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Robert Nehring: Mysterium und Minenfeld. Warum das Sprechen über den Osten so schwerfällt

Robert Neh­ring, Ver­le­ger und Chef­re­dak­teur des PRIMA VIER Neh­ring Ver­lags, ist ein wich­ti­ger Impuls­ge­ber für Ost­deutsch­land. Er setzt sich ein für Ver­ge­wis­se­rung, Ver­stän­di­gung und Ver­söh­nung. Mit die­sem Bei­trag ist er auch im zwei­ten Sam­mel­band „Den­ke ich an Ost­deutsch­land ...“ vertreten.

Dr. Robert Nehring Verleger, Chefredakteur PRIMA VIER Nehring Verlag GmbH.

Robert Neh­ring, Ver­le­ger, Chef­re­dak­teur PRIMA VIER Neh­ring Ver­lag GmbH.

Den­ke ich an Ost­deutsch­land, dann stau­ne ich dar­über, dass „Ost und West“ immer noch so ein gro­ßes The­ma ist. Soll­te da nicht 35 Jah­re nach dem Mau­er­fall längst ein Haken dran sein?

Tat­säch­lich sagen vie­le Ost­deut­sche mei­ner Gene­ra­ti­on (X) zunächst, dass die Fra­ge „Ost oder West?“ für sie kei­ne Rol­le mehr spielt. Die meis­ten der zwi­schen 1965 und 1980 Gebo­re­nen haben es geschafft: guter Job und net­te Miet­woh­nung in der Stadt oder eige­nes Haus, zwei Autos, drei Kin­der, vier Mal „Mal­le“ im Jahr. Gute Gehäl­ter, gro­ßer Grill, bra­ve Bun­des­bür­ger. Auf Nach­fra­ge ist da aber oft doch noch etwas. Vie­le Fort­ge­gan­ge­ne wür­den zum Bei­spiel schon gern wie­der zurück in die Hei­mat, nach Ost­deutsch­land. So ein rich­ti­ger Koblen­zer oder Pforz­hei­mer, Ham­bur­ger oder Münch­ner wer­de man wohl eh nie. Aber zu Hau­se feh­len eben die gro­ßen Arbeit­ge­ber, fast die Hälf­te wählt AfD und an Weih­nach­ten rutsch­te sogar den Eltern schon ein „Kin­der­buch­au­tor“ raus. Auch vie­le Geblie­be­ne berich­ten von gewis­sen Bauch­schmer­zen. Bei­de Grup­pen sagen, die Wie­der­ver­ei­ni­gung sei ein gro­ßer Glücks­fall gewe­sen, habe aber auch vie­le ins Unglück gestürzt. Wie das Gan­ze ablief, sei nicht gerecht gewe­sen. Die Gene­ra­ti­on X Ost.

Dann gibt es die ost­deut­schen Boo­mer (gebo­ren etwa 1946 bis 1964). Auch die meis­ten von ihnen haben es geschafft, haben sich ange­passt – vie­le erneut – und es zu etwas gebracht. Aber hier sitzt der Sta­chel schon oft auch tief. Vie­le waren nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­plett auf sich gestellt. Job weg, kaum Geld, kei­ne Ahnung. Das ver­gisst man nicht. Plötz­lich muss­te jeder an sich den­ken – nur so war noch an alle gedacht. Die Scheu­klap­pen hat man immer noch auf, aber gut fin­det man das eigent­lich nicht. Dafür sind wir ‘89 auf die Stra­ße gegan­gen? In die­ser Gene­ra­ti­on emp­fin­den sich vie­le immer noch als Bür­ger zwei­ter Klas­se, einst vom Wes­ten betro­gen, gede­mü­tigt, ent­mün­digt. Gekränkt, trau­ma­ti­siert, obwohl es den meis­ten wirt­schaft­lich gut geht.

Und es gibt die Wen­de­kin­der. Im enge­ren Sin­ne sind sie zwi­schen 1975 und 1985 gebo­ren, im wei­te­ren Sin­ne etwa zwi­schen 1970 und 1995. Sie sind Gen X und Gen Y. Aber das Phä­no­men der merk­li­chen Prä­gung durch die Fol­gen der Wie­der­ver­ei­ni­gung hält sich sogar bis in die Gen Z (1997 bis 2012). Ist es nicht bezeich­nend, dass sie, die die DDR nicht oder kaum erlebt haben, sich heu­te so sehr mit Ost­deutsch­land iden­ti­fi­zie­ren? Kin­der ver­su­chen, die Pro­ble­me der Eltern zu lösen, sagen Psy­cho­lo­gen. Oft­mals bekom­men das die Eltern gar nicht mit. In die­sem Fall hat­te die Eltern­ge­nera­ti­on auch wirk­lich genug mit sich selbst zu tun. Aber für die Wen­de­kin­der fie­len Mama und Papa ohne­hin als Vor­bild und Bera­ter aus. Was wuss­ten sie schon davon, wie die­ses neue Sys­tem kon­kret funk­tio­nier­te? So mach­ten auch die 70er- und noch so man­che 80er-Jahr­gän­ge ihre ers­ten Schrit­te ohne Kompass.


