Robert Nehring, Verleger und Chefredakteur des PRIMA VIER Nehring Verlags, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Robert Nehring, Verleger, Chefredakteur PRIMA VIER Nehring Verlag GmbH.
Denke ich an Ostdeutschland, dann staune ich darüber, dass „Ost und West“ immer noch so ein großes Thema ist. Sollte da nicht 35 Jahre nach dem Mauerfall längst ein Haken dran sein?
Tatsächlich sagen viele Ostdeutsche meiner Generation (X) zunächst, dass die Frage „Ost oder West?“ für sie keine Rolle mehr spielt. Die meisten der zwischen 1965 und 1980 Geborenen haben es geschafft: guter Job und nette Mietwohnung in der Stadt oder eigenes Haus, zwei Autos, drei Kinder, vier Mal „Malle“ im Jahr. Gute Gehälter, großer Grill, brave Bundesbürger. Auf Nachfrage ist da aber oft doch noch etwas. Viele Fortgegangene würden zum Beispiel schon gern wieder zurück in die Heimat, nach Ostdeutschland. So ein richtiger Koblenzer oder Pforzheimer, Hamburger oder Münchner werde man wohl eh nie. Aber zu Hause fehlen eben die großen Arbeitgeber, fast die Hälfte wählt AfD und an Weihnachten rutschte sogar den Eltern schon ein „Kinderbuchautor“ raus. Auch viele Gebliebene berichten von gewissen Bauchschmerzen. Beide Gruppen sagen, die Wiedervereinigung sei ein großer Glücksfall gewesen, habe aber auch viele ins Unglück gestürzt. Wie das Ganze ablief, sei nicht gerecht gewesen. Die Generation X Ost.
Dann gibt es die ostdeutschen Boomer (geboren etwa 1946 bis 1964). Auch die meisten von ihnen haben es geschafft, haben sich angepasst – viele erneut – und es zu etwas gebracht. Aber hier sitzt der Stachel schon oft auch tief. Viele waren nach der Wiedervereinigung komplett auf sich gestellt. Job weg, kaum Geld, keine Ahnung. Das vergisst man nicht. Plötzlich musste jeder an sich denken – nur so war noch an alle gedacht. Die Scheuklappen hat man immer noch auf, aber gut findet man das eigentlich nicht. Dafür sind wir ‘89 auf die Straße gegangen? In dieser Generation empfinden sich viele immer noch als Bürger zweiter Klasse, einst vom Westen betrogen, gedemütigt, entmündigt. Gekränkt, traumatisiert, obwohl es den meisten wirtschaftlich gut geht.
Und es gibt die Wendekinder. Im engeren Sinne sind sie zwischen 1975 und 1985 geboren, im weiteren Sinne etwa zwischen 1970 und 1995. Sie sind Gen X und Gen Y. Aber das Phänomen der merklichen Prägung durch die Folgen der Wiedervereinigung hält sich sogar bis in die Gen Z (1997 bis 2012). Ist es nicht bezeichnend, dass sie, die die DDR nicht oder kaum erlebt haben, sich heute so sehr mit Ostdeutschland identifizieren? Kinder versuchen, die Probleme der Eltern zu lösen, sagen Psychologen. Oftmals bekommen das die Eltern gar nicht mit. In diesem Fall hatte die Elterngeneration auch wirklich genug mit sich selbst zu tun. Aber für die Wendekinder fielen Mama und Papa ohnehin als Vorbild und Berater aus. Was wussten sie schon davon, wie dieses neue System konkret funktionierte? So machten auch die 70er- und noch so manche 80er-Jahrgänge ihre ersten Schritte ohne Kompass.
Der Mauerfall hat für mich alles verändert. Was mich aber politisch geprägt hat, war der 18. März 1990, die ersten freien Wahlen in der DDR.”
