Bodo Rodestock, Vorstand Personal, Finanzen & IT der VNG AG, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch in dem Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.
Denke ich an Ostdeutschland, sehe ich die große Chance, die sich für mich nach dem Mauerfall aufgetan hat. Plötzlich haben sich Türen geöffnet, die vorher fest verschlossen waren. Damals war ich mutig und neugierig genug, durch sie hindurchzugehen. Heute bin ich in der Rolle eines Gestalters in dem ostdeutschen Energiekonzern VNG tätig.
Für den Erfolg hat VNG – genau wie ich selbst – die Chancen ergriffen, die sich zu Wendezeiten mit der Öffnung des Landes und dem Übergang in die Marktwirtschaft ergeben haben. Das konnten wir, weil wir flexibel, veränderungsfähig und offen für Neues waren. Ob es die eigene Familie, Kollegen aus Partnerunternehmen oder die Belegschaft der VNG waren – gemeinsam haben wir uns in einem neuen System zurechtgefunden, Hürden gemeistert und die Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft zu unserer Erfolgsgeschichte werden lassen.
Wenn ich auf Ostdeutschland blicke, sehe ich viele Menschen, die etwas bewegen wollen. Start-ups, die innovative Ideen vorantreiben, und Unternehmen, die mit Investitionen in erneuerbare Energien und grüne Technologien eine nachhaltige Zukunft für unsere Region sichern. Ich sehe hoch qualifizierte Arbeitskräfte und ein gutes Bildungssystem. Beides wichtige Bausteine für eine wissensbasierte Wirtschaft, die unsere Region für Investoren attraktiv macht. Wenn ich auf Ostdeutschland blicke, sehe ich vor allem großes Potenzial für die Zukunft, das längst nicht voll ausgeschöpft ist.
Den ‚strukturschwachen Osten‘ gibt es längst nicht mehr. [...] Es gibt im Osten viele Erfolgsgeschichten.”
Chancen ergreifen
Arbeite an Zufällen, dann ergeben sich Möglichkeiten. Diesem Leitspruch bin ich immer treu geblieben. Zu DDR-Zeiten war das nicht leicht. Das System hat mich stark limitiert, weil ich nicht sonderlich systemtreu war. Als die friedliche Revolution über das Regime hinwegfegte und die DDR zusammenbrach, war das für mich ein unglaublicher Befreiungsschlag. Alle Schranken und Barrieren waren von einem Tag auf den anderen gefallen. Am 9. November 1989 stand ich am späten Abend auf der Berliner Mauer. Ein Glücksmoment. Ich war 21 Jahre alt und die Welt stand mir plötzlich offen.
Es herrschte eine ungeheure Aufbruchstimmung im Osten. Ich nutzte diese Umbruchzeiten und ergriff meine Chance. Meine persönliche „Wende“ begann. Kurze Zeit später brach ich mein Studium in Jena ab und begann eine Banklehre bei der Commerzbank in Mainz. Ich wollte den Grundstein für meine berufliche Laufbahn im Westen legen, das neue Wirtschaftssystem kennenlernen. 1994 bin ich für die Commerzbank als Firmenkundenbetreuer nach Dessau gegangen. In den neuen Bundesländern wurden Leute gebraucht und ich wollte unbedingt zurück in meine Heimat, an der mein Herz hing. Im Bankwesen gab es damals riesige Chancen. Es kam mir so vor, als wäre alles möglich. In meiner Funktion bei der Bank habe ich viele Unternehmen von ihrer Geburtsstunde an begleiten dürfen. Parallel dazu absolvierte ich ein Abendstudium der Betriebswirtschaftslehre in Leipzig. Dieser Weg war es, der mich im Jahr 2000 zu VNG brachte. Dass ich dreizehn Jahre später Vorstandsmitglied werden würde, war so nie geplant. Ich bin in die Verantwortung reingewachsen. Im Vorstand sind wir zu dritt. Jeder von uns wurde unterschiedlich sozialisiert, aber unsere gemeinsamen Ziele einen uns.
Ich will Menschen verstehen, Vertrauen aufbauen. Das ist für mich die Basis guter Zusammenarbeit. Woher jemand kommt, ist für mich irrelevant. Ich begegne jedem Menschen vorurteilsfrei und auf Augenhöhe – auch wenn ich jemanden einstelle. Wichtiger als Zeugnisse und Beurteilungen ist für mich, ob der Mensch die erforderlichen Qualifikationen mitbringt, praktische Erfahrung gesammelt und Interesse an der Sache hat sowie über unternehmerisches Bewusstsein verfügt. Ost- oder Westvergangenheit – das spielt für mich keine Rolle.

