@mrjackson

Banner Leaderboard

Banner Leaderboard

Banner Leaderboard 2

Banner Leaderboard AmbulanzMobile

Der Osten als Avantgarde #11: Appell eines Wessis an ostdeutsche Firmenchefs

Das Netz­werk der gemein­nüt­zi­gen Initia­ti­ve Denk­Rau­mOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ost­deutsch­lands Charme sicht­bar zu machen. In Teil elf ihrer Kolum­ne wirft der His­to­ri­ker und Autor Dr. Cle­mens Tan­ger­ding einen Blick auf den Füh­rungs­stil ost- und west­deut­scher Firmenchefs.

Dr. Clemens Tangerding stammt aus Rottendorf, bei Würzburg, Unterfranken. Um sein Studium zu finanzieren, hat er auf einer Tankstelle, im Sprechchor des Würzburger Stadttheaters und als Weihnachtsmann im Supermarkt in Kitzingen gejobbt. Fast 15 Jahre lang arbeitete er als Historiker die Geschichte von Unternehmen auf. Dann begann er, im Rahmen mehrerer Projekte mit Menschen auf dem Land über die Geschichte ihrer Orte zu sprechen. 2019 ist er mit seiner Familie von Berlin ins brandenburgische Luckenwalde gezogen. Er hat sich eine Tauchsäge, eine Handkreissäge und eine Tischkreissäge gekauft, um sich schneller zu integrieren. 2024 erschien sein Buch „Rückkehr nach Rottendorf" (C. H. Beck). Abbildung: C.H.Beck, Katharina Gebauer

Cle­mens Tan­ger­ding stammt aus dem unter­frän­ki­schen Rot­ten­dorf. Fast 15 Jah­re lang arbei­te­te er als His­to­ri­ker die Geschich­te von Unter­neh­men auf. Dann begann er, im Rah­men meh­re­rer Pro­jek­te mit Men­schen auf dem Land über die Geschich­te ihrer Orte zu spre­chen. 2019 ist er mit sei­ner Fami­lie von Ber­lin nach Lucken­wal­de gezo­gen. 2024 erschien sein Buch „Rück­kehr nach Rot­ten­dorf”. Abbil­dung: C.H.Beck, Katha­ri­na Gebauer

Ost­deut­sche Fir­men haben damit inzwi­schen auch ange­fan­gen. Ich kann­te die­sen Trend bis­her nur aus dem Wes­ten. Aber die Geschäfts­füh­rer aus den neu­en Län­dern sind inzwi­schen auch auf die­sen Zug auf­ge­sprun­gen. Oder aber sie sind Wes­sis. Spä­tes­tens zwei Jah­re, nach­dem man Chef gewor­den ist, enga­giert man einen Coach und zieht sich mit ihm oder ihr und sei­nen Füh­rungs­kräf­ten ein Wochen­en­de zurück. Auf­fäl­lig oft trifft man sich in ehe­ma­li­gen Klös­tern, die sich in ein Tagungs­ho­tel ver­wan­delt haben. Das Zusam­men­sein in der eins­ti­gen Spei­se­kam­mer der Zis­ter­zi­en­ser soll eine Atmo­sphä­re von Ein­kehr und Kon­zen­tra­ti­on her­vor­ru­fen. Wie die Mön­che frü­her stellt man sich nur mit Vor­na­men vor, auch wenn der Mar­ke­ting­lei­ter bis dato nie Pro­ble­me hat­te, sei­nen Chef mit Nach­na­men anzu­spre­chen. Aber hier gibt es kei­nen Chef und kei­ne Füh­rungs­kräf­te mehr, hier sit­zen ein­fach Nor­bert, Jan, Robert und Sabine.

Das Ziel ist klar: Jetzt, da die neue Füh­rung im Amt ist, sol­len die ganz gro­ßen Fra­gen gestellt und beant­wor­tet wer­den. Was wol­len wir? Wohin geht der Weg? Was unter­schei­det uns von den ande­ren? Man­che reflek­tie­ren begeis­tert mit, man­chen Teil­neh­mern aber drängt sich im Ver­lauf des Wochen­en­des immer stär­ker die Urfra­ge der Phi­lo­so­phie auf: War­um bin ich hier?

