Der Dessauer Verein NEWKID e.V. wollte den Hip-Hop in Ostdeutschland als immaterielles Kulturerbe anerkennen lassen, scheiterte damit jedoch kürzlich. Der Vereinsvorsitzende Jörg Schnurre erläutert die Hintergründe und spart nicht an Kritik.

Der Verein NEWKID e.V. aus Dessau-Roßlau. Die Geschichte der ostdeutschen Hip-Hop-Szene begann Anfang der 1980er-Jahre. Abbildung: Anja Schneider
Die Idee zu dem Antrag, Hip-Hop in Ostdeutschland als immaterielles Kulturerbe anerkennen zu lassen, kam Ende 2023 beim NEWKID e.V. in Dessau-Roßlau auf. Was vielen bis heute nicht bewusst ist und in der gesamtdeutschen Hip-Hop-Erzählung untergeht: Ab Anfang der 1980er-Jahre gab es eine eigenständige Szene in der DDR, die sich mit Breakdance, Graffiti, Rap und DJing befasste. Entstanden ist sie fast zeitgleich mit der westdeutschen Szene, ohne jedoch über direkte Kontakte zu amerikanischen GIs zu verfügen, die zum Teil aus der Bronx kommend, von den historischen Wurzeln berichten und Fähigkeiten weitergeben konnten. Verstärkt wurde die Entwicklung in der DDR durch den Film „Beatstreet“, der ab 1985 in den ostdeutschen Kinos lief. Allein die politischen Hintergründe zur Filmgenehmigung sind aberwitzig.

Mitglieder des Vereins NEWKID e.V. beim Breakdance. Abbildung: Hartmut Boesener
„Gabi, wir müssen das unter Kontrolle bekommen“
Die Breakdance-Szene entwickelte sich nach dem Film rasant und wurde nach anfänglichen Reibungspunkten sogar staatlich gefördert. „Gabi, wir müssen die Entwicklung unter Kontrolle bekommen“ lautet eine handschriftliche Notiz eines Stasi-Oberstleutnants an eine Verantwortliche im Dresdener Kulturbereich. Die Breakdance-Szene war legendär und reichte von Rostock und Stralsund über Berlin, Potsdam, Dessau, Leipzig und Meißen bis nach Dresden und Weimar. Der Spielfilm „Dessau-Dancers“ thematisiert diese Erzählungen. Was bei allem mitschwingt, ist der Sicherheitsapparat der DDR-Diktatur, der eine sehr eigene Erfahrungsebene für Angehörige der Szene darstellt, die sich von der der Westdeutschen unterscheidet. Mit der Wiedervereinigung wandelt sich die ostdeutsche Szene signifikant und erlangt durch die Wendetransformation eine weitere Erfahrungsebene, die sich abermals von der westdeutschen Szene unterscheidet. Songs wie „Grauer Beton“ von Trettmann und „Oase“ von Morlockk Dilemma oder das Buch „Nullerjahre“ von Hendrik Bolz spiegeln diese Erfahrungsebenen wider. Interessant wird es beim Song „Wellness“ von Marsimoto, dem Alter Ego des Rostocker Rappers Marteria, in dessen Video nur westdeutsche Hip-Hop-Legenden zu sehen sind. Es sind seine Stars, die ihn musikalisch in den 1990er-Jahren beeinflusst haben. Es zeigt darüber hinaus, dass die ostdeutsche Szene ab dem 10. November 1989 fast vollständig von der Bildfläche verschwand. Für jeden Einzelnen bedeutete die Maueröffnung einen Aufbruch. Für die Szene war es zunächst ein Zusammenbruch.
Einseitige Erzählung
Trotz vielfachem Austausch und starker Vernetzung ab der Maueröffnung ist die ostdeutsche Hip-Hop-Erzählung auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung nur sehr begrenzt in die gesamtdeutsche Darstellung der Hip-Hop-Szene eingeflossen. Eher kann eine unreflektierte Einordnung attestiert werden. Am deutlichsten wird dies in Kompendien wie „20 Jahre Hip-Hop in Deutschland“, in dem der Zeitraum vor und nach der Wiedervereinigung jeweils zehn Jahre umfasst. Der ostdeutsche Anteil liegt darin bei acht Seiten. Das Seitenvolumen ändert sich nicht, als das Nachschlagewerk zu „25 Jahre“ sowie „35 Jahre“ erweitert wird. Deshalb werden noch immer Dokumentationen primär aus westdeutscher Perspektive erzählt. Teilweise mit einem ostdeutschen Anteil am Rande, wenn der Journalist gut recherchiert hat. Diese verengte Darstellungsperspektive begrenzt die gesamtdeutsche Wahrnehmung und wirkt sich negativ auf den Fortbestand der ostdeutschen Hip-Hop-Szene sowie den Wiedervereinigungsprozess aus. Der Wissenschaftler Jörg Ganzenmüller macht in seinen Publikationen unter anderem auf diese Fehlstellung aufmerksam.

