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Der Osten als Avantgarde #13: Wie geht Natur?!

Das Netz­werk der gemein­nüt­zi­gen Initia­ti­ve Denk­Rau­mOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ost­deutsch­lands Charme sicht­bar zu machen. In Teil 13 ihrer Kolum­ne wid­met sich die Stif­tungs­exper­tin und Mode­ra­to­rin Kath­rin Suc­cow dem The­ma Natur­schutz in Ostdeutschland.

Kathrin Succow ist selbständige Stiftungsexpertin, Moderatorin, Produzentin des Dokumentarfilms „Wie Geht Natur?!“ und Stiftungsratsvorsitzende der Michael Succow Stiftung. Sie ist geboren in Mecklenburg-Vorpommern, aufgewachsen in Brandenburg, lange in Berlin zuhause und hat ihre Wahlheimat am Alpenrand. https://www.kathrin-succow.de/

Kath­rin Suc­cow ist selbst­stän­di­ge Stif­tungs­exper­tin, Mode­ra­to­rin, Pro­du­zen­tin des Doku­men­tar­films „Wie geht Natur?!“ und Stif­tungs­rats­vor­sit­zen­de der Micha­el Suc­cow Stif­tung. kathrin-succow.de

Wenn über die deut­sche Ein­heit und das Erbe der DDR gespro­chen wird, dann geht es meist um die Treu­hand und die maro­de Volks­wirt­schaft, um das, was abge­wi­ckelt wur­de, was ver­lo­ren ging und mit Hil­fe des Wes­tens neu auf­ge­baut wer­den musste.

Es gibt aber auch ein ganz ande­res Nar­ra­tiv, näm­lich von dem, was der ehe­ma­li­ge Osten in die deut­sche Ein­heit ein­ge­bracht hat: groß­ar­ti­ge Land­schaf­ten und wert­vol­le Natur. Dabei geht es um Lebens­räu­me für Tie­re und Pflan­zen, Orte der Erho­lung und Rege­ne­ra­ti­on für uns Men­schen, um Hot­spots der Bio­di­ver­si­tät, um gesun­de Böden, Was­ser und Lebens­mit­tel – für ganz Deutschland.

Es han­delt sich dabei um eine ost­deut­sche Hel­den­ge­schich­te, die viel zu sel­ten erzählt wird, obwohl sie für uns alle von Bedeu­tung ist und unser Land unver­gleich­lich rei­cher und schö­ner macht. Es ist die Geschich­te eines bei­spiel­lo­sen Geschenks an das ver­ein­te Deutsch­land: das Natio­nal­park­pro­gramm von 1990, das soge­nann­te „Tafel­sil­ber der deut­schen Einheit“.

In den flüch­ti­gen Mona­ten zwi­schen Mau­er­fall und offi­zi­el­ler Wie­der­ver­ei­ni­gung herrsch­te ein his­to­ri­sches Vaku­um. Wäh­rend vie­le den Blick aus­schließ­lich nach Wes­ten rich­te­ten und die wirt­schaft­li­che Inte­gra­ti­on her­bei­sehn­ten, erkann­te eine klei­ne, ent­schlos­se­ne Grup­pe von Wis­sen­schaft­lern und Natur­schüt­zern rund um mei­nen Vater, den Bio­lo­gen Micha­el Suc­cow, das kur­ze his­to­ri­sche Zeit­fens­ter. Zu ihnen gehör­ten an ers­ter Stel­le Han­nes Knapp, Lebrecht Jesch­ke und Mat­thi­as Freu­de, aber auch ein Netz­werk von Mit­strei­tern, die jah­re­lang, manch­mal auch über Jahr­zehn­te ohne Tele­fon und Öffent­lich­keits­ar­beit, ohne Inter­net und Social Media, hoch­enga­giert „vor­ge­ar­bei­tet“ haben und im rich­ti­gen Moment am rich­ti­gen Ort waren.

Der Biologe Michael Succow setzte sich mit Mitstreitern in der Wendezeit für das Nationalparkprogramm von 1990 ein und war erfolgreich. Abbildung: Wally Pruß

Der Bio­lo­ge Micha­el Suc­cow setz­te sich mit Mit­strei­tern in der Wen­de­zeit erfolg­reich für das Natio­nal­park­pro­gramm von 1990 ein. Abbil­dung: Wal­ly Pruß

Es bot sich die ein­ma­li­ge Chan­ce, wert­volls­te Natur­land­schaf­ten in kür­zes­ter Zeit vor dem erwart­ba­ren öko­no­mi­schen Aus­ver­kauf zu ret­ten: unbe­rühr­te Land­schaf­ten, gro­ße intak­te Moo­re, uralte Wäl­der und leben­di­ge Fluss­au­en, die unzäh­li­gen Tier- und Pflan­zen­ar­ten uner­setz­li­chen Lebens­raum boten. Land­schaf­ten ent­lang der inner­deut­schen Gren­ze, Trup­pen­übungs­plät­ze der NVA und der in der DDR sta­tio­nier­ten Sowjet­ar­mee, Staatsjagdgebiete.

