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Quo vadis, Ostdeutschland? Umfrage unter ostdeutschen Bundestagsabgeordneten #3/5 Sachsen

Auch 2026 ste­hen in Ost­deutsch­land Land­tags­wah­len von höchs­ter Bri­sanz an – min­des­tens drei. Wir baten ost­deut­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te um ihre Ein­schät­zung der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on im Osten des Lan­des. In Teil drei ver­öf­fent­li­chen wir State­ments von Ver­tre­tern, die in Sach­sen zur Wahl standen.

Befragt wur­den von uns die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten mit ost­deut­schem Hin­ter­grund, wel­che bei der Bun­des­tags­wahl im ver­gan­ge­nen Jahr ihren Wahl­kreis in einem der sechs ost­deut­schen Bun­des­län­der hat­ten. Mit­glie­der gesi­chert rechts­extre­mis­ti­scher Par­tei­en wur­den nicht berück­sich­tigt. Somit ver­blie­ben rund 50 Abge­ord­ne­te. 23 haben uns geant­wor­tet. Wir ver­öf­fent­li­chen die State­ments ent­spre­chend der Bun­des­län­der, in denen das Man­dat errun­gen wurde.

Kon­kret woll­ten wir von den ost­deut­schen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten wis­sen: Wie beur­tei­len Sie die aktu­el­le poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Situa­ti­on in Ost­deutsch­land? Wofür plä­die­ren Sie? Was möch­ten Sie kon­kret verändern?

In den Ein­schät­zun­gen fin­den oft die über­aus schwie­ri­gen Start­be­din­gun­gen für die Wirt­schaft in Ost­deutsch­land Erwäh­nung, aber auch deren gro­ßes Poten­zi­al wird her­aus­ge­stellt. Defi­zi­te im Umgang mit Ost­deutsch­land wer­den benannt, bei Infra­struk­tur und Reprä­sen­ta­ti­on sowie in Bezug auf Ein­kom­men und Ver­mö­gen. Es wird Hand­lungs­be­darf for­mu­liert und es wer­den kon­kre­te Ansatz­punk­te dar­ge­stellt. Aber machen Sie sich bit­te selbst ein Bild.


Kathrin Michel, SPD, geboren 1963 in Forst (Lausitz), Wahlkreis: Bautzen I/Sachsen. Abbildung: Richard Hübner

Kath­rin Michel, SPD, gebo­ren 1963 in Forst (Lau­sitz), Wahl­kreis: Baut­zen I/Sachsen. Abbil­dung: Richard Hübner

Ost­deutsch­land steht heu­te nicht am Rand der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung, son­dern im Zen­trum der ent­schei­den­den Zukunfts­fra­gen unse­res Lan­des. Hier tref­fen indus­tri­el­le Trans­for­ma­ti­on, Ener­gie­um­bau, Wan­del, euro­päi­sche Nach­bar­schaft und Fra­gen staat­li­cher Hand­lungs­fä­hig­keit unmit­tel­bar auf­ein­an­der. Das macht die Situa­ti­on anspruchs­voll und zual­ler­erst stra­te­gisch bedeutsam.

Wirt­schaft­lich sehen wir sta­bi­le indus­tri­el­le Ker­ne, eine leis­tungs­fä­hi­ge For­schungs­land­schaft und hohe Inno­va­ti­ons­be­reit­schaft. Gleich­zei­tig spü­ren vie­le Regio­nen den Druck von Struk­tur­wan­del, Fach­kräf­te­man­gel und unzu­rei­chen­der Infrastruktur.

Gesell­schaft­lich erle­ben wir eine wach­sen­de Ver­un­si­che­rung, die sich auch in hohen Zustim­mungs­wer­ten für Par­tei­en an den Rän­dern äußert. Jedoch ist das kein Rand­phä­no­men. Es ist Aus­druck von Ent­frem­dung, feh­len­der Teil­ha­be und dem Ein­druck, dass poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen zu oft über die Köp­fe der Men­schen hin­weg getrof­fen werden.

