Olaf Ebert, Geschäftsführer der Stiftung Bürger für Bürger sowie Mit-Initiator von Zukunftswege Ost, und Stefan Vogt, Geschäftsführer der Freudenberg Stiftung sowie Mit-Initiator von Zukunftswege Ost, sind wichtige Impulsgeber für Ostdeutschland. Sie setzen sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag sind sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Olaf Ebert, Geschäftsführer Stiftung Bürger für Bürger und Mit-Initiator Zukunftswege Ost, und Stefan Vogt, Geschäftsführer Freudenberg Stiftung und Mit-Initiator Zukunftswege Ost. Abbildung Ebert: Stiftung Bürger für Bürger, Abbildung Vogt: Fritz Kopetzky
Die Demokratie in Ostdeutschland steht unter Druck. Zivilgesellschaftliche Strukturen sehen sich wachsender politischer wie finanzieller Bedrohung ausgesetzt. Rechtsextreme Akteure nutzen gezielt ihre Stärke in kommunalen und Landesparlamenten, um Fördermittel zu kürzen, Vereine und Engagierte zu delegitimieren oder demokratiefeindliche Narrative zu normalisieren. Die Folgen sind sichtbar: Projekte zur politischen Bildung und Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts müssen schließen, Jugendliche verlieren Teilhabemöglichkeiten, Engagierte ziehen sich zurück. Die lokalen Auswirkungen dieser Entwicklungen können gravierend sein – für den sozialen Frieden, für die Lebensqualität, aber auch für die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Regionen.
Beispielhaft zeigt sich das am Landkreis Bautzen. Dort wurde Anfang 2025 beschlossen, die kommunale Beteiligung am Bundesprogramm „Demokratie leben!“ für die lokale „Partnerschaft für Demokratie“ zu streichen. Die Folge: Der Landkreis verzichtete auf jährlich 200.000 Euro aus Bundes- und Landesmitteln, die für Jugend- und Demokratiearbeit vorgesehen waren. Der Schaden ist weitreichend – nicht nur finanziell, sondern auch in seiner Signalwirkung an die Engagierten vor Ort. Es ist ein Beispiel dafür, wie politische Mehrheiten gezielt demokratische Infrastruktur schwächen.
Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt der Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost, die Anfang 2024 von der Zeit Stiftung Bucerius, der Cellex Stiftung, der Stiftung Bürger für Bürger, der Freudenberg Stiftung und dem Bundesverband Deutscher Stiftungen unter der Schirmherrschaft des Ostbeauftragten der Bundesregierung ins Leben gerufen wurde. Sie will die Stärken zivilgesellschaftlicher Netzwerke mit den Ressourcen und dem Gestaltungswillen privater Förderer und Unternehmen verknüpfen. Ziel ist es, überregionale und lokale Partner zusammenzubringen, um demokratische Strukturen langfristig zu stabilisieren und sie auch unabhängiger von öffentlichen Mitteln zu machen. Gleichzeitig will Zukunftswege Ost zur politischen Selbstbehauptung von Demokratieförderung beitragen – in einer Zeit, in der deren Legitimität zunehmend infrage gestellt wird.
Unternehmen, die in strukturschwächeren Regionen Ostdeutschlands verwurzelt sind, wissen um die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Verantwortung.”
Eine Antwort auf den wachsenden Druck
Zukunftswege Ost ist kein kurzfristiges Förderprogramm, sondern eine strategisch angelegte Gemeinschaftsinitiative mit drei komplementären Säulen: Zum einen werden niedrigschwellige Mikroprojekte mit bis zu 5.000 Euro in ganz Ostdeutschland gefördert – flexibel, bürokratiearm und schnell verfügbar. Damit erhalten auch kleine Initiativen und Vereine Zugang zu Ressourcen. Diese Förderung setzt genau dort an, wo es oft an allem fehlt: an Strukturen, Anerkennung und Sichtbarkeit. Gemeinsam ist den Projekten: Sie stärken das demokratische Miteinander direkt vor Ort, besonders in ländlichen Regionen.
Dabei ist eines zentral: Die Entscheidungen über Mittelvergabe und Schwerpunkte trifft eine Jury, die mehrheitlich aus ostdeutschen Engagierten besteht. Diese Verankerung sorgt für Augenhöhe, Relevanz und regionale Passung. Sie garantiert, dass Förderprogramme nicht von außen übergestülpt, sondern im Dialog mit der lokalen Zivilgesellschaft entwickelt werden. Gleichzeitig signalisiert das Modell: Vertrauen in die Kompetenz vor Ort ist keine Floskel, sondern handlungsleitend.
Zum anderen investiert die Initiative gezielt in Fokusregionen bis zu 100.000 Euro jährlich für den Auf- und Ausbau regionaler Kooperationsnetzwerke. Im Mittelpunkt dabei stehen strategische Allianzen vor Ort, in denen Engagierte, Vereine, Unternehmen, Stiftungen und Kommunen zusammenarbeiten. Ziel ist es, nachhaltige Infrastrukturen zu schaffen, die regionale Akteure in ihrer Arbeit stabilisieren und miteinander vernetzen. Auch hier entscheiden die lokalen Partner über die genaue Ausgestaltung und das priorisierte Vorgehen – sie kennen die Bedarfe, die Konfliktlinien und die Potenziale ihrer Region am besten. Die Initiative versteht sich somit als lernende Plattform, die kontinuierlich Wissen sammelt, austauscht und in ihre Weiterentwicklung integriert.
Als dritte Säule von Zukunftswege Ost fördert der Gen Ost JugendFonds das demokratische Engagement, Verantwortung und Mitgestaltung von Jugendlichen in den ostdeutschen Bundesländern. Dabei entscheiden engagierte Jugendliche und Stiftungen gemeinsam über die Vergabe der Förderung. Junge Menschen suchen nach selbstgestalteten Formen der Mitwirkung. Ihr soziales Engagement ist projekt- und anlassbezogen und findet deutlich weniger in festen Vereinsstrukturen statt. Demgegenüber stehen Förderungen, die oft voraussetzungsvoll und bürokratisch gestaltet sind. Hier wird der neue Fonds eine Lücke schließen und mit einer bedarfsorientierten Förderung Jugendengagement niedrigschwellig unterstützen.