Nachhaltigste Treuhand-Operation der Wendezeit

Man könn­te die­sen Akt als die erfolg­reichs­te und nach­hal­tigs­te „Treu­hand-Ope­ra­ti­on“ der gesam­ten Wen­de­zeit bezeich­nen – nur dass hier nicht pri­va­ti­siert und liqui­diert, son­dern das öko­lo­gi­sche Fun­da­ment für das Gemein­wohl künf­ti­ger Gene­ra­tio­nen gesi­chert wur­de. In einem bei­spiel­lo­sen Kraft­akt, der seit­dem in vie­len Län­dern Schu­le gemacht hat. In der letz­ten Sit­zung der DDR-Volks­kam­mer, letz­ter Tages­ord­nungs­punkt, wur­de ein bei­spiel­lo­ses „Natio­nal­park­pro­gramm für den Osten Deutsch­lands“ ver­ab­schie­det, unwie­der­bring­lich Bestand­teil des Einigungsvertrages.

Fünf Natio­nal­parks, sechs Bio­sphä­ren­re­ser­va­te und drei Natur­parks – von der Vor­pom­mer­schen Bod­den­land­schaft bis zur Säch­si­schen Schweiz, vom Spree­wald bis zur Müritz – wur­den qua­si von Ost­deutsch­land als öko­lo­gi­sche Mit­gift in das ver­ein­te Deutsch­land ein­ge­bracht. Das war kein glück­li­cher Zufall, son­dern das Ergeb­nis muti­gen, stra­te­gi­schen Han­delns ost­deut­scher Akteu­re. Es zeigt auf ein­drucks­vol­le Wei­se, was Ost­deutsch­land im Kern stark macht: ein tie­fer, prag­ma­ti­scher Sinn für das Wesent­li­che, eine unver­rück­ba­re Ver­bun­den­heit mit der Land­schaft, und die bemer­kens­wer­te Fähig­keit, in Zei­ten des mas­si­ven gesell­schaft­li­chen Umbruchs weit­rei­chen­de Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Es ist eine Geschich­te, die von Gestal­tungs­wil­len, Strin­genz und einem gesun­den ost­deut­schen Selbst­be­wusst­sein zeugt.

Verfilmung auf der großen Leinwand

Die­ses Erbe ist heu­te aktu­el­ler und wich­ti­ger denn je. Aber zu weni­ge wis­sen davon – in Ost und West. Des­halb haben die Fil­me­ma­cher Jakob Friedrich/Jason Krü­ger mit mir als Pro­du­zen­tin die­se Geschich­te als Film­do­ku „Wie geht Natur?!“ auf die Lein­wand gebracht – nicht als nost­al­gi­scher Rück­blick, son­dern als unver­zicht­ba­rer Kom­pass für unse­re Zeit heu­te. Der Film beglei­tet mei­nen Vater und sei­ne Weg­ge­fähr­ten. Er fängt ein, was es bedeu­tet, eine Visi­on gegen mas­si­ve Wider­stän­de durch­zu­set­zen, und stellt die drän­gen­de Fra­ge unse­rer Epo­che: Wie bewah­ren wir unse­re Lebens­grund­la­gen in einer von kurz­fris­ti­gen, wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen domi­nier­ten Welt? Wir erzäh­len Geschich­ten des Gelingens.

Der Doku­men­tar­film hat­te im Novem­ber 2025 in Ber­lin sei­ne Pre­mie­re. Die Reso­nanz ist über­wäl­ti­gend: Rund 60 mal in ganz Deutsch­land auf­ge­führt, oft mit Film­talks. Mir per­sön­lich war beson­ders wich­tig: ins Gespräch kom­men, in Gemein­schaft sein, Mut machen, Kraft tan­ken. Erst kürz­lich gab es für den Film den Publi­kums­preis der Öko­film­tour Bran­den­burg. Beleg dafür, wie sehr Men­schen nach ech­ten Geschich­ten des Gelin­gens und der Ermu­ti­gung dürs­ten. „Wie geht Natur?!“ ist auf Deutsch­land­tour­nee, alle Ter­mi­ne und Infos hier.

Gemeinwohlengagement aus Ostdeutschland

Als Toch­ter füh­re ich heu­te die von uns als Fami­lie 1999 gegrün­de­te Micha­el Suc­cow Stif­tung mit einem enga­gier­ten Team vor Ort in Greifs­wald und in den Pro­jekt­ge­bie­ten als eine der wich­tigs­ten Stif­tun­gen Ost­deutsch­lands wei­ter. Mein Vater ist heu­te 85 Jah­re alt und noch immer für sein Her­zens­the­ma Natur­schutz aktiv. Unse­re Stif­tungs­ar­beit baut direkt auf dem Fun­da­ment jenes his­to­ri­schen Herbs­tes 1990 auf. Wir set­zen uns welt­weit für den Erhalt intak­ter Öko­sys­te­me, den Moor­schutz und eine zukunfts­fä­hi­ge Land­nut­zung ein. Dabei lei­tet uns die­sel­be Über­zeu­gung von damals: Kon­se­quen­ter Natur­schutz ist kei­ne roman­ti­sche Träu­me­rei, son­dern die här­tes­te Wäh­rung für die Zukunft mensch­li­cher Zivilisation.

Die ost­deut­sche Natur­schutz­re­vo­lu­ti­on lehrt uns eine fun­da­men­ta­le Lek­ti­on: Es sind nicht immer nur die lau­ten, öko­no­mi­schen Tri­um­phe, die eine Gesell­schaft dau­er­haft absi­chern. Es sind auch die weit­sich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zum Schutz unse­rer Lebens­grund­la­gen, die den wah­ren Reich­tum einer Nati­on aus­ma­chen. Las­sen Sie uns die­se ost­deut­sche Hel­den­ge­schich­te gemein­sam wei­ter­tra­gen und auf die­se Wei­se fortschreiben.

 

Die nächs­ten Live-Ter­mi­ne von DenkRaumOst

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