@mrjackson

Banner Leaderboard

Banner Leaderboard

Banner Leaderboard 2

Banner Leaderboard AmbulanzMobile

Der Osten als Avantgarde #10: Ein Land – zwei Frauenbilder

Das Netz­werk der gemein­nüt­zi­gen Initia­ti­ve Denk­Rau­mOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ost­deutsch­lands Charme sicht­bar zu machen. In Teil zehn ihrer Kolum­ne erzählt Joli­na Oels­ner, wie ost­deut­sche Wer­te sie als Frau sozia­li­siert haben und dass der Osten beim The­ma Frau­en­bil­der vor­rei­ten­de Per­spek­ti­ven einbringt.

Jolina Oelsner hat Design- und Innovationsmanagement (B.A.) sowie einen Doppelmaster in Innovationsmanagement, Sustainability & Entrepreneurship an der TU Berlin und Management an der SGH Warschau absolviert. In ihrer Arbeit verbindet sie Erfahrungen aus Beratung, Startups und NGOs mit einem besonderen Fokus auf die Förderung diverser und insbesondere von Frauen geführter Startups. Sie engagiert sich in der Vernetzung von Gründer:innen, in der Bewertung und Begleitung von Gründungsvorhaben sowie in internationalen und entwicklungspolitischen Projekten.

Joli­na Oels­ner hat Design- und Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment stu­diert und einen Dop­pel­mas­ter in Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment, Sus­taina­bi­li­ty & Entre­pre­neur­ship. In ihrer Arbeit ver­bin­det sie Erfah­run­gen aus Bera­tung, Start-ups und NGOs mit einem beson­de­ren Fokus auf die För­de­rung diver­ser und ins­be­son­de­re von Frau­en geführ­ter Start-ups.

Ich wur­de gut zehn Jah­re nach der Wen­de in Mag­de­burg gebo­ren, also lan­ge, nach­dem die DDR nicht mehr exis­tier­te, und doch mit vie­len ihrer Wer­te sozia­li­siert. Auf­ge­wach­sen bin ich mit dem Selbst­ver­ständ­nis, dass Frau­en arbei­ten, Ver­ant­wor­tung über­neh­men und auch Kar­rie­re machen. Geprägt von gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung und der Hal­tung, dass Frau­en sich in ihrem Erfolg ein­an­der stär­ken und Din­ge auch ein­fach mal anpa­cken. Erst spä­ter wur­de mir bewusst, dass die­se Selbst­ver­ständ­lich­keit nicht über­all geteilt wird und Sozia­li­sie­rung, Struk­tu­ren und Erwar­tun­gen bis heu­te unter­schied­lich wir­ken. Genau dort beginnt mei­ne per­sön­li­che Per­spek­ti­ve auf Frau­en­rol­len zwi­schen Ost und West.

2021 grün­de­te sich ein frau­en­ge­führ­ter Ver­ein und ich war mit­ten­drin. Ich hör­te vie­le Lebens­ge­schich­ten und Erfah­run­gen mei­ner Mit­strei­te­rin­nen. So auch eines Nach­mit­tags, als mir eine Prak­ti­kan­tin erzähl­te, wie stolz sie auf ihre Mut­ti sei, weil die­se arbei­te und Kar­rie­re gemacht habe. Nach ein paar Nach­fra­gen stell­te sich her­aus, dass sie eine der weni­gen unter den dama­li­gen Schul­ka­me­ra­din­nen gewe­sen war, die über­haupt berufs­tä­tig war. Die meis­ten ande­ren Frau­en in ihrem Umfeld hat­ten sich als Haus­frau­en der Kin­der­er­zie­hung gewid­met. Das hat mich tat­säch­lich ziem­lich über­rascht. Dies war eine Rea­li­tät, die ich nur aus dem Fern­se­hen kann­te. Nicht, dass Kar­rie­re etwas Beson­de­res war, son­dern weil es als Errun­gen­schaft klang, über­haupt arbei­ten zu gehen. Spä­ter erfuhr ich, dass dies kein Ein­zel­fall ist. Für rund die Hälf­te der Frau­en in West­deutsch­land war das Haus­frau­en­mo­dell lan­ge Zeit Rea­li­tät oder zumin­dest prä­gend. Für mich war das irri­tie­rend. Mir wur­de klar, wie sehr sich mein eige­nes, ost­deut­sches Ver­ständ­nis davon unter­schied, was nor­mal für ande­re war. In mei­nem Umfeld kann­te und ken­ne ich bis heu­te kei­ne Frau, die nicht erwerbs­tä­tig war oder ist. Die­se Sozia­li­sie­rung spie­gel­te sich auch in Zah­len: bevor die Mau­er fiel. In der DDR waren vor dem Mau­er­fall über 90 Pro­zent der Frau­en berufs­tä­tig, der höchs­te Wert welt­weit. Laut Stu­di­en von 2024 liegt die Erwerbs­tä­ti­gen­quo­te von Frau­en in Deutsch­land heu­te bei rund 75 Prozent.

