1988 war Anja Kossiwakis als Model auf Covern der DDR-Modezeitschrift „Modische Maschen“ zu sehen. Anfang 2026 nahm die Dessauerin an „Germany’s Next Topmodel“ teil. Kürzlich modelte sie auf der Pariser Fashion Week. Wir sprachen mit ihr über eine ungewöhnliche Karriere, den Osten und das Modeln.

Anja Kossiwakis war bereits in der DDR ein gefragtes Model. Sie ist 1968 in Dessau geboren. Heute ist Sie als Model, Fashionbloggerin und Fotografin aktiv. instagram.com/anjas_lookbook. Abbildung: Kateryna Vdovychenko
ostdeutschland.info: Frau Kossiwakis, man konnte Sie gerade auf der Pariser Fashion Week sehen ...
Anja Kossiwakis: Das war wirklich unglaublich. Mit 57 Jahren war ich das erste Mal als Model in Paris auf dem Laufsteg bei der Fashion Show von United Fashion Designers. Mein Outfit war von der ukrainischen Designerin Elmira Polyayeva (e.p.p.s) und verkörperte moderne Eleganz und starke Individualität – Werte, die auch meine eigene Geschichte widerspiegeln. Mit meinem Look begeisterte ich alle. Es war crazy, was danach alles passiert ist. Mit einem Fotografen aus New York hatte ich ein Streetstyleshooting. Für ein neues Schmucklabel aus London soll ich „Ambassador“ werden und im Sommer findet das Kampagnenshooting in London statt. Ein Taschendesigner hat eine Tasche nach mir benannt und ich werde einen Werbespot in Paris drehen. Eine Woche später war ich in der „Galerie Bourbon“ für drei weitere Designer auf dem Laufsteg. Zwischen den Fashion Shows gab es ein spontanes Fotoshooting auf den Champs-Élysées. Am nächsten Tag unterschrieb ich bei „Metropolitan Models“ gleich zwei Verträge bei unterschiedlichen Divisionen, einmal für deren Fashionshow und einmal für die Kampagnen- und High-Fashion-Abteilung. Damit wurde ein echter Traum für mich wahr, denn Metropolitan ist eine der größten und renommiertesten Modelagenturen der Welt. Ich kann das noch gar nicht fassen und mein Dank gilt meinem Manager Frank Kuhlmann, der mir die Vorstellungstermine in Paris organisiert hatte.
Sie haben auch bei der aktuellen Staffel von Germany’s Next Topmodel mit Heidi Klum teilgenommen. Wie kam es dazu?
Ich bin einfach zum Casting nach Köln gefahren und dann stand ich vor Heidi Klum und Jean Paul Gaultier auf dem Laufsteg.
Wie erging es Ihnen bei den Aufnahmen?
Das war natürlich alles sehr aufregend, aber es war nur eine kurze Episode. Ich war nur in der ersten Folge der Girls zu sehen. Es hat mich so gefreut, dass ich die Gelegenheit hatte, mit Heidi Klum und Jean Paul Gaultier zu plaudern. Aufgrund meiner Tätigkeit als Fashionbloggerin und Fotografin habe ich die beiden natürlich schon mehrmals getroffen. Es war toll, dass mein Auftritt als Topmodel der DDR angekündigt worden ist. Die Sächsische Zeitung hat sogar geschrieben, dass ich einen Hauch Geschichte auf den Laufsteg gebracht habe und die Ikone der „Modischen Maschen“ bin. FFH hat mich als DDR-Model-Legende bezeichnet. Mein Auftritt löste eine bemerkenswerte mediale Resonanz aus. Wahrscheinlich war es die Mischung aus nostalgischer Zeitreise und modernem Best-Ager-Statement, die für so viel Aufmerksamkeit sorgte.

Anja Kossiwakis bei einem Fotoshooting in Paris. 2013 lernte sie dort auf ihrer ersten Fashion Week Karl Lagerfeld kennen. Abbildung: Mihael Vuzem
Sie verfügen über viel Erfahrung als Model. Welche Kolleginnen, Fotografen, Modedesigner schätzen Sie besonders?
Zur Ausstellungseröffnung von Jean Paul Gaultiers Fashion World in London war ich gemeinsam mit der Chefredakteurin der Gala, Anne Meyer-Minnemann, eingeladen worden. Das war ein ganz besonderer Abend. Fast eine Stunde bin ich mit Jean Paul Gaultier durch seine Ausstellung gegangen und anschließend haben wir zusammen gefeiert. Heidi Klum habe ich das erste Mal beim GNTM-Fotoshooting in Wiesbaden getroffen und danach backstage bei Versace in Mailand und bei ihrer Fashion Show in New York. Bei meiner ersten Fashion Week in Paris 2013 habe ich nach der Chanel Fashion Show Karl Lagerfeld persönlich kennengelernt. Das war natürlich ein ganz besonderer Moment. Mein Lieblingsfotograf ist Rankin und 2025 stand ich sogar als Model vor seiner Kamera. Gigi und Bella Hadid mag ich besonders. In Mailand und Paris habe ich die zwei Supermodels schon oft backstage getroffen. Als Journalistin bewundere ich Anna Wintour sehr. Bei der Vogue-Konferenz in Berlin saß ich im Workshop direkt neben Anna Wintour. Was für ein schöner Moment! Ich könnte noch so viele inspirierende Designer, Journalisten, Fotografen und Models aufzählen, die ich kennenlernen durfte, aber das würde hier den Rahmen sprengen …
Sie sind in Dessau geboren und haben es schon zu DDR-Zeiten auf Titelseiten geschafft. Wie sind Sie damals „Mannequin“ geworden?
1985 habe ich in Dessau einen kleinen Zettel entdeckt, auf dem Fotomodelle für den „Verlag für die Frau“ in Leipzig gesucht worden sind. Daraufhin habe ich mich mit einem Foto beworben. Kurz darauf wurde ich zu Probeaufnahmen nach Leipzig eingeladen. Zwei Jahre später fand dann mein erstes Fotoshooting in Höfgen statt. Meine Fotos kamen so gut an, dass ich auf das Titelbild der „Modischen Maschen“ sollte. Das Coverfoto für die Frühjahrsausgabe 1988 wurde nachträglich aufgenommen. Ein Safarishooting für die Sommerausgabe 1988 war dann das nächste Titelfoto. Ein drittes Mal war ich auf dem Cover der Winterausgabe 1988. Ich erinnere mich so gern an diese Fotoshootings mit Günter Rössler zurück, der dieses Jahr 100 Jahre geworden wäre.

