Stanley Fuls, Vorstandsvorsitzender der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Stanley Fuls, Vorstandsvorsitzender Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG. Abbildung: Maja Kempe
Ich glaube, ich bin am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Und ich glaube auch, dass es gut ist, dass ich als Westdeutscher im Osten bin. Wobei das meiner Meinung nach inzwischen auch egal ist. Wichtig ist, dass Impulse von außen kommen und Menschen andere Sichtweisen schätzen und akzeptieren lernen und sich nicht mehr hinter Vorurteilen à la Ost und West verstecken.
Ich glaube, ich bin am richtigen Ort zur richtigen Zeit.”
Mein Leben verändert sich 2011
2011 kauften meine Frau und ich einen alten Hof in Brandenburg, da wir vor allem an den Wochenenden aus Berlin-Mitte „raus aufs Land“ wollten. Wir sanierten die Gebäude auch dank uns bis dahin unbekannter Unterstützungsformen wie Nachbarschaftshilfe und Subbotnik Stück für Stück und aus dem Wochenenddomizil wurde Heimat. Im Sommer 2018 zogen wir schließlich in ein Dorf mit circa 180 Einwohnern südöstlich von Beeskow.
Gleichzeitig begann ich nach Stationen im Büro von Norman Foster, in der Selbstständigkeit und bei der Sparda-Bank Berlin eG als „Amtsleiter für Infrastruktur und Gebäudemanagement“ im Landkreis Oder-Spree. Nachdem ich in einem weltweit agierenden Büro den Beruf des Architekten „von der Pike auf“ und im eigenen Büro sowie bei einer Genossenschaftsbank unternehmerisches Denken gelernt hatte, folgte nun mit Verwaltung im ländlichen Raum der nächste Schritt auf dem Weg zum Vorstand einer Wohnungsbaugenossenschaft in Eisenhüttenstadt.
Das Amt war für alle Verwaltungsbauten, weiterführenden und Förderschulen sowie die Kreisstraßen im Landkreis verantwortlich. Eine Kollegin organisierte kurz nach meinem Beginn eine Tour zu den Eisenhüttenstädter Schulen und so kam ich im Alter von 46 Jahren als Berliner Architekt zum ersten Mal in die erste sozialistische Planstadt und Deutschlands größtes Flächendenkmal. Ich war begeistert, schämte mich aber auch ein wenig, dass ich die Stadt nicht vorher besucht hatte.