Verschwommener Blick
Ich bin im April 1974 in Ostberlin geboren, aber kein Festspielkind. Im Sommer 1973 fanden hier die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt … Nachdem Honecker 1971 an die Macht kam, herrschten zunächst Tauwetter und moderater Aufschwung in der DDR: mehr individueller Freiraum, bessere Konsumangebote, großzügige Sozialleistungen, wenn auch auf Pump finanziert. Im Mai 1974 gewinnt der 1. FC Magdeburg den Fußball-Europapokal der Pokalsieger, im Juni besiegt die DDR in der Vorrunde den späteren Fußballweltmeister BRD. Im Kino laufen noch Paul und Paula und die Digedags sind gerade in Amerika. Ich werde aber bald Fan der Abrafaxe, wie die Helden des Mosaik-Comics ab 1975 heißen.
Direkt neben meiner Schule befinden sich eine Schwimmhalle und ein Freibad. Erste Sportstunde in der ersten Klasse: Der Schwimmverein lädt die drei größten Mädels und Jungs ein, mal reinzuschnuppern. Mit elf geht es dann auf die Sportschule. Als die Mauer fällt, trainiere ich gerade in 2.000 Metern Höhe – in einer Schwimmhalle auf dem Berg Belmeken, bulgarisches Rila-Gebirge. Am Tag nach der Rückkehr fährt mein Vater mit mir nach Westberlin. Wir gehen Wollankstraße rüber. Hier ist er im Schatten der Mauer aufgewachsen. Irre: Die Wollank sieht auf der Westseite architektonisch ja genauso aus. Weniger irre: Den Ku’damm hatte ich mir noch bunter vorgestellt. Peinlich: Ossis dürfen gratis Öffis fahren, im Bus müssen sie dazu aber ihren blauen Perso hochzeigen.
Ich war 15, interessierte mich für die aktuellen politischen Entwicklungen, befand mich aber weit weg vom Geschehen, viel unter Wasser halt. Vielleicht ist mein Blick auf die damalige Entwicklung deshalb etwas verschwommen. Der Mauerfall hat für mich alles verändert. Wer auch immer dafür verantwortlich war: von Herzen Dank! Was mich aber politisch geprägt hat, war der 18. März 1990. Die ersten freien Wahlen in der DDR. Heute würde man so etwas eine massive Wahleinmischung nennen. Manche Parteien hatten auch schon ihre Aufnahme in die Schwesterpartei im Blick. Wie frei war diese Wahl wirklich? Der Ausgang war in jedem Fall überraschend und für mich befremdlich: Die von Helmut Kohl unterstützte Allianz für Deutschland erhielt 48 Prozent. Für schnelles Westgeld wählt ihr sogar die? Ich habe mich geschämt, ähnlich wie bei heutigen Wahlergebnissen in Ostdeutschland.
Während Chaos-Abi – dem ersten westdeutschen im Osten – und Zivildienst die bange Frage, was ich werden soll. Studiert so einer wie ich heutzutage? Schafft der das? Wie funktioniert das? Wen sollte ich fragen? Ich fasste einfach den Mut, das zu studieren, was mich interessierte: Philosophie. Nicht nur meine Prognose: Langzeitarbeitsloser, der schwarz Taxi fährt. Aber dann war das eben so. Dafür immer was Gutes zu lesen. Wie befürchtet verstand ich im ersten Semester nur wenig. Noch weniger allerdings begriff ich, was meine Kommilitonen aus dem Westen sagten, wenn sie eine Frage stellten. Erstaunlicherweise waren das meist gar keine Fragen, sondern Statements zur Selbstdarstellung. Sie hatten Philosophie auch schon in der Schule und wussten bereits, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt. Vorlesungen und Seminare besuchte ich aus Verunsicherung wesentlich schweigend. Aber am Ende stand ein sehr guter Abschluss, sogar fast in Regelstudienzeit – bei einer Abbrecherquote von 90 Prozent.