Tagesspiegel-Konferenz „Der Osten“, 2024. Abbildung: Marie Staggat
Verantwortung vernetzen
Was Zukunftswege Ost besonders macht, ist die enge Verbindung von Stiftungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Denn in einem lebendigen Gemeinwesen liegen auch die Grundlagen für wirtschaftlichen Erfolg: Planungssicherheit, Fachkräftebindung, Innovationsfreude, internationale Offenheit. Gerade Unternehmen, die in strukturschwächeren Regionen Ostdeutschlands verwurzelt sind, wissen um die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Verantwortung für ihren Standort. Sie erkennen, dass Abwanderung, Polarisierung oder Demokratieverdruss nicht nur gesellschaftliche, sondern auch wirtschaftliche Risiken bergen.
Die Initiative spricht gezielt Unternehmen an, die sich nicht nur finanziell, sondern auch ideell beteiligen und vor Ort neue Kooperationen unterstützen wollen. Unternehmerinnen und Unternehmer engagieren sich als regionale Patinnen, begleiten Projekte, stellen Kontakte her oder machen ihre Haltung sichtbar. Durch ihre Beteiligung entstehen neue Allianzen, Vertrauen wird gestärkt und die gemeinsame Verantwortung für demokratische Zukunftsgestaltung sichtbar gemacht. Diese Rollenprofile sind vielfältig: Sie reichen von der Rolle als Förderpartner bis hin zur Mitwirkung in Netzwerken, Workshops oder regionalen Steuerungsgruppen.