Der Rückbau der drei Hochhäuser An der Mittelschleuse mit 165 Wohnungen beginnt in Kürze. Abbildung: Maja Kempe
Eisenhüttenstadt verändert sich
Zu diesem Zeitpunkt lebten in der Stadt circa 24.500 Einwohner. Kurz vor dem Mauerfall hatte Eisenhüttenstadt über 53.000 Einwohner und sieben Wohnkomplexe – ein achter war in Planung. Heute gibt es den siebenten Wohnkomplex nicht mehr und die Stadt schrumpft weiter.
Für etwas weniger als die Hälfte der Einwohner stellt die Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG (EWG), die ich seit November 2023 als einer von zwei Vorständen leite, mit ihren 60 Mitarbeitenden circa 4.800 Wohnungen zur Verfügung. 1,5 Stunden östlich von Berlin und 45 Minuten von Cottbus entfernt planen wir aktuell den Abriss von über 200 Wohnungen und wenn die schlimmsten Prognosen eintreten, wohnen 2035 nur noch circa 18.500 Menschen in Eisenhüttenstadt und der Rückbau weiterer 2.000 Wohnungen stünde an.
Eisenhüttenstadt – von den Bewohnern liebevoll „Hütte“ genannt – spielte bis Ende der 1980er-Jahre in der Champions League der DDR. Das Stahlwerk war Wachstumsmotor und mit jeder neuen Ausbaustufe wuchs auch die Stadt. Hütte liegt landschaftlich reizvoll zwischen Oder und Schlaubetal, hat viel Grün und Wasser und die Versorgung mit Lebensmitteln, Wohnungen und Fernwärme als Abfallprodukt aus der Stahlproduktion funktionierte. Die Menschen waren zufrieden.
Eisenhüttenstadts Wachstum wurde durch Zuzug realisiert und so hört man noch heute häufig bei den Älteren sächsische oder thüringische Dialekte. Menschen, die nach Hütte kamen, waren im besten Arbeitsalter, die Stadt war jung. Es gab zahlreiche Vereine, viel Kunst im öffentlichen Raum, ein Theater, ein Krankenhaus und jeder Wohnkomplex hatte Kitas, Schulen, Dienstleistungs- und Handelseinrichtungen sowie eine Vielzahl von Spielplätzen für den Nachwuchs.
Von einem Tag auf den anderen änderte sich mit der Wende alles und was gut war, wurde schlecht. Massenweise verließen vor allem die jungen Menschen ihre Heimat – das Stahlwerk verlor circa 13.000 seiner ehemals über 16.000 Arbeitnehmer. Insbesondere die Kinder zogen nach der Wende weg, die Eltern blieben und wurden älter. Heute verwahrlosen die Spielplätze und Kinderlärm wird als störend empfunden. Das Durchschnittsalter liegt inzwischen fünf Jahre über dem Bundesdurchschnitt und in manchen Wohnkomplexen bei fast 59 Jahren. Die Gebäude – ehemals für eine junge, arbeitende Bevölkerung errichtet – haben überwiegend keine Aufzüge, sind nicht barrierefrei und die Grundrisse zu uniform. In einigen Straßenzügen liegt der Leerstand bereits bei über 25 Prozent und wir können zusehen, wie sich die Häuser „von oben“ leerziehen. Die Stadt passt nicht mehr zu ihren Bewohnern und bauliche Anpassungen sind mit den Eisenhüttenstädter Mieten und den aktuellen Baupreisen und Zinsen nicht möglich.
Die EWG wurde am 24. Mai 1954 als AWG (Arbeiter-Wohnungsbau- Genossenschaft) J. W. Stalin gegründet. 1990 erfolgte die Umbenennung in Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG. Damals hatte diese 7.437 Mitglieder, fast ebenso viele Wohnungen und rund 170 Mitarbeitende. Sie ist eine von zwei Wohnungsbauunternehmen in Hütte. Wie auch in anderen ostdeutschen Städten nicht unüblich, gibt es die „kommunale GmbH“ und die Genossenschaft. Die städtische Gebäudewirtschaft hat ihre Wohnungen vor allem im Flächendenkmal im Zentrum, die EWG hat die meisten Wohnungen in den nicht denkmalgeschützten Wohnkomplexen 5 und 6. Obwohl wir prinzipiell konkurrierende Unternehmen sind, eint uns doch die Sorge um und die Verantwortung für die Stadt und so arbeiten wir kontinuierlich und gemeinsam mit der Stadtverwaltung am Stadtumbaukonzept und der kommunalen Wärmeplanung.

Zwischenstopp am Glasmosaik „Weltall – Erde – Mensch“ während einer Radtour mit dem Fotografen Martin Maleschka. Abbildung: Sascha Wechsung
Grüner Wasserstoff als Rettung?
Eisenhüttenstadt hat allein durch das Stahlwerk mehr als genug Abwärme und ein Wärmenetz aus der Errichtungszeit, sodass – die Wärmeerzeugung mit CO2-neutralen Energieträgern vorausgesetzt – eine klimaneutrale Stadt möglich erscheint. Es erscheint sogar möglich, die Abwärme in Fernkühle umzuwandeln und so den immer heißer werdenden Sommern entgegenzuwirken.
Könnte das der Wendepunkt in der Abwärtsspirale sein? Eine nachhaltige Planstadt 2.0 mit kompaktem Geschosswohnungsbau, mit Glasfaseranschluss im Grünen am Wasser, 90 Minuten von Berlin entfernt? Ich glaube ja.
Ich glaube aber auch, dass den Menschen die Identifikation mit der Stadt und dem Werk abhandengekommen ist, und daher wäre es umso wichtiger, dass die Transformation zum Grünen Stahl gelänge, da so die „alte DNA“ wiederbelebt und die Einwohner wieder mit Stolz auf ihre Stadt blicken könnten.
Das Stahlwerk hat eine ebenso wechselvolle Geschichte wie Eisenhüttenstadt selbst. Vor 75 Jahren als Hüttenwerk Hermann Matern gegründet, nach dem Fall der Mauer in die EKO Stahl AG umfirmiert und 1994 von der Treuhand verkauft, firmiert das Unternehmen nach einer fast klassischen Nachwendeentwicklung heute als ArcelorMittal Eisenhüttenstadt. Das Werk war das größte Metallurgiekombinat der DDR und die Hochöfen wurden sukzessive um ein Kaltwalzwerk, ein Konverter-Stahlwerk, diverse Veredlungsanlagen und nach der Wende um ein Warmwalzwerk ergänzt. Heute stellt das EKO, wie es in der Stadt noch immer genannt wird, Flachstahlprodukte für Autos, Haushaltsgeräte und Produkte für die Bauindustrie her. Die Produktion ist energieintensiv, stößt viel CO2 aus, versorgt aber auch noch immer knapp 10.000 und somit zwei Drittel aller Wohnungen mit Wärme.
Seit Mai 2024 liegt ein Förderbescheid zur Dekarbonisierung von Anlagen in Bremen und Eisenhüttenstadt in Höhe von 1,3 Milliarden Euro vor. So könnte der Hochofen in Eisenhüttenstadt durch einen Elektrolichtbogenofen und eine Direktreduktionsanlage ersetzt werden, die perspektivisch mit grünem Wasserstoff betrieben werden sollen. Da die Gesamtinvestition aber mit circa 2,5 Milliarden Euro veranschlagt wird, steht die finale Entscheidung zur Umsetzung noch aus.
Die Stadt sollte aber nicht die Fehler aus der Gründungszeit wiederholen und alles auf eine Karte setzen. Es bedarf weiterer Branchen und vor allem auch Bildungseinrichtungen und Zuzug und daher einer größeren Bekanntheit der Stadt.