Es war schon kurios: Auch ich wurde über Nacht vom Ost- zum Westeuropäer, vom Einheimischen im Sozialismus zum Quasi-Immigranten im Kapitalismus – ohne mich vom Fleck zu bewegen. Ich blieb auch während des Studiums in (Ost-)Berlin – was sollte ich in Hildesheim, wenn die ganze Welt hier herwill? Plötzlich waren wir eine Art Einwanderer, obwohl eigentlich der Westen bei uns einwanderte. In Gesprächen mit Studierenden aus dem Westen begegnete mir manches Mal diese Erwartungshaltung: Wow, du bist sogar von hier? Erzähl‘ mal bitte, wie schlimm das damals war. Waren deine Eltern im Widerstand? Puh – wo fängt man da an? Ob sie mir meine glückliche Kindheit abnehmen werden? Mit Ostscham hatte ich allerdings nie große Probleme, wenngleich ich zu wissen glaubte, wann es bei der Herkunftsfrage besser war, Berlin als Ostberlin zu sagen, um dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, Westberlin zu verstehen. Ich trage bis heute so etwas wie Oststolz in mir. Ich war und bin immer gern Ostberliner und darüber hinaus Ostdeutscher.

Ein Haus in Ostberlin. Einst stand es in Ost-, heute in Westeuropa. Abbildung: Blunt/Wikimedia Commons
Geschichte als Mysterium
Die Geschichte der DDR ist für mich in Teilen rätselhaft, zumindest alles andere als eindeutig. Das gilt auch für manche der sich anschließenden Entwicklungen in Ostdeutschland. Die Eckdaten sind klar. Wie und warum sich aber alles zugetragen hat, ist nicht so klar. Die Geschichte Ostdeutschlands mag nicht unergründlich sein, aber dass hier verschiedene Narrative nebeneinanderher existieren, erschwert eine eindeutige Erklärung. Zu den Ereignissen und Hintergründen vor 1990 gibt es zum Beispiel die offizielle DDR-Version – oft Propaganda, der nicht zu trauen ist. Und es gibt die Perspektive der BRD, die man hier auch in gewissem Maße voreingenommen nennen muss. Dazwischen gibt es noch das, wovon man persönlich gehört und wovon man gelesen hat. Und dann gibt es natürlich noch das, woran man selbst gern glauben möchte.
17. Juni 1953. Wie war das denn wirklich? Der Aufstand war natürlich kein vom Westen gelenkter faschistischer Putschversuch, wie die DDR anschließend behauptete. Aber war er für die Bundesrepublik tatsächlich so relevant, dass sie ihn sich aneignen und das Datum jahrzehntelang als Nationalfeiertag begehen musste? Die DDR war Anfang der 50er noch jung. Wie die Bundesrepublik konnte sie sich ihr wirtschaftliches, politisches und gesellschaftliches System nicht selbst aussuchen. Der Osten zahlte die Zeche für den Zweiten Weltkrieg und zwar für den Westen gleich mit. Die DDR leistete etwa 98 Prozent der Reparationslast Gesamtdeutschlands, während die BRD im Rahmen des Marshallplans 1,4 Milliarden US-Dollar von den USA erhielt. 1952 befahl Moskau den Aufbau einer Volksarmee, was den Staatshaushalt stark belastete. Dazu kamen schlechte Ernten. Die DDR befand sich in einer Wirtschaftskrise. Das Konsumangebot war schlecht. Um diese Krise zu überwinden, sollten die Arbeiter nun für denselben Lohn mehr leisten. Die Normerhöhung wurde noch vor dem Aufstand wieder zurückgenommen. Die Dinge nahmen aber ihren Lauf. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der Rundfunk im amerikanischen Sektor RIAS.