Der Mau­er­fall hat für mich alles ver­än­dert. Was mich aber poli­tisch geprägt hat, war der 18. März 1990, die ers­ten frei­en Wah­len in der DDR.”


Verschwommener Blick

Ich bin im April 1974 in Ost­ber­lin gebo­ren, aber kein Fest­spiel­kind. Im Som­mer 1973 fan­den hier die X. Welt­fest­spie­le der Jugend und Stu­den­ten statt … Nach­dem Hon­ecker 1971 an die Macht kam, herrsch­ten zunächst Tau­wet­ter und mode­ra­ter Auf­schwung in der DDR: mehr indi­vi­du­el­ler Frei­raum, bes­se­re Kon­sum­an­ge­bo­te, groß­zü­gi­ge Sozi­al­leis­tun­gen, wenn auch auf Pump finan­ziert. Im Mai 1974 gewinnt der 1. FC Mag­de­burg den Fuß­ball-Euro­pa­po­kal der Pokal­sie­ger, im Juni besiegt die DDR in der Vor­run­de den spä­te­ren Fuß­ball­welt­meis­ter BRD. Im Kino lau­fen noch Paul und Pau­la und die Dige­dags sind gera­de in Ame­ri­ka. Ich wer­de aber bald Fan der Abra­fa­xe, wie die Hel­den des Mosa­ik-Comics ab 1975 heißen.

Direkt neben mei­ner Schu­le befin­den sich eine Schwimm­hal­le und ein Frei­bad. Ers­te Sport­stun­de in der ers­ten Klas­se: Der Schwimm­ver­ein lädt die drei größ­ten Mädels und Jungs ein, mal rein­zu­schnup­pern. Mit elf geht es dann auf die Sport­schu­le. Als die Mau­er fällt, trai­nie­re ich gera­de in 2.000 Metern Höhe – in einer Schwimm­hal­le auf dem Berg Bel­me­ken, bul­ga­ri­sches Rila-Gebir­ge. Am Tag nach der Rück­kehr fährt mein Vater mit mir nach West­ber­lin. Wir gehen Wollank­stra­ße rüber. Hier ist er im Schat­ten der Mau­er auf­ge­wach­sen. Irre: Die Wollank sieht auf der West­sei­te archi­tek­to­nisch ja genau­so aus. Weni­ger irre: Den Ku’damm hat­te ich mir noch bun­ter vor­ge­stellt. Pein­lich: Ossis dür­fen gra­tis Öffis fah­ren, im Bus müs­sen sie dazu aber ihren blau­en Per­so hochzeigen.

Ich war 15, inter­es­sier­te mich für die aktu­el­len poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen, befand mich aber weit weg vom Gesche­hen, viel unter Was­ser halt. Viel­leicht ist mein Blick auf die dama­li­ge Ent­wick­lung des­halb etwas ver­schwom­men. Der Mau­er­fall hat für mich alles ver­än­dert. Wer auch immer dafür ver­ant­wort­lich war: von Her­zen Dank! Was mich aber poli­tisch geprägt hat, war der 18. März 1990. Die ers­ten frei­en Wah­len in der DDR. Heu­te wür­de man so etwas eine mas­si­ve Wahl­ein­mi­schung nen­nen. Man­che Par­tei­en hat­ten auch schon ihre Auf­nah­me in die Schwes­ter­par­tei im Blick. Wie frei war die­se Wahl wirk­lich? Der Aus­gang war in jedem Fall über­ra­schend und für mich befremd­lich: Die von Hel­mut Kohl unter­stütz­te Alli­anz für Deutsch­land erhielt 48 Pro­zent. Für schnel­les West­geld wählt ihr sogar die? Ich habe mich geschämt, ähn­lich wie bei heu­ti­gen Wahl­er­geb­nis­sen in Ostdeutschland.