Balkontheater im Sommer 2024 An der Holzwolle. Abbildung: Martin Maleschka
Utopia – Ein Plan für eine Planstadt
Seit gut einem Jahr laden wir Menschen zum Radfahren nach Eisenhüttenstadt ein, um ihnen die Stadt zu zeigen. Wir fangen unsere Besichtigungstour am großen Stadtmodell im Rathaus an und fahren dann „in geschichtlich korrekter Reihenfolge“ vier bis fünf Stunden durch die Wohnkomplexe. Die Teilnehmenden, viele sind zum ersten Mal zu Besuch, haben sich die Stadt häufig anders vorgestellt. Ich glaube, dass die meisten an eine „Plattenstadt“ gedacht haben und sie das Flächendenkmal, aber auch die städtebauliche Finesse und Großzügigkeit des fünften und sechsten Wohnkomplexes überraschen. Alle Teilnehmenden sehen immer das enorme Potenzial.
Hütte bietet enorm viel: Platz zum Experimentieren, Grün und Wasser zur Erholung inner- und außerhalb der Stadt, günstige Mieten mit einer potenziell klimaneutralen Heizungs- und Stromversorgung sowie die Nähe zu Berlin, zur Lausitz und zu Polen. Es bietet Arbeitsplätze in einer vorhandenen Infrastruktur mit Schulen, Krankenhaus, Theater und vielem mehr und könnte somit ein Prototyp einer neuen Generation von nachhaltigen Mittelstädten zwischen Metropolen und dem ländlichen Raum werden.
Wir haben die Potenziale in eine Ausstellung überführt, die wir im letzten Jahr anlässlich unseres 70. Geburtstags organisiert haben. „Utopia – ein Plan für eine Planstadt“ zeigt eine Vielzahl von Ideen, die wir gemeinsam mit vielen Freundinnen und Freunden aus und außerhalb von Hütte entwickelt haben. Einige davon würden wir in den nächsten Jahren gerne in die Umsetzung bringen. Wir möchten unseren Bestand energetisch und barrierefrei sanieren und neue Wohnformen testen. Wir möchten großformatige Kunst und Kultur nach Eisenhüttenstadt bringen und Kooperationen mit Hochschulen eingehen, um junge, kreative Menschen für die Stadt zu begeistern. Wir möchten neue Begegnungsorte und Quartierszentren eröffnen und uns – unserer Geschäftsform Genossenschaft verpflichtet – um alle Altersschichten und Einwohner in Eisenhüttenstadt kümmern. Unsere Vision für die nächsten Jahre lautet daher auch „Wir arbeiten gemeinschaftsorientiert und sind Impulsgeber für Wohnen, Netzwerk, Kultur und Leben in der Stadt.“ Und wenn sich noch weitere Personen dieser Vision anschließen, dann gilt:
Denke ich an Eisenhüttenstadt, denke ich optimistisch in die Zukunft.

Blick über Eisenhüttenstadt mit Flächendenkmal und Stahlwerk. Abbildung: Martin Maleschka
Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG
GEGRÜNDET: 1954/Eisenhüttenstadt
STANDORTE: Eisenhüttenstadt
MITARBEITENDE: 60
WEBSITE: ewg-besser-wohnen.de
Stanley Fuls
GEBOREN: 1972/Berlin
WOHNORT (aktuell): Friedland
MEIN BUCHTIPP: Juli Zeh: „Über Menschen“, 2021
MEIN FILMTIPP: „Das Leben der Anderen“, 2006
MEIN URLAUBSTIPP: Spreewald bei Leipe
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




BUCHTIPP:
























