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Clemens Kießling: Wo es schmerzt, heilt es auch. Wenn ich an Ostdeutschland denke, … beginnt es schon zu wirken

Cle­mens Kieß­ling, Pro­jekt­ma­na­ger, Pod­cas­ter und Poli­to­lo­ge, ist ein wich­ti­ger Impuls­ge­ber für Ost­deutsch­land. Er setzt sich ein für Ver­ge­wis­se­rung, Ver­stän­di­gung und Ver­söh­nung. Mit die­sem Bei­trag ist er auch im zwei­ten Sam­mel­band „Den­ke ich an Ost­deutsch­land ...“ vertreten.

Clemens Kießling, Projektmanager, Podcaster, Politologe. Abbildung: privat

Cle­mens Kieß­ling, Pro­jekt­ma­na­ger, Pod­cas­ter, Poli­to­lo­ge. Abbil­dung: privat

Men­schen in die­ser aktu­el­len Zeit suchen über­all und bei jedem The­ma nach Hei­lung und neh­men an, sie könn­ten sich nicht an den Orten kurie­ren, wo die Ver­let­zung auf­trat. Dabei drü­cken The­ra­peu­ten, auch die see­li­schen, doch gera­de da, wo es weh­tut und „hören rein“ in den Schmerz. Was also tun, wenn es um den Osten geht? Flucht in die sub­kul­tu­rel­len Sze­ne­vier­tel Ber­lins oder Ham­burgs, wo es weni­ger aus­macht zu krän­keln, weil sich alle mit irgend­ei­nem Ver­gan­gen­heits­weh­weh­chen iden­ti­fi­zie­ren, oder an Ort und Stel­le den Fin­ger in die Wun­de legen, bis man die schlimms­te Stel­le von den Gesich­tern able­sen kann?

Ich habe mich an irgend­ei­nem Punkt in mei­nem frü­hen Erwach­se­nen­le­ben ganz gezielt dafür ent­schie­den, mit­ten­drin einen Groß­teil mei­ner Kraft dem „ost­deut­schen The­ra­pie­ren“ zu wid­men – es ist eben gera­de der Zeit­geist der Hei­lungs­pro­zes­se. Dabei bin ich gar kein Arzt oder The­ra­peut, son­dern ver­su­che mich dar­an, Dia­gno­sen für Poli­tik und Gesell­schaft zu stel­len, im sicher nicht bedeu­ten­de­ren, aber von der Art der Betrach­tung wei­te­ren Blick als Sozio­lo­ge und Poli­to­lo­ge. Mich hat es immer am meis­ten inter­es­siert, war­um eine Grup­pe, eine Nati­on, eine Bewe­gung so gehan­delt hat und wel­che Dyna­mi­ken und Zusam­men­hän­ge in die­sem wun­der­li­chen Gefü­ge ent­ste­hen, das wir Gesell­schaft nennen.


Wenn ich an Ost­deutsch­land den­ke, den­ke ich häu­fig an den Aus­nah­me­ath­le­ten, der jung und viel­ver­spre­chend mit schwie­ri­ger Ver­gan­gen­heit startet …”


Soziale Anamnese

Mei­ne Gesell­schaft und mein Selbst­ver­ständ­nis war der Osten der 1990er-Jah­re. Eigent­lich ist es unver­meid­lich gewe­sen, dass ich ein Inter­es­se dafür ent­wi­ckelt habe, sozia­le Umge­bun­gen zu ver­ste­hen, denn mei­ne war, wenn man ehr­lich ist, ein kom­plet­tes Rät­sel. Alle Älte­ren um mich her­um leb­ten noch in einer Ver­gan­gen­heit, die für mich nie exis­tier­te. Alle gemein­sam ver­such­ten wir das Schei­tern an der Gegen­wart zu über­se­hen und um mich her­um platz­ten die Träu­me von einer gol­de­nen Zukunft, wäh­rend ich von allen Sei­ten dazu ermahnt wur­de, bloß an die Zukunft zu den­ken. Was für ein Ber­mu­da­drei­eck der Zeit­strän­ge, in dem man leicht ver­lo­ren gehen konnte.

Die 1990er-Jah­re in den neu­en Bun­des­län­dern – eigent­lich im gesam­ten zer­fal­le­nen Ost­block – waren per­fekt geeig­net, um sich die Trau­ma­ta ein­zu­sam­meln, die jetzt auf Insta­gram, Tik­tok und Co. „anthe­ra­piert“ wer­den. Ein Psy­cho­the­ra­peut muss, um einen aner­kann­ten Abschluss zu errei­chen, zunächst selbst eine gewis­se Anzahl The­ra­pie­stun­den besu­chen. Auch wenn das nie mein beruf­li­ches Ziel war, ist es ein guter Ansatz für das tie­fe­re Ver­ständ­nis des Ostens, bei sich selbst zu begin­nen. Als Kind habe ich alle Din­ge, die mit der Wen­de pas­sier­ten, unge­fil­tert auf­ge­nom­men: beruf­li­che Exis­ten­zen, die schei­ter­ten, Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, Zer­fall von Sozi­al­ge­fü­gen, Ent­frem­dun­gen, Ableh­nun­gen, ganz viel Gewalt und Frem­den­hass … Als Erwach­se­ner habe ich die Mög­lich­keit, all das zu reflek­tie­ren und in Gesamt­zu­sam­men­hän­gen zu begrei­fen. Das ist mei­ne Lei­den­schaft gewor­den. Denn damit bin ich qua­si Pati­ent und Dia­gnos­ti­ker zugleich. Dr. Jekyll wuss­te am bes­ten, war­um er Mr. Hyde wur­de und Bruce Ban­ner war klar, wann der Hulk über­nahm. Ich weiß am ehes­ten, wann ich vom Deut­schen mit aka­de­mi­scher Aus­bil­dung zum Ossi wer­de, zum Dun­kel­deut­schen, zum „ver­sau­ten Stief­kind“ der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Trig­ger­punk­te nennt das Stef­fen Mau, der sich damit zur Erläu­te­rung sozia­ler Phä­no­me­ne the­ra­peu­ti­scher Begrif­fe bedient – eigent­lich verrückt.

Die 1990er-Jahre in den neuen Bundesländern waren perfekt geeignet, um Traumata einzusammeln. Abbildung: privat

Die 1990er-Jah­re in den neu­en Bun­des­län­dern waren per­fekt geeig­net, um Trau­ma­ta ein­zu­sam­meln. Abbil­dung: privat

Ohne klare Diagnose

Mei­ne Zukunft und die mei­ner Wen­de­ge­nera­ti­on beginnt noch vor mei­ner Geburt mit einem glück­li­chen Miss­ge­schick. Gün­ter Schab­ow­ski war wohl in der Hek­tik des nicht mehr auf­zu­hal­ten­den Wan­dels nicht gut gebrieft wor­den und ant­wor­te­te auf die Fra­ge danach, wann – dra­ma­tisch gespro­chen – eine neue Welt für die Ost­deut­schen beginnt, mit einem his­to­ri­schen: „Nach mei­ner Kennt­nis ist das sofort, unver­züg­lich“. Ab die­sem Zeit­punkt beginnt mei­ne Fas­zi­na­ti­on für mei­ne gelieb­te Hei­mat. In unse­rem, nach eben die­ser Aus­sa­ge benann­ten poli­ti­schen Pod­cast, haben wir, Juli­an Nej­kow und ich, mit so vie­len Men­schen gespro­chen, die den Osten auf ganz unter­schied­li­che Wei­se in sei­ner The­ra­pie beglei­tet haben. Wolf­gang Schäub­le, Gre­gor Gysi, Hei­di Rei­chin­nek, Micha­el Kret­schmer, Sahra Wagen­knecht, Ilko-Sascha Kowal­c­zuk, Kat­rin Göring-Eckardt, Lukas Rietz­schel und so vie­le wei­te­re für die neu­en Bun­des­län­der bedeut­sa­me Men­schen haben über die Jah­re wert­vol­le Ein­bli­cke mit uns geteilt. Es ist immer wie­der etwas dabei, was uns den Osten ein Stück bes­ser ver­ste­hen lässt, was uns für uns selbst als Ossis ver­ständ­li­cher macht. Und doch sind wir, wie uns die poli­ti­sche Gegen­wart zeigt, noch weit davon ent­fernt zu wis­sen, „wie der Osten tickt“ (lie­be Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten, bit­te ver­wen­det die­se Phra­se nie wieder).