Nach dem Wochen­en­de soll­ten alle die Ant­wort ken­nen. Denn spä­tes­tens am Sonn­tag­nach­mit­tag ste­hen drei Begrif­fe auf einem Flip­chart in der Mit­te des Raums. Nach vie­len Spie­len und Spa­zier­gän­gen hat die Grup­pe die drei wich­tigs­ten Wer­te des Unter­neh­mens erar­bei­tet. Hier ste­hen sie, die „Core Values die­ser und nur die­ser Fir­ma: Tra­di­ti­on, Qua­li­tät und Nach­hal­tig­keit. Ich habe oft von die­sen Semi­na­ren gehört und weiß inzwi­schen: Es sind immer die­se drei. Ein Freund, der in einem Kon­zern arbei­tet, hat mir erzählt, bei der Klau­sur sei­ner Chefs sei Nach­hal­tig­keit nicht dabei gewe­sen. Ich weiß bis heu­te nicht, ob ich ihm glau­ben soll.

Wenn west­deut­sche Fir­men­chefs auf dem Park­platz des Klos­ters gera­de noch recht­zei­tig das Eti­kett aus dem bei Ama­zon bestell­ten mari­ne­blau­en Troy­er abrei­ßen, damit sie beson­ders mensch­lich rüber­kom­men, dann wun­dert mich gar nichts mehr. So sind wir Wes­sis eben. Seit ich aber selbst in Bran­den­burg lebe, fra­ge ich mich, war­um Fir­men­chefs aus die­sem Land­strich all das mit­ma­chen. Füh­len sie sich dazu ver­pflich­tet? Wes­halb knüp­fen sie nicht an das an, wovon sie selbst mit einem Lächeln noch berich­ten, wenn sie älter als 40 sind? Ich als West­deut­scher den­ke mir dann jedes Mal: Was sie in der DDR und in der Wen­de­pha­se erlebt haben, brau­chen wir der­zeit nöti­ger als je.

Es sind Geschich­ten einer ganz beson­de­ren Art von Ver­bun­den­heit, die durch Man­gel ent­stan­den ist, aber nicht nur dadurch. Mein Nach­bar in Lucken­wal­de war Chef des Bau­hofs. Als mein Auto nicht mehr ange­sprun­gen ist, hat er mir ein selbst­ge­bau­tes Bat­te­rie­mess­ge­rät gelie­hen. Er hat es mit sei­nem Kol­le­gen gebaut. Als ich für die Pro­mo­ti­on nach Dres­den gezo­gen bin, erzähl­ten mir mei­ne Mit­be­woh­ner, dass in der Wen­de­zeit jemand auf dem Hof des Hau­ses Pfer­de gehal­ten hat. Irgend­wann war er weg, und die Pfer­de noch da. Fast alle Freun­de aus dem Osten kön­nen mir Fotos zei­gen, die den Papa mit abge­ris­se­ner Jeans beim Haus­bau zei­gen, neben den Freun­den und Nach­barn, die selbst­ver­ständ­lich mit­ge­hol­fen haben.

Wenn ich die­se Geschich­ten höre und wenn ich die Fotos sehe, dann stellt sich mir als gebür­ti­gem Würz­bur­ger immer wie­der die­sel­be Fra­ge: Wur­de das Haus von einer Fir­ma gebaut oder von euch als Fami­lie? Habt ihr das Mess­ge­rät in eurer Arbeits­zeit her­ge­stellt oder nach Fei­er­abend? Und hat­te der Typ mit den Pfer­den über­haupt einen Gewer­be­schein? Ich will wis­sen, ob es sich um beruf­li­che Tätig­kei­ten han­del­te oder nicht. Und ich mer­ke dann immer, wie west­deutsch mei­ne Fra­ge ist.

