Prof. Dr. Timo Meynhardt, Inhaber des Dr. Arend Oetker Lehrstuhls für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL Leipzig Graduate School of Management sowie Geschäftsführer des Zentrums für Führung und Werte in der Gesellschaft an der Universität St. Gallen, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Prof. Dr. Timo Meynhardt, Inhaber Dr. Arend Oetker Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie und Führung, HHL Leipzig Graduate School of Management, Geschäftsführer Zentrum für Führung und Werte in der Gesellschaft, Universität St. Gallen. Abbildung: Hagen Wolf
Es gab in den letzten vier Jahrzehnten wohl kaum ein Land, in dem ein Teil davon sich so intensiv mit der eigenen jüngeren Geschichte auseinandergesetzt hat. Die eingehende Selbst- und Fremdbefragung wird im Rückblick, so glaube ich, ein zweites Glück nach der Wiedervereinigung gewesen sein. Die Rede ist von Ostdeutschland.
So sperrig, missverständlich und unbeholfen der Begriff auch ist, bringt er doch etwas auf den Punkt. Es geht um verallgemeinernde Zuschreibungen und eine Gesamt-Ansprache, durch welche diese soziale Identität seit 1989 erst geformt wurde. Ich selbst benutze die Kategorisierung „Ostdeutschland“ für mich persönlich nicht, weil sie eben nur einen Teil von mir betrifft und mir daher zu pauschal ist. Auf einer gesellschaftlichen Ebene ist der Begriff eine nützliche, ja unverzichtbare Fiktion – oder müsste geradezu erfunden werden –, um sein Potenzial für die Zukunft zu erkennen.
Vor einigen Jahren hatte ich in der „Zeit im Osten“ (Nr. 49/2019, 28. November 2019) von den „Gegenwartsvisionären“ geschrieben und dafür durchaus einige Kritik einstecken müssen. Hier möchte ich den Gedanken wieder aufnehmen und entwickeln. Teilweise kommen auch Passagen aus dem damaligen Aufsatz zum Tragen.
Es geht mir um eine kollektive Erfahrung: Wie wenig aussichtsreich, ja gefährlich es sein kann, die Welt von einer fernen Zukunft her zu denken, sich einem größeren Plan zu verschreiben oder einer wie auch immer gearteten Utopie. Oder andersherum: Die Erfahrung des Zusammenbruchs einer Vision und der Vergänglichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse am eigenen Leib schwächt den menschlichen Optimismus. Beides stärkt umgekehrt den Blick für das Unvorhersehbare und für die unmittelbare Gegenwart. Zukunftsversprechen dekonstruieren sich wie von selbst.
Denke ich an Ostdeutschland, denke ich an eine noch unverstandene deutsche Möglichkeit.”
Hin zum ostdeutschen Existenzialismus
Das ist schwer auszuhalten und scheinbar einfache Lösungen werden für viele attraktiv. Das ist längst kein Argument zulasten der Gegenwartsvision. Es geht mir um die grundsätzliche Idee, unabhängig davon, wie sich diese gerade in Meinungsumfragen oder Wahlergebnissen spiegelt. Der Gedanke ist auch nicht besonders neu und findet sich als Erfahrungswissen in der Geschichte immer wieder. Er kann aber auch verloren gehen und uns bequem werden lassen, wenn wir beginnen, uns insbesondere von der Politik aufs Neue mit Zukunftsversprechen einlullen zu lassen.
Mir ist aber auch klar, dass ein Land ohne zugkräftige Zukunftsidee innerlich zerfällt. Weil das Verbindende verloren geht oder zu viele sich in die Vergangenheit flüchten. Gegenwartsvisionäre widerstehen der Verführung durch Versprechungen. Sie konzentrieren sich demütig auf den Moment. Sie sind mutig, weil sie sagen, wie unsicher alles ist, und weil sie fähig sind, dies in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Sie begeistern durch leidenschaftlichen Realismus und leben ihre Utopie in der Gegenwart. In der Personenbeschreibung würde auch stehen: „Ist in der Lage, Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart pragmatisch zu verbinden“.
In unserer ohnehin visionsarmen Zeit zielt diese Denkhaltung auf das im Hier und Heute Machbare. Wichtig ist mir an der Idee der Gegenwartsvision, dass sie in Ostdeutschland noch (oder wieder einmal) besonders präsent ist. Vielleicht wird man eines Tages auch von einem ostdeutschen Existenzialismus sprechen, also der Notwendigkeit, das eigene Leben immer wieder selbst in die Hand nehmen zu müssen. Das ist sehr anstrengend und ein harter Parcours, denn der Verlust gesellschaftlicher Utopien ist auch eine Freiheit, die uns überfordern kann.

