Felix Nawroth ist in seine Heimat Chemnitz zurückgekehrt und hat dort 2020 JobSwop.io gegründet, eine App, die Jobtausche ermöglicht. Wir sprachen mit ihm darüber, wie er darauf gekommen ist und wie das Ganze konkret funktioniert.

Felix Nawroth, Gründer von JobSwop.io. Abbildung: Markus Esche
ostdeutschland.info: Felix, mit JobSwop.io hast du eine App zum Jobtausch gelauncht. Was hat es damit auf sich?
Felix Nawroth: Mit JobSwop.io adressieren wir ein Kernproblem unseres aktuellen Arbeitsmarktes: den massiven Verlust an Potenzial durch mangelnde Transparenz. Derzeit liegt der Fokus fast ausschließlich auf der Verwaltung offener Stellen. Das ist eine rein symptomatische Betrachtung, die eine entscheidende Ressource übersieht.
Wir machen stattdessen die stetig wachsende Zahl an wechselbereiten Menschen sichtbar und mit ihnen die Jobs, die sie aktuell noch besetzen. Oft scheitert ein Wechsel nicht an mangelnder Qualifikation, sondern an fehlender Sichtbarkeit von Alternativen im direkten Umfeld.
JobSwop.io ermöglicht es diesen Menschen, ihre Arbeitsplätze firmenübergreifend und dauerhaft zu tauschen. Wir schaffen damit einen Mechanismus, der Passung optimiert, bevor langwierige Vakanzen entstehen. Es geht mir darum, den Arbeitsmarkt nicht nur zu verwalten, sondern ihn durch intelligente Datennutzung effizienter und für den Einzelnen lebenswerter zu gestalten.
Wie funktioniert das für den Nutzer konkret?
Der Prozess folgt einer klaren, datengesteuerten Logik. Fachkräfte registrieren sich kostenfrei und legen ein anonymes Profil an, das auf ihrem aktuellen Job sowie dem Ist- und Wunsch-Arbeitsort basiert. Ein Algorithmus, der auf einem EU-Standard für Qualifikationen beruht, identifiziert dann präzise Tauschpaare.
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Portalen ist der, dass der Austausch zunächst exklusiv auf Arbeitnehmerebene stattfindet. Das ist hocheffizient, da Informationen über Arbeitsinhalte und Unternehmenskultur aus erster Hand fließen, ohne den Filter einer Recruiting-Abteilung. Erst wenn beide Seiten überzeugt sind, werden die Unternehmen einbezogen, um den Tausch formal zu vollziehen. Durch diese offene und transparente Kommunikation auf Augenhöhe wird der Arbeitsplatzwechsel von einem unsicheren Wagnis zu einer logischen Optimierung der Lebensqualität. Wir reduzieren so die systemische Verschwendung von Lebenszeit durch unnötige Mobilität.
Wie bist du auf die Idee gekommen?
Die Idee entstand aus einer persönlichen Frustration. Nach dem Studium verbrachte ich selbst als Berufspendler täglich anderthalb Stunden im Auto. Diese Zeit ist ein Niemandsland, sie ist weder produktive Arbeit noch regenerative Erholung, sondern reine Verschwendung von Lebenszeit.
Irgendwann bemerkte ich die Absurdität dieser Situation. Jeden Morgen kamen mir die gleichen Menschen entgegen, die zum Feierabend wieder in meine Gegenrichtung fuhren. Ich stellte mir die logische Frage, warum fahren wir eigentlich aneinander vorbei? Wenn nur einer dieser Pendler eine ähnliche Qualifikation hätte, könnten wir die Stellen einfach tauschen. Wir beide könnten dort arbeiten, wo wir leben, und uns die Fahrerei sparen.
Doch mir wurde auch klar, selbst wenn dieses perfekte Gegenstück existiert, würden wir nie voneinander erfahren. Der aktuelle Arbeitsmarkt macht besetzte Stellen und die Wechselbereitschaft der Menschen dahinter nicht sichtbar. Wir verwalten Vakanzen, aber keine Potenziale. Dieser Entschluss, diese systemische Unsichtbarkeit zu durchbrechen und Nähe durch Daten wieder möglich zu machen, war die Geburtsstunde von JobSwop.io.
Welche Vorteile bietet ein Jobtausch?