Ich plä­die­re dafür, Ost­deutsch­land nicht län­ger als Son­der­fall zu behan­deln, son­dern als Gestal­tungs­re­gi­on für die Zukunft Deutsch­lands. Ver­trau­en ent­steht dort, wo Wan­del gestal­tet wird und Men­schen erle­ben, dass gute Arbeit, sozia­le Sicher­heit und öffent­li­che Inves­ti­tio­nen zusam­men­kom­men. Dafür braucht es eine akti­ve Indus­trie- und Struk­tur­po­li­tik, eine plan­ba­re und bezahl­ba­re Ener­gie­wen­de mit regio­na­ler Betei­li­gung sowie eine leis­tungs­fä­hi­ge Infrastruktur.

Ich will errei­chen, dass ost­deut­sche Regio­nen stär­ker von Bun­des­in­ves­ti­tio­nen, For­schungs­pro­jek­ten und indus­trie­po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen pro­fi­tie­ren – nicht aus Aus­gleichs­lo­gik, son­dern weil hier ent­schie­den wird, ob Demo­kra­tie, Zusam­men­halt und Trans­for­ma­ti­on gelingen.“


Florian Oest, CDU, geboren 1987 in Görlitz, Wahlkreis: Landkreis Görlitz/Sachsen. Abbildung: Tobias Koch

Flo­ri­an Oest, CDU, gebo­ren 1987 in Gör­litz, Wahl­kreis: Land­kreis Görlitz/Sachsen. Abbil­dung: Tobi­as Koch

‚Der Osten‘ ist von Zit­tau bis Zingst kul­tu­rell reich­hal­tig und viel­fäl­tig geprägt. Was uns ver­bin­det, ist die gemein­sa­me Erfah­rung von 40 Jah­ren SED-Dik­ta­tur. Erst durch den Mut unse­rer Eltern und Groß­el­tern und die Fried­li­che Revo­lu­ti­on konn­te mei­ne Gene­ra­ti­on im ver­ein­ten Deutsch­land auf­wach­sen. Rechts­staat­lich­keit, Frei­heit, Sozia­le Markt­wirt­schaft und freie Wah­len: Der Auf­bau von Wohl­stand ist bei uns erst seit 1990 mög­lich – im Wes­ten schon seit den 1950er-Jah­ren. Ent­spre­chend här­ter trifft es die Men­schen im Osten, wenn Deutsch­land in wirt­schaft­li­che Schief­la­ge gerät. 

Gleich­zei­tig löst staat­li­che Über­grif­fig­keit im Osten erkenn­bar schär­fe­re Abwehr­re­ak­tio­nen aus. Ver­bun­den mit einer gro­ßen Einig­keit in vie­len gesell­schafts­po­li­ti­schen Fra­gen ent­wi­ckelt sich dar­aus zuneh­mend ein neu­es ost­deut­sches Selbst­be­wusst­sein – und das mit Recht: Sach­sen wur­de bei­spiels­wei­se jüngst zum unter­neh­mer- und gast­freund­lichs­ten Bun­des­land gekürt, in Schlüs­sel­tech­no­lo­gien wie der Mikro­elek­tro­nik sind wir euro­pa­weit führend. 

Die­se Stär­ken müs­sen wir aus­bau­en und durch moder­ne Infra­struk­tur noch bes­ser nut­zen. Mit dem Aus­bau einer Schnell­zug­ver­bin­dung von Gör­litz über Weiß­was­ser nach Ber­lin oder dem Ein­stein-Tele­skop in der Lau­sitz kann das eben­so gelin­gen wie mit einer Stär­kung des Mikro­elek­tro­nik-Stand­or­tes Dres­den – das Kom­pe­tenz­zen­trum Chip-Design im Rah­men der High­tech-Agen­da der Bun­des­re­gie­rung gehört des­halb nach Sachsen!“


Sören Pellmann, Die Linke, geboren 1977 in Leipzig, Wahlkreis: Leipzig II/Sachsen. Abbildung: Jennifer Marke

Sören Pell­mann, Die Lin­ke, gebo­ren 1977 in Leip­zig, Wahl­kreis: Leip­zig II/Sachsen. Abbil­dung: Jen­ni­fer Marke

