In den letzten Jahren hat in Ostdeutschland das Misstrauen gegenüber dem Journalismus zugenommen. In ihrem Buch „Medienskepsis in Ostdeutschland“ tauchen Michael Meyen und Lukas Friedrich in ostdeutsche Lebenswelten ein und beschäftigen sich mit der Frage, wie viel DDR in der Unzufriedenheit mit den Leitmedien steckt.
| BUCHTIPP:
Michael Meyen, Lukas Friedrich: „Medienskepsis in Ostdeutschland: Warum das Misstrauen in den Journalismus kein Erbe der DDR ist. Mit einer Fallstudie aus Bautzen“, Herbert von Halem Verlag, Köln 2025, 205 Seiten, 28 € (Taschenbuch). |
Als Untersuchungsmaterial für ihre Studie dienten den Wissenschaftlern eine Analyse mit neun Gruppendiskussionen, durchgeführt 2023 und 2024, eine Fallstudie zum Zusammenspiel von Medienrealität und Medienbewertung im Raum Bautzen, Gespräche mit dem Medienmacher Wilhelm Domke-Schulz sowie mit dem Bautzener Unternehmer und Geschäftsführer der Hentschke Bau GmbH Jörg Drews. Zudem wurden Literatur und verschiedene Untersuchungen zur Medienbewertung in der BRD und DDR in die Forschung mit einbezogen. Die zentrale Frage der Forscher lautete: Wie viel DDR steckt in der Unzufriedenheit mit den Leitmedien?
Durch Michael Meyens öffentliche Kritik am Corona-Journalismus hatten die beiden Autoren nach eigenen Angaben einen einfacheren Zugang zu Menschen, die keine Leitmedien konsumieren, und zur Wählerschaft von AfD und BSW. So entstand den Autoren zufolge auch ein Gleichgewicht, da die Studien der beiden Forscher durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung unterstützt wurden. Parallel dazu fand eine Forschung von Leipziger Kollegen mit Unterstützung eines Ministeriums in Dresden statt. Meyen und Friedrich profitierten davon, dass ihre Kollegen ihre Arbeit früher veröffentlichten, und konnten so auf deren Daten zurückgreifen.
Die Analyse der beiden Forscher mit Gruppendiskussionen knüpft an frühere qualitative Forschungen Meyens aus den Jahren 2000 bis 2002 an. In seiner damaligen Studie wurden Leitfadeninterviews mit Ostdeutschen geführt und mithilfe eines Kategoriensystems ausgewertet, das sowohl geschlossene Aspekte wie Soziodemografie, soziale Einbindung und Medienzugang als auch offene Dimensionen wie Erwartungen an Medien oder Einstellungen zur Medienpolitik berücksichtigte. Auf dieser Grundlage entwickelte Meyen verschiedene Mediennutzertypen, die zeigten, dass es keine einheitliche Medienerfahrung in der DDR gab. Wahrnehmung und Nutzung unterschieden sich deutlich; Westmedien dienten häufig als Vergleich, ohne dass ihnen vollständig vertraut wurde. Diese Ergebnisse bilden den Ausgangspunkt für die weiterführende Untersuchung.
Für die Gruppendiskussionen wählten Meyen und Friedrich insgesamt 43 Teilnehmer aus Coburg, Hildburghausen, Halle (Saale) und Bautzen aus. Die Auswahl orientierte sich methodisch an der früheren Studie und folgte einem System aus geschlossenen und offenen Kategorien wie Geschlecht, Alter, Lebenssituation, Brüchen durch Orts- oder Partnerwechsel und dem DDR-Bild der Teilnehmer. Ziel war es, aktuelle Formen der Mediennutzung und Medienskepsis zu erfassen und typologisch zu ordnen. Aus den Diskussionen wurden vier zentrale Mediennutzertypen herausgearbeitet.
Der erste Typ, der „Flüchtling“, zeichnet sich durch eine weitgehende Abkehr vom klassischen Journalismus aus. Medien werden nur noch selektiv genutzt, häufig mit Fokus auf alternativen Onlinequellen. Dies wird am Beispiel von Torben (*1973, Betriebswirt aus Freiberg) deutlich. Für Torben bedeutet Medienskepsis, dass man einem Artikel oder Beitrag nicht blind glaubt, sondern ihn mit anderen Medien vergleicht. Ihn stört, dass Medien das Gesagte von Politikern übernehmen, anstatt selbst zu recherchieren oder kritisch nachzufragen, was er als eigentliche Aufgabe des Journalismus versteht. Er gibt an, hauptsächlich Internetmedien zu konsumieren, darunter N-TV, „Tichys Einblick“, „Nachdenkseiten“ sowie Inhalte von Alexander Wallasch. Als prägendes Ereignis nennt er die Flüchtlingskrise 2015 und die mediale Berichterstattung darüber. Seit diesem Zeitpunkt greife er wieder stärker auf ein kritisches Denken zurück, das er bereits aus DDR-Zeiten kenne. Er fordert mehr unabhängigen Journalismus und eine ausgewogenere Berichterstattung.
