Auch 2026 stehen in Ostdeutschland Landtagswahlen von höchster Brisanz an – mindestens drei. Wir baten ostdeutsche Bundestagsabgeordnete um ihre Einschätzung der politischen und wirtschaftlichen Situation im Osten des Landes. In Teil zwei veröffentlichen wir Statements von Vertretern, die in Mecklenburg-Vorpommern zur Wahl standen.
Befragt wurden von uns die Bundestagsabgeordneten mit ostdeutschem Hintergrund, welche bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr ihren Wahlkreis in einem der sechs ostdeutschen Bundesländer hatten. Mitglieder gesichert rechtsextremistischer Parteien wurden nicht berücksichtigt. Somit verblieben rund 50 Abgeordnete. 24 haben uns geantwortet. Wir veröffentlichen die Statements entsprechend der Bundesländer, in denen das Mandat errungen wurde.
Konkret wollten wir von den ostdeutschen Bundestagsabgeordneten wissen: Wie beurteilen Sie die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation in Ostdeutschland? Wofür plädieren Sie? Was möchten Sie konkret verändern?
In den Einschätzungen finden oft die überaus schwierigen Startbedingungen für die Wirtschaft in Ostdeutschland Erwähnung, aber auch deren großes Potenzial wird herausgestellt. Defizite im Umgang mit Ostdeutschland werden benannt, bei Infrastruktur und Repräsentation sowie in Bezug auf Einkommen und Vermögen. Es wird Handlungsbedarf formuliert und es werden konkrete Ansatzpunkte dargestellt. Aber machen Sie sich bitte selbst ein Bild.

Reem Alabali Radovan, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, geboren 1990 in Moskau, SPD, Wahlkreis: Schwerin – Ludwigslust – Parchim I – Nordwestmecklenburg I/Mecklenburg-Vorpommern. Abbildung: Selin Jasmin
Auch mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland noch immer deutlich spürbar – insbesondere wirtschaftlich. Es gab Fortschritte in den vergangenen Jahren durch gezielte Investitionen in Wirtschafts-, Wissenschafts- und Forschungsstandorte. Gleichzeitig ist aber das große Potenzial Ostdeutschlands noch längst nicht vollständig ausgeschöpft.
Jetzt braucht es mehr Investitionen in moderne Infrastruktur, bessere Löhne sowie sichere Perspektiven für gute Arbeit und nachhaltiges Wachstum, um die Ungleichheit weiter abzubauen. So stärken wir die Region und schaffen Chancen für die Zukunft.
Gleichzeitig wünsche ich mir einen gesellschaftlichen Diskurs, der wieder stärker von Zusammenhalt, Respekt und Solidarität geprägt ist. Denn nur gemeinsam bringen wir unser Land weiter voran.“

Dr. Dietmar Bartsch, geboren 1958 in Stralsund, Die Linke, Wahlkreis: Rostock – Landkreis Rostock II/Mecklenburg Vorpommern. Abbildung: Deutscher Bundestag/Inga Haar
Wenn ich an meine Heimat Mecklenburg‑Vorpommern und an den Osten denke, sehe ich zuerst Chancen. Ich widerspreche dem wachsenden Chor derjenigen, die den Osten als Problem beschreiben. In Deutschland – und besonders im Osten – ist in den vergangenen Jahren Vertrauen in Politik und staatliche Handlungsfähigkeit verloren gegangen. Eine Politik, die die Anliegen der Menschen wirklich ins Zentrum rückt, kann und muss dieses Vertrauen zurückgewinnen. Politik sollte Probleme lösen, nicht verschärfen.
Energie muss wieder bezahlbar werden, Bürokratie abgebaut werden – der Alltag muss wieder bezahlbar werden! Nur dann kann sich das wirtschaftliche Potenzial des Ostens entfalten. Statt vor allem auf Investoren von außen zu setzen, sollten wir den Osten zur Gründerregion Nummer eins werden lassen. Gerade junge Menschen bringen enormes Potenzial mit. Bei Steuern, Gesundheit und Rente braucht es ein Update für mehr Gerechtigkeit: weniger Belastung auf Arbeitseinkommen, mehr Verantwortung für große Vermögen, bessere Versorgung und ein würdiges Alter. Solche Reformen würden gerade im Osten strukturelle Benachteiligungen auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Einheit mindern und neue Chancen für den Osten schaffen.“

Claudia Müller, Bündnis 90/Die Grünen, geboren 1981 in Rostock, Wahlkreis: Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I/Mecklenburg-Vorpommern. Abbildung: Arne Jeschal
Schaut auf Ostdeutschland! Das möchte ich oft meinen westdeutschen Kolleginnen zurufen. Denn hier zeigen sich viele politische und gesellschaftliche Trends zuerst. Vieles, was hier passiert, kommt später auch im Westen an.
Gerade deswegen muss die Bundesregierung Ostdeutschland deutlich mehr Aufmerksamkeit widmen. Insbesondere Frau Reiche steht hier in besonderer Verantwortung und sollte stärkere Präsenz zeigen. Eine leistungsfähige Wirtschaft ist die Grundlage für Lebensqualität, gesellschaftliche Stabilität und Zukunftsperspektiven. Sie zieht Fachkräfte und ihre Familien an – und schafft die Voraussetzung dafür, dass sie dauerhaft bleiben.
Dafür braucht es eine Neuausrichtung der Wirtschaftsförderung. Wir müssen gezielt die lokalen Unternehmen stärken und in wirtschaftlichen Clustern denken. Innovative Ideen verdienen eine kluge Förderung. In enger Zusammenarbeit mit den Hochschulen können so Unternehmensnetzwerke entstehen – regional verwurzelt und zugleich international wettbewerbsfähig.
So entsteht Wertschöpfung vor Ort. So wachsen Unternehmen nicht nur hier, sondern bleiben auch hier. Und so stehen die Konzernzentralen künftig selbstverständlich auch in Ostdeutschland – nicht ausschließlich im Westen.“
Teil drei unserer Umfrage (Sachsen) erscheint am 2. März.




