Das Oldschool Hip-Hop-Camp des Vereins. Der Landesheimatbund Sachsen-Anhalt und die Beratungs- und Forschungsstelle für Immaterielles Kulturerbe Sachsen haben den Antrag von Newkid inhaltlich begleitet. Abbildung: Micha von Vau
Die eigenen Erfahrungsebenen sind Gründe, warum der NEWKID e.V. unter anderem eine Förderung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur umsetzt und das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation an einer Zusammenarbeit interessiert ist. Nach vielen Gesprächen von 2023 bis 2025 innerhalb der Szene war klar, dass ein Antrag auf immaterielles Kulturerbe breite Unterstützung erhält. Von Anfang an wurde der Verein vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt sowie der Beratungs- und Forschungsstelle für Immaterielles Kulturerbe in Sachsen inhaltlich begleitet. Denn der Antrag muss bei der Staatskanzlei eingereicht werden, wo der antragstellende Verein seinen Sitz hat, unabhängig davon, ob der Antrag bundeslandübergreifend ist. Dass es keinen Automatismus zwischen Antrag und Weiterreichung gibt, ist klar und unstrittig. An der Qualität des Antrags kann es nicht gelegen haben. Dieser wurde durch Gutachten von Marie Jäger und Anna Groß sowie Leonard Schmieding begleitet. Letzterer hat übrigens zu Hip-Hop in der DDR promoviert. Vielmehr ist der Blick auf die gewechselte Zuständigkeit innerhalb der Staatskanzlei zu richten, ebenso auf die neu einberufene Expertenkommission, die keinerlei Erfahrung bei der Bewertung der Anträge hat.
Antrag abgelehnt
Die Staatskanzlei Sachsen-Anhalt hat diese Tragweite nicht erkannt und schließt sich der Einschätzung ihrer Expertenkommission an, die auf fehlende „wissenschaftliche Untersetzung“ des Antrags verweist. Dies wird jedoch nicht von der deutschen UNESCO-Kommission gefordert. Was das konkret bedeutet, bleibt offen. Dass die Staatskanzlei sich der Expertenkommission anschließt, zeigt weiterhin, dass es eine rein politische Entscheidung ist und die Qualität des Antrags letztlich ausblendet. Der zusätzliche Hinweis der Staatskanzlei Sachsen-Anhalt – in Händen der CDU –, man könne einfach in zwei Jahren einen überarbeiteten Antrag einreichen, wirkt wie eine Realitätsverweigerung. Nach aktuellen Prognosen für die Landtagswahl im September 2026 liegt die AfD weit vor der CDU und hat eine sehr realistische Chance, anschließend eine Regierung zu stellen. Wie dann die Chancen für den Antrag stehen, kann sich jeder Dreijährige ausrechnen, nicht aber der Ministerpräsident und seine Staatskanzlei. „Hip-Hop and you don‘t stop!“




