Der zweite Typ, der „Skeptiker“, ähnelt dem „Flüchtling“, unterscheidet sich jedoch dadurch, dass Leitmedien weiterhin ein fester Bestandteil der Mediennutzung sind. Diese werden jedoch konsequent hinterfragt und mit anderen Quellen abgeglichen. Ein Beispiel ist Johann (*1993, Student der Orientwissenschaft aus Halle). Für ihn bedeutet Medienskepsis ein ständiges Hinterfragen medialer Narrative. Er nutzt Nachrichtenangebote wie MDR1 und Radio Sachsen-Anhalt sowie Printmedien wie „Spiegel“, „FAZ“ oder „Die Welt“. Zusätzlich folgt er auf Telegram Personen wie Henning Rosenbusch oder Markus Haintz. Alternative Medien begann er ab 2016/2017 verstärkt zu nutzen, da er insbesondere bei Themen wie Feminismus und Gender Zweifel an der Darstellung in Leitmedien entwickelte. Für ihn werden Grenzen überschritten, wenn nur die Interessen einer Seite dargestellt werden, „Lügenmärchen“ verbreitet oder Sprache gezielt zur Manipulation eingesetzt wird. Seit der Coronapandemie nutzt er verstärkt auch Telegram. Als prägendes Ereignis nennt er unter anderem die Berichterstattung zum Sturm auf das Reichstagsgebäude, den er nicht geglaubt hat und den er als demokratiegefährdend einstuft.
Der dritte Typ, der „Verweigerer“, misst Medien insgesamt eine geringe Bedeutung bei. Sowohl Leit- als auch Alternativmedien werden nur unterdurchschnittlich genutzt. Dies zeigt sich am Beispiel von Malte (*1977, Straßenbauer aus Bautzen). Er kritisiert eine aus seiner Sicht fehlende Informationsvielfalt und hat bewusst versucht, seinen Medienkonsum zu reduzieren. Zeitungen liest er gar nicht, und auch Radio schaltet er häufig aus. Er begründet dies damit, dass viele Inhalte verzerrt oder nur teilweise wahr dargestellt würden. Nach eigener Aussage habe er noch „einen Rest DDR“ mitbekommen, was bei ihm Spuren hinterlassen habe, auch wenn ihm dies lange nicht bewusst gewesen sei. Erst ab etwa 2012 habe er verstärkt wahrgenommen, dass Medien aus seiner Sicht gleichgeschaltet berichten. Dies sei der Zeitpunkt gewesen, an dem er begonnen habe, seine Haltung zu überdenken und kritischer zu werden. Zudem äußert er Verständnis für direktdemokratische Elemente wie Volksbefragungen, die er als Möglichkeit sieht, politische Entscheidungen stärker am Willen der Bevölkerung auszurichten.
Der vierte Typ, der „Gläubige“, orientiert sich überwiegend an etablierten Leitmedien. Kritik wird zwar geäußert, führt jedoch nicht zu einem grundlegenden Misstrauen gegenüber dem Mediensystem. Dies wird am Beispiel von Antje (*1969, Sonderschullehrerin aus Coburg) deutlich. Auf die Frage nach Medienskepsis antwortet sie, dass dies vor allem „die anderen“ betreffe, etwa Menschen, die auf Demonstrationen „Lügenpresse“ rufen. Sie selbst informiert sich täglich über die „Tagesschau“ und gelegentlich zusätzlich über die „Tagesthemen“. Gleichzeitig berichtet sie von ihren Eltern im Kreis Hildburghausen und beschreibt, dass dort viele Menschen kostenlose Wochenblätter mit aus ihrer Sicht stark einseitigen und politisch rechtsgerichteten Inhalten lesen und diese als Hauptinformationsquelle nutzen. Obwohl sie einzelnen Berichterstattungen – etwa zum Krieg in Gaza – eine gewisse Einseitigkeit zuschreibt, bleibt ihr grundsätzliches Vertrauen in die Leitmedien bestehen.
In der Fallstudie „Die Erfindung von Brown Under“ haben Meyen und Friedrich den Widerspruch zwischen Leitmedien und der Wahrnehmung vor Ort am Beispiel der Stadt Bautzen herausgearbeitet. Untersuchungsmaterial waren Berichte über das Unternehmen Hentschke Bau GmbH, den Geschäftsführer des Unternehmens Jörg Drews und über die Stadt Bautzen selbst. Dafür konnten sie das Pressearchiv von Hentschke Bau nutzen. Zusätzlich führten die beiden Forscher auch hier Gruppendiskussionen mit Mitarbeitenden des Unternehmens durch. Hierbei ergab sich eine Diskrepanz zwischen der Berichterstattung der Leitmedien über Bautzen, die Firma und Jörg Drews und den Schilderungen der Diskussionsteilnehmer. Dieser Unterschied zeigt sich auch im Interview von Meyen mit Jörg Drews, der erwähnt, dass sein Unternehmen durch falsche Darstellungen in den Medien zur Zielscheibe von Vandalismus wurde.
Die Forschungsfrage, ob die DDR ein Erbe für das Misstrauen vieler Ostdeutscher in den Journalismus ist, konnten Meyen und Friedrich unter anderem durch die Gruppendiskussionen, aber auch durch die Fallstudie mit nein beantworten. Zwar spielt die DDR in der Vergangenheit der Forschungsteilnehmer eine Rolle, Auslöser für die Medienskepsis sind aber bei allen Teilnehmern jeweils Momente gewesen, die weit nach dem Ende der DDR 1990 geschahen. Beispiele dafür waren die Coronapolitik, die Flüchtlingskrise, der Ukrainekrieg oder die Anschläge vom 11. September 2001. Den Autoren gelingt es, anschaulich zu zeigen, wie Menschen in Ostdeutschland das Vertrauen zu den Medien verloren haben. Sie schaffen so die Möglichkeit für ein Bewusstsein, wie Vertrauen möglicherweise von Medienschaffenden wieder zurückgewonnen werden kann. Gleichzeitig geben Meyen und Friedrich einen Einblick in die Lebenswelten von unterschiedlichen Menschen in Ostdeutschland und erzeugen damit ein persönliches Bild zum Thema Mediennutzung und Medienskepsis im Osten.





