9. November 1989. Wer war denn nun für den Mauerfall verantwortlich? Ansprüche haben viele Seiten geltend gemacht. Waren es die oppositionellen Bürgerrechtler, die oft aus der evangelischen Friedensbewegung („Schwerter zu Pflugscharen“) hervorgingen und unter anderem die sogenannten Umweltbibliotheken unterhielten? Waren es die Teilnehmer der Montagsdemonstrationen, die von September 1989 an immer mehr wurden? War es generell die Kirche, die in DDR große Freiräume genoss? War es Gorbatschow mit seinem Wind of Change, den er 1986 mit „Glasnost und Perestroika“ einleitete? War der Starrsinn Honeckers an allem schuld? Ist Egon Krenz am Ende ein Held, weil er in seinen sieben Wochen an der DDR-Spitze Reformen auf den Weg brachte und den Einsatz von Gewalt gegen die Demonstrierenden verhinderte? Lag es an Günter Schabowskis Fauxpas oder wäre am 10. November alles ähnlich gekommen, nur nicht „unverzüglich“? Welche Rolle spielten die westdeutschen Medien, die eine Grenzöffnung verkündeten, welche noch nicht vollzogen war? Oder hat am Ende Oberstleutnant Harald Jäger, der die Grenze am Übergang Bornholmer Straße öffnen und bald auf Kontrollen verzichten ließ, die Mauer für immer geöffnet? Wahrscheinlich spielen hier alle Faktoren eine Rolle. Sicherlich noch weitere. Heute wird gern nachträglich rationalisiert, die DDR sei einfach pleite gewesen und ihre Bürger wollten nur noch weg. Dies aber greift wohl deutlich zu kurz und dürfte so auch schlicht falsch sein. Anfang 1989 sagte Honecker, dass die DDR noch in 100 Jahren bestehen werde. Und weder Ost noch West zweifelten daran.
18. März 1990. In Umfragen zur Volkskammerwahl lag die Ost-SPD weit vorn und auch sonst sprach viel für ihren Sieg. Fast die Hälfte wählte dann aber die Allianz aus der unbekannten Ost-CDU, der von der CSU unterstützten DSU und dem kirchennahen Demokratischen Aufbruch. Dem vorausgegangen war ein gigantischer westfinanzierter Werbefeldzug. Allein 100.000 Schallplatten und Kassetten mit Reden Helmut Kohls wurden verteilt. In Erfurt soll die hessische CDU in einer einzigen Nacht 80.000 Plakate geklebt haben. Die Wiedervereinigung hatten die meisten Parteien im Programm, die Allianz aber versprach die schnellste. Und dann wählte das atheistischste Land der Welt die Christen. Obwohl bis 19. Januar 1990 noch fast 1,2 Millionen DDR-Bürger ihren Namen unter den Aufruf „Für unser Land“ gesetzt hatten, der für einen „Dritten Weg“ hin zu einer sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik warb, einer zwischen Markt- und Planwirtschaft. Es fragt sich, wie die DDR-Bürger mit dem Wissen davon abgestimmt hätten, was dann folgte: 82 Prozent aller 1989 erwerbstätigen Ostdeutschen waren bis November 1994 mindestens einmal arbeitssuchend. Es fand eine Entwertung der bisherigen Lebensleistung statt, Betriebe wurden geschlossen, verkauft, verschenkt. Nur fünf Prozent des Produktivvermögens der DDR ging in ostdeutsche Hände. Viele verloren ihre Wohnungen an Alteigentümer oder deren Verwandte. Die DDR-Bürger wollten die alte DDR nicht mehr. Aber die meisten wollten auch nicht die alte BRD – die Vorzüge gern, aber nicht das ganze Paket. Die Mehrheit wollte etwas Neues. Und gerade war man dabei, sich zu demokratisieren, sich zu reformieren, da beendete der Anschluss jegliche Selbsterneuerung.