Für Ost­deutsch­land bedeu­te­te die Zei­ten­wen­de 1989 eine tief­grei­fen­de Zäsur in poli­ti­scher, wirt­schaft­li­cher und sozia­ler Hin­sicht. Grund­le­gen­de Ände­run­gen in den Eigen­tums­ver­hält­nis­sen, Deindus­tria­li­sie­rung und Mas­sen­ab­wan­de­rung haben tie­fe Spu­ren in der ost­deut­schen Gesell­schaft hin­ter­las­sen. Zudem war Ost­deutsch­land das neo­li­be­ra­le Expe­ri­men­tier­feld der west­li­chen Eli­ten. Die Treu­hand steht sinn­bild­lich für die­se aso­zia­le Poli­tik der 1990er-Jah­re. Bis heu­te wer­den – von ‚Leucht­tür­men‘ abge­se­hen – Poli­tik, Wirt­schaft und Medi­en von West­deut­schen domi­niert. So ist die Ber­li­ner Zei­tung das ein­zi­ge grö­ße­re ost­deut­sche Medi­um im Besitz eines ost­deut­schen Eigentümers.

Doch die 1990er-Jah­re im Osten waren nur ein Vor­spiel für ganz Deutsch­land. Es war auch daher kein Zufall, dass die gesamt­deut­sche neo­li­be­ra­le ‚Reform‘ Agen­da 2010 des Schrö­der-Fischer-Kabi­netts den Pro­test in Ost und West zusam­men­führ­te und zur Ver­ei­ni­gung von WASG und PDS zur Par­tei Die Lin­ke führte.

Das zeigt, dass eine gesamt­deut­sche Kraft gegen Deindus­tria­li­sie­rung und Mas­sen­ver­ar­mung bei gleich­zei­ti­ger Mili­ta­ri­sie­rung nötig ist. Gera­de die aktu­el­le Merz-Kling­beil-Poli­tik, die das Beil an die Wur­zeln des Sozi­al­staa­tes legt, erfor­dert Wider­stand. Dage­gen ist eine Umver­tei­lung von oben nach unten notwendig.“


Dr. Paula Piechotta, Bündnis 90/Die Grünen, geboren 1986 in Gera, Wahlkreis: Leipzig Süd/Sachsen. Abbildung: Paula Piechotta/Philip Knoll

Dr. Pau­la Piech­ot­ta, Bünd­nis 90/Die Grü­nen, gebo­ren 1986 in Gera, Wahl­kreis: Leip­zig Süd/Sachsen. Abbil­dung: Pau­la Piechotta/Philip Knoll

Auch rund 37 Jah­re nach 1989 spü­ren wir, dass die Anglei­chung zwi­schen Ost und West noch nicht erreicht ist. Beson­ders deut­lich wird dies an der ekla­tan­ten Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­un­gleich­heit in Ost und West. So wird in West­deutsch­land jähr­lich pro Ein­woh­ner rund neun­mal so viel Ver­mö­gen ver­erbt oder ver­schenkt wie in Ost­deutsch­land. Es braucht des­halb eine ech­te Erb­schaft­steu­er­re­form, bei der die Ein­nah­men nicht nur in dem jewei­li­gen Bun­des­land ver­blei­ben, son­dern mit einem neu­en Ver­tei­lungs­schlüs­sel gerecht auf die Bun­des­län­der auf­ge­teilt wer­den. Noch immer ist Ost­deutsch­land unter­re­prä­sen­tiert: in den Füh­rungs­po­si­tio­nen auf Bun­des­ebe­ne, aber auch im Osten selbst, und mit Blick auf die Ver­tei­lung von Bun­des­be­hör­den. Mit einer geziel­ten För­de­rung von Ost­deut­schen und einer kon­se­quen­ten Ansied­lung neu­er Behör­den in Ost­deutsch­land muss die­se struk­tu­rel­le Benach­tei­li­gung end­lich über­wun­den werden.“


Lars Rohwer, CDU, geboren 1972 in Dresden, Wahlkreis 159 Dresden II –Bautzen II/Sachsen. Abbildung: Anika Nowak

Lars Roh­wer, CDU, gebo­ren 1972 in Dres­den, Wahl­kreis: Dres­den II – Baut­zen II/Sachsen. Abbil­dung: Anika Nowak

