@mrjackson

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Buchvorstellung: Starkstromzeit. Eine kleine Geschichte der DDR

Es ist schon ein erstaun­li­ches Phä­no­men, dass sich jun­ge Ost­deut­sche heu­te – 36 Jah­re nach Mau­er­öff­nung – für die DDR und das inter­es­sie­ren, was aus Land und Leu­ten nach 1989 gewor­den ist. Das vor­lie­gen­de Buch ist ein lesens­wer­tes Bei­spiel dafür.

BUCHTIPP:

Der 1997 in Wernigerode geborene Aron Boks erzählt in „Starkstromzeit“ vom „Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt. Abbildung: HarperCollinsAron Boks: „Stark­strom­zeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt“, Har­per­Coll­ins 2025, 192 Sei­ten, 22 €.

Der 1997 in Wer­ni­ge­ro­de gebo­re­ne Aron Boks erzählt in „Stark­strom­zeit“ vom „Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt“. Aus­gangs­punkt ist eine Leuch­te, die sein Groß­va­ter 1988 nach dem Vor­bild der Tizio von Artem­ide impro­vi­siert hat. Mit die­sem Nach­bau der 1972 von Richard Sap­per ent­wor­fe­nen Desi­gni­ko­ne schaff­te er es 1989 sogar in die DDR-Zeit­schrift „Kul­tur im Heim“. Der Erzäh­ler begibt sich auf Spu­ren­su­che. Er möch­te wis­sen, was gene­rell aus den Leuch­ten gewor­den ist, die sei­ne Groß­el­tern als Selbst­stän­di­ge in der DDR in ihrer klei­nen Fir­ma „Bül­te­mann Leuch­ten­bau & Deko­ra­ti­ons­glas“ her­ge­stellt haben. Der Leser erhält durch die­se Rei­se inter­es­san­te Ein­bli­cke in den All­tag, die Wirt­schaft, das Design und die Beleuch­tung in der DDR.

Dies gelingt Aron Boks vor allem durch das Ein­bin­den von Inter­views, die er zur Recher­che geführt hat. Etwa mit einem Mit­ar­bei­ter des VEB Neon­tech­nik, einem der größ­ten Her­stel­ler von Licht­re­kla­men im soge­nann­ten Ost­block, der einst unter ande­rem „Plas­te und Elas­te aus Schko­pau“ sowie die Orwo-Wer­bung und das Logo der Leip­zi­ger Mes­se erleuch­ten ließ. Oder mit dem Chef­de­si­gner des VEB Metall­d­rü­cker, dem füh­ren­den Leuch­ten­her­stel­ler der DDR und Euro­pas größ­tem Expor­teur für Wohn­raum­leuch­ten aus Leicht­me­tall, von dem im Übri­gen ab 1974 fast alle Metall­hän­ge­leuch­ten bei Ikea stamm­ten. Bei­de Volks­ei­ge­nen Betrie­be waren in Hal­le (Saa­le) ansäs­sig, dem „Licht­schal­ter der DDR“.

Besucht wird auch das Ehe­paar Höh­ne: Gün­ter Höh­ne war Chef­re­dak­teur der DDR-Design­zeit­schrift form+zweck, Clau­dia Höh­ne wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin bei die­sem Medi­um. Heu­te sind sie zusam­men als Kura­to­ren für DDR-Design unter­wegs. Boks erfährt von ihnen unter ande­rem, dass DDR-Desi­gner in DDR-Tex­ten gewöhn­lich nicht genannt wur­den, weil hier immer das Kol­lek­tiv im Mit­tel­punkt zu ste­hen hat­te. The­ma­ti­siert wird auch das in der DDR weit ver­brei­te­te „Superfest“-Glas. Ent­spre­chen­de Trink­glä­ser waren sehr leicht und dünn und zer­bra­chen nicht ein­mal nach einem Sturz aus zwei Metern Höhe.