Ein Leuchtturmprojekt für die Energiewende ist der Energiepark im sachsen-anhaltinischen Bad Lauchstädt. Abbildung: Tom Schulze
Neugierig bleiben, offen sein
Ich sage meinen drei Kindern immer wieder: Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Chancen und Zufällen. Aber sie wollen erarbeitet werden. Und manche müssen mehr arbeiten als andere. Was dabei hilft: zugänglich und weltoffen sein, auch mal die Komfortzone verlassen, sich nicht darüber definieren, ob man aus dem Osten oder Westen kommt. Meine erwachsenen Kinder beispielsweise würden sich nicht auf ihre ostdeutschen Wurzeln begrenzen lassen wollen.
Trotzdem gilt es anzuerkennen, dass die Wendezeiten im Osten zum Teil noch nachwirken. Die Transformation der politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Ordnung war mit tiefgreifenden Umbrüchen verbunden. Nach der Wende war der Wandel zunächst positiv besetzt: Er versprach Aufbruch, Fortschritt, verhieß Wohlstand und neue Ufer. Kurz nach dem Mauerfall war der Kreis derer, die sich abgehängt fühlten, gering. Doch dann mussten etliche ostdeutsche Betriebe schließen. Profitable Ostfirmen blieben selten in ostdeutschem Eigentum, sondern landeten in westdeutscher Hand. Umsätze und Arbeitsplätze im Osten gingen verloren. Auch heute ist die Firmendichte in den neuen Bundesländern nicht auf westdeutschem Niveau. Kein Dax-Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Ostdeutschland. Gemessen am Bevölkerungsanteil gibt es zu wenig Ostdeutsche in wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Führungspositionen.
Was wir in Ostdeutschland brauchen, sind mehr Betriebe mit großen Produktionsstätten, vielen Arbeitsplätzen und Konzernzentralen, die regional agieren und bei denen über Forschung und Entwicklung vor Ort Innovationen entstehen. Die nötigen Strukturen sind da, Chancen und Möglichkeiten gibt es reichlich. Aber die aktuelle Zeitenwende, der Strukturwandel, die Klimakrise – das alles verunsichert die Menschen in Deutschland. Das führt dazu, dass gerade Ostdeutsche mitunter ihr Vertrauen in die Politik verlieren. Es fehlt nicht selten an Optimismus und Zuversicht, weil die Vergangenheit gezeigt hat, dass ein gesellschaftlicher Wandel sich nicht für jeden positiv auswirkt.
Diese Erfahrung hat den Menschen ein Stück Selbstvertrauen genommen. Das fällt mir bei Zusammenkünften von Unternehmensvertretern immer wieder auf: In solchen Gesprächsformaten tritt der Ostdeutsche eher zurückhaltend auf. Wenn er nicht gefragt wird und nichts Brisantes oder Erhellendes zum Gespräch beitragen kann, zeigt er sich nicht. Aber hier bin ich zuversichtlich, dass sich das langsam mit den nachfolgenden Generationen auflöst. Und das ist auch gut so. Was wir für die aktuellen Umbrüche und Transformationsprozesse brauchen, sind Menschen mit Gestaltungswillen, Mut und Innovationskraft – und diese Menschen finden sich im Osten genauso wie im Westen. Ich kann nur sagen: Geht raus, seid offen und nutzt selbstbewusst die Chancen. Dann werden wir in den kommenden Jahren deutlich mehr Führungskräfte mit ostdeutscher Biografie sehen. Davon bin ich überzeugt und daran möchte ich mitwirken.