Die Geschichte Ostdeutschlands wird heute im Wesentlichen von Westdeutschland geschrieben. Über den Osten spricht der Westen oft mit sich selbst. Die westdeutsche Sicht auf die Geschehnisse hat sich durchgesetzt. In den Medien, in der Öffentlichkeit. Dabei verschwindet dann auch so manches, was für den Osten von Bedeutung war. In heutigen Kinderbüchern über die Raumfahrt etwa fehlen zwischen bzw. vor Mondlandung, Space Shuttle, Ulf Merbold und Astro-Alex unter anderem diese Protagonisten: Laika, Juri Gagarin und Sigmund Jähn, das erste Tier, der erste Mensch und der erste Deutsche im All. Die erste Deutsche, die im Sport einen Rekord aufstellt, ist manchmal nur die erste Deutsche (ohne DDR). Und Abtreibung aus sozialen Gründen – noch heute wird darum gerungen – war in der DDR übrigens schon 1950 keine Straftat mehr.
Längst wird die westdeutsche Geschichte Ostdeutschlands auch von vielen Ostdeutschen so erzählt: Die DDR war ein Unrechtsstaat mit Totalüberwachung, eine Diktatur, die ihre Menschen einsperrte und beim Fluchtversuch erschoss. Das „größte Freiluftgefängnis Europas“ (Ilko-Sascha Kowalczuk) als Fehltritt der Geschichte. Nun aber würden die „verzwergten“ Persönlichkeiten, deren Wissen unbrauchbar für den Westen gewesen sei (Arnulf Baring), wieder dem richtigen Pfad folgen.
Die DDR war aber auch Sozialstaat, Lese- und Theaterland sowie Sportnation. Wo Frauen arbeiten konnten, durften, mussten, weil es eine ausreichende Kinderbetreuung gab. Ein Land ohne Arbeits- und Obdachlosigkeit, mit lächerlichen Mieten und Lebensmittelpreisen sowie einer umfassenden Gesundheitsversorgung. Wo Pragmatismus, Direktheit und Solidarität charakteristisch waren. Höre ich ein „Ja, aber?“ Das kann durchaus berechtigt sein, genau wie bei der anderen Erzählung. Fakt ist aber, dass solche Errungenschaften des Ostens heute nichts mehr zählen.
Ich weiß, ich weiß: dünnes Eis. Das bringt mich zum nächsten Punkt.

Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990: Plakate der Allianz für Deutschland. Abbildung: Wikimedia Commons KAS/ACDP 10-024 : 5011 CC-BY-SA 3.0 DE
Fettnäpfchenfalle Ost
Ostdeutschland ist ein gefährliches Gesprächsthema zwischen Ost und West. Denn schnell gelangen beide Seiten zur Einschätzung, die jeweils andere werde es wohl nie verstehen. Beim Smalltalk sollte man das Thema vielleicht besser so meiden wie Politik und Religion, weil man hier schnell ins Fettnäpfchen des anderen tritt. Andererseits müssen wir über Ostdeutschland dringend miteinander im Gespräch bleiben.
Die Fronten sind schnell verhärtet. „So isser, der Ossi“, der undankbare Jammerossi. Die Milliarden, die wir da reingepumpt haben. Unser Soli. Was die jetzt für tolle Straßen haben, da träumen wir von. Auf der anderen Seite steht der Besserwessi, der den Osten der USA besser kennt als den Osten Deutschlands. Er hat ein Jahr länger fürs Abi gebraucht – weil da noch zwölf Monate Schauspielunterricht enthalten waren.
Die Schubladen sind groß, in die man beim Sprechen über Ostdeutschland nahezu reflexartig gesteckt wird. Schnell hat jeder sein Etikett. Wer daran erinnert, dass man in der DDR trotz aller Einschränkungen auch ein relativ normales Leben führen konnte, wenn auch nicht nach den Maßstäben des Westens, gerät in den Verdacht, blind, privilegiert oder bei der Stasi gewesen zu sein. Wer die schrecklichen Schicksale derer, die stark unter Repressionen zu leiden hatten, für repräsentativ erklärt, muss sich den Vorwurf anhören, dass dies nichts mit der Lebenswirklichkeit der meisten zu tun hatte. Das schlechte Image Ostdeutschlands leidet neben seinen Herausforderungen unter einer westdeutsch dominierten Medienlandschaft und einer unausgewogenen Aufarbeitung. Beschäftigt wird sich in erster Linie mit den Missständen in der DDR. Wo aber nur die Schattenseite erforscht wird, entsteht zwangsläufig ein Dunkeldeutschland. Der Osten als Gruselkabinett.