Neugier in Kinderjahren. Abbildung: privat/Prof. Dr. Timo Meynhardt
Anschauungsmaterial Literatur & Politik
Wer der Orientierungslosigkeit nach Utopieverlust nachspüren will, findet reichlich Anschauung in der Gegenwartsliteratur. Clemens Meyer zeigt in seinem Wenderoman „Als wir träumten“ eine beschädigte Jugend in den 1990er-Jahren. Uwe Tellkamp rekonstruiert in seinem bildungsbürgerlichen Sittengemälde „Der Turm“ den Untergang der realsozialistischen Vision. Jenny Erpenbeck hat mit „Kairos“ die lebensgeschichtlichen Visionsverstrickungen über zwei DDR-Generationen so meisterhaft wie schmerzhaft in Szene gesetzt. Ganz unübertroffen ist für mich allerdings Heiner Müller, der sein ganzes Schriftsteller- und Dramatikerleben dem Umgang mit Utopierverlusten widmete. In Anlehnung an ein Liebesgedicht von Bertolt Brecht dichtete er bereits 1955:
„Bilder bedeuten alles am Anfang. Sind haltbar.
Geräumig.
Aber die Träume gerinnen, werden Gestalt und
Enttäuschung.
Schon den Himmel hält kein Bild mehr. Die
Wolke, vom Flugzeug
Aus: ein Dampf der die Sicht nimmt. Der Kranich nur
noch ein Vogel.“
Wer Visionen bewirbt, verweist gern auf die motivierende Kraft von Entwürfen und eine gemeinsame Zielausrichtung, ohne die nichts Neues entstehe. Die Ostdeutschen, zumindest die Gegenwartsvisionäre unter ihnen, verfügen über einen gewissen Sweet Spot: Sie wissen, dass es vergeblich ist, sich an gesellschaftlichen Visionen auszurichten. Die Zukunft ist ihnen nicht vergangen, weil sie keine Erwartungen mehr hätten – sondern weil sie diese in der Gegenwart zu realisieren suchen. Das Leben in der DDR hat in diesem Sinne die „geschichtliche Zeiterfahrung“, wie der in Sachsen geborene Historiker Reinhart Koselleck es nannte, verändert. So wie den Ostdeutschen in 40 DDR-Jahren ein gesetzmäßiger Verlauf der Geschichte suggeriert wurde, ist nun die Erkenntnis gewachsen, wie wenig vorhersagbar die geschichtliche Entwicklung ist. Durch ihre Erfahrungen sind Ostdeutsche realistisch geworden. Sie sind sensibel und aufmerksam dafür, wie verletzlich ein Gemeinwesen ist. Sie haben einen Pragmatismus erlernt, der sich ganz unideologisch auf das Machbare im Hier und Jetzt konzentriert. Genau so ließ sich letztlich teils auch der Führungsstil Angela Merkels erklären. Auf meine Initiative haben wir ihr an meiner Hochschule in Leipzig auch und gerade dafür eine Ehrendoktorwürde verliehen.

