­ben haben, höchs­tens ein wenig Marsch­mu­sik, nicht wahr?!

Die DDR-Musikszene war groß und vielfältig

Mir öff­ne­te sich der Weg in eine ver­gan­ge­ne Welt. Er führ­te dazu, dass ich vier Jah­re spä­ter dem Pan­ta-Rhei-Kom­po­nis­ten Hen­ning Protz­mann in einem Café am Müg­gel­see gegen­über­saß. Aber der Rei­he nach: Als ich anfing, zur Musik­sze­ne in der DDR zu recher­chie­ren, fand ich nicht nur Repres­si­on und Büro­kra­tie, son­dern auch groß­zü­gi­ge För­de­rung und ein fas­zi­nie­ren­des Geschäfts­mo­dell. Letz­te­res war fast unglaub­lich. Ab die­sem Moment woll­te ich alles dar­über her­aus­fin­den und wur­de zu einem über­zeug­ten Fan ost­deut­scher Musik. Sie ver­eint Vir­tuo­si­tät und Kom­ple­xi­tät mit Funk und Geschmack.

Haben Sie bemerkt, dass ich nicht „Ost­rock“ sage? Obwohl die Musik sehr ein­zig­ar­tig war, gab es fast jedes im Wes­ten ver­tre­te­ne Gen­re auch in der DDR. Mit mehr als 5.000 regis­trier­ten Ama­teur­bands und rund 110 Pro­fi-Bands war die DDR-Musik­sze­ne groß und viel­fäl­tig. Jede Stadt hat­te ihre eige­ne Sze­ne und ihr eige­nes Flair: von säch­si­schem Art-Rock und Mag­de­bur­ger NDW bis hin zu Ost­ber­li­ner Post-Punk. Obwohl Auf­nah­men in Aus­tra­li­en schwer zu bekom­men waren, such­te ich beharr­lich danach.

Spielen auf „Quaster“ Hertrampfs Gitarre

Immer wenn ich Aus­tra­li­ern davon erzähl­te, erhielt ich eine von zwei Reak­tio­nen. Eini­ge Musi­ker äußer­ten Neid auf die gesi­cher­ten Hono­rar-Rah­men ihrer ost­deut­schen Kol­le­gen. Ande­re ent­geg­ne­ten, ich sei nicht kri­tisch genug, und sag­ten nur ver­ächt­lich: „Frag doch ein­fach jeman­den aus einem kom­mu­nis­ti­schen Land!“ Das Pro­blem ist aber, dass eine ein­zel­ne Per­son kein reprä­sen­ta­ti­ver Daten­satz ist. Des­halb frag­te ich vier Jah­re spä­ter, im Rah­men mei­ner Dok­tor­ar­beit, nicht nur eine Per­son, son­dern fast sechzig.

Dr. Padraig Parkhurst mit dem Komponisten Michael Heubach („Du hast den Farbfilm vergessen“). Parkhurst hat mit vielen DDR-Bands, Produzenten und Kulturfunktionären Interviews geführt. Abbildung: Padraig Parkhurst

Dr. Padraig Park­hurst mit dem Kom­po­nis­ten Micha­el Heu­bach („Du hast den Farb­film ver­ges­sen“). Park­hurst hat mit vie­len DDR-Bands, Pro­du­zen­ten und Kul­tur­funk­tio­nä­ren Inter­views geführt. Abbil­dung: Padraig Parkhurst

Inzwi­schen habe ich aus fast jeder gro­ßen DDR-Band min­des­tens ein Mit­glied inter­viewt, außer­dem Text­dich­ter, Pro­du­zen­ten und Kul­tur­funk­tio­nä­re. Jedes ein­zel­ne Inter­view war für mich sowohl als Fan als auch als Musik­wis­sen­schaft­ler unwirk­lich. Mei­ne liebs­ten Kom­po­nis­ten, dar­un­ter Micha­el Heu­bach und Arnold Fritzsch, haben mir ori­gi­na­le, hand­ge­schrie­be­ne Noten gezeigt. Uwe Hass­be­cker spiel­te mir Ori­gi­nal-Demo-Kas­set­ten aus den Febru­ar-Ses­si­ons vor, Bernd Römer prä­sen­tier­te mir eine von allen Karat-Mit­glie­dern signier­te Plat­te von „Über sie­ben Brü­cken“. Ein­mal durf­te ich mit Erlaub­nis von Die­ter „Quas­ter“ Her­trampf auf einer sei­ner Gitar­ren spie­len, sah Ste­fan Laschs Spiel­erlaub­nis und trank ein Bier mit Mit­glie­dern von City, NO55, Mon­okel, Die Skep­ti­ker und For­mel 1 in ver­schie­de­nen Ost­ber­li­ner Knei­pen. Es war, um es mit einem Wort zu sagen, unglaublich.

Alle Musi­ker – inklu­si­ve derer mit gol­de­nen Schall­plat­ten an der Wand – waren mir gegen­über sehr offen und freund­lich. Dafür gibt es wohl meh­re­re Grün­de: Ich bin Aus­tra­li­er und selbst Musi­ker, des­halb ver­band sich mei­ne wis­sen­schaft­li­che Neu­gier mit dem rich­ti­gen Stall­ge­ruch des Rockers. Aber viel­leicht lag es auch dar­an, dass sich mein Inter­es­se, im Gegen­satz zu vie­len ande­ren For­schern, nicht nur auf „Wider­stand gegen das Sys­tem“, son­dern auch auf den All­tag der Musi­ker rich­te­te. Im Gegen­satz zu eini­gen Musik­wis­sen­schaft­lern habe ich mich nicht auf die ille­ga­le Punk­sze­ne spe­zia­li­siert, son­dern ganz bewusst auf die Profiszene.

Zwischen staatlichen Strukturen und Überwachung

In der west­li­chen Vor­stel­lung war jeder DDR-Bür­ger ent­we­der Dis­si­dent oder Kol­la­bo­ra­teur. Ich fand kei­nes von bei­dem vor, son­dern nor­ma­le Men­schen. Selbst ein ent­schie­de­ner Regime­kri­ti­ker wie Wolf Bier­mann hät­te sei­ne Lie­der wohl ver­mut­lich bei VEB Deut­sche Schall­plat­ten ver­öf­fent­licht, wenn man ihm die­se Mög­lich­keit gege­ben hät­te. Er hat zumin­dest zwei­mal anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Lie­der direkt an Ulb­richt oder den Kul­tur­mi­nis­ter geschickt.

Padraig Parkhurst mit Toni Krahl, dem Frontmann von City. Abbildung: Padraig Parkhurst

Padraig Park­hurst mit Toni Krahl, dem Front­mann von City. Abbil­dung: Padraig Parkhurst

Jeder, mit dem ich sprach, erzähl­te mir kom­ple­xe Geschich­ten, die den ver­ein­fa­chen­den Erzäh­lun­gen wider­stan­den. Nie­mand war undif­fe­ren­ziert pro oder con­tra. Leu­te mit schreck­li­chen Erleb­nis­sen – Gefäng­nis, Über­wa­chung, ver­hin­der­te Kar­rie­re – spra­chen den­noch posi­tiv über beson­de­re Aspek­te oder Funk­tio­nä­re, die ihnen gehol­fen hat­ten. Eben­so erzähl­ten enthu­si­as­ti­sche SED-Mit­glie­der bit­te­re­re Geschich­ten von staat­li­cher Miss­wirt­schaft oder per­so­nel­len Schwierigkeiten.

Was auch immer die DDR ihrer Mei­nung nach war, sie hat­ten dort einen gro­ßen Teil ihres Lebens­werks voll­bracht. Im Staats­so­zia­lis­mus zu leben, bedeu­te­te eben, in staat­li­che Struk­tu­ren ein­ge­bun­den zu sein. Das Polit­bü­ro der SED hat­te nur zwei Dut­zend Mit­glie­der und das Zen­tral­ko­mi­tee rund 200, doch der Par­tei gehör­ten ins­ge­samt 2,3 Mil­lio­nen Ost­deut­sche an. Mehr als 90 Pro­zent der Werk­tä­ti­gen arbei­te­ten im sozia­lis­ti­schen Wirt­schafts­sek­tor – und dabei sind LPGs noch nicht ein­mal mitgerechnet.

Padraig Parkhurst mit Dieter „Maschine“ Birr, Sänger der Puhdys. Abbildung: Padraig Parkhurst

Padraig Park­hurst mit Die­ter „Maschi­ne“ Birr, Sän­ger der Puh­dys. Abbil­dung: Padraig Parkhurst

Eine der aktivsten Live-Kunst-Szenen der Welt

Ich hat­te mich schon früh gefragt, war­um so vie­le Musi­ker dar­auf bestan­den, dass ich mit pro­mi­nen­ten Kul­tur­funk­tio­nä­ren spre­chen soll­te. Ich hat­te erwar­tet, dass die­se als Unter­drü­cker dar­ge­stellt wer­den wür­den, doch die Künst­ler bezeich­ne­ten bestimm­te Funk­tio­nä­re als „Mit­kämp­fer“ für ost­deut­sche Musik. Nach meh­re­ren Inter­views wur­de mir klar, dass vie­le von ihnen in den staat­li­chen Struk­tu­ren sinn­vol­le Arbeit leis­ten woll­ten. Sie woll­ten Talen­te ent­de­cken, Fes­ti­vals oder Auf­nah­men orga­ni­sie­ren und För­de­rung und Schutz­maß­nah­men für Musi­ker bereit­stel­len. Sie taten das mit eini­gem Erfolg – DDR-Bands gehör­ten zu den aktivs­ten Live-Künst­lern der Welt. Ande­rer­seits mach­ten dog­ma­ti­sche Kräf­te man­chen Musi­kern das Leben sehr schwer. Um ihr Leben zu ver­ste­hen, muss­te ich zunächst jeden DDR-Bür­ger als Indi­vi­du­um mit Hand­lungs­fä­hig­keit verstehen.

Es ist ein­fach, das Kli­schee vom unter­drück­ten Kul­tur­schaf­fen­den zu kol­por­tie­ren, den die west­li­che Geschichts­schrei­bung im DDR-Musi­ker sehen will. Die Wahr­heit ist jedoch erheb­lich kom­ple­xer. Mei­ne wis­sen­schaft­li­che Auf­ar­bei­tung „Agen­cy, Agen­ci­es, & Agents: Popu­lar music and the ‚sta­te‘ in Hon­ecker-era East Ger­ma­ny, 1971-1989“ belegt das im Detail.

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