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Quo vadis, Ostdeutschland? Umfrage unter ostdeutschen Bundestagsabgeordneten #1/5 Berlin und Brandenburg

Auch 2026 ste­hen in Ost­deutsch­land Land­tags­wah­len von höchs­ter Bri­sanz an – min­des­tens drei. Wir baten ost­deut­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te um ihre Ein­schät­zung der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on im Osten des Lan­des. In Teil eins ver­öf­fent­li­chen wir State­ments von Ver­tre­tern, die in Ber­lin und Bran­den­burg zur Wahl standen.

Befragt wur­den von uns die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten mit ost­deut­schem Hin­ter­grund, wel­che bei der Bun­des­tags­wahl im ver­gan­ge­nen Jahr ihren Wahl­kreis in einem der sechs ost­deut­schen Bun­des­län­der hat­ten. Mit­glie­der gesi­chert rechts­extre­mis­ti­scher Par­tei­en wur­den nicht berück­sich­tigt. Somit ver­blie­ben rund 50 Abge­ord­ne­te. 23 haben uns geant­wor­tet. Wir ver­öf­fent­li­chen die State­ments ent­spre­chend der Bun­des­län­der, in denen das Man­dat errun­gen wurde.

Kon­kret woll­ten wir von den ost­deut­schen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten wis­sen: Wie beur­tei­len Sie die aktu­el­le poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Situa­ti­on in Ost­deutsch­land? Wofür plä­die­ren Sie? Was möch­ten Sie kon­kret verändern?

In den Ein­schät­zun­gen fin­den oft die über­aus schwie­ri­gen Start­be­din­gun­gen für die Wirt­schaft in Ost­deutsch­land Erwäh­nung, aber auch deren gro­ßes Poten­zi­al wird her­aus­ge­stellt. Defi­zi­te im Umgang mit Ost­deutsch­land wer­den benannt, bei Infra­struk­tur und Reprä­sen­ta­ti­on sowie in Bezug auf Ein­kom­men und Ver­mö­gen. Es wird Hand­lungs­be­darf for­mu­liert und es wer­den kon­kre­te Ansatz­punk­te dar­ge­stellt. Aber machen Sie sich bit­te selbst ein Bild.


Katalin Gennburg, geboren 1984 in Weißenfels, Die Linke, Wahlkreis: Marzahn-Hellersdorf/Berlin. Abbildung: Andreas Domma

Kata­lin Gen­n­burg, gebo­ren 1984 in Wei­ßen­fels, Die Lin­ke, Wahl­kreis: Mar­zahn-Hel­lers­dor­f/­Ber­lin. Abbil­dung: Andre­as Domma

Über 30 Jah­re nach der Wen­de ist Ost­deutsch­land poli­tisch und wirt­schaft­lich stark gebeu­telt vom Aus­ver­kauf. Mit der Treu­hand wur­den Boden, Woh­nun­gen und Lebens­mit­tel­lä­den pri­va­ti­siert, mit bis heu­te mas­si­ven Fol­gen, und die Pri­va­ti­sie­rung­s­ti­ra­den auf Kos­ten der Men­schen gehen immer weiter.

In Ost­ber­lin zeigt sich das beson­ders deut­lich: Spe­ku­lan­ten grif­fen nach 1990 erst nach Grund­stü­cken und grei­fen heu­te nach dem Erbe des DDR-Städ­te­baus. Plat­ten­bau­sied­lun­gen mit Super­markt, Schwimm­hal­le und Poli­kli­nik wur­den erst dem Markt über­las­sen, jetzt fal­len sie Immo­bi­li­en­in­ves­to­ren und deren ren­di­te­träch­ti­gen Neu­bau­plä­nen zum Opfer. Das Ergeb­nis ist der Abbau unse­rer frü­he­ren Ver­sor­gungs­wür­fel mit Bäcker, Apo­the­ke und Haus­ärz­tin in den Kiezen, was für uns alle tag­täg­li­che Aus­wir­kun­gen hat. Dabei war die­ses Modell auf kur­ze Wege aus­ge­legt – genau das, was heu­te fehlt.