Drang zum Tor. Abbildung: privat/Prof. Dr. Timo Meynhardt
Illusionsfrei in der Realität
Um nicht falsch verstanden zu werden: Mit der ostdeutschen Skepsis gegenüber Visionen ist nicht gemeint, den Zustand der Welt fatalistisch anzunehmen und sich einem unvermeidlichen Schicksal zu fügen. Nein, die utopische Energie richtet sich stattdessen mit aller Kraft auf die Gegenwart, weil nur sie wirklich gestaltbar ist. Darin zeigt sich eine Vision neuen Typs, die sich pragmatisch an Idealen orientiert, die den Menschen annehmen, wie er ist – und nicht wie er sein könnte. Ich nenne dies Gegenwartsvision.
Diese Gegenwartsvision ist nicht zukunftsvergessen und gegenwartsversessen, sondern stellt sich dem, was ist. Zukunft ist, was machbar ist. Dass die Ostdeutschen das erkannt haben, ist eine Stärke, vielleicht auch eine ostdeutsche Denk- und Lebenshaltung. In ihr liegt die Kraft des Pragmatismus, der sich in einer konkreten Situation immer wieder neu zu bewähren hat. Unhaltbarer Fortschrittsglaube weicht dem illusionsfreien Streben nach dem Machbaren in der Gegenwart. Der im Gehen entstehende Weg ist das Ziel.
Ist das Auf-Sicht-Fahren, das Pragmatisch-Entscheiden nicht auch mehr denn je ein probates Mittel in einer immer weniger vorhersehbaren Welt? Wenn die Dinge sich schnell ändern können, ist es gut, Schauspiel und Fassade in den Hintergrund treten zu lassen und zu wissen, was wirklich grundlegend und was in Wahrheit gar nicht so wichtig ist. So ein östlicher Blick birgt auch ein Innovationspotenzial für gesellschaftliche Entwicklungen und das Gemeinwesen.
Man kann ja versuchen, die Zukunft aktiv zu gestalten. Und genau an diesem Zukunftspunkt hält die ostdeutsche Geschichte einige Einsichten bereit. Es wäre fahrlässig, diesen Impuls nicht zu nutzen oder ihn nur in der Literatur und der Kunst fortleben zu lassen.

Immer wieder Ostsee. Abbildung: privat/Prof. Dr. Timo Meynhardt
Vorwärts in der Realität
Ich möchte es noch einmal zuspitzen: Denke ich an Ostdeutschland, denke ich an eine noch unverstandene deutsche Möglichkeit. Die Erfahrungen im Umgang mit Eigentum (Enteignung, Volkseigentum, Rückgabe vor Entschädigung), in der Kindererziehung oder beim Verhältnis zwischen den Geschlechtern sind teilweise schon jetzt ein Wettbewerbsvorteil Ost. Sie könnten aber noch stärker für die gesamte Bundesrepublik zu einem attraktiven Angebot werden.
Dies war auch der Grund, warum ich vor der Bundestagswahl 2025 zwei Ostbeauftragte gefordert habe: Beide sollen im Hier und Jetzt ihre Arbeit tun, dabei aber verschiedene Blickwinkel einnehmen. Der Vergangenheitsbeauftragte beschäftigt sich mit dem innerdeutschen Beziehungsgeschehen, macht die gegenseitigen Verletzungen und Missverständnisse zum Thema und bringt die kollektive Therapie voran. Der Zukunftsbeauftragte schaut nach vorn und unterstützt den Erfahrungstransfer in strukturschwache Regionen in Westdeutschland. Von den Erfahrungen des Scheiterns und gewaltiger Transformation können alle nur profitieren.
Wie anspruchsvoll die Arbeit an der Gegenwartsvision sein kann, wird schnell deutlich, wenn man versucht, das eigene Leben in ihr zu beschreiben. Was im Rückblick auf meinen beruflichen Werdegang folgerichtig erscheint, war im Vorwärtsgang nicht planbar. Im Psychologiestudium (Jena, Oxford, Peking) noch eher unbewusst, habe ich während der Promotionszeit an der Universität St.Gallen und noch deutlicher in meiner Zeit bei der Unternehmensberatung McKinsey zu meinem Forschungsthema „Gemeinwohl“ gefunden. Das war keineswegs eine rationale Entscheidung, sondern fast eine innere Notwendigkeit, die ich mir zum Teil mit meiner DDR-Sozialisation erkläre. Es läuft etwas schief, wenn die Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft nicht stimmt … Mein Weg in der Gemeinwohlforschung führt mich seither auf die immer neue und unabgeschlossene Suche nach Gemeinwohlpotenzialen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese sind nicht notwendigerweise unveränderbar und können mit der Zeit und in Transformationsprozessen einem Wandel unterliegen: Vorläufigkeit als ewiges Prinzip.

Mit Worten voran. Abbildung: PK Fotografie, Philipp Kirschner
Prof. Dr. Timo Meynhardt
GEBOREN: 1972/Rudolstadt
WOHNORT (aktuell): Jena
MEIN BUCHTIPP: Gerd Dietrich: „Kulturgeschichte der DDR“, 2018
MEIN FILMTIPP: „Einer trage des anderen Last …“, 1988
MEIN URLAUBSTIPP: Fischland-Darss-Zingst
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




BUCHTIPP:
