Die Vorteile sind vielschichtig und adressieren beide Seiten des Marktes. Für Arbeitnehmende bedeutet ein Jobtausch vor allem Empowerment. Sie erhalten Zugriff auf eine größere Auswahl passgenauer Optionen und profitieren vom ungefilterten Austausch mit dem direkten Vorgänger. Ein entscheidender psychologischer und struktureller Faktor ist zudem, dass man seine eigene Nachbesetzung quasi im Gepäck hat. Das senkt die Hürde für eine berufliche Veränderung massiv, da man das eigene Unternehmen nicht mit einer Vakanz zurücklässt.
Hieraus ergibt sich unmittelbar der Vorteil für die Unternehmen. Stellen werden ohne Zeitverzug neu besetzt. Da die fachliche und kulturelle Passung bereits im Vorfeld intensiv auf Arbeitnehmerebene geprüft wurde, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit extrem hoch. Wir verstehen JobSwop.io daher als eine Art „Mitarbeiterempfehlung 2.0“. Es ist ein effizienter Mechanismus, der das Risiko von Fehlbesetzungen minimiert und gleichzeitig die echte Passung im Arbeitsmarkt erhöht.
Wie viele Nutzer sind registriert und wie viele Personen haben schon über euch den Job getauscht?
Aktuell sind rund 5.900 Nutzer bei uns registriert. Was mich besonders freut: Wir konnten daraus schon mehr als 6.600 potenzielle Tausch-Matches erkennen. Das zeigt deutlich, dass mit jedem neuen Gesicht auf der Plattform die Chance für alle anderen überproportional wächst. Es entsteht eine richtige Dynamik.
Wie viele am Ende wirklich den Job getauscht haben, können wir aktuell noch nicht genau an einer Zahl festmachen. Im Moment konzentrieren wir uns primär darauf, die passenden Menschen zusammenzubringen. Der eigentliche Tausch findet dann oft direkt zwischen den Paaren und den Unternehmen statt, ohne dass wir jedes Detail erfahren. Wir arbeiten aber gerade daran, diesen Weg künftig enger zu begleiten. Wir wollen einfach mehr Erfolgsgeschichten sehen und den Prozess für alle Beteiligten noch reibungsloser machen.
Wie viel Potenzial seht ihr in eurem Konzept?
Das Potenzial ist enorm, da wir einen blinden Fleck am Arbeitsmarkt adressieren. Die Zahl der wechselbereiten Menschen ist um ein Vielfaches höher als die Anzahl der offiziell gemeldeten offenen Stellen. Gemeinsam mit dem IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) haben wir Pendlerströme tiefgreifend analysiert. Die Ergebnisse sind eindeutig. In unterschiedlichsten Konstellationen ergibt sich ein gewaltiges Tauschpotenzial.
In Regionen wie Chemnitz-Leipzig oder zwischen Chemnitz und dem Umland wie Limbach-Oberfrohna lag das rechnerische Tauschpotenzial bei über 50 Prozent. Das beweist, dass das Modell sowohl zwischen großen Ballungszentren als auch im Verhältnis von Stadt und Land hervorragend funktioniert. Wir reden hier nicht von einer Nische, sondern von einer echten Hebelwirkung für die regionale Wirtschaftskraft und die Lebensqualität der Menschen. Wenn wir dieses Potenzial heben, lösen wir eines der größten Effizienzprobleme unserer Zeit.
Eure Firma sitzt in Chemnitz – wie leicht war es zu gründen?
Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Grundsätzlich halte ich die bürokratischen Voraussetzungen für Firmengründungen in Deutschland für viel zu umständlich. Das ist aber kein Chemnitz-spezifisches Problem, sondern ein allgemeines.
Sachsen gleicht das wiederum durch eine sehr breite und vielfältige Förderlandschaft aus. Auch wenn die Wege dorthin manchmal etwas bürokratisch sind, ist die Unterstützung für Startups hier grundsätzlich sehr gut aufgestellt.
Die eigentliche Herausforderung in Chemnitz liegt eher im Mindset. Die Unternehmenslandschaft ist noch stark von eher konservativen Geschäftsmodellen geprägt. Da ist es nicht immer leicht, mit einer abstrakten und progressiven Idee wie JobSwop.io sofort auf offene Ohren zu stoßen. Man braucht Ausdauer, um den Mehrwert neuer, digitaler Ansätze in einem traditionell gewachsenen Umfeld zu vermitteln. Aber genau dieser Reibungspunkt bietet eben auch die Chance, echte Transformation dort anzustoßen, wo sie gebraucht wird.