Was in den Kiezen pas­siert, betrifft auch die Dör­fer im Osten: Wenn Land auf­ge­kauft wird, stei­gen Pach­ten, Betrie­be müs­sen auf­ge­ben, Ärz­te, Läden und Bus­li­ni­en ver­schwin­den. Des­halb sage ich klar: Die Ver­sor­gung der Men­schen und die sozia­le Stadt­pla­nung müs­sen gegen Inves­to­ren­in­ter­es­sen ver­tei­digt wer­den. Die Men­schen müs­sen wie­der mit­ent­schei­den, demo­kra­tisch vor Ort.

Des­halb plä­die­re ich für eine radi­ka­le Boden­wen­de in Stadt und Land: öffent­li­cher und gemein­wohl­ori­en­tier­ter Besitz für die klu­ge Steue­rung und Pla­nung öffent­li­cher Bedar­fe statt Markt­lo­gik. Kom­mu­nen müs­sen wie­der hand­lungs­fä­hig wer­den, Flä­chen ankau­fen, Boden dem Spe­ku­la­ti­ons­kreis­lauf ent­zie­hen und dau­er­haft sichern, für Land­wirt­schaft, Gesund­heits­ver­sor­gung und bezahl­ba­res Wohnen.“


Julia Schneider, geboren 1990 in Ostberlin, Bündnis 90/Die Grünen, Wahlkreis: Pankow/Berlin. Abbildung: Stefan Kaminski

Julia Schnei­der, gebo­ren 1990 in Ost­ber­lin, Bünd­nis 90/Die Grü­nen, Wahl­kreis: Pankow/Berlin. Abbil­dung: Ste­fan Kaminski

Es gibt gro­ßes wirt­schaft­li­ches Poten­zi­al in Ost­deutsch­land: Von Wind- und Solar­ener­gie über Spei­cher­tech­no­lo­gien bis hin zu grü­nem Was­ser­stoff ent­ste­hen hier neue Wert­schöp­fungs­ket­ten. Aber das, was hier ent­stan­den ist, ist durch den unfai­ren Wett­be­werb mit Chi­na zum Teil beängs­ti­gend bedroht.

Außer­dem wir­ken die Erfah­run­gen der 1990er-Jah­re bei vie­len bis heu­te nach: Arbeits­platz­ver­lus­te, gebro­che­ne Bio­gra­fien und das Gefühl, nicht gehört zu wer­den. Hin­zu kom­men anhal­ten­de Ungleich­hei­ten, etwa beim Ver­mö­gen und bei der Beset­zung von Füh­rungs­po­si­tio­nen. Die­ser Frust zeigt sich im Miss­trau­en gegen­über staat­li­chen Insti­tu­tio­nen und wird von anti­de­mo­kra­ti­schen Kräf­ten instru­men­ta­li­siert – und das ist gefähr­lich für unse­re Demokratie.

Ich plä­die­re für ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis im Umgang mit Ost­deutsch­land: Weg vom Defi­zit­blick, hin zu Aner­ken­nung und ech­ter Betei­li­gung. Ost­deut­sche Per­spek­ti­ven müs­sen sys­te­ma­tisch mehr in Ver­wal­tung, Medi­en, Wirt­schaft und Jus­tiz ein­be­zo­gen wer­den sowie ost­deut­sche Erfolgs­ge­schich­ten und Trans­for­ma­ti­ons­re­si­li­enz erzählt wer­den. Wir müs­sen unse­re Demo­kra­tie ver­tei­di­gen – gera­de dort, wo sie als brü­chig erlebt wird.

Am Bei­spiel Pan­kow sieht man gut, wel­ches Poten­zi­al im Osten steckt: Der Cam­pus Buch bei­spiels­wei­se ist ein hoch­mo­der­ner Wis­sen­schafts­park, wo Spit­zen­for­sche­rin­nen und Spit­zen­for­scher aus Medi­zin und Bio­tech­no­lo­gie an Inno­va­tio­nen arbei­ten, die welt­weit Maß­stä­be set­zen und die Tech­nik vorantreiben.