Jährlich vergibt das Verbundnetz der Wärme (VdW), das von der VNG getragen wird, fünf Preise für besonderes Engagement. Abbildung: Alice End Mediendesign
Die Wende mitgestalten
Zeitenwende, Demografie, digitaler Wandel, Klimakrise und geopolitische Spannungen: Alles ist in Bewegung. Transformationsprozesse bringen Herausforderungen mit sich, eröffnen aber auch Chancen. Die Gaswirtschaft und VNG haben das erkannt. Wir unterstützen den Strukturwandel und die regionale Entwicklung im Osten mit unseren Geschäftsaktivitäten, Projekten und Initiativen maßgeblich. Im Zentrum liegen die energiewirtschaftlichen Veränderungen, die über drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung in der Region anstehen. In Ostdeutschland haben lange Zeit verschiedene fossile Industrien wie der Braunkohletagebau oder die Kohleveredelung eine bedeutende Rolle gespielt und die Industrieregion geprägt. Jetzt will der Osten eine Modellregion werden, die zeigt, wie die Transformation hin zu klimafreundlicher Erzeugung und Nutzung von Energie gelingen kann. Als Unternehmen legen wir unseren Schwerpunkt daher in den kommenden Jahren weiter auf den Ausbau der Infrastruktur und die Forcierung von Projekten mit grünen und dekarbonisierten Gasen.
Wir wollen die Energiewende in Ostdeutschland mitgestalten. Dass wir das können, haben wir bereits in den 90er-Jahren unter Beweis gestellt, als wir gemeinsamen mit Stadtwerken und weiteren Partnern Stadtgas durch eine moderne Erdgasversorgungsinfrastruktur ersetzt haben. Als europaweit agierender Unternehmensverbund arbeiten wir mit Hochdruck an der Entwicklung zukunftsweisender Technologien. Heute sorgt Erdgas für schnellen und bezahlbaren Klimaschutz und ist in der Lage, über einen modernen Kraftwerkspark eine volatile Energieerzeugung aus den erneuerbaren Energien Sonne und Wind abzusichern. Mittel- bis langfristig werden wir Erdgas durch CO2-arme und -neutrale Gase, allen voran durch Biogas und Wasserstoff ersetzen.
Ein Leuchtturmprojekt dafür ist der Energiepark im sachsenanhaltinischen Bad Lauchstädt. Das Reallabor der Energiewende stellt künftig die gesamte Wertschöpfungskette von grünem Wasserstoff dar: vom Windpark über die Elektrolyse bis zur Speicherung, dem Transport und der Lieferung an den Kunden. Mit einer zunehmend klimaneutralen Energieversorgung wollen wir gemeinsam mit starken Partnern die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft stärken, vor allem in Ostdeutschland.

Bodo Rodestock zusammen mit Angela Merkel und dem ehemaligen Ministerpräsidenten Sachsens Stanislav Tillich. Abbildung: Michael Handelmann
Ostdeutschland hat viel Potenzial
In Sachsen gibt es bereits Cluster-Regionen wie Leipzig, Dresden oder Chemnitz, die attraktive Standorte für große wie innovative Betriebe sind. Die Gründerlandschaft floriert. Zahlreiche ostdeutsche Start-ups bringen innovative Produkte auf den Markt. Die Ausgangssituation ist heute eine andere als zu Nachwendezeiten.
Den „strukturschwachen Osten“ gibt es längst nicht mehr. Auch in anderen Bundesländern im Norden, Westen oder Süden gibt es strukturschwache Gebiete. Es gibt im Osten viele Erfolgsgeschichten. Und jeder kann seine eigene schreiben – egal, wo er aufgewachsen ist. Mein persönlicher Werdegang ist der beste Beweis dafür, genauso wie die Unternehmensgeschichte der VNG.
Ich glaube an den Osten und sehe trotz der aktuell turbulenten Zeiten großes Entwicklungspotenzial, auch abseits der Metropolregionen. Ich glaube auch daran, dass es bald keinen Unterschied mehr machen wird, aus welchem Teil des Landes wir kommen. Wir sind ein Deutschland. Daher appelliere ich an die Menschen in den neuen Bundesländern: Findet den Glauben an euch wieder, seid stolz auf das Erreichte, lasst die Vergangenheit hinter euch und geht aktiv gestaltend in die Zukunft. Chancen sind da, ergreift sie.
VNG AG
GEGRÜNDET: 1990/Leipzig
STANDORT: Leipzig
MITARBEITENDE: 1.688 (2023)
WEBSITE: vng.de
Bodo Rodestock
GEBOREN: 1968/Frauenstein
WOHNORT (aktuell): Zwenkau
MEIN BUCHTIPP: Erich Kästner: „Emil und die Detektive“, 1929
MEIN FILMTIPP: alle Karl-May-Filme, vor allem Winnetou
MEIN URLAUBSTIPP: Wandern/Klettern in der Sächsischen Schweiz
![]() „Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist auch 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Dieser Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2024, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |