Das Netzwerk der gemeinnützigen Initiative DenkRaumOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ostdeutschlands Charme sichtbar zu machen. In Teil zwölf ihrer Kolumne widmet sich Dirk Schneemann, Präsident des Deutsch-Französischen Wirtschaftskreises, dem Verhältnis Ostdeutschlands zu Frankreich.

Dirk Schneemann ist Gründer der Frankreich-Initiative Ostdeutschland (FIOst) sowie Gründer und CEO der Euraccess Gesellschaft zur Beförderung europäischer Wirtschaftskontakte mbH. Zudem ist er Vorstandsvorsitzender bzw. Präsident des Deutsch-Französischen Wirtschaftskreises (DFWK).
Die Kappung und Abwicklung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen der DDR nach der Wiedervereinigung in kürzester Zeit führten zu strukturellen und geografisch stark unterschiedlichen Entwicklungen in beiden Teilen Deutschlands. Die „überlebenden ehemaligen DDR-Unternehmen“ orientierten sich zwangsläufig Richtung Osteuropa und Asien, weil ihnen der westeuropäische und amerikanische Markt weitgehend verschlossen blieben.
Daraus ergab sich die Konsequenz, dass die EU-Präsenz Deutschlands – politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich – fast ausnahmslos durch „alte westdeutsche“ Strukturen wahrgenommen wurde. Dies hatte zur Folge, dass entsprechende Investitionen, Niederlassungen und Kooperationen mit ostdeutschen Unternehmen aufgrund fehlender Netzwerke eher die Ausnahme waren.
Tiefgreifende geopolitische Veränderungen (Corona, Ukraine) führten in den letzten Jahren dazu, dass Märkte wie Asien und Russland nahezu ausfielen. Gleichzeitig wurden innereuropäische Beziehungen immer wichtiger. Hinzu kam die gestiegene und auch international stärker wahrgenommene Innovationskraft der ostdeutschen Länder. Damit veränderte sich auch der Fokus sowohl ostdeutscher Unternehmen als auch internationaler Investoren auf den Osten selbst.
Spurwechsel statt andauernder Aufholjagd
Somit erscheint die Frage der Vergleichbarkeit von Ost und West sowie des Aufholens des Ostens in einem anderen Licht. Es muss einerseits künftig stärker um internationale Vergleichbarkeit in Schlüsseltechnologien und Branchen gehen, die ostdeutsche Unternehmen wettbewerbskonform bedienen können. Zum anderen lassen sich immer wieder fortgesetzte „verlängerte Werkbänke westdeutscher Prägung“ durch internationale Kooperationen ablösen. Dies betrifft auch Direktinvestitionen und nachhaltige Wertschöpfung, deren Ergebnisse im „Osten“ bleiben. Aufgrund der Kleinteiligkeit der ostdeutschen Wirtschaft braucht es den Aufbau von internationalen Netzwerken und einen neuen Fokus bei den vorhandenen Förderstrukturen.
FIOst verbindet Ostdeutschland und Frankreich
Die im Ergebnis einer von mir Ende 2022 erarbeiteten „Frankreich-Strategie Neue Bundesländer“ mündete bald mit großer Unterstützung der französischen Botschaft und weiteren Partnern in der „Frankreich-Initiative Ostdeutschland – FIOst“. Warum? Um Ostdeutschlands Potenziale für die europäische Stärkung mehr sicht- und nutzbar zu machen. Besonders in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre war Frankreich der größte Handelspartner der DDR – nach der BRD. Gleichzeitig war die DDR Frankreichs größter Handelspartner im Osten – nach der Sowjetunion. Wie oben beschrieben, endeten diese beiderseitigen Beziehungen nach der Wiedervereinigung abrupt und dauerhaft. Ostdeutschland fand in den deutsch-französischen Beziehungen – und insbesondere in der Wirtschaft – über Jahrzehnte hinweg nicht mehr statt. Die Investition von Elf Aquitaine in die Raffinerie Leuna sollte die bislang größte Einzelinvestition bleiben.
Erst mit globalen Marktveränderungen, der Betonung des europäischen Binnenmarktes und der zunehmenden Attraktivität ostdeutscher Standorte und Unternehmen scheint sich der Blick westeuropäischer Länder – und hier insbesondere Frankreichs – auf Ostdeutschland zu ändern. Die FIOst wurde gestartet, um auf diese Potenziale aufmerksam zu machen und den Aufbau spezifisch für diesen Markt ausgerichteter Förderstrukturen einzufordern. Der Weg ist mühsam, aber wiederbelebte und neu aufgebaute Regionalkooperationen zeigen, dass es geht. Bis 2023 gab es nur einen deutsch-französischen Wirtschaftskreis im Osten des Landes – den DFWK Berlin-Brandenburg. Die Gründung eines Deutsch-Französischen Wirtschaftsklubs Mitteldeutschland im September 2023 bietet seitdem eine neue Austauschplattform. Wirtschaftskonferenzen finden statt und auch die MPK Ost setzt das Thema auf die Tagesordnung. Der französische Botschafter, François Delattre, und die Ostbeauftragte des Bundes, Staatsministerin Elisabeth Kaiser, haben die FIOst-Schirmherrschaft übernommen. Langsam nehmen auch französische Investitionen im Osten wieder zu, neue Industriekooperationen in Schlüsselbereichen sind im Entstehen. Dies betrifft erfreulicherweise Zukunftsbranchen wie H2, Infrastruktur, Mobilität, AI und andere. Aber es bedarf noch vieler gemeinsamer Anstrengungen – insbesondere intensiver Netzwerkarbeit über Partei- und Landesgrenzen hinweg, um nachhaltige Erfolge zu sichern.
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