Frederik Fischer, Geschäftsführer von Neulandia, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Frederik Fischer, Geschäftsführer Neulandia. Abbildung: Manuela Clemens
Wer sich im ländlichen Ostdeutschland bewegt, hat sicher schon mal von ihm gehört: dem Weißen Ritter. So werden Investoren, Konzerne oder Bundespolitiker genannt, die durch die Lande ziehen und eine rosige Zukunft verkünden.
Meistens sah diese Zukunft so aus, dass sich ein großer Betrieb ansiedeln und zahlreiche Industriearbeitsplätze zurückbringen sollte. Etwa zwei Jahrzehnte lang wurde diesen Blendern vertraut. Zu groß war die Sehnsucht, die Narben der schmerzhaften Nachwendezeit heilen zu lassen.
Und tatsächlich wurden die Versprechen an einigen Orten eingelöst. In Brandenburg steht heute eine der größten Produktionsstätten von Tesla. In Sachsen ist ein hochinnovatives Ökosystem rund um die Halbleiter-Industrie entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist als Problem nahezu verschwunden. Aber bereits die havarierte Intel-Ansiedlung in Magdeburg verhagelt die aufkeimende Aufbruchstimmung direkt wieder.
Die Hoffnung, durch Arbeitsplätze für mehr Zufriedenheit und Demokratiebegeisterung zu sorgen, kann ohnehin als fehlgeleitet bezeichnet werden. Die AfD erzielte auch in Orten mit brummender Wirtschaft und niedriger Arbeitslosigkeit sehr hohe Zustimmungswerte.
Die Mär vom Weißen Ritter hat aber noch einen ganz anderen Geburtsfehler: Sie vermittelt den Eindruck, dass es den großen Investitionsschub von außen braucht für Fortschritt und Wohlstand.
Mit der Arbeit von Neulandia setze ich mich für das Gegenteil ein: Selbstwirksamkeit durch soziale Innovation. Soziale Innovationen können wunderbar mit technologischen Innovationen einhergehen. Entscheidend ist aber stets der Mensch, nicht die Maschine.
Ein Bereich, der dringend verbesserungswürdig ist, ist die Wohnraumversorgung. Die Großstädte platzen aus allen Nähten, während gleichzeitig viele ländliche Regionen immer weiter schrumpfen.
Es ist dabei ein Trugschluss, dass diese Wanderung ausschließlich Ausdruck persönlicher Präferenzen ist. Auch vor der Coronapandemie zeichneten Umfragen (unter anderem von Kantar) ein ganz anderes Bild: Nur eine Minderheit möchte tatsächlich mitten im Trubel wohnen. Die meisten Menschen geben als bevorzugten Wohnort Kleinstädte, Dörfer oder den Stadtrand an.
Die Erklärung für diesen offensichtlichen Widerspruch? Angst vor sozialer Isolation. Selbst die Menschen, die zumindest teilweise ortsunabhängig arbeiten können, bleiben überwiegend in der Großstadt, weil sie Angst davor haben, im ländlichen Ostdeutschland nicht akzeptiert zu werden. Diese Angst ist nicht unbegründet. Tatsächlich ist es nicht leicht, ohne persönliche Bezüge zu einem Ort direkt einen neuen Freundeskreis zu finden. Die zahlreichen Neubaugebiete mit ihren Fertighäusern erschweren das Ankommen zusätzlich. Von der heimischen Hecke am Ortsrand ist es ein weiter Weg in die Mitte der Gesellschaft.