Ein verzerrtes Bild zeichnen auch viele statistische Erhebungen. Ostberlin wird in ihnen oft nicht zu Ostdeutschland gezählt. Insbesondere wenn es darum geht, den Rückstand des Ostens darzustellen. Wenn es aber darum geht, die Fortschritte zu zeigen, wird gern gleich ganz Berlin zu den neuen Bundesländern geschlagen. Beides behindert einen klaren Blick auf die Entwicklung des Ostdeutschlands, das einmal die DDR war.
Westdeutschen ist ein begrenztes Interesse an ostdeutschen Zusammenhängen und Befindlichkeiten schwer vorzuwerfen. Für sie hat sich einfach gar nichts geändert. Was Ostdeutsche aber schnell auf die Palme bringt, ist westdeutscher Paternalismus. Eine väterliche, mitunter oberlehrerhafte Art der Bevormundung. Ein besonders rotes Tuch ist für sie, wenn Westdeutsche ihnen den Osten erklären.
Angesichts des vorherrschenden Bildes von Ostdeutschland fühle ich mich wie manch anderer immer wieder in eine Verteidigungsposition gezwungen. Ich habe den Eindruck, aus einem Gerechtigkeitsempfinden heraus Partei für etwas ergreifen zu müssen, für das ich dies sonst niemals tun würde. So bin ich, so sind „wir“ im Übrigen auch nicht erzogen worden, ganz im Gegenteil: sich bloß nicht wichtigtun. Immer schön bescheiden, dann kann dich jeder leiden. Allerdings lernen wir von Oschmann: Wer gehört werden will, der muss heute laut sein. Denn zwischen den Zeilen liest jetzt keiner mehr.

Die Website ostdeutschland.info ist im September 2024 online gegangen.
Brücken bauen und Banden bilden
2023 erreicht die AfD in Umfragen 23 Prozent – doppelt so viel wie bei der Bundestagswahl 2021. Und weit mehr als die NSDAP 1930 (18 Prozent). Vor allem in Ostdeutschland kommen die rechtsextremen Populisten auf hohe Zustimmungswerte. Auch in den politischen Umfragen zeichnen sich damit längst wieder die Grenzen der DDR ab. Die AfD besetzt ursprünglich positive Ostbegriffe und lässt ihre Westimporte auf Simsons ablichten. Mit Erfolg. Manche ihrer Wähler wissen es nicht besser, manche wissen es sehr genau, manche wollen die Welt einfach brennen sehen. Nie wieder ist spätestens jetzt.
2023 ist auch das Jahr, in dem die Bücher von Dirk Oschmann und Katja Hoyer für Furore sorgen. Ostdeutschland war und ist nicht, wie es sich Westdeutschland vorstellt. Die westdeutsche Kritik an den Werken spricht Bände. Das alles und noch viel mehr ist für mich in diesem Jahr Anlass, auch etwas beizutragen. Ich initiiere Teil eins dieses Sammelbandes und lege direkt los. Außerdem plane ich die Website ostdeutschland.info und beginne, mich zu vernetzen.
Zeitgleich mit Erscheinen des Buches geht das Informationsportal online. Es gibt Orientierung zum Thema Ostdeutschland. Es klärt darüber auf, was im Osten Deutschlands passiert, wer von hier kommt und wer hier wie agiert. ostdeutschland.info berichtet unabhängig und umfassend – mit überschaubarer Kapazität, aber reichlich Herzblut und großartiger Resonanz.
