Das Start-up Cynio mischt die chemische Industrie mit einem neuen Verfahren auf. Dafür erhielt es kürzlich den Wirtschaftspreis Sachsen-Anhalt 2026 in der Kategorie Existenzgründungen.

Marlene Baumhardt und Sophie Riedel (v. l.), beide Chemikerinnen mit umfangreicher Forschungs- und Laborerfahrung, sind für die chemische Prozess- und Produktentwicklung verantwortlich. Michéle Tille (re.) bringt bereits mehrfache Gründungserfahrung mit und ergänzt das Team im betriebswirtschaftlichen Bereich. Abbildung: Cynio
Im Juni 2025 gestartet, schaltete das Gründerinnen-Trio von Cynio sofort in den Wachstumsmodus. Zwei Chemikerinnen und eine Marketingexpertin treiben im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen die Entwicklung voran – mit einer Technologie, die das Potenzial hat, die Branche nachhaltig zu verändern.
Neues und nachhaltiges Verfahren
Dabei wäre Cynio in dieser Form fast nicht entstanden. Chemikerin Marlene Baumhardt arbeitet damals an der TU Bergakademie Freiberg in einer Forschungsgruppe an einem Verfahren, das spezielle Isocyanate – zentrale chemische Bausteine für Industrie und Forschung – nachhaltiger und flexibler herstellt. Der Clou: CO2 ersetzt das hochgiftige Phosgen. Wer Phosgen nutzt, muss hermetisch abgeriegelte Anlagen bedienen und umfangreiche Sicherheitsvorgaben beachten. Das Verfahren ist zwar sehr effizient, aber auch gefährlich. Es lohnt sich meist nur bei sehr großen Mengen im Gigatonnen-Maßstab. In Europa gibt es deshalb nur wenige Isocyanate, die im großen Maßstab günstig hergestellt werden. Spezial-Isocyanate für Forschung und Entwicklung sowie Nischenindustrien sind rar und werden oft teuer über Zwischenhändler aus Asien bezogen. Marlene Baumhardt sicherte sich das Patent an der bahnbrechenden Technologie und suchte Mitstreitende. Doch die Resonanz war zunächst verhalten: Ein Start-up in der Chemie? Für viele kaum vorstellbar.

Isocyanate sind zentrale chemische Bausteine für Industrie und Forschung. Abbildung: Cynio
Dann fügt sich alles. Michéle Tille, erfahrene Unternehmensberaterin und Projektmanagerin, stößt dazu. Cynio ist ihr drittes Unternehmen – sie bringt Erfahrung mit, die sich jetzt auszahlt. Mit Chemikerin Sophie Riedel, die bereits an der TU mit Marlene Baumhardt zusammenarbeitet, ist das Gründerinnenteam komplett. Innerhalb kurzer Zeit entsteht die GmbH, ein Labor wird eingerichtet, ein zweiter Standort in Leipzig eröffnet und Aufträge gesichert. Das Trio reist um die Welt, hält Vorträge unter anderem in den USA, in Japan und Vietnam, und gewinnt Kooperationspartner für Forschungs- und Entwicklungsprojekte.
Hinter der Geschwindigkeit steckt Strategie
Die Gründerinnen vernetzen sich, schließen „Letter of Intents“, nutzen Messen, Fachkonferenzen und Kundenfeedback, um Prozesse zu optimieren. „Wir glauben fest an unsere Produkte und unser Unternehmen, da gibt es nur eine Richtung für uns“, sagt Michéle Tille. Gründungsstipendien und Partner wie die bmp Ventures AG, die die Risikokapitalfonds des Landes verwaltet und innovative Unternehmen fördert, helfen dabei, Strategien schnell in die Praxis umzusetzen. Die Wege in Sachsen-Anhalt sind kurz, die Unterstützung ist oft groß – Michéle Tille nennt das „ideale Bedingungen, um die Produktion hier anzusiedeln“. Inzwischen arbeiten 13 Mitarbeitende, vor allem Chemiker und Verfahrenstechniker, im Unternehmen. Für die ausgeschriebenen Stellen gingen über 600 Bewerbungen ein. „Und nein, wir stellen nicht nur Frauen ein“, sagt die Betriebswirtschaftlerin. Dass sie als Frauen den Markt aufmischen, sei oft ein Thema von außen – für sie selbst ist das völlig normal. „Für uns zählt einfach, dass wir in Sachsen und Sachsen-Anhalt ein Unternehmen aufbauen wollen, das Innovationen unterstützt und langfristig wirkt.“

Das Team von Cynio. Inzwischen hat das Unternehmen 13 Mitarbeitende. Abbildung: Cynio
Und damit trifft Cynio ins Schwarze. Das Unternehmen stellt Isocyanate her, die bisher schwer verfügbar waren, und bietet entscheidende Vorteile: Die Produktion ist flexibel, kann schnell zwischen verschiedenen Isocyanaten wechseln und Spezial-Isocyanate lassen sich nun auch in kleinen Chargen herstellen. Künftig könnte auch grünes CO2 genutzt werden. „Damit können wir Forschung und innovative Produkte fördern“, sagt Michéle Tille. Außerdem lassen sich Strukturen herstellen, die bisher nicht zu bekommen waren. „Wenn jemand ein bestimmtes Isocyanat im Kopf hat, können wir es vermutlich herstellen“, so die CEO.
Erhöhung der Produktionskapazitäten angestrebt
Spezial-Isocyanate werden in der Industrie sowie in der Forschung und Entwicklung nachgefragt. Vertriebs- und Kooperationspartner für gemeinsame Forschungsvorhaben und immer mehr Partner aus der Industrie bringen sich ein. Zudem will das Start-up seine Produktionskapazitäten deutlich erhöhen: Derzeit werden rund 250 Kilogramm pro Jahr hergestellt, bis 2029 sollen es fast 30 Tonnen sein. Ab Mai soll eine größere Produktionshalle in Betrieb genommen werden, weitere Anlagen sind geplant. Michéle Tille sagt: „Wir werden weiterwachsen, noch mehr Mitarbeitende einstellen und unsere Prozesse kontinuierlich optimieren.“ Durch zusätzliche Patente und Lizenzen will Cynio das Portfolio in naher Zukunft erweitern. „Vor allem wünschen wir uns allerdings, dass wir anderen Unternehmen helfen können, ihre Produkte besser zu machen und Wettbewerbsvorteile zu erhalten, die sie ohne unsere speziellen Isocyanate nicht hätten“, so Tille.






