Für mich war Arbeit bis dahin nie ein Zei­chen von Eman­zi­pa­ti­on, son­dern selbst­ver­ständ­lich. Frau­en arbei­te­ten. Punkt. Nicht aus beson­de­rem Ehr­geiz, nicht als poli­ti­sches State­ment, son­dern weil es nor­mal und not­wen­dig war. Zu Hau­se zu blei­ben stand kaum zur Debat­te und wur­de sogar eher ver­pönt. Viel­mehr galt: Wirt­schaft­li­che Eigen­stän­dig­keit gehör­te zum Frau­sein dazu, weil Mut­ter­schaft und Beruf kei­ne Gegen­sät­ze waren, son­dern par­al­lel gedacht wur­den. Ent­spre­chend war auch die Infra­struk­tur aus­ge­rich­tet: Krip­pen und Kin­der­gär­ten waren län­ger geöff­net und flä­chen­de­ckend ver­füg­bar. Früh­kind­li­che Betreu­ung mit kla­rem Erzie­hungs­auf­trag war im Osten struk­tu­rell ver­an­kert, um Fami­lie und Beruf zu ver­ein­ba­ren. Anfang der 2000er ging ich selbst­ver­ständ­lich in Krip­pe und Kin­der­gar­ten. Es war nor­mal, dass bei­de Eltern arbei­ten gin­gen, und dies habe ich auch nie in Fra­ge gestellt. Wenn ich krank war, gab es pro Eltern­teil Krank­heits­ta­ge, gleich­wer­tig auf­ge­teilt. Wur­den die­se über­schrit­ten, ver­brach­te ich Zeit am Arbeits­platz mei­nes Vaters, nichts Unge­wöhn­li­ches. Anders als die Sozia­li­sie­rung im Wes­ten, dort wur­den arbei­ten­de Frau­en schnell als Raben­müt­ter betitelt.

Im Gespräch mit der Prak­ti­kan­tin wur­de mir bewusst, dass das, was ich für selbst­ver­ständ­lich hielt, andern­orts als Fort­schritt galt. Dass Töch­ter stolz dar­auf sind, dass ihre Müt­ter arbei­ten, über­rascht mich bis heu­te. Aber es sind eben nicht alle auf­ge­wach­sen wie ich, wie mei­ne Mut­ti und mei­ne Omas. Ich kann­te kei­ne Bewun­de­rung dafür, dass eine Mut­ti arbei­tet. Ich kann­te Bewun­de­rung dafür, wie sie es tat. Vor­bil­der sah ich in der Kom­pe­tenz und Ver­ant­wor­tung, nicht in der blo­ßen Erwerbstätigkeit.

Der Osten, über den oft als „Nach­züg­ler“ gespro­chen wird, war und ist in Fra­gen der weib­li­chen Selbst­ver­ständ­lich­keit in vie­lem wei­ter, als ihm heu­te zuge­stan­den wird. Bis heu­te begeg­nen mir noch immer Aus­sa­gen, die die posi­ti­ven Eigen­schaf­ten der DDR hin­ten­an­stel­len oder gar igno­rie­ren. So las ich kürz­lich auf Lin­ke­din, Frau­en hät­ten bis 1977 in Deutsch­land nicht ohne Erlaub­nis des Man­nes arbei­ten dür­fen oder bis 1958 kein eige­nes Kon­to eröff­nen kön­nen. Für die BRD stimm­te das. In der DDR hin­ge­gen brauch­ten Frau­en weder Zustim­mung zur Erwerbs­tä­tig­keit, noch zur Kontoeröffnung

Auf­fäl­lig ist, dass deut­sche Geschich­te häu­fig nur aus west­deut­scher Per­spek­ti­ve erzählt wird. Doch auch die Erfah­run­gen und Wer­te der Men­schen aus Ost­deutsch­land sind Teil die­ser Geschich­te. Denn auch wenn die DDR nicht mehr exis­tiert, tun es die Men­schen immer noch, und ihre Sozia­li­sie­rung ver­schwand nicht mit dem Mau­er­fall. Dass die­se unter­schied­li­chen Prä­gun­gen bei der Wie­der­ver­ei­ni­gung auf­ein­an­der­tra­fen, wur­de lan­ge kaum berück­sich­tigt. Beson­ders Frau­en in mei­ner Fami­lie beschrie­ben die­se Zeit teils als Rück­schritt in wirt­schaft­li­cher Eigen­stän­dig­keit und Eman­zi­pa­ti­on. Ein Bei­spiel: Nach der Hoch­zeit mei­ner Eltern 1995 wur­de mei­ne Mut­ti, nach­dem mein Vater in ihr Kon­to auf­ge­nom­men wor­den war, in der Anspra­che der Bank plötz­lich außen vor gelas­sen. Auf den ers­ten Blick eine Klei­nig­keit, tat­säch­lich aber Aus­druck eines Rol­len­ver­ständ­nis­ses, in dem Män­ner als finan­zi­el­le Haupt­ver­ant­wort­li­che gal­ten, so wie es in West­deutsch­land sozia­li­siert wur­de. Ein Rück­schritt, der jedoch Frus­tra­ti­on bei vie­len Frau­en aus­lös­te, so auch bei mei­ner Mutti.

Die Wie­der­ver­ei­ni­gung brach­te vie­les zusam­men, mach­te aber nicht alle Erfah­run­gen gleich sicht­bar. Ost­deut­sche Frau­en brach­ten ein Frau­en­bild mit, das auf Selbst­stän­dig­keit und wirt­schaft­li­cher Teil­ha­be beruh­te. Es wür­de sich loh­nen, die­ses Bild wie­der stär­ker in den Blick zu neh­men. Um zu ler­nen und als Erin­ne­rung dar­an, wel­che fort­schritt­li­chen Gedan­ken aus öst­li­cher Rich­tung für die heu­ti­ge Gesell­schaft kamen. Lei­der wur­de es lan­ge Zeit nur aus einer Per­spek­ti­ve erzählt.

 

Die nächs­ten Live-Ter­mi­ne von DenkRaumOst

denkraumost.de/events

 

Banner Footer 1

Test Half Banner

Banner Footer 2

Test Half Banner

Banner Footer 3

Test Half Banner