Wäh­rend Cha­os-Abi – dem ers­ten west­deut­schen im Osten – und Zivil­dienst die ban­ge Fra­ge, was ich wer­den soll. Stu­diert so einer wie ich heut­zu­ta­ge? Schafft der das? Wie funk­tio­niert das? Wen soll­te ich fra­gen? Ich fass­te ein­fach den Mut, das zu stu­die­ren, was mich inter­es­sier­te: Phi­lo­so­phie. Nicht nur mei­ne Pro­gno­se: Lang­zeit­ar­beits­lo­ser, der schwarz Taxi fährt. Aber dann war das eben so. Dafür immer was Gutes zu lesen. Wie befürch­tet ver­stand ich im ers­ten Semes­ter nur wenig. Noch weni­ger aller­dings begriff ich, was mei­ne Kom­mi­li­to­nen aus dem Wes­ten sag­ten, wenn sie eine Fra­ge stell­ten. Erstaun­li­cher­wei­se waren das meist gar kei­ne Fra­gen, son­dern State­ments zur Selbst­dar­stel­lung. Sie hat­ten Phi­lo­so­phie auch schon in der Schu­le und wuss­ten bereits, wie man eine wis­sen­schaft­li­che Arbeit schreibt. Vor­le­sun­gen und Semi­na­re besuch­te ich aus Ver­un­si­che­rung wesent­lich schwei­gend. Aber am Ende stand ein sehr guter Abschluss, sogar fast in Regel­stu­di­en­zeit – bei einer Abbre­cher­quo­te von 90 Prozent.

Es war schon kuri­os: Auch ich wur­de über Nacht vom Ost- zum West­eu­ro­pä­er, vom Ein­hei­mi­schen im Sozia­lis­mus zum Qua­si-Immi­gran­ten im Kapi­ta­lis­mus – ohne mich vom Fleck zu bewe­gen. Ich blieb auch wäh­rend des Stu­di­ums in (Ost-)Berlin – was soll­te ich in Hil­des­heim, wenn die gan­ze Welt hier her­will? Plötz­lich waren wir eine Art Ein­wan­de­rer, obwohl eigent­lich der Wes­ten bei uns ein­wan­der­te. In Gesprä­chen mit Stu­die­ren­den aus dem Wes­ten begeg­ne­te mir man­ches Mal die­se Erwar­tungs­hal­tung: Wow, du bist sogar von hier? Erzähl‘ mal bit­te, wie schlimm das damals war. Waren dei­ne Eltern im Wider­stand? Puh – wo fängt man da an? Ob sie mir mei­ne glück­li­che Kind­heit abneh­men wer­den? Mit Ost­scham hat­te ich aller­dings nie gro­ße Pro­ble­me, wenn­gleich ich zu wis­sen glaub­te, wann es bei der Her­kunfts­fra­ge bes­ser war, Ber­lin als Ost­ber­lin zu sagen, um dem Gegen­über die Mög­lich­keit zu geben, West­ber­lin zu ver­ste­hen. Ich tra­ge bis heu­te so etwas wie Ost­stolz in mir. Ich war und bin immer gern Ost­ber­li­ner und dar­über hin­aus Ostdeutscher.

Ein Haus in Ostberlin. Einst stand es in Ost-, heute in Westeuropa. Abbildung: Blunt/Wikimedia Commons

Ein Haus in Ost­ber­lin. Einst stand es in Ost-, heu­te in West­eu­ro­pa. Abbil­dung: Blunt/Wikimedia Commons

Geschichte als Mysterium

Die Geschich­te der DDR ist für mich in Tei­len rät­sel­haft, zumin­dest alles ande­re als ein­deu­tig. Das gilt auch für man­che der sich anschlie­ßen­den Ent­wick­lun­gen in Ost­deutsch­land. Die Eck­da­ten sind klar. Wie und war­um sich aber alles zuge­tra­gen hat, ist nicht so klar. Die Geschich­te Ost­deutsch­lands mag nicht uner­gründ­lich sein, aber dass hier ver­schie­de­ne Nar­ra­ti­ve neben­ein­an­der­her exis­tie­ren, erschwert eine ein­deu­ti­ge Erklä­rung. Zu den Ereig­nis­sen und Hin­ter­grün­den vor 1990 gibt es zum Bei­spiel die offi­zi­el­le DDR-Ver­si­on – oft Pro­pa­gan­da, der nicht zu trau­en ist. Und es gibt die Per­spek­ti­ve der BRD, die man hier auch in gewis­sem Maße vor­ein­ge­nom­men nen­nen muss. Dazwi­schen gibt es noch das, wovon man per­sön­lich gehört und wovon man gele­sen hat. Und dann gibt es natür­lich noch das, wor­an man selbst gern glau­ben möchte.

17. Juni 1953. Wie war das denn wirk­lich? Der Auf­stand war natür­lich kein vom Wes­ten gelenk­ter faschis­ti­scher Putsch­ver­such, wie die DDR anschlie­ßend behaup­te­te. Aber war er für die Bun­des­re­pu­blik tat­säch­lich so rele­vant, dass sie ihn sich aneig­nen und das Datum jahr­zehn­te­lang als Natio­nal­fei­er­tag bege­hen muss­te? Die DDR war Anfang der 50er noch jung. Wie die Bun­des­re­pu­blik konn­te sie sich ihr wirt­schaft­li­ches, poli­ti­sches und gesell­schaft­li­ches Sys­tem nicht selbst aus­su­chen. Der Osten zahl­te die Zeche für den Zwei­ten Welt­krieg und zwar für den Wes­ten gleich mit. Die DDR leis­te­te etwa 98 Pro­zent der Repa­ra­ti­ons­last Gesamt­deutsch­lands, wäh­rend die BRD im Rah­men des Mar­shall­plans 1,4 Mil­li­ar­den US-Dol­lar von den USA erhielt. 1952 befahl Mos­kau den Auf­bau einer Volks­ar­mee, was den Staats­haus­halt stark belas­te­te. Dazu kamen schlech­te Ern­ten. Die DDR befand sich in einer Wirt­schafts­kri­se. Das Kon­sum­an­ge­bot war schlecht. Um die­se Kri­se zu über­win­den, soll­ten die Arbei­ter nun für den­sel­ben Lohn mehr leis­ten. Die Norm­er­hö­hung wur­de noch vor dem Auf­stand wie­der zurück­ge­nom­men. Die Din­ge nah­men aber ihren Lauf. Eine wesent­li­che Rol­le spiel­te dabei der Rund­funk im ame­ri­ka­ni­schen Sek­tor RIAS.

9. Novem­ber 1989. Wer war denn nun für den Mau­er­fall ver­ant­wort­lich? Ansprü­che haben vie­le Sei­ten gel­tend gemacht. Waren es die oppo­si­tio­nel­len Bür­ger­recht­ler, die oft aus der evan­ge­li­schen Frie­dens­be­we­gung („Schwer­ter zu Pflug­scha­ren“) her­vor­gin­gen und unter ande­rem die soge­nann­ten Umwelt­bi­blio­the­ken unter­hiel­ten? Waren es die Teil­neh­mer der Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen, die von Sep­tem­ber 1989 an immer mehr wur­den? War es gene­rell die Kir­che, die in DDR gro­ße Frei­räu­me genoss? War es Gor­bat­schow mit sei­nem Wind of Chan­ge, den er 1986 mit „Glas­nost und Pere­stroi­ka“ ein­lei­te­te? War der Starr­sinn Hon­eckers an allem schuld? Ist Egon Krenz am Ende ein Held, weil er in sei­nen sie­ben Wochen an der DDR-Spit­ze Refor­men auf den Weg brach­te und den Ein­satz von Gewalt gegen die Demons­trie­ren­den ver­hin­der­te? Lag es an Gün­ter Schab­ow­skis Faux­pas oder wäre am 10. Novem­ber alles ähn­lich gekom­men, nur nicht „unver­züg­lich“? Wel­che Rol­le spiel­ten die west­deut­schen Medi­en, die eine Grenz­öff­nung ver­kün­de­ten, wel­che noch nicht voll­zo­gen war? Oder hat am Ende Oberst­leut­nant Harald Jäger, der die Gren­ze am Über­gang Born­hol­mer Stra­ße öff­nen und bald auf Kon­trol­len ver­zich­ten ließ, die Mau­er für immer geöff­net? Wahr­schein­lich spie­len hier alle Fak­to­ren eine Rol­le. Sicher­lich noch wei­te­re. Heu­te wird gern nach­träg­lich ratio­na­li­siert, die DDR sei ein­fach plei­te gewe­sen und ihre Bür­ger woll­ten nur noch weg. Dies aber greift wohl deut­lich zu kurz und dürf­te so auch schlicht falsch sein. Anfang 1989 sag­te Hon­ecker, dass die DDR noch in 100 Jah­ren bestehen wer­de. Und weder Ost noch West zwei­fel­ten daran.

18. März 1990. In Umfra­gen zur Volks­kam­mer­wahl lag die Ost-SPD weit vorn und auch sonst sprach viel für ihren Sieg. Fast die Hälf­te wähl­te dann aber die Alli­anz aus der unbe­kann­ten Ost-CDU, der von der CSU unter­stütz­ten DSU und dem kir­chen­na­hen Demo­kra­ti­schen Auf­bruch. Dem vor­aus­ge­gan­gen war ein gigan­ti­scher west­fi­nan­zier­ter Wer­be­feld­zug. Allein 100.000 Schall­plat­ten und Kas­set­ten mit Reden Hel­mut Kohls wur­den ver­teilt. In Erfurt soll die hes­si­sche CDU in einer ein­zi­gen Nacht 80.000 Pla­ka­te geklebt haben. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung hat­ten die meis­ten Par­tei­en im Pro­gramm, die Alli­anz aber ver­sprach die schnells­te. Und dann wähl­te das athe­is­tischs­te Land der Welt die Chris­ten. Obwohl bis 19. Janu­ar 1990 noch fast 1,2 Mil­lio­nen DDR-Bür­ger ihren Namen unter den Auf­ruf „Für unser Land“ gesetzt hat­ten, der für einen „Drit­ten Weg“ hin zu einer sozia­lis­ti­schen Alter­na­ti­ve zur Bun­des­re­pu­blik warb, einer zwi­schen Markt- und Plan­wirt­schaft. Es fragt sich, wie die DDR-Bür­ger mit dem Wis­sen davon abge­stimmt hät­ten, was dann folg­te: 82 Pro­zent aller 1989 erwerbs­tä­ti­gen Ost­deut­schen waren bis Novem­ber 1994 min­des­tens ein­mal arbeits­su­chend. Es fand eine Ent­wer­tung der bis­he­ri­gen Lebens­leis­tung statt, Betrie­be wur­den geschlos­sen, ver­kauft, ver­schenkt. Nur fünf Pro­zent des Pro­duk­tiv­ver­mö­gens der DDR ging in ost­deut­sche Hän­de. Vie­le ver­lo­ren ihre Woh­nun­gen an Alt­ei­gen­tü­mer oder deren Ver­wand­te. Die DDR-Bür­ger woll­ten die alte DDR nicht mehr. Aber die meis­ten woll­ten auch nicht die alte BRD – die Vor­zü­ge gern, aber nicht das gan­ze Paket. Die Mehr­heit woll­te etwas Neu­es. Und gera­de war man dabei, sich zu demo­kra­ti­sie­ren, sich zu refor­mie­ren, da been­de­te der Anschluss jeg­li­che Selbsterneuerung.

Die Geschich­te Ost­deutsch­lands wird heu­te im Wesent­li­chen von West­deutsch­land geschrie­ben. Über den Osten spricht der Wes­ten oft mit sich selbst. Die west­deut­sche Sicht auf die Gescheh­nis­se hat sich durch­ge­setzt. In den Medi­en, in der Öffent­lich­keit. Dabei ver­schwin­det dann auch so man­ches, was für den Osten von Bedeu­tung war. In heu­ti­gen Kin­der­bü­chern über die Raum­fahrt etwa feh­len zwi­schen bzw. vor Mond­lan­dung, Space Shut­tle, Ulf Mer­bold und Astro-Alex unter ande­rem die­se Prot­ago­nis­ten: Lai­ka, Juri Gaga­rin und Sig­mund Jähn, das ers­te Tier, der ers­te Mensch und der ers­te Deut­sche im All. Die ers­te Deut­sche, die im Sport einen Rekord auf­stellt, ist manch­mal nur die ers­te Deut­sche (ohne DDR). Und Abtrei­bung aus sozia­len Grün­den – noch heu­te wird dar­um gerun­gen – war in der DDR übri­gens schon 1950 kei­ne Straf­tat mehr.

Längst wird die west­deut­sche Geschich­te Ost­deutsch­lands auch von vie­len Ost­deut­schen so erzählt: Die DDR war ein Unrechts­staat mit Total­über­wa­chung, eine Dik­ta­tur, die ihre Men­schen ein­sperr­te und beim Flucht­ver­such erschoss. Das „größ­te Frei­luft­ge­fäng­nis Euro­pas“ (Ilko-Sascha Kowal­c­zuk) als Fehl­tritt der Geschich­te. Nun aber wür­den die „ver­zwerg­ten“ Per­sön­lich­kei­ten, deren Wis­sen unbrauch­bar für den Wes­ten gewe­sen sei (Arnulf Baring), wie­der dem rich­ti­gen Pfad folgen.

Die DDR war aber auch Sozi­al­staat, Lese- und Thea­ter­land sowie Sport­na­ti­on. Wo Frau­en arbei­ten konn­ten, durf­ten, muss­ten, weil es eine aus­rei­chen­de Kin­der­be­treu­ung gab. Ein Land ohne Arbeits- und Obdach­lo­sig­keit, mit lächer­li­chen Mie­ten und Lebens­mit­tel­prei­sen sowie einer umfas­sen­den Gesund­heits­ver­sor­gung. Wo Prag­ma­tis­mus, Direkt­heit und Soli­da­ri­tät cha­rak­te­ris­tisch waren. Höre ich ein „Ja, aber?“ Das kann durch­aus berech­tigt sein, genau wie bei der ande­ren Erzäh­lung. Fakt ist aber, dass sol­che Errun­gen­schaf­ten des Ostens heu­te nichts mehr zählen.

Ich weiß, ich weiß: dün­nes Eis. Das bringt mich zum nächs­ten Punkt.

Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990: Plakate der Allianz für Deutschland. Abbildung: Wikimedia Commons KAS/ACDP 10-024 : 5011 CC-BY-SA 3.0 DE

Wahl zur Volks­kam­mer am 18. März 1990: Pla­ka­te der Alli­anz für Deutsch­land. Abbil­dung: Wiki­me­dia Com­mons KAS/ACDP 10-024 : 5011 CC-BY-SA 3.0 DE

Fettnäpfchenfalle Ost

Ost­deutsch­land ist ein gefähr­li­ches Gesprächs­the­ma zwi­schen Ost und West. Denn schnell gelan­gen bei­de Sei­ten zur Ein­schät­zung, die jeweils ande­re wer­de es wohl nie ver­ste­hen. Beim Small­talk soll­te man das The­ma viel­leicht bes­ser so mei­den wie Poli­tik und Reli­gi­on, weil man hier schnell ins Fett­näpf­chen des ande­ren tritt. Ande­rer­seits müs­sen wir über Ost­deutsch­land drin­gend mit­ein­an­der im Gespräch bleiben.

Die Fron­ten sind schnell ver­här­tet. „So isser, der Ossi“, der undank­ba­re Jam­meros­si. Die Mil­li­ar­den, die wir da rein­ge­pumpt haben. Unser Soli. Was die jetzt für tol­le Stra­ßen haben, da träu­men wir von. Auf der ande­ren Sei­te steht der Bes­ser­wes­si, der den Osten der USA bes­ser kennt als den Osten Deutsch­lands. Er hat ein Jahr län­ger fürs Abi gebraucht – weil da noch zwölf Mona­te Schau­spiel­un­ter­richt ent­hal­ten waren.

Die Schub­la­den sind groß, in die man beim Spre­chen über Ost­deutsch­land nahe­zu reflex­ar­tig gesteckt wird. Schnell hat jeder sein Eti­kett. Wer dar­an erin­nert, dass man in der DDR trotz aller Ein­schrän­kun­gen auch ein rela­tiv nor­ma­les Leben füh­ren konn­te, wenn auch nicht nach den Maß­stä­ben des Wes­tens, gerät in den Ver­dacht, blind, pri­vi­le­giert oder bei der Sta­si gewe­sen zu sein. Wer die schreck­li­chen Schick­sa­le derer, die stark unter Repres­sio­nen zu lei­den hat­ten, für reprä­sen­ta­tiv erklärt, muss sich den Vor­wurf anhö­ren, dass dies nichts mit der Lebens­wirk­lich­keit der meis­ten zu tun hat­te. Das schlech­te Image Ost­deutsch­lands lei­det neben sei­nen Her­aus­for­de­run­gen unter einer west­deutsch domi­nier­ten Medi­en­land­schaft und einer unaus­ge­wo­ge­nen Auf­ar­bei­tung. Beschäf­tigt wird sich in ers­ter Linie mit den Miss­stän­den in der DDR. Wo aber nur die Schat­ten­sei­te erforscht wird, ent­steht zwangs­läu­fig ein Dun­kel­deutsch­land. Der Osten als Gruselkabinett.

Ein ver­zerr­tes Bild zeich­nen auch vie­le sta­tis­ti­sche Erhe­bun­gen. Ost­ber­lin wird in ihnen oft nicht zu Ost­deutsch­land gezählt. Ins­be­son­de­re wenn es dar­um geht, den Rück­stand des Ostens dar­zu­stel­len. Wenn es aber dar­um geht, die Fort­schrit­te zu zei­gen, wird gern gleich ganz Ber­lin zu den neu­en Bun­des­län­dern geschla­gen. Bei­des behin­dert einen kla­ren Blick auf die Ent­wick­lung des Ost­deutsch­lands, das ein­mal die DDR war.

West­deut­schen ist ein begrenz­tes Inter­es­se an ost­deut­schen Zusam­men­hän­gen und Befind­lich­kei­ten schwer vor­zu­wer­fen. Für sie hat sich ein­fach gar nichts geän­dert. Was Ost­deut­sche aber schnell auf die Pal­me bringt, ist west­deut­scher Pater­na­lis­mus. Eine väter­li­che, mit­un­ter ober­leh­rer­haf­te Art der Bevor­mun­dung. Ein beson­ders rotes Tuch ist für sie, wenn West­deut­sche ihnen den Osten erklären.

Ange­sichts des vor­herr­schen­den Bil­des von Ost­deutsch­land füh­le ich mich wie manch ande­rer immer wie­der in eine Ver­tei­di­gungs­po­si­ti­on gezwun­gen. Ich habe den Ein­druck, aus einem Gerech­tig­keits­emp­fin­den her­aus Par­tei für etwas ergrei­fen zu müs­sen, für das ich dies sonst nie­mals tun wür­de. So bin ich, so sind „wir“ im Übri­gen auch nicht erzo­gen wor­den, ganz im Gegen­teil: sich bloß nicht wich­tig­tun. Immer schön beschei­den, dann kann dich jeder lei­den. Aller­dings ler­nen wir von Osch­mann: Wer gehört wer­den will, der muss heu­te laut sein. Denn zwi­schen den Zei­len liest jetzt kei­ner mehr.

Die Website ostdeutschland.info ist im September 2024 online gegangen.

Die Web­site ostdeutschland.info ist im Sep­tem­ber 2024 online gegangen.

Brücken bauen und Banden bilden

2023 erreicht die AfD in Umfra­gen 23 Pro­zent – dop­pelt so viel wie bei der Bun­des­tags­wahl 2021. Und weit mehr als die NSDAP 1930 (18 Pro­zent). Vor allem in Ost­deutsch­land kom­men die rechts­extre­men Popu­lis­ten auf hohe Zustim­mungs­wer­te. Auch in den poli­ti­schen Umfra­gen zeich­nen sich damit längst wie­der die Gren­zen der DDR ab. Die AfD besetzt ursprüng­lich posi­ti­ve Ost­be­grif­fe und lässt ihre West­im­por­te auf Sim­sons ablich­ten. Mit Erfolg. Man­che ihrer Wäh­ler wis­sen es nicht bes­ser, man­che wis­sen es sehr genau, man­che wol­len die Welt ein­fach bren­nen sehen. Nie wie­der ist spä­tes­tens jetzt.

2023 ist auch das Jahr, in dem die Bücher von Dirk Osch­mann und Kat­ja Hoyer für Furo­re sor­gen. Ost­deutsch­land war und ist nicht, wie es sich West­deutsch­land vor­stellt. Die west­deut­sche Kri­tik an den Wer­ken spricht Bän­de. Das alles und noch viel mehr ist für mich in die­sem Jahr Anlass, auch etwas bei­zu­tra­gen. Ich initi­ie­re Teil eins die­ses Sam­mel­ban­des und lege direkt los. Außer­dem pla­ne ich die Web­site ostdeutschland.info und begin­ne, mich zu vernetzen.

Zeit­gleich mit Erschei­nen des Buches geht das Infor­ma­ti­ons­por­tal online. Es gibt Ori­en­tie­rung zum The­ma Ost­deutsch­land. Es klärt dar­über auf, was im Osten Deutsch­lands pas­siert, wer von hier kommt und wer hier wie agiert. ostdeutschland.info berich­tet unab­hän­gig und umfas­send – mit über­schau­ba­rer Kapa­zi­tät, aber reich­lich Herz­blut und groß­ar­ti­ger Resonanz.

Der Osten ist in Deutsch­lands Öffent­lich­keit und dar­über hin­aus nicht ange­mes­sen reprä­sen­tiert. Dage­gen will ostdeutschland.info etwas tun. Die Web­site möch­te – genau wie ich – dazu bei­tra­gen, Ost­deutsch­lands Ver­gan­gen­heit und des­sen Gegen­wart zu ver­ste­hen sowie die­se Regi­on vie­ler Regio­nen nach vorn zu brin­gen, damit eines Tages wirk­lich ein Haken an die soge­nann­te Wie­der­ver­ei­ni­gung gemacht wer­den kann.


Lasst uns gemein­sam etwas Neu­es schaf­fen und nicht vor tief­grei­fen­den Refor­men zurück­schre­cken. Sie sind drin­gend notwendig.”


Zukunft Ost

Am 1. April 2025 wur­de auf ostdeutschland.info ein April­scherz ver­öf­fent­licht. Fried­rich Merz hät­te angeb­lich ein Zehn-Punk­te-Pro­gramm für Ost­deutsch­land ange­kün­digt. Der Bei­trag soll­te zum Nach­den­ken dar­über anre­gen, was Ost­deutsch­land wirt­schaft­lich braucht, um auf­zu­schlie­ßen. Eini­ge Punk­te waren gar nicht so weit her­ge­holt und so man­ches wür­de ich auch wirk­lich für eine gute Idee hal­ten. Etwa eine Ost­quo­te für Füh­rungs­per­so­nal in Bun­des­re­gie­rung, Bun­des­be­hör­den und Bun­des­wehr, Son­der­wirt­schafts­zo­nen in Ost­deutsch­land und ein Son­der­ver­mö­gen Ost, das vor­ran­gig im Bereich erneu­er­ba­re Ener­gien sowie in Zukunfts­tech­no­lo­gien wie Mikro­elek­tro­nik, Halb­lei­ter­indus­trie und Was­ser­stoff­wirt­schaft inves­tiert wird, in denen der Osten Deutsch­lands bereits jetzt gut unter­wegs ist. Merz hät­te eine Abstim­mung dar­über vor­schla­gen wol­len, 2029 das Grund­ge­setz in eine neue, gemein­sa­me Ver­fas­sung über­ge­hen zu las­sen, den Tag der Deut­schen Ein­heit auf ein bes­ser geeig­ne­tes Datum zu ver­le­gen und eine neue Natio­nal­hym­ne in Anlauf zu neh­men. Aber immer­hin: Punkt zehn – Olym­pi­sche Spie­le in Ost­deutsch­land – wur­de Ende Mai 2025 auf den Weg gebracht. Die Bewer­bung ist erfolgt.

