Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Berlin, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin. Abbildung: Philipp Arnoldt
Denke ich an Ostdeutschland, denke ich zuerst an meine Großeltern in einem kleinen Dorf zwischen Schwerin und Rostock. Mein Großvater – ein echtes Original, der plattdeutsch redete und liebend gern alte Geschichten zum Besten gab. In Rostock liebe ich den Blick über die Warnow auf die Altstadt und die Marienkirche. Ich genieße bei Besuchen in meiner Heimatstadt gern den Spaziergang am Ostseestrand und beobachte mit meinen Kindern die Fischerkutter. Das erdet mich und gibt mir ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit. Meine Kindheit in der DDR war unpolitisch, auch wenn das Leben für die Gesellschaft damals immer politisch war. Ich war zwölf Jahre alt, als die Wende kam, habe zuvor drei Jahre mit meinen Eltern in Ägypten gelebt und mich in meiner Jugend nie als Ostdeutsche oder in irgendeiner Form benachteiligt gefühlt. Im Gegenteil. Ein Bewusstsein dafür, dass der Osten anders als der Westen ist, entstand für mich erst, als ich anfing, mich für Politik zu interessieren und durch meinen Job nach Berlin kam. Erst dann fing ich an, bewusster wahrzunehmen und zu vergleichen. Die Herausforderungen für den Osten Deutschlands, den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung im Westen zu schaffen, die strukturellen Voraussetzungen, die dabei eine Rolle spielen, begleiteten mich von Beginn an durch mein Berufsleben, das in einer großen Reederei in Rostock begann und sich später als Geschäftsführerin der FG Bau Berlin-Brandenburg, als Senatorin und heute als IHK-Hauptgeschäftsführerin fortsetzt.
Für eine Politik, die Ostdeutschland nicht als Strukturproblem, sondern als Gestaltungsraum versteht.”
Strukturen, die prägen – und begrenzen
Denke ich an Ostdeutschland, sehe ich aber nicht nur meine persönliche Prägung durch Menschen, die ihr Leben in der DDR verbracht haben, sondern die wirtschaftliche Realität in den ostdeutschen Bundesländern. Seit ich als junge Juristin mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht begann, begegnete mir ein struktureller Unterschied, der bis heute Bestand hat. Immer wieder. Die langen Schatten der DDR-Vergangenheit sind – gerade im wirtschaftlichen Bereich – immer noch spürbar.
Unbestritten ist: Seit der Wiedervereinigung wurden große Fortschritte erzielt. Zahlreiche Regionen haben sich sehr positiv entwickelt, die Arbeitslosenquote ist gesunken. In den Städten in Ostdeutschland gibt es moderne, lebenswerte und wirtschaftlich aktive Zentren, die sich auch dank des Solidaritätszuschlags gut entwickelt haben. Anders die Wahrnehmung der Menschen, die dort leben. Sie empfinden ihre Region weiterhin als abgehängt. Zwischen gefühlter Stagnation und der tatsächlichen Entwicklung entfaltet sich eine Diskrepanz, die Gründe hat.
Die wirtschaftliche Substanz ist dabei ein wesentlicher Faktor. Obwohl die Wiedervereinigung mittlerweile 30 Jahre zurückliegt, bleibt die Wirtschaftskraft in Ostdeutschland spürbar hinter der des Westens zurück. Mit Ausnahmen einiger städtischer Ballungsräume beträgt die Pro-Kopf-Wertschöpfung rund 80 Prozent des Niveaus in Westdeutschland. Im Vergleich zum Westen ist der Anteil an hoch qualifizierten Beschäftigten in Ostdeutschland geringer.