Anja Kossiwakis war 1988 auf drei Covern der „Modischen Maschen“. Abbildungen: Anja Kossiwakis
Letzten Sommer war Bill Kaulitz auf dem Vogue-Cover, aufgenommen auf einer Abraumhalde in Sachsen-Anhalt. Das muss Ihnen bekannt vorgekommen sein.
Auf alle Fälle. Mein Safarishooting fand aber auf einer Abraumhalde in Bitterfeld statt. Sehr gern würde ich natürlich auch mal auf dem Kalimandscharo für die Vogue modeln.
Wie wurde das Modeln in der DDR honoriert?
Das kann man mit heute nicht vergleichen. Für mein Titelfoto habe ich 35 Mark bekommen.
Wie haben Sie die DDR-Mode in Erinnerung?
In der DDR wurde viel selbst genäht und gestrickt, weil es nicht so viele modische Sachen zu kaufen gab. Aus diesem Grund waren die „Modischen Maschen“ und die „Pramo“ auch so beliebt.

Probeaufnahmen von Anja Kossiwakis. Abbildung: Günter Rössler
Direkt nach der Maueröffnung sind Sie nach Wiesbaden gegangen, wo Sie noch heute leben. Ist es Ihnen schwergefallen, weiterhin als Model gebucht zu werden?
Als ich nach Wiesbaden kam, war es mit dem Modeln erst einmal vorbei. Ich hätte gern neben meiner Arbeit bei der Sparkasse gemodelt, aber das war so leider nicht möglich. Als ich mich bei einer Modelagentur in Frankfurt am Main vorstellte, sagte mir die Agenturchefin, dass ich meinen Beruf aufgeben müsse. Das ging aber aus finanziellen Gründen nicht. Die Dessauer Zeitung hatte damals geschrieben, dass ich mit meinen schönen Beinen schön auf dem Boden bleibe. Deshalb bin ich auch bei der Sparkasse geblieben.

Anja Kossiwakis auf der Satisfashion in Paris 2026. Abbildung: Rafael Poschmann
Was zählt zu den Highlights Ihrer Karriere nach 1989?
Ein absolutes Highlight war der Werbespot für L’Oréal Paris. 2025 war ich dann das erste Mal als Model bei der Fashion Week Berlin und bei der „Mode Suisse“ in Zürich auf dem Laufsteg. Ein Meilenstein war die Veröffentlichung meiner Fotos in der „Elle Suisse“ und der „Vogue Greece“. 2026 nun meine Laufstegpremiere in Paris und mein Modelvertrag bei Metropolitan Models – das fühlt sich an wie ein Traum …
Wie blicken Sie heute auf das Thema Ost-West?
Weg mit der Mauer – auch in den Köpfen! Für mich gibt es kein Ost-West-Denken mehr!
Sie sind vor allem als Fashionbloggerin und Fotografin unterwegs. War das naheliegend?
Durch meine drei Kinder habe ich die Liebe zur Fotografie entdeckt. Sie sind natürlich meine absoluten Lieblingsmotive. Als ich dann 2010 das erste Mal zur Fashion Week nach Berlin eingeladen wurde, habe ich einfach zum Spaß fotografiert. Der damalige Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers, Stefan Schröder, hat meine Fotos auf Facebook gesehen und mich gefragt, ob ich für die Verlagsgruppe Rhein-Main als Fashionbloggerin und Modeexpertin arbeiten möchte. Das war eine große Ehre und ich habe natürlich direkt zugesagt.

Anja Kossiwakis bei einem Streetstyleshooting in Paris. Sie ist vor allem als Fashionbloggerin und Fotografin unterwegs. Abbildung: couplet.photo
Wie hat sich das Modeln generell verändert?
Früher gab es ja die Formel 90-60-90 und die Mindestgröße von 175 cm. Mit Mitte zwanzig war man schon zu alt fürs Modeln. Heute gibt es Vielfalt in der Modewelt und das finde ich super! Sonst hätte ich dieses Jahr nicht mit 57 Jahren meine Laufstegpremiere in Paris feiern können.
Wie sollte sich das Modeln künftig entwickeln?
Ich hoffe, dass sich dieser Trend fortsetzt, denn Vielfalt ist keine Ausnahme, sondern Realität – und genau diese Realität gehört auf den Laufsteg und in die Werbung.
Vielen Dank.
Die Fragen stellte Robert Nehring.




