Den­ke ich an Ost­deutsch­land, dann den­ke ich an mei­ne Ost­ber­li­ner Her­kunft und dar­an, wie die Wie­der­ver­ei­ni­gung gelin­gen kann. Es braucht hier Selbst­be­wusst­sein durch Selbst­wirk­sam­keit. Es braucht Mut statt Wut. Mit der geball­ten Faust in der Tasche lässt sich schlecht anpa­cken. Aber der Schlüs­sel ist die Wirt­schaft. Sie ist die Vor­aus­set­zung für Wohl­stand und erfolg­rei­che Zukunft. Der Osten hat viel zu bie­ten: eine groß­ar­ti­ge Hoch­schul­land­schaft, star­ke Wirt­schafts­clus­ter, gut aus­ge­bil­de­te Men­schen, viel Poten­zi­al für Erneu­er­ba­re, noch rela­tiv fle­xi­ble Struk­tu­ren und eine Men­ge Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­rung. Hier leis­ten die Leu­te etwas, weil sie es auch müs­sen. Da winkt kein gro­ßes Erbe. Ost­deutsch­land ist Seis­mo­graf und eig­net sich als Labor. Ost­deut­sche wis­sen: Was sich fest­fährt, kann plötz­lich weg sein. Nach fest kommt ab. Was Ost­deut­sche als von außen Hin­zu­ge­kom­me­ne viel­leicht bes­ser sehen: In Deutsch­land läuft heu­te schon vie­les schief. Aber wir fah­ren wei­ter in unse­rem trä­gen Tan­ker auf sei­nem alten Kurs. Dar­um lasst uns gemein­sam etwas Neu­es schaf­fen und nicht vor tief­grei­fen­den Refor­men zurück­schre­cken. Sie sind drin­gend notwendig.

110 Autorinnen und Autoren teilen auf 448 Seiten ihre Gedanken zu Ostdeutschland.

110 Autorin­nen und Autoren tei­len auf 448 Sei­ten ihre Gedan­ken zu Ostdeutschland.


Label Impulsgeber Ost

Dr. Robert Nehring

GEBOREN: 1974/Ostberlin
WOHNORT (aktu­ell): Berlin
MEINE BUCHTIPPS: Jens Spar­schuh: „Der Zim­mer­spring­brun­nen“, 1995; Stef­fen Mau: „Lüt­ten Klein“, 2019; Chris­toph Hein: „Das Nar­ren­schiff“, 2025
MEINE FILMTIPPS: „Eins, zwei, drei“, 1961; „Flüs­tern und Schrei­en“, 1988
MEIN URLAUBSTIPP: Ostsee

 

Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2BUCHTIPP:

„Denke ich an Ostdeutschland ...“

In der Bezie­hung von Ost- und West­deutsch­land ist 35 Jah­re nach dem Mau­er­fall noch ein Kno­ten. Auch die­ser zwei­te Sam­mel­band will einen Bei­trag dazu leis­ten, ihn zu lösen. Die wei­te­ren 60 Autorin­nen und Autoren geben in ihren Bei­trä­gen wich­ti­ge Impul­se für eine gemein­sa­me Zukunft. Sie zei­gen Chan­cen auf und skiz­zie­ren Per­spek­ti­ven, scheu­en sich aber auch nicht, Her­aus­for­de­run­gen zu benen­nen. Die „Impuls­ge­be­rin­nen und Impuls­ge­ber für Ost­deutsch­land“ erzäh­len Geschich­ten und schil­dern Sach­ver­hal­te, die auf­klä­ren, Mut machen sowie ein posi­ti­ves, kon­struk­tiv nach vorn schau­en­des Nar­ra­tiv für Ost­deutsch­land bilden.

„Den­ke ich an Ost­deutsch­land ... Impul­se für eine gemein­sa­me Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Neh­ring (Hgg.), PRIMA VIER Neh­ring Ver­lag, Ber­lin 2025, 224 S., DIN A4.

Als Hard­co­ver und E-Book hier erhältlich.

 

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