Zukunftswege Ost: die Initiatorinnen und Initiatoren mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Auftakt am 3. Mai 2024. Abbildung: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Ein Beispiel: Eine Unternehmerin aus Sachsen-Anhalt unterstützt Jugendbeteiligungsprojekte in ihrer Region nicht nur finanziell, sondern organisiert regelmäßig soziale Lernwochen und Austauschrunden mit Azubis aus ihrem Unternehmen und den engagierten Jugendlichen. Die Botschaft ist klar: Demokratisches Engagement ist keine Nebensache – es gehört zur DNA zukunftsfähiger Unternehmenskultur.
Die Unternehmen profitieren ebenfalls: Sie zeigen Haltung, positionieren sich als verantwortungsvolle Akteure und gewinnen so auch an Attraktivität für Fachkräfte. Gerade junge Menschen achten zunehmend auf Werteorientierung bei der Wahl ihres Arbeitgebers. Ein klar erkennbares Engagement für Demokratie kann zum entscheidenden Faktor werden – für Bewerbungen ebenso wie für Kundenbindung und Investitionsentscheidungen. Gleichzeitig eröffnet die Mitwirkung an einer gesellschaftlich relevanten Initiative neue Perspektiven auf eigene betriebliche Herausforderungen: Vielfalt, Teamkultur, Resilienz und Innovationskraft – all das sind Eigenschaften, die in demokratischen Kontexten erlernt und erprobt werden.

Die Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost ist „… ein wichtiges gesamtdeutsches Projekt“, so Frank-Walter Steinmeier. Abbildung: Sandra Steins, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Zukunft braucht Verbindlichkeit
Dass die Resonanz auf die Gemeinschaftsinitiative groß ist, liegt nicht zuletzt an ihrem Modellcharakter. Zukunftswege Ost zeigt, wie kollektives Handeln aussehen kann: über Bundesländergrenzen hinweg, mit klarer strategischer Steuerung und in gemeinsamer Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft. Dabei ist die Initiative kein Ersatz für staatliches Handeln, sondern ein starker zivilgesellschaftlicher Impuls, um Handlungsspielräume zu sichern und politisch sichtbare Zeichen zu setzen.
Wichtig ist dabei die Langfristigkeit. Wer Vertrauen und Wirksamkeit aufbauen will, muss Verbindlichkeit bieten. Deshalb zielt die Initiative auf mehrjährige Unterstützung, auf feste Partnerschaften und auf transparente Kommunikation darüber, was zivilgesellschaftliches Engagement leisten kann – und was es braucht, um Bestand zu haben.
Diese Verlässlichkeit gilt auch für die Förderlogik: weniger befristete Einzelprojekte, mehr langfristige Strukturförderung. Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen Engagement wachsen kann – mit Ressourcen, aber auch mit Rückhalt.
Darüber hinaus steht Zukunftswege Ost exemplarisch für eine Haltung: Demokratie ist nicht allein Sache der Politik. Sie ist ein Gemeinschaftswerk – offen, widersprüchlich, aber gestaltbar. Diese Gestaltungsräume zu erhalten und zu stärken ist das Kernanliegen der Initiative.

Forum Bürgergesellschaft am 29. November 2024, organisiert von der Stiftung Bürger für Bürger. Abbildung: Bennet Rietdorf
Ein Aufruf zum Mitgestalten
Die Demokratie braucht mehr als Verteidigung. Sie braucht Gestaltungskraft, Verbündete und Ressourcen. Die Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost will dafür Plattform, Motor und Katalysator sein. Sie lebt vom Mitmachen. Die Einladung steht: an Stiftungen, Unternehmen, kommunale Verantwortungsträger; an Menschen, die sehen, dass die Zukunft Ostdeutschlands nicht von Polarisierung, sondern von Kooperation, Verantwortung und Dialog bestimmt sein sollte.
Die Aufgaben werden nicht kleiner. Aber sie werden lösbar, wenn wir sie gemeinsam angehen. Zukunftswege Ost zeigt, dass demokratische Innovation möglich ist – wenn wir Räume dafür schaffen, Ressourcen teilen und Verantwortung ernst nehmen.
Denn: Wer sich heute für die Demokratie engagiert, sichert den Zusammenhalt von morgen.

Zukunftswege Ost: Roundtable „Wir sitzen alle im gleichen Boot“. Abbildung: Anja Schneider
Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost
GEGRÜNDET: 2023
MITARBEITENDE: >20
WEBSITE: zukunftswege-ost.de
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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