JobSwop.io in „Die Höhle der Löwen“. Abbildung: RTL/Bernd-Michael Maurer
2023 wart ihr in der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“, Carsten Maschmeyer bot euch einen Deal an …
Der Deal ist im Nachgang zwar nicht zustande gekommen, aber die Teilnahme war für uns eine unglaublich wertvolle Erfahrung. Der Auftritt hat uns eine enorme Aufmerksamkeit beschert. Plötzlich war man präsent und wurde in Gesprächen ganz anders wahrgenommen.
Allerdings gab es auch einen Lerneffekt. Wir mussten feststellen, dass das Interesse oft eher der TV-Show galt als unserem eigentlichen Vorhaben. Viele Menschen wussten zwar, dass ich im Fernsehen war, konnten aber dennoch nicht genau sagen, was JobSwop.io eigentlich macht oder welches systemische Problem wir lösen. Das hat uns gezeigt, dass Reichweite allein noch kein Verständnis für eine komplexe Vision schafft. Für uns war es der Ansporn, unser eigentliches Ziel, die Auflösung des Pendler-Paradoxons, noch klarer und unabhängiger vom medialen Hype zu kommunizieren. Die Show war ein tolles Sprungbrett, aber die echte Arbeit an der neuen Arbeitswelt findet abseits der Kameras statt.
Was hat es mit der Initiative INAKS auf sich?
INAKS steht für „Initiative Neue ArbeitsKultur Sachsen“ und ist für uns der logische Schritt, um den eigentlichen Mehrwert des Jobtausches besser zu verdeutlichen. Wir haben gemerkt, dass es nicht reicht, nur ein technisches Tool anzubieten. Wir müssen das Bewusstsein für die zugrunde liegende Idee schärfen.

Neue Nähe - Magazin für lokale Arbeitskultur. Abbildung: JobSwop.io
Im Zuge dessen haben wir das Magazin „Neue Nähe – Magazin für lokale Arbeitskultur“ erstellt. Uns geht es dabei ausdrücklich nicht darum, JobSwop.io als Plattform plump zu promoten. Vielmehr wollen wir das enorme Potenzial lokaler Arbeit sichtbar machen und den Jobtausch als effektives Instrument für eine modernere Arbeitswelt erklären. Wir möchten zeigen, wie Nähe die Lebensqualität verbessert, Stress reduziert und die regionale Bindung stärkt. INAKS ist somit das inhaltliche Dach, unter dem wir die Vision einer effizienten, menschzentrierten Arbeitskultur in Sachsen und darüber hinaus vorantreiben. Es geht um den Wechsel von der Mobilitäts- zur Motivationskultur.
JobSwop.io und Ostdeutschland – warum passt das gut zusammen?
Ostdeutschland, und speziell Sachsen, ist geprägt von einer sehr kleinteiligen Industrielandschaft. Hier dominieren Kleinst- und Kleinbetriebe, die über die gesamte Fläche verteilt sind. Es fehlen oft die großen „Leuchtturm-Unternehmen“, die als Magnete und Identifikationspunkte für Ballungszentren dienen.
Genau deshalb ist es hier so entscheidend, das vorhandene Fachkräftepotenzial optimal zu verteilen. Wenn die Arbeit in der Fläche stattfindet, muss auch die Passung in der Fläche funktionieren. JobSwop.io setzt genau dort an. Wir machen die lokale Nähe nutzbar. Ostdeutschland kann hier zum Vorreiter und zur Blaupause für ähnlich strukturierte Regionen in ganz Europa werden, die vor derselben Herausforderung stehen.
Deshalb passt unser Konzept so gut hierher. Wir verwandeln die vermeintliche Schwäche der Kleinteiligkeit in eine Stärke, indem wir durch intelligente Vernetzung kurze Wege und mehr Lebensqualität ermöglichen. Wir zeigen, dass moderne Arbeitskultur auch ohne den Hype der Mega-Metropolen funktioniert.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Robert Nehring.




