Und es gibt noch mehr Poten­zi­al: Solar­ener­gie auf öffent­li­chen Gebäu­den, Wind­ener­gie oder bei der Ver­bin­dung von Hand­werk, Indus­trie und For­schung. Die Men­schen in Pan­kow sol­len spü­ren, dass der öko­lo­gi­sche Umbau eine Chan­ce für siche­re Jobs ist. Und ich möch­te, dass die Men­schen spü­ren, dass ihre Erfah­run­gen und ihre Geschich­ten zählen.“


Christian Görke, geboren 1962 in Rathenow, Die Linke, Wahlkreis: Cottbus – Spree-Neiße/Brandenburg. Abbildung: Marcel Witteler

Chris­ti­an Gör­ke, gebo­ren 1962 in Rathe­now, Die Lin­ke, Wahl­kreis: Cott­bus – Spree-Nei­ße/­Bran­den­burg. Abbil­dung: Mar­cel Witteler

Ost­deutsch­land hat seit dem Indus­trie­ab­bau durch die Treu­hand viel erreicht. Sach­sen ist inzwi­schen schon län­ger das Land mit der bes­ten Bil­dung. Abseits der gro­ßen Städ­te feh­len aber noch immer Per­spek­ti­ven, beson­ders für jun­ge Men­schen. Im Osten wird im Schnitt 14 Pro­zent weni­ger ver­dient als im Wes­ten. Hier bekommt jeder Vier­te nur Min­dest­lohn, in ganz Deutsch­land jeder Sechs­te. Der Min­dest­lohn muss des­halb stei­gen. Aus­bil­dungs­be­trie­be sol­len geför­dert werden.

Die Län­der und Kom­mu­nen haben Finanz­nö­te, selbst die Sanie­rung wich­ti­ger Infra­struk­tur bleibt auf der Stre­cke. Wirt­schafts­an­sied­lun­gen gestal­ten sich schwie­rig, wenn schon das Geld für die Erschlie­ßung von Flä­chen fehlt. Des­halb muss die Ver­mö­gen­steu­er als Lan­des­steu­er wie­der erho­ben wer­den. Es braucht mehr Genos­sen­schaf­ten, Betrie­be in Beleg­schafts­hand und kom­mu­na­le Betriebe.

Die Ver­sor­gung mit Dienst­leis­tun­gen, von Bank über Post bis hin zu Kran­ken­häu­sern und Nah­ver­kehr, bricht momen­tan nicht nur in der Flä­che weg. Auch in Städ­ten wie Frankfurt/Oder oder Dres­den wer­den zum Bei­spiel Mit­tel für Kul­tur gekürzt. So wird die AfD wei­ter erstar­ken. Das will Die Lin­ke ver­hin­dern und die­se Dienst­leis­tun­gen stärken.“


Dr. Saskia Ludwig, geboren 1968 in Potsdam, CDU, Wahlkreis: Brandenburg an der Havel – Potsdam-Mittelmark I – Havelland III – Teltow-Fläming I/Brandenburg. Abbildung: Laurence Chaperon

Dr. Saskia Lud­wig, gebo­ren 1968 in Pots­dam, CDU, Wahl­kreis: Bran­den­burg an der Havel – Pots­dam-Mit­tel­mark I – Havel­land III – Tel­tow-Flä­ming I/Brandenburg. Abbil­dung: Lau­rence Chaperon

Als Bran­den­bur­ge­rin und gebür­ti­ge ‚Ossi‘ sehe ich die aktu­el­le Lage in unse­rem Land mit Sor­ge, aber auch mit Rea­lis­mus. Spä­tes­tens seit der Migra­ti­ons­wel­le 2015 ist im Osten eine zuneh­men­de Ent­frem­dung vie­ler Bür­ger von der Poli­tik spür­bar. Vie­le haben das Gefühl, dass poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen über ihre Köp­fe hin­weg und fern­ab ihrer Lebens­rea­li­tä­ten getrof­fen wer­den, was Ohn­macht, Frust und Unmut erzeugt.