Demo­kra­ti­sche Pro­zes­se sind kom­plex und erfor­dern Zeit. 2020 hat­ten die Par­tei­en, die die Bun­des­re­pu­blik in wech­seln­den Koali­tio­nen regie­ren, zum ers­ten Mal kei­ne Mehr­heit im Thü­rin­ger Land­tag. In Sach­sen haben wir die­se Situa­ti­on seit 2024. Das ist eine ernst­haf­te Her­aus­for­de­rung. Spä­tes­tens mit der dies­jäh­ri­gen Land­tags­wahl in Sach­sen-Anhalt stellt sich daher die Fra­ge: Wie gelingt es uns, das Ver­trau­en und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein unse­rer Gesell­schaft gegen­über der Demo­kra­tie zu stär­ken? Gera­de in den ost­deut­schen Bun­des­län­dern zeigt sich, wie der Ver­lust gemein­sa­mer Wer­te­vor­stel­lun­gen den Weg für popu­lis­ti­sche Kräf­te ebnet. 

Gleich­zei­tig erle­be ich vie­ler­orts, dass vor allem der christ­li­che Glau­be immer wei­ter in den Hin­ter­grund gedrängt wird. Doch gera­de dort, wo kirch­li­che Bin­dun­gen schwach aus­ge­prägt sind, zeigt sich, dass Glau­be ins­be­son­de­re in Kri­sen­zei­ten Ori­en­tie­rung und Halt geben kann. Immer wie­der begeg­ne ich gro­ßem Inter­es­se, offen und respekt­voll über christ­li­che Wer­te und unse­re Ver­ant­wor­tung gegen­über unse­ren Mit­men­schen zu spre­chen: Die­se Erfah­rung gilt es 35 Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung bewusst aufzugreifen.“


Kassem Taher Saleh, Bündnis 90/ Die Grünen, geboren 1993 in Zakho (Irak), Wahlkreis: Dresden I/Sachsen. Abbildung: Stefan Kaminski

Kas­sem Taher Saleh, Bünd­nis 90/ Die Grü­nen, gebo­ren 1993 in Zak­ho (Irak), Wahl­kreis: Dres­den I/Sachsen. Abbil­dung: Ste­fan Kaminski

Die poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Situa­ti­on in Ost­deutsch­land ist im Wan­del. Einer­seits hat die Regi­on enor­me Poten­zia­le, wie etwa die Ent­wick­lung von ‚Sili­con Sax­o­ny‘ als Euro­pas größ­tem Zen­trum für Mikro­elek­tro­nik. Der Osten ist ein trei­ben­der Motor für die deut­sche Wirt­schaft, ins­be­son­de­re durch die hohe Inno­va­ti­ons­kraft in der Indus­trie und das Handwerk. 

Was not­wen­dig ist, ist eine stär­ke­re Ver­tre­tung ost­deut­scher Per­spek­ti­ven auf natio­na­ler Ebe­ne. Jun­ge Ost­deut­sche brau­chen Vor­bil­der in der Poli­tik, die ihre Regi­on reprä­sen­tie­ren und die Chan­cen vor Ort ken­nen. Nur so kann der Osten als eine Regi­on wahr­ge­nom­men wer­den, die aktiv die Gestal­tung der Zukunft mit­prägt. Poli­tisch kämp­fe ich wei­ter für ein Demo­kra­tie­för­der­ge­setz, um all die­je­ni­gen zu unter­stüt­zen, die sich für das demo­kra­ti­sche Mit­ein­an­der einsetzen. 

Mit den gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen wir eine star­ke Wirt­schaft, damit Men­schen einer­seits zu uns kom­men, aber ande­rer­seits damit auch jun­ge Leu­te moti­viert sind, hier­zu­blei­ben, weil sie hier eine lang­fris­ti­ge Per­spek­ti­ve sehen. Ich plä­die­re für eine geziel­te För­de­rung, damit die Regi­on auch zukünf­tig ein sta­bi­ler Teil der gesam­ten deut­schen Wirt­schaft bleibt.“


Teil vier unse­rer Umfra­ge (Sach­sen-Anhalt) erscheint am 9. März.

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