Es ist schon ein erstaunliches Phänomen, dass sich junge Ostdeutsche heute – 36 Jahre nach Maueröffnung – für die DDR und das interessieren, was aus Land und Leuten nach 1989 geworden ist. Das vorliegende Buch ist ein lesenswertes Beispiel dafür.
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Der 1997 in Wernigerode geborene Aron Boks erzählt in „Starkstromzeit“ vom „Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt“. Ausgangspunkt ist eine Leuchte, die sein Großvater 1988 nach dem Vorbild der Tizio von Artemide improvisiert hat. Mit diesem Nachbau der 1972 von Richard Sapper entworfenen Designikone schaffte er es 1989 sogar in die DDR-Zeitschrift „Kultur im Heim“. Der Erzähler begibt sich auf Spurensuche. Er möchte wissen, was generell aus den Leuchten geworden ist, die seine Großeltern als Selbstständige in der DDR in ihrer kleinen Firma „Bültemann Leuchtenbau & Dekorationsglas“ hergestellt haben. Der Leser erhält durch diese Reise interessante Einblicke in den Alltag, die Wirtschaft, das Design und die Beleuchtung in der DDR.
Dies gelingt Aron Boks vor allem durch das Einbinden von Interviews, die er zur Recherche geführt hat. Etwa mit einem Mitarbeiter des VEB Neontechnik, einem der größten Hersteller von Lichtreklamen im sogenannten Ostblock, der einst unter anderem „Plaste und Elaste aus Schkopau“ sowie die Orwo-Werbung und das Logo der Leipziger Messe erleuchten ließ. Oder mit dem Chefdesigner des VEB Metalldrücker, dem führenden Leuchtenhersteller der DDR und Europas größtem Exporteur für Wohnraumleuchten aus Leichtmetall, von dem im Übrigen ab 1974 fast alle Metallhängeleuchten bei Ikea stammten. Beide Volkseigenen Betriebe waren in Halle (Saale) ansässig, dem „Lichtschalter der DDR“.
Besucht wird auch das Ehepaar Höhne: Günter Höhne war Chefredakteur der DDR-Designzeitschrift form+zweck, Claudia Höhne wissenschaftliche Mitarbeiterin bei diesem Medium. Heute sind sie zusammen als Kuratoren für DDR-Design unterwegs. Boks erfährt von ihnen unter anderem, dass DDR-Designer in DDR-Texten gewöhnlich nicht genannt wurden, weil hier immer das Kollektiv im Mittelpunkt zu stehen hatte. Thematisiert wird auch das in der DDR weit verbreitete „Superfest“-Glas. Entsprechende Trinkgläser waren sehr leicht und dünn und zerbrachen nicht einmal nach einem Sturz aus zwei Metern Höhe.
Ernst wird es im Gespräch mit Ralf Steeg. Er musste 1978 im Alter von 16 Jahren als politischer Häftling im Jugendgefängnis Halle unter schwersten Bedingungen Hängeleuchten des VEB Metalldrücker zusammensetzen. Das Modell wurde bei Ikea unter dem Namen Svit verkauft. Später, vom Westen freigekauft, setzte er eine Debatte über Zwangsarbeit in der DDR in Gang, die zu Produkten führte, welche im Westen verkauft wurden. Auch bei Quelle, Neckermann, Kaufhof. Generell hätten etwa 6.000 BRD-Unternehmen in der DDR produzieren lassen.
Die Psychologin Annette Simon, Tochter von Christa Wolf, betont die große Bedeutung des Vereinigungsprozesses für die heutige ostdeutsche Identität. Und die Ostfluencerin Olivia Schneider (*1996) alias @tumvlt erklärt, dass sie mit ihren Beiträgen über DDR-Produkte und die DDR-Küche dazu anregen möchte, sich mit dem Osten zu beschäftigen. Das könne sogar Spaß machen.
„Unsere Eltern haben die ganze Zeit in den Westen geschaut, und wir schauen die ganze Zeit in die DDR.“, schreibt Boks dann gegen Ende des Buches. So verallgemeinert dürfte das nicht stimmen. Der Satz liefert aber einen wichtigen Gedanken. In den letzten Jahren hat sich in Ostdeutschland die Identifikation mit dieser Region der Regionen bemerkenswert verstärkt, insbesondere in den Generationen X, Y und Z. Während die einen Goslarer, Niedersachsen, Deutsche geblieben sind, sehen sich die anderen als Gothaer, Thüringer, Ostdeutsche, Deutsche. Fernab von Ostalgie tritt nach anfänglicher Ostscham nun ein Oststolz zutage, anders zu sein, es schwerer zu haben, es mitunter trotzdem zu schaffen. Mit dieser Identifikation einher geht ein breiteres Interesse an der eigenen, spezifischen Vergangenheit, das so wichtig ist für das Verstehen der Gegenwart und das Gestalten der Zukunft. Heute sind es die Kinder der DDR-Boomer, die zu diesem Verstehen beitragen wollen. Sie haben die DDR oft gar nicht mehr erlebt und sind doch ostdeutsch geprägt. Vielleicht verfügen sie über die nötige Distanz, Muße und Kraft, das Thema neu aufzurollen. In jedem Fall scheinen sie die Notwendigkeit zu erkennen. Offenbar klafft hier auch eine Informationslücke.
Aron Boks, der sich mit „Nackt in der DDR“ 2023 schon seinem Urgroßonkel Willi Sitte widmete, einem der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Maler der DDR („Lieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt.“), gehört zu denen, die aus Interesse für Aufklärung in Bezug auf Ostdeutschland sorgen. „Starkstromzeit“ ist eine kurzweilige und aufschlussreiche Geschichte der DDR, die im Hintergrund seiner eigenen Familiengeschichte erzählt wird. Sehr erhellend.



Aron Boks: „Starkstromzeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt“, HarperCollins 2025, 192 Seiten, 22 €.
