Ernst wird es im Gespräch mit Ralf Steeg. Er muss­te 1978 im Alter von 16 Jah­ren als poli­ti­scher Häft­ling im Jugend­ge­fäng­nis Hal­le unter schwers­ten Bedin­gun­gen Hän­ge­leuch­ten des VEB Metall­d­rü­cker zusam­men­set­zen. Das Modell wur­de bei Ikea unter dem Namen Svit ver­kauft. Spä­ter, vom Wes­ten frei­ge­kauft, setz­te er eine Debat­te über Zwangs­ar­beit in der DDR in Gang, die zu Pro­duk­ten führ­te, wel­che im Wes­ten ver­kauft wur­den. Auch bei Quel­le, Necker­mann, Kauf­hof. Gene­rell hät­ten etwa 6.000 BRD-Unter­neh­men in der DDR pro­du­zie­ren lassen.

Die Psy­cho­lo­gin Annet­te Simon, Toch­ter von Chris­ta Wolf, betont die gro­ße Bedeu­tung des Ver­ei­ni­gungs­pro­zes­ses für die heu­ti­ge ost­deut­sche Iden­ti­tät. Und die Ost­fluen­ce­rin Oli­via Schnei­der (*1996) ali­as @tumvlt erklärt, dass sie mit ihren Bei­trä­gen über DDR-Pro­duk­te und die DDR-Küche dazu anre­gen möch­te, sich mit dem Osten zu beschäf­ti­gen. Das kön­ne sogar Spaß machen.

„Unse­re Eltern haben die gan­ze Zeit in den Wes­ten geschaut, und wir schau­en die gan­ze Zeit in die DDR.“, schreibt Boks dann gegen Ende des Buches. So ver­all­ge­mei­nert dürf­te das nicht stim­men. Der Satz lie­fert aber einen wich­ti­gen Gedan­ken. In den letz­ten Jah­ren hat sich in Ost­deutsch­land die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit die­ser Regi­on der Regio­nen bemer­kens­wert ver­stärkt, ins­be­son­de­re in den Gene­ra­tio­nen X, Y und Z. Wäh­rend die einen Gos­la­rer, Nie­der­sach­sen, Deut­sche geblie­ben sind, sehen sich die ande­ren als Gotha­er, Thü­rin­ger, Ost­deut­sche, Deut­sche. Fern­ab von Ost­al­gie tritt nach anfäng­li­cher Ost­scham nun ein Ost­stolz zuta­ge, anders zu sein, es schwe­rer zu haben, es mit­un­ter trotz­dem zu schaf­fen. Mit die­ser Iden­ti­fi­ka­ti­on ein­her geht ein brei­te­res Inter­es­se an der eige­nen, spe­zi­fi­schen Ver­gan­gen­heit, das so wich­tig ist für das Ver­ste­hen der Gegen­wart und das Gestal­ten der Zukunft. Heu­te sind es die Kin­der der DDR-Boo­mer, die zu die­sem Ver­ste­hen bei­tra­gen wol­len. Sie haben die DDR oft gar nicht mehr erlebt und sind doch ost­deutsch geprägt. Viel­leicht ver­fü­gen sie über die nöti­ge Distanz, Muße und Kraft, das The­ma neu auf­zu­rol­len. In jedem Fall schei­nen sie die Not­wen­dig­keit zu erken­nen. Offen­bar klafft hier auch eine Informationslücke.

Aron Boks, der sich mit „Nackt in der DDR“ 2023 schon sei­nem Urgroß­on­kel Wil­li Sit­te wid­me­te, einem der bedeu­tends­ten, aber auch umstrit­tens­ten Maler der DDR („Lie­ber vom Leben gezeich­net, als von Sit­te gemalt.“), gehört zu denen, die aus Inter­es­se für Auf­klä­rung in Bezug auf Ost­deutsch­land sor­gen. „Stark­strom­zeit“ ist eine kurz­wei­li­ge und auf­schluss­rei­che Geschich­te der DDR, die im Hin­ter­grund sei­ner eige­nen Fami­li­en­ge­schich­te erzählt wird. Sehr erhellend.

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