Natür­lich gab es bei uns auch Nach­barn, die gehol­fen haben. Der Papa der bes­ten Freun­din mei­ner klei­nen gro­ßen Schwes­ter hat unse­re Mar­ki­se gebaut. Ein Mann aus der Kir­chen­ge­mein­de hat unser Auto repa­riert, sei­ne Frau hat uns Blu­men­kohl geschenkt. Aber ich glau­be, mei­ne Eltern und die ande­ren Erwach­se­nen in unse­rem Dorf haben sich dafür immer ein biss­chen geschämt. Denn sie fürch­te­ten, dass die Nach­barn den­ken könn­ten, dass sie nicht genug Geld hät­ten. Stimm­te ja auch, aber umso weni­ger soll­te man es mer­ken. Was mir auf­fällt: Mei­nen ost­deut­schen Freun­den war die Hil­fe der Freun­de und Nach­barn nicht unan­ge­nehm, ihren Eltern auch nicht. Ihnen war es nicht pein­lich, dass der Freund beim Kabel­schlit­zen half. Sie schäm­ten sich nicht für den Blu­men­kohl, der bei ihnen vor der Tür lag. Sie fan­den es nicht selt­sam, sich etwas zu schen­ken, statt etwas zu kau­fen. War­um auch immer.

Die Welt, aus der mir mei­ne Freun­de aus dem Osten berich­ten, fühlt sich für mich fas­zi­nie­rend und fremd an. Das liegt nicht nur an den Fri­su­ren der Män­ner auf den Fotos. Ich bin vor allem befrem­det von der Gerad­li­nig­keit der Wege. Der Vater braucht Hil­fe beim Dach­de­cken und klin­gelt beim Nach­barn. Kür­zer geht es nicht. Aber es ist nicht nur die Ein­fach­heit. Um Hil­fe zu bit­ten, dar­in liegt für mich immer auch eine Ver­letz­lich­keit, die mich rührt. Selbst wenn ein Nach­bar heu­te klin­gelt und mich fragt, ob ich am nächs­ten Tag die Müll­ton­ne mit raus­stel­len kann, spü­re ich die­se leich­te Bewun­de­rung für die Fra­ge. Offen­bar war die­ses gan­ze Land dazu in der Lage, sich gegen­sei­tig um Hil­fe zu bitten.

Wenn ich mir etwas für mei­ne Klein­stadt und mein Bun­des­land Bran­den­burg wün­schen dürf­te, dann wäre es das: Wie­der anzu­knüp­fen an den Geist von damals, nur ohne die­sem exis­ten­zi­el­len Man­gel so aus­ge­setzt zu sein wie frü­her. Ich wün­sche mir Fir­men­chefs, die ein­fach beim Nach­bars­jun­gen fra­gen, ob er den Hof keh­ren will und Omas, bei denen sich Hand­wer­ker in der Mit­tags­pau­se zum Sol­jan­kaes­sen tref­fen. Ich wün­sche mir Freun­de beim Schip­pen und Nach­barn auf dem Dach. Ich wün­sche mir Sup­pen­schüs­seln am Gar­ten­tor und Blu­men­kohl vor der Haus­tür. Vor allem wün­sche ich mir für uns alle, dass Ost­deut­sche sich nicht schä­men für das, was sie erlebt haben. Denn die­se Gerad­li­nig­keit brau­chen wir gera­de alle. Und wahr­schein­lich ist es bes­ser, wenn wir die drei wich­tigs­ten Wer­te der ost­deut­schen Fir­men nicht in der Fir­ma, son­dern in den Lebens­ge­schich­ten ihrer Mit­ar­bei­ter suchen. Wie wäre es hier­mit: Die­ter kann das!

Die nächs­ten Live-Ter­mi­ne von DenkRaumOst

denkraumost.de/events

Am 18. April fin­det eine Ver­an­stal­tung von Denk­Rau­mOst im Kunst­haus Pots­dam (Das Minsk) zum The­ma „Kuli­na­rik im Osten“ statt.

 

Banner Footer 1

Test Half Banner

Banner Footer 2

Test Half Banner

Banner Footer 3

Test Half Banner