Das Netzwerk der gemeinnützigen Initiative DenkRaumOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ostdeutschlands Charme sichtbar zu machen. In Teil zehn ihrer Kolumne erzählt Jolina Oelsner, wie ostdeutsche Werte sie als Frau sozialisiert haben und dass der Osten beim Thema Frauenbilder vorreitende Perspektiven einbringt.

Jolina Oelsner hat Design- und Innovationsmanagement studiert und einen Doppelmaster in Innovationsmanagement, Sustainability & Entrepreneurship. In ihrer Arbeit verbindet sie Erfahrungen aus Beratung, Start-ups und NGOs mit einem besonderen Fokus auf die Förderung diverser und insbesondere von Frauen geführter Start-ups.
Ich wurde gut zehn Jahre nach der Wende in Magdeburg geboren, also lange, nachdem die DDR nicht mehr existierte, und doch mit vielen ihrer Werte sozialisiert. Aufgewachsen bin ich mit dem Selbstverständnis, dass Frauen arbeiten, Verantwortung übernehmen und auch Karriere machen. Geprägt von gegenseitiger Unterstützung und der Haltung, dass Frauen sich in ihrem Erfolg einander stärken und Dinge auch einfach mal anpacken. Erst später wurde mir bewusst, dass diese Selbstverständlichkeit nicht überall geteilt wird und Sozialisierung, Strukturen und Erwartungen bis heute unterschiedlich wirken. Genau dort beginnt meine persönliche Perspektive auf Frauenrollen zwischen Ost und West.
2021 gründete sich ein frauengeführter Verein und ich war mittendrin. Ich hörte viele Lebensgeschichten und Erfahrungen meiner Mitstreiterinnen. So auch eines Nachmittags, als mir eine Praktikantin erzählte, wie stolz sie auf ihre Mutti sei, weil diese arbeite und Karriere gemacht habe. Nach ein paar Nachfragen stellte sich heraus, dass sie eine der wenigen unter den damaligen Schulkameradinnen gewesen war, die überhaupt berufstätig war. Die meisten anderen Frauen in ihrem Umfeld hatten sich als Hausfrauen der Kindererziehung gewidmet. Das hat mich tatsächlich ziemlich überrascht. Dies war eine Realität, die ich nur aus dem Fernsehen kannte. Nicht, dass Karriere etwas Besonderes war, sondern weil es als Errungenschaft klang, überhaupt arbeiten zu gehen. Später erfuhr ich, dass dies kein Einzelfall ist. Für rund die Hälfte der Frauen in Westdeutschland war das Hausfrauenmodell lange Zeit Realität oder zumindest prägend. Für mich war das irritierend. Mir wurde klar, wie sehr sich mein eigenes, ostdeutsches Verständnis davon unterschied, was normal für andere war. In meinem Umfeld kannte und kenne ich bis heute keine Frau, die nicht erwerbstätig war oder ist. Diese Sozialisierung spiegelte sich auch in Zahlen: bevor die Mauer fiel. In der DDR waren vor dem Mauerfall über 90 Prozent der Frauen berufstätig, der höchste Wert weltweit. Laut Studien von 2024 liegt die Erwerbstätigenquote von Frauen in Deutschland heute bei rund 75 Prozent.
