Heute startet die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA. Passend dazu widmen wir uns zwei Neuerscheinungen zum Fußball in Ostdeutschland: „Plattgemacht“ und „Der geteilte Rasen“. Sie erzählen vom steinigen Weg, den der Ostfußball seit der Wende zu gehen hat.
| BUCHTIPP:
Jan Mohnhaupt: „Der geteilte Rasen: Fußball in den Wendejahren 1989-1992“, Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2026, 224 Seiten, 24,90 €. |
Jan Mohnhaupt schildert in seinem Buch Partien der DDR-Oberliga, der Bundesliga und der zweiten Liga sowie Länderspiele und Europacup-Begegnungen und verbindet diese mit den Ereignissen jener Zeit. Beispielhaft dafür stehen die UEFA-Cup-Halbfinals von Dynamo Dresden gegen den VfB Stuttgart im April 1989. Stuttgart galt als Favorit und gewann das Hinspiel 1:0. Dresden schaffte im Rückspiel zwar spät den Ausgleich, schied nach großem Kampf aber in der Summe beider Spiele aus. Die knappen Ergebnisse spiegeln die Konkurrenzfähigkeit des DDR-Spitzenfußballs kurz vor der Wende wider.
Ebenso prägend war die WM-Qualifikationspartie DDR gegen die Sowjetunion am 8. Oktober 1989 in Karl-Marx-Stadt. Während in der DDR die Proteste gegen das SED-Regime zunahmen, gelang ihrer Auswahl ein überraschender 1:0-Sieg durch einen Treffer von Andreas Thom. Die Hoffnung auf die Teilnahme an der WM 1990 lebte damit weiter. Doch wenige Tage später fiel die Berliner Mauer. Das Team erlebte die historischen Bilder, während es sich zur Vorbereitung in der Sportschule Abtnaundorf in Leipzig befand. Die Konzentration auf das entscheidende Qualifikationsspiel sechs Tage später in Wien gegen Österreich ging daraufhin verloren. Die DDR erlebte ein 0:3-Debakel und verpasste die WM-Teilnahme. Dem späteren Weltmeister von 1990, der BRD, gelang am selben Tag die Teilnahme durch einen knappen 2:1-Sieg gegen Wales.
Mohnhaupt erinnert auch an den dramatischen Dreikampf um die DDR-Meisterschaft 1989/1990 zwischen Dynamo Dresden, dem 1. FC Magdeburg und dem FC Karl-Marx-Stadt (heutiger Chemnitzer FC) sowie an das letzte NOFV-Pokalfinale 1991 zwischen Hansa Rostock und dem Eisenhüttenstädter FC Stahl. Mit Hansas 1:0-Sieg endete symbolisch auch die Ära des DDR-Fußballs. Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie eng sportliche Entwicklungen und der rasante politische Wandel von 1989 bis 1992 miteinander verflochten waren.
| BUCHTIPP:
Mathias Liebing: „Plattgemacht: Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte“, Edel Sports Verlag, Hamburg 2026, 304 Seiten, 18,99 €. |
Mathias Liebing zeichnet in seinem Buch die Geschichte des ostdeutschen Fußballs von 1989 bis heute nach. Zentrales Thema ist die Frage, warum sich viele Vereine nach der Wende nicht dauerhaft im Profifußball etablieren konnten. Ein wesentlicher Faktor war der schnelle Abfluss von Talenten in den Westen. Bereits wenige Tage nach dem Mauerfall wurden Spieler wie Andreas Thom, Matthias Sammer und Ulf Kirsten beim DDR-Länderspiel gegen Österreich umworben. Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund schaffte es beinahe, alle drei Spieler zur Werkself zu holen. Im Fall von Matthias Sammer lag es nach Calmunds Angaben nur an einer Intervention durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, dass der Spieler schließlich zum VfB Stuttgart wechselte. Darüber hinaus beschreibt das Buch die wirtschaftlichen Folgen der Transformation. Am Beispiel von Stahl Brandenburg wird deutlich, wie der Zusammenbruch industrieller Strukturen und Entscheidungen der Treuhand vielen Vereinen die finanzielle Grundlage entzogen.
Liebing macht jedoch nicht nur auf Vorgänge von westdeutscher Seite aufmerksam. Er spart die Verantwortung ostdeutscher Klubs nicht aus. In Bezug auf den FC Carl Zeiss Jena beschreibt er Defizite in der Öffentlichkeitsarbeit und beim Marketing. Zu Dynamo Dresden hält er Management- und Vermarktungsfehler der 1990er-Jahre fest. Seine Gespräche mit dem ehemaligen Dynamo-Spieler und -Verantwortlichen Ralf Minge zeigen, wie mangelnde Erfahrung im modernen Profifußball zu nachteiligen Verträgen und finanzieller Abhängigkeit führte.
Dem gegenüber stellt Liebing Erfolgsgeschichten. So hielt sich Energie Cottbus von 1997 bis 2014 im Profifußball und kehrte 2026 in die zweite Liga zurück. Auch Erzgebirge Aue und Hansa Rostock konnten sich über einen längeren Zeitraum im Profibereich behaupten. Als weiteres positives Beispiel beschreibt Liebing den Erfolgsweg des 1. FC Union Berlin. Im Gespräch mit dem Autor erklärt Union-Präsident Dirk Zingler den Weg des Vereins vom Regionalligisten zum Champions-League-Teilnehmer, der gegen Real Madrid spielte. Als Schlüssel nennt Zingler die Rückbesinnung auf regionale Identität, Verantwortung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Er verdeutlicht die Situation in den 1990er-Jahren in Ostdeutschland wie folgt: „Im Osten glaubten viele, dass sie es nicht können. Im Westen glaubten sie, dem Osten alles zeigen zu müssen. Diese Konstellation ist in den 1990er-Jahren brutal gescheitert und hat den Wiedervereinigungsprozess um viele Jahre zurückgeworfen.“
Trotz der schwierigen Historie der letzten 36 Jahre blickt Mathias Liebing im Fazit vorsichtig optimistisch nach vorn. Er hält die heutigen Voraussetzungen für besser als unmittelbar nach der Wende und sieht Chancen, dass sich mehrere ostdeutsche Vereine langfristig im Profifußball etablieren können. Mit Anekdoten, Interviews und umfangreicher Recherche erklärt „Plattgemacht“, wie es zur schwierigen Lage des Fußballs in Ostdeutschland kam und welche Möglichkeiten für seine Zukunft bestehen. Das Buch ist somit eine informative Lektüre, die sich sehr gut zum besseren Verständnis für die schwierige Geschichte des Ostfußballs seit 1989 eignet.
Zwei tolle Bücher für die Zeit zwischen den WM-Partien. Übrigens: Mit Maximilian Beier gehört auch ein Ostdeutscher zu unserer Nationalmannschaft.






