Luftbild der KoDorf-Baustelle. Abbildung: Uwe Manteuffel
Ein neues Dorf entsteht
So entstand die Idee des KoDorfs. Das KoDorf besteht aus einer Vielzahl ökologisch gebauter Kleinhäuser und großer Gemeinschaftsflächen mit Coworking, Kultur und Gastronomie. KoDörfer werden genossenschaftlich betrieben. Ihre Infrastruktur steht allen Menschen in der Region offen.
Durch diese zeitgemäße Wohnform können Großstädter den Neuanfang auf dem Land als Teil einer Gruppe Gleichgesinnter wagen. Durch die Zurverfügungstellung der geteilten Infrastruktur wiederum werden Brücken gebaut in die lokale Bevölkerung.
Die mediale Resonanz auf die Idee war gut, aber ohne die Unterstützung von Thomas Kralinski, damals der erste Staatssekretär für Digitalisierung in Brandenburg, wäre die Idee wohl eine Idee geblieben.
Er lud mich in die Landesvertretung ein und eröffnete das Gespräch mit dem Victor-Hugo-Zitat: „Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Diese Zukunftszuversicht und Macher- Mentalität begegnet mir immer wieder auf meinen Reisen durch das ländliche Ostdeutschland. So auch im brandenburgischen Wiesenburg, wo in diesen Tagen nach vielen Jahren Vorbereitung das erste KoDorf gebaut wird. Das Quartier entsteht auf dem Gelände eines Sägewerks, das nach der Wende abgewickelt wurde. Das große Backsteingebäude bleibt erhalten und wird umgenutzt als zentraler Begegnungs- und Veranstaltungsort der Region.
Über 100 Menschen werden ab Ende des Jahres einziehen. Viele von ihnen engagieren sich schon seit Jahren in der Region. Das perfekte Beispiel für eine gelungene Kooperation zwischen Wiesenburgern und dem KoDorf ist die Bahnhofsgenossenschaft. Gegründet von einigen engagierten Bürgerinnen und Bürgern konnte die Genossenschaft das leer stehende Bahnhofsgebäude retten und in eine gemeinwohlorientierte Nutzung überführen. Die Genossenschaft empfand den Betrieb des Gebäudes aber über die Jahre zunehmend als Last und war daher froh, als mehrere KoDörfler Mitglieder wurden und sich engagierten.

Neulandia-Projekte in Deutschland. Abbildung: agmm Architekten + Stadtplaner
Inzwischen ist eine KoDörferlin Vorstand der Genossenschaft und das Bahnhofsgebäude fester Bestandteil der Pläne für die Belebung des ganzen Bahnhofquartiers, zu dem dann auch das KoDorf gehören wird.
Aufmerksam wurden wir auf die Region durch das benachbarte Coconat, dem ersten ländlichen Coworking-Space in Deutschland. Auf das Coconat und uns folgten zahlreiche weitere Initiativen und Wohnprojekte. Heute ist die Region einer der zentralen Innovationshotspots in Brandenburg. Entgegen allen Trends hat Wiesenburg inzwischen die Schrumpfung gestoppt und stellt sich wieder auf Wachstum ein.
Möglich gemacht hat diese Entwicklungen kein Weißer Ritter, der auch in dieser Region zuvor schon häufiger gesichtet wurde, sondern das kleinteilige Engagement vieler Menschen vor Ort. Denn auch das erlebe ich immer wieder in Ostdeutschland: Die engagierten Macher gibt es überall. Sie brauchen manchmal nur etwas zusätzliche Unterstützung, damit eine nachhaltige Aufbruchstimmung entsteht.
Diese Entwicklung hat zudem mehr wirtschaftliche Wertschöpfung in die Region gebracht als so manche Großansiedlung. Die Investitionen und Fördermittel, die durch die verschiedenen Initiativen in die Region geflossen sind, übersteigen selbst vorsichtig gerechnet deutlich die 50-Millionen-Euro-Grenze – dabei stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die in den kommenden Jahren noch weiter an Fahrt aufnehmen wird.
Auch mit einem weiteren unserer „Produkte“ erleben wir ein hochdynamisches Ostdeutschland: dem Summer of Pioneers.