Das Ludwig Erhard Haus („Gürteltier“), Sitz der IHK Berlin und Wirtschaftswahrzeichen der Hauptstadt. Abbildung: IHK Berlin
Langfristige Konsequenzen für den Osten hatte vor allem, dass viele Unternehmen in der Ära der Treuhand nicht von den ostdeutschen Betriebsleitern oder Unternehmern weitergeführt, sondern an westdeutsche Investoren verkauft wurden. Bis heute fehlt es an regionalen Unternehmerbiografien und an der Kapitalbildung vor Ort – auch dies sind zu einem Gutteil Konsequenzen des jahrzehntelangen planwirtschaftlichen Systems, das Unternehmertum und unternehmerischen Spirit systematisch geächtet hat. Die Strategie der Treuhand mag deshalb nach der Wende aus gesamtwirtschaftlicher Sicht für zielführend erachtet worden sein. In der Folge hat sie jedoch auch dazu geführt, dass viele Menschen in Ostdeutschland das Gefühl hatten, ihre Initiative, Kreativität und Produktivität seien nicht gefragt. Das sind schwierige Voraussetzungen, um wirtschaftlich- unternehmerische Tatkraft zu entwickeln – zumal es diesbezüglich auch keine nennenswerte Strategie auf politischer Ebene gab.
Diese Entwicklung zeigt Folgen bis in die Gegenwart. Das Kapital, die Hauptsitze von Unternehmen und weichenstellende Entscheidungszentren sind bis heute nicht im Osten Deutschlands verortet. Das hat Folgen für die Selbstwahrnehmung der Menschen, für ihre ökonomischen Gestaltungsspielräume und für die Präsenz ostdeutscher Perspektiven in der öffentlichen Wahrnehmung sowie in den Führungsetagen von Wirtschaft und Politik.
Ein weiterer struktureller Nachteil kommt hinzu: In Ostdeutschland konnten viele Haushalte über Generationen hinweg kein Vermögen aufbauen. Es gab kein Wirtschaftswunder – und damit auch keine Generation der Erben. Das durchschnittliche Nettovermögen in Ostdeutschland ist deshalb deutlich geringer im Vergleich zum Westen. Investitionsspielräume sind beschränkt, unternehmerische Wagnisse erschwert und die wirtschaftliche Selbstverwirklichung gebremst.

Manja Schreiner auf der Vollversammlung der IHK Berlin am 10. Dezember 2024. Abbildung: Jens Ahner, IHK Berlin
Langer Atem und politische Weitsicht
Dennoch sind diese strukturellen Nachteile aus meiner Sicht kein Grund, schwarz zu sehen. In meiner täglichen Arbeit sehe ich, welche großartigen Chancen sich in Ostdeutschland bieten, wenn wir die Zukunftsthemen betrachten und die Transformation in den Blick nehmen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, kann der Osten eine tragende Rolle einnehmen. Das zeigt sich in der Energie- und Wärmewende, in innovativen Konzepten zur Fachkräftesicherung, in der strategischen Stärkung regionaler Netzwerke – Bereiche, in denen die ostdeutschen Regionen mit ihren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und mit ihrer wachsenden Gründerszene heute schon tragende Rollen einnehmen.
Beispiel Brandenburg: Hier bilden sich rund um den Strukturwandel in der Lausitz neue industrielle Zentren, die sich mit nachhaltiger Energiegewinnung, Wasserstoffwirtschaft und Fachkräftebindung hervortun. Beispiel Thüringen: Durch kluge Investitionen entsteht hier Zukunftstechnologie made in Germany in den Bereichen Mikroelektronik und Optik.
Durch eine breite und strategisch abgestimmte Strukturpolitik können wir verhindern, dass diese Projekte nur Leuchttürme bleiben. Dafür braucht es keine kurzfristige Förderkulisse, sondern eine politische Strategie mit Langfristperspektive, die den Fokus auf einen strukturellen Ausgleich, Kapitalaufbau und den Ausbau einer modernen physischen und digitalen Infrastruktur lenkt. Investitionen müssen dem Aufbau von regionalen Wertschöpfungsketten dienen und Anreize schaffen, damit auch in Ostdeutschland Unternehmenszentralen entstehen, Forschung in Produktentwicklung mündet und Menschen vor Ort von wirtschaftlicher Teilhabe profitieren. Das ist derzeit vielerorts noch nicht der Fall.