Aktu­el­le poli­ti­sche Debat­ten zei­gen zudem Mecha­nis­men der DDR: ein­ge­schränk­te Dis­kurs­räu­me und gesell­schaft­li­cher Kon­for­mi­täts­druck zur Siche­rung poli­ti­scher Macht, beson­ders deut­lich wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie. Hin­zu kommt, dass im Osten zunächst die wirt­schaft­li­chen Fol­gen der sozia­lis­ti­schen Plan­wirt­schaft aus­ge­gli­chen wer­den muss­ten. 1990 bestan­den kei­ne glei­chen Start­be­din­gun­gen für den Mit­tel­stand. Die Coro­na-Poli­tik ent­zog müh­sam auf­ge­bau­te Rück­la­gen, zahl­rei­che Unter­neh­mer kämp­fen bis heu­te ums Überleben.

Aber unser Osten hat gro­ßes Poten­zi­al. Erfah­run­gen mit Sys­tem­brü­chen, Man­gel­wirt­schaft und dar­aus ent­stan­de­ne Krea­ti­vi­tät sind vor­han­den und könn­ten durch Leis­tungs­ge­rech­tig­keit sowie mehr Frei­hei­ten ent­fes­selt wer­den. Sub­ven­tio­nier­te Inves­ti­tio­nen sind sinn­voll, soll­ten jedoch nur als Anschub die­nen und nicht als Geschäfts­mo­dell. Die Zeit des Redens ist vor­bei: Wir müs­sen han­deln, ohne Denk- und Brand­mau­ern, damit Hoff­nung zurückkehrt.“


Stefan Zierke, geboren 1970 in Prenzlau, SPD, Wahlkreis: Uckermark-Barnim/Brandenburg. Abbildung: Seeheimer Kreis

Ste­fan Zier­ke, gebo­ren 1970 in Prenz­lau, SPD, Wahl­kreis: Ucker­mark-Bar­nim/­Bran­den­burg. Abbil­dung: See­hei­mer Kreis

Ost­deutsch­land ist nicht gleich Ost­deutsch­land. Das zeigt sich beson­ders in Bran­den­burg. Städ­te wie Pots­dam oder der Ber­li­ner Speck­gür­tel ent­wi­ckeln sich dyna­misch. Länd­li­che Räu­me wie die Ucker­mark oder Tei­le des Bar­nims kämp­fen dage­gen mit Abwan­de­rung, Fach­kräf­te­man­gel und ein­ge­schränk­ter Versorgung.

Die Men­schen vor Ort wis­sen sehr genau, wo es hakt: Bus­se fah­ren zu sel­ten, Bahn­an­schlüs­se feh­len, Arzt­ter­mi­ne sind schwer zu bekom­men und Betrie­be fin­den kei­ne Nach­fol­ger. Das ist kei­ne Stim­mungs­la­ge, son­dern Alltag.

Wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung gelingt nur, wenn Infra­struk­tur funk­tio­niert. Mobi­li­tät, digi­ta­le Net­ze und ver­läss­li­che Ener­gie­prei­se ent­schei­den dar­über, ob Unter­neh­men blei­ben oder gehen. Gera­de im länd­li­chen Raum brau­chen wir prak­ti­ka­ble Lösun­gen statt kom­pli­zier­ter Förderprogramme.

Ich plä­die­re für Poli­tik, die Unter­schie­de aner­kennt und gezielt han­delt. Glei­che Lebens­ver­hält­nis­se ent­ste­hen nicht durch glei­che Maß­nah­men, son­dern durch pass­ge­naue Lösun­gen. Ost­deutsch­land hat Poten­zi­al – aber nur, wenn wir Stadt und Land gemein­sam den­ken und bei­des ernst nehmen.“


Teil zwei unse­rer Umfra­ge (Meck­len­burg-Vor­pom­mern) erscheint am 23. Februar.

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