Seit 2019: der Summer of Pioneers. Abbildung: Neulandia
Vom Wendeverlierer zum Sehnsuchtsort
Auf Vermittlung des Staatssekretärs Thomas Kralinski und unterstützt durch die Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg setzten wir in Wittenberge 2019 den ersten Summer of Pioneers durch. Die Idee: Wir bieten 20 Kreativen und Digitalnomaden ein Rundum-sorglos-Paket bestehend aus möblierten Wohnungen und einem kostenlosen Platz im Coworking-Space. Als Gegenleistung bringen sich die Pioniere mit ihren Talenten und Netzwerken für die Menschen vor Ort ein.
Was als Experiment begann, wurde zur Initialzündung für die Stadt und brach direkt mehrere Rekorde. Einer davon: Die Umsetzungsgeschwindigkeit der Verwaltung. Im Februar entstand die Idee. Im Juli zogen 20 Pioniere ein. In nur vier Monaten kümmerte sich das Bündnis aus Verwaltung, Wohnungsbaugesellschaft und Wirtschaftsförderung um Förderanträge, die Renovierung der Pionierwohnungen und die Einrichtung des Coworking- Spaces (zusammen mit der Coworkland-Genossenschaft). Wir wiederum arbeiteten das Konzept aus, organisierten das Bewerbungsverfahren und kümmerten uns um die Öffentlichkeitsarbeit. Die Mühen sollten sich bezahlt machen. Mit der großen Resonanz auf den Summer of Pioneers begann ein neues Kapitel in der Stadtentwicklung. So berichtet Martin Hahn, Leiter des Bauamts und einer der zentralen Organisatoren des Summer of Pioneers, von einem „unerwartet großen Impact“ des Projekts in der Stadt und der weiteren Region. Hier ein paar Beispiele für die bleibende Wirkung des Summer of Pioneers:
- Mit dem Stadtsalon Safari ist im Zentrum der Stadt ein gemeinnütziger Veranstaltungsort entstanden, wo zum Beispiel Lesungen, Konzerte, Reparaturcafés, Kinovorführungen, Puppenspiele und Bierverkostungen stattfinden. Ausgezeichnet mit dem Bundespreis Koop.Stadt (Nationale Stadtentwicklungspolitik).
- Das dschungle bureau hat sich in Wittenberge als Agentur für Raum- und Stadtentwicklung etabliert und schon mehrere erfolgreiche Projekte in der Stadt durchgeführt – unter anderem die überregional beachtete Kunstresidenz „Kunstrausch“.
- Die elblandwerker haben sich nach dem Ende des Summer of Pioneers als Kooperative gegründet, um die Willkommenskultur in der Region aufrecht zu erhalten und weiterzuentwickeln. Die Gemeinschaft umfasst inzwischen rund 400 Mitglieder, betreibt zwei Gästewohnungen und kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit für Wittenberge.
- Mit PopUp Prignitz ist durch Neuland21 eine Plattform für die Nach- und Zwischennutzung von Leerstand entstanden.
- Nicht zuletzt aufgrund des Summer of Pioneers und der zahlreichen Folgeprojekte hat Wittenberge den Zuschlag für den Sitz der Kleinstadtakademie erhalten. Das BMWSB fördert bis 2030 mit zehn Millionen Euro den Aufbau eines Kompetenzzentrums für die Entwicklung von Kleinstädten.
- Wittenberge ist 2023 erstmals seit der Wende wieder gewachsen.
- Fördermittel in Höhe von rund drei Millionen Euro aus verschiedenen Töpfen sind für unmittelbare Folgeprojekte des Summer of Pioneers nach Wittenberge geflossen.

Eine Beteiligungsbude. Abbildung: Neulandia
Insgesamt sind über 20 Millionen Euro in Form von Privatinvestitionen und Fördermitteln in die Stadt geflossen, die direkt mit dem Summer of Pioneers in Verbindung stehen.
Wittenberge und Wiesenburg belegen, dass es keine Weißen Ritter und große Industrieansiedlungen braucht für eine neue Aufbruchstimmung. Ein kleinteiliger, aber auch deutlich nachhaltigerer Aufschwung lässt sich erzielen durch eine gute Zusammenarbeit zwischen Sozialunternehmen, Zivilgesellschaft und öffentlicher Verwaltung.
Das Beste: Die Menschen vor Ort können durch jeden Erfolg neues Selbstbewusstsein schaffen in dem Wissen: Es war eben kein Weißer Ritter, der die Rettung brachte. Es waren sie selbst.
Und auch für mich persönlich haben die mutigen Macher in Ostdeutschland ein kleines Wunder möglich gemacht: den beruflichen Neustart als Kleinstadtentwickler. Nach unserem Start in Brandenburg sind wir inzwischen bundesweit und sogar in der Schweiz aktiv – eine Erfolgsgeschichte made in Ostdeutschland.

Pioniere an ihrem Marktstand. Abbildung: Neulandia
Frederik Fischer
GEBOREN: 1981/Dachau
WOHNORT (aktuell): Berlin
MEIN BUCHTIPP: Christian Gesellmann, Josa Mania-Schlegel: „Ostdeutschland verstehen“, 2019
MEIN DOKUTIPP: „Abgeschrieben? – Der Osten in den Medien“, 2025
MEIN URLAUBSTIPP: Dessau
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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