Für mich war Arbeit bis dahin nie ein Zeichen von Emanzipation, sondern selbstverständlich. Frauen arbeiteten. Punkt. Nicht aus besonderem Ehrgeiz, nicht als politisches Statement, sondern weil es normal und notwendig war. Zu Hause zu bleiben stand kaum zur Debatte und wurde sogar eher verpönt. Vielmehr galt: Wirtschaftliche Eigenständigkeit gehörte zum Frausein dazu, weil Mutterschaft und Beruf keine Gegensätze waren, sondern parallel gedacht wurden. Entsprechend war auch die Infrastruktur ausgerichtet: Krippen und Kindergärten waren länger geöffnet und flächendeckend verfügbar. Frühkindliche Betreuung mit klarem Erziehungsauftrag war im Osten strukturell verankert, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Anfang der 2000er ging ich selbstverständlich in Krippe und Kindergarten. Es war normal, dass beide Eltern arbeiten gingen, und dies habe ich auch nie in Frage gestellt. Wenn ich krank war, gab es pro Elternteil Krankheitstage, gleichwertig aufgeteilt. Wurden diese überschritten, verbrachte ich Zeit am Arbeitsplatz meines Vaters, nichts Ungewöhnliches. Anders als die Sozialisierung im Westen, dort wurden arbeitende Frauen schnell als Rabenmütter betitelt.
Im Gespräch mit der Praktikantin wurde mir bewusst, dass das, was ich für selbstverständlich hielt, andernorts als Fortschritt galt. Dass Töchter stolz darauf sind, dass ihre Mütter arbeiten, überrascht mich bis heute. Aber es sind eben nicht alle aufgewachsen wie ich, wie meine Mutti und meine Omas. Ich kannte keine Bewunderung dafür, dass eine Mutti arbeitet. Ich kannte Bewunderung dafür, wie sie es tat. Vorbilder sah ich in der Kompetenz und Verantwortung, nicht in der bloßen Erwerbstätigkeit.
Der Osten, über den oft als „Nachzügler“ gesprochen wird, war und ist in Fragen der weiblichen Selbstverständlichkeit in vielem weiter, als ihm heute zugestanden wird. Bis heute begegnen mir noch immer Aussagen, die die positiven Eigenschaften der DDR hintenanstellen oder gar ignorieren. So las ich kürzlich auf Linkedin, Frauen hätten bis 1977 in Deutschland nicht ohne Erlaubnis des Mannes arbeiten dürfen oder bis 1958 kein eigenes Konto eröffnen können. Für die BRD stimmte das. In der DDR hingegen brauchten Frauen weder Zustimmung zur Erwerbstätigkeit, noch zur Kontoeröffnung
Auffällig ist, dass deutsche Geschichte häufig nur aus westdeutscher Perspektive erzählt wird. Doch auch die Erfahrungen und Werte der Menschen aus Ostdeutschland sind Teil dieser Geschichte. Denn auch wenn die DDR nicht mehr existiert, tun es die Menschen immer noch, und ihre Sozialisierung verschwand nicht mit dem Mauerfall. Dass diese unterschiedlichen Prägungen bei der Wiedervereinigung aufeinandertrafen, wurde lange kaum berücksichtigt. Besonders Frauen in meiner Familie beschrieben diese Zeit teils als Rückschritt in wirtschaftlicher Eigenständigkeit und Emanzipation. Ein Beispiel: Nach der Hochzeit meiner Eltern 1995 wurde meine Mutti, nachdem mein Vater in ihr Konto aufgenommen worden war, in der Ansprache der Bank plötzlich außen vor gelassen. Auf den ersten Blick eine Kleinigkeit, tatsächlich aber Ausdruck eines Rollenverständnisses, in dem Männer als finanzielle Hauptverantwortliche galten, so wie es in Westdeutschland sozialisiert wurde. Ein Rückschritt, der jedoch Frustration bei vielen Frauen auslöste, so auch bei meiner Mutti.
Die Wiedervereinigung brachte vieles zusammen, machte aber nicht alle Erfahrungen gleich sichtbar. Ostdeutsche Frauen brachten ein Frauenbild mit, das auf Selbstständigkeit und wirtschaftlicher Teilhabe beruhte. Es würde sich lohnen, dieses Bild wieder stärker in den Blick zu nehmen. Um zu lernen und als Erinnerung daran, welche fortschrittlichen Gedanken aus östlicher Richtung für die heutige Gesellschaft kamen. Leider wurde es lange Zeit nur aus einer Perspektive erzählt.
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