Der Osten ist in Deutschlands Öffentlichkeit und darüber hinaus nicht angemessen repräsentiert. Dagegen will ostdeutschland.info etwas tun. Die Website möchte – genau wie ich – dazu beitragen, Ostdeutschlands Vergangenheit und dessen Gegenwart zu verstehen sowie diese Region vieler Regionen nach vorn zu bringen, damit eines Tages wirklich ein Haken an die sogenannte Wiedervereinigung gemacht werden kann.
Lasst uns gemeinsam etwas Neues schaffen und nicht vor tiefgreifenden Reformen zurückschrecken. Sie sind dringend notwendig.”
Zukunft Ost
Am 1. April 2025 wurde auf ostdeutschland.info ein Aprilscherz veröffentlicht. Friedrich Merz hätte angeblich ein Zehn-Punkte-Programm für Ostdeutschland angekündigt. Der Beitrag sollte zum Nachdenken darüber anregen, was Ostdeutschland wirtschaftlich braucht, um aufzuschließen. Einige Punkte waren gar nicht so weit hergeholt und so manches würde ich auch wirklich für eine gute Idee halten. Etwa eine Ostquote für Führungspersonal in Bundesregierung, Bundesbehörden und Bundeswehr, Sonderwirtschaftszonen in Ostdeutschland und ein Sondervermögen Ost, das vorrangig im Bereich erneuerbare Energien sowie in Zukunftstechnologien wie Mikroelektronik, Halbleiterindustrie und Wasserstoffwirtschaft investiert wird, in denen der Osten Deutschlands bereits jetzt gut unterwegs ist. Merz hätte eine Abstimmung darüber vorschlagen wollen, 2029 das Grundgesetz in eine neue, gemeinsame Verfassung übergehen zu lassen, den Tag der Deutschen Einheit auf ein besser geeignetes Datum zu verlegen und eine neue Nationalhymne in Anlauf zu nehmen. Aber immerhin: Punkt zehn – Olympische Spiele in Ostdeutschland – wurde Ende Mai 2025 auf den Weg gebracht. Die Bewerbung ist erfolgt.
Denke ich an Ostdeutschland, dann denke ich an meine Ostberliner Herkunft und daran, wie die Wiedervereinigung gelingen kann. Es braucht hier Selbstbewusstsein durch Selbstwirksamkeit. Es braucht Mut statt Wut. Mit der geballten Faust in der Tasche lässt sich schlecht anpacken. Aber der Schlüssel ist die Wirtschaft. Sie ist die Voraussetzung für Wohlstand und erfolgreiche Zukunft. Der Osten hat viel zu bieten: eine großartige Hochschullandschaft, starke Wirtschaftscluster, gut ausgebildete Menschen, viel Potenzial für Erneuerbare, noch relativ flexible Strukturen und eine Menge Transformationserfahrung. Hier leisten die Leute etwas, weil sie es auch müssen. Da winkt kein großes Erbe. Ostdeutschland ist Seismograf und eignet sich als Labor. Ostdeutsche wissen: Was sich festfährt, kann plötzlich weg sein. Nach fest kommt ab. Was Ostdeutsche als von außen Hinzugekommene vielleicht besser sehen: In Deutschland läuft heute schon vieles schief. Aber wir fahren weiter in unserem trägen Tanker auf seinem alten Kurs. Darum lasst uns gemeinsam etwas Neues schaffen und nicht vor tiefgreifenden Reformen zurückschrecken. Sie sind dringend notwendig.

110 Autorinnen und Autoren teilen auf 448 Seiten ihre Gedanken zu Ostdeutschland.
Dr. Robert Nehring
GEBOREN: 1974/Ostberlin
WOHNORT (aktuell): Berlin
MEINE BUCHTIPPS: Jens Sparschuh: „Der Zimmerspringbrunnen“, 1995; Steffen Mau: „Lütten Klein“, 2019; Christoph Hein: „Das Narrenschiff“, 2025
MEINE FILMTIPPS: „Eins, zwei, drei“, 1961; „Flüstern und Schreien“, 1988
MEIN URLAUBSTIPP: Ostsee
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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