Jahresauftakt „Ehrenamt und Politik“ von IHK Berlin und Handwerkskammer Berlin am 15. Januar 2025 bei der IHK Berlin. Abbildung: Ines Hasenau, IHK Berlin
Verkehr, Vernetzung, Verantwortung
Strukturelle Herausforderungen zeigen sich auch im Bereich Verkehr und internationaler Vernetzung der Hauptstadtregion. Denn wichtige Langstreckenverbindungen fehlen, was wir als IHK Berlin mit Sorge sehen. Der Flughafen BER, der für Ostdeutschland und die gesamte Hauptstadtregion ein zentrales Tor zu Welt sein müsste, bedient derzeit nur acht Langstreckenziele – viel zu wenige für eine Metropole wie Berlin mit vier Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: In Frankfurt/Main sind es 89, in München 45. Sogar Städte wie Porto mit rund 300.000 Einwohnern bieten ähnlich viele internationale Verbindungen an.
Die fehlende internationale Anbindung der Region hat konkrete Auswirkungen: Internationale Gäste, Investoren, Messebesucher und Geschäftsreisende müssen zusätzliche Kurzstreckenflüge auf sich nehmen, was Zeit, Geld und ökologische Ressourcen kostet. Für die Standortentscheidung internationaler Unternehmen ist das ein Nachteil. Jede zusätzliche Langstreckenverbindung bringt mehr Arbeitsplätze und mehr Wertschöpfung in die Region – vergleichbar mit der Ansiedlung eines Großunternehmens. Es wäre das richtige politische Signal auf Bundesebene, hier die ostdeutschen Länder gezielt und langfristig zu stärken.
Bestehende bilaterale und multilaterale Luftverkehrsabkommen müssen deshalb so angepasst werden, dass Berlin und Ostdeutschland angemessen angebunden werden. Wir brauchen regulatorische Rahmenbedingungen, die Airlines attraktive Bedingungen bieten, um neue Verbindungen aufzunehmen. Es ist ein Beispiel von vielen, das aufzeigt, wie Investitionen in die Zukunft Ostdeutschlands aussehen können – und müssen. Und wie notwendig es ist, sich dem großen Thema der wirtschaftlichen Entwicklung über den systematischen und sicher auch gelegentlich kleinteilig wirkenden Abbau von Wachstumshemmnissen zu nähern.

Pressekonferenz zum Wassertourismus am 16. Januar 2025 bei der IHK Berlin. Abbildung: Jens Ahner, IHK Berlin
Was wir gewinnen können
Mein Fazit: Ostdeutschland hat enormes Potenzial – wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell. Der Schlüssel für die zukünftige Entwicklung liegt in der Erfahrung von Umbruch und Wandel, aber auch im Mut, Neues zu wagen, in der Fähigkeit, sich anzupassen, ohne sich zu verlieren. Diese Potenziale müssen wir nutzen – nicht nur mit Blick auf Ostdeutschland selbst, sondern im Interesse der gesamten Bundesrepublik. Denn die Herausforderungen, die uns schon jetzt und in den nächsten Jahrzehnten begegnen werden – demografischer Wandel, Fachkräftemangel, Digitalisierung, Energiewende –, lassen sich nicht im Westen allein lösen.
Die Menschen im Osten brauchen eine Politik, die Ostdeutschland nicht als Strukturproblem, sondern als Gestaltungsraum versteht. Die Wirtschaft braucht Ideengeber, die regionale Verantwortung übernehmen. Wenn die Gesellschaft zugleich anerkennt, dass gleiche Lebensverhältnisse mehr bedeuten als gleiche Chancen auf dem Papier, können wir gerechtere Startbedingungen, Teilhabe, Sichtbarkeit – und Vertrauen schaffen.
Mein Wunsch für Ostdeutschland ist klar: Betrachten wir die Region nicht weiter als „Problemfall“ oder „Aufholregion“, sondern als Chance – für neue Wirtschaftsmodelle, für nachhaltige Entwicklung, für ein zukunftsfähiges Deutschland insgesamt. Wir müssen die vorhandenen Stärken erkennen und gezielt fördern, statt auf Defizite zu starren. Dafür braucht es eine Politik, die versteht, dass strukturelle Benachteiligung nicht mit symbolischer Gleichstellung überwunden werden kann. Es braucht reale, finanzielle und institutionelle Gleichstellung – mit dem Mut zu langfristigen Investitionen in Regionen, die mehr sind als nur ein Teil unserer gesamtdeutschen Geschichte. Sie sind die Zukunft Ostdeutschlands.

Netzwerktreffen mit Berliner Unternehmerinnen und Unternehmern: After-work der IHK Berlin am 29. Januar 2025 im Solar. Abbildung: Jens Ahner, IHK Berlin
Manja Schreiner
GEBOREN: 1978/Wismar
WOHNORT (aktuell): Berlin
MEIN BUCHTIPP: Steffen Mau: „Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt“, 2024
MEIN FILMTIPP: „Das Leben der Anderen“, 2006
MEIN URLAUBSTIPP: Rostock
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




BUCHTIPP:



























