2025 liegt hinter uns. Viele Ostdeutsche fuhren zu Weihnachten wieder zurück nach Ostdeutschland. Unser Kolumnist Julian Nejkow blickt angesichts eines turbulenten Jahres zurück und angesichts der bevorstehenden Ereignisse voraus.

Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser
Erst jetzt lässt sich etwas zynisch anmerken: Weihnachten, Silvester und Neujahr bildeten eine Brücke, die dazu einlud, sich von einem wirklich turbulenten Jahr zu erholen: 2025. Eine Einladung, wieder Betriebstemperatur zu erreichen, sich abzukühlen, sich wieder zu akklimatisieren, wie man so schön sagt. Denn in Fahrt kommen – ich glaube, da sind wir uns einig – müssen wir nicht noch mehr.
Doch bevor wir wieder zu uns kamen, wurde erst einmal gefahren, mit Auto und Zug, quer durch die Republik. Viel öfter von Süd nach Nord als andersherum, aber vor allem viel öfter von West nach Ost als von Ost nach West. „Heimfahren“ hörte ich dieser Tage öfter. Wegfahren-Routine! Für einige Töchter und Söhne, deren Heimat schon längst nicht mehr im Osten ist, eher ein Heimkommen ins Fremde. Da ist er wieder der große Begriff „Heimat“, da dämmert es einem doch: Im Westen geboren zu sein, nicht im Osten, darüber ist Friedrich Merz glücklich. Mitten in Sachsen-Anhalt, mitten auf einem Parteitag der Ost-CDU, verstieg er sich ernsthaft dazu, diesen Satz zu sagen, ganz ungeniert und frei nach dem Motto des strittigen Zeitgeists Thomas Brasch: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“
Merzens Neujahrsrede war mehr Wunsch als Erfüllung. Wir dürfen immer noch auf den Ruck warten, den einst Roman Herzog beschwor und der in allen Teilen der Republik gebraucht wird. Was nun? Einfach durchatmen und über 2025 nachdenken oder gleich über 2026 oder einfach kommen lassen? Eine ZDF-Umfrage sagt: 50 Prozent sind skeptisch. Da kommt er durch, der Zukunfts-Hangover. Die Angst vor dem Kater, höher als das Getränk selbst.
Andere Baustelle. Eines ist sicher: Der Job des Mahners und Warnenden ist wie jedes Jahr vergeben. Frank-Walter Steinmeier, auch ein Mann des Heimatbegriffs, hatte am ersten Tag des Weihnachtsfestes seine Jahresbilanz gezogen. Traditionell, fast so sicher wie die an Weihnachten wiederentdeckte Kirche. Der Text seiner Ansprache lag mir nicht vor und trotzdem war ich überrascht. Licht war sein Credo – und ein wenig Schatten.
Keine Rede wie sonst, eher poetisch als an der Realität orientiert. Erwartet hätte ich: Die drei Gewissheiten deutscher Politik billiger Strom, Exportweltmeister, Abschreckungsschirm seien vorbei und 2026 wird ein hartes, vielleicht eines der härtesten Jahre und überhaupt: Schön, dass Chemnitz Kultur kann. Das alles aber kam nicht. Doch vielleicht wäre es wünschenswert gewesen.
Folgendes Szenario: Die große Demokratiekeule wird geschwungen über Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin vor den Landtagswahlen und über jenen Städten, die OBs oder Kommunalparlamente wählen. Diesmal die ganz große Keule, für weniger machen wir es nicht mehr. Nicht ausgesprochen, aber sicher gemeint. Ich habe mich geirrt – so war die Rede nicht.
Wieder andere Baustelle. Verlierer wird es bei diesen ganzen Wahlen viele geben. Aber vorher steht schon fest, wer auf jeden Fall nicht gewinnen darf: die AfD. Damit meine ich nicht, dass Wahlen manipuliert werden oder dergleichen, sondern den Fakt, dass die AfD in den Umfragen zum Teil atemberaubend vorn liegt, doch jetzt schon klar ist: Regiert werden kann mit dieser Partei nicht. Erster Platz ohne Konsequenz. Als eher linksliberaler Politikwissenschaftler, der ich nun mal bin, will ich nicht bestreiten, dass ich nicht gerade der wildeste Anhänger dieser Partei bin, aber ich frage mich ebenso: Ist das der richtige Weg, den wir beschreiten, und welchen Weg gehen wir eigentlich genau? Mit dem berühmten Zickzack ist der Weg sicher nicht treffend umschrieben. Doch wie will man ein Problem lösen, wenn man es schon nur sehr schlecht beschreiben kann?
Nachdenken. Und vielleicht ist es genau das, was gefehlt hat: nachdenken ohne Schaum vor dem Mund, eine Vision „Ostdeutschland 2040“ entwickeln und das Ganze einmal so nüchtern wie möglich durchdenken. Nicht ständig auf die berühmte Waage starren, denn: „Vom Wiegen wird das Schwein nicht fett, sondern vom Mästen.”
Ich wünsche uns allen ein paar frische, vielleicht sogar erfrischende Gedanken, wie 2026 und darüber hinaus unser Landstrich sich entwickeln soll. Der Dry January ist perfekt dafür, denn ein Zukunfts-Hangover ist unwahrscheinlich.
| BUCHTIPP:
Mehr Informationen unter Ölbart.de. |



Julian Nejkow: „Höllenjahre – von jetzt auf gleich”, epubli, Berlin 2024, 336 Seiten, 19,90 € (Softcover).



