Wir sind, wie uns die politische Gegenwart zeigt, noch weit davon entfernt zu wissen, „wie der Osten tickt“. Abbildung: privat

Wir sind, wie uns die poli­ti­sche Gegen­wart zeigt, noch weit davon ent­fernt zu wis­sen, „wie der Osten tickt“. Abbil­dung: privat

Die fina­le Dia­gno­se Ost wird immer wie­der gefor­dert, wenn Wah­len anste­hen. Lai­en schau­en drauf und sagen: „Kla­re Sache, ein Bruch“. Ja, die Wen­de war ohne Fra­ge ein Bruch, aber damit ist doch 35 Jah­re spä­ter kei­ne zufrie­den­stel­len­de Behand­lung mehr aus­zu­rich­ten. „Ein­mal glatt durch den Kno­chen“ ist jeden­falls falsch. Ein Split­ter­bruch mit Begleit­erschei­nun­gen kommt schon näher. Denn Ost­deutsch­land ist ja nicht nur durch 89/90 beson­ders. Hier leben zum Bei­spiel die meis­ten Spät­aus­sied­ler-Rus­sen. Es gibt eine prä­gen­de Min­der­heit von Viet­na­me­sen, die in die DDR ein­wan­der­ten. Vie­le Schle­si­en­ver­trie­be­ne haben sich hier eine neue Exis­tenz auf­ge­baut. Die Nähe zu Polen und Tsche­chi­en ist eine ganz ande­re Nähe als im Wes­ten zu Frank­reich und den Nie­der­lan­den. Die Agrar­flä­chen sind durch die LPG viel grö­ßer struk­tu­riert als zum Bei­spiel im Süden Deutsch­lands. Weni­ger Groß­un­ter­neh­men, eher länd­li­che Prä­gung als Metropolen …

Die finale Diagnose Ost wird immer wieder gefordert, wenn Wahlen anstehen. Abbildung: privat

Die fina­le Dia­gno­se Ost wird immer wie­der gefor­dert, wenn Wah­len anste­hen. Abbil­dung: privat

Die Lis­te der Begleit­erschei­nun­gen und Neben­wir­kun­gen ist lang, viel län­ger als medi­al auch nur ange­schnit­ten. Und wenn uns die Gegen­wart so beschäf­tigt, ist es viel­leicht eher ein zwei­ter Ermü­dungs­bruch? Boxer erlei­den das gele­gent­lich, wenn sie sich an einer Stel­le immer und immer wie­der ver­aus­ga­ben. Nach mehr als drei Jahr­zehn­ten immer noch in allen Insti­tu­tio­nen unter­re­prä­sen­tiert, kaum Ost­deut­sche in Lei­tungs­po­si­tio­nen, viel weni­ger Pri­vat­ver­mö­gen in den neu­en Bun­des­län­dern, unglei­ches Ren­ten- und Lohn­ni­veau, wirt­schaft­li­ches Dau­er­prä­di­kat „struk­tur­schwach“ …

Das „Blut­bild“ des Ostens zeigt vie­le Wer­te im roten Bereich, es zeigt aber auch jede Men­ge Nor­mal­wer­te und Ten­den­zen der Bes­se­rung. Viel mehr sogar – nicht weni­ge Tat­sa­chen ver­wei­sen auf beson­de­re Stär­ken, die sich her­aus­ge­bil­det haben. Medi­zi­nisch fas­zi­nie­rend ist doch, dass bei einem Bruch der Kno­chen, wenn er ein­mal zusam­men­ge­wach­sen ist, an genau die­ser Stel­le sta­bi­ler wird als davor. Wenn wir uns ein­ge­ste­hen, dass die gesam­te BRD auf schwie­ri­ge Zei­ten zugeht und wir über­le­gen, was es braucht, um dafür gewapp­net zu sein, muss ich als Ers­tes an den Osten den­ken. Neh­men wir an, wir stün­den wie­der vor einer kom­ple­xen Dia­gno­se und müss­ten die The­ra­pie bespre­chen. Wür­den wir dann nicht auf den Pati­en­ten schau­en, der vie­le Sym­pto­me schon über­lebt hat? In Ost­deutsch­land weiß man, was pas­siert, wenn fast alle Fach­kräf­te ver­schwin­den, wenn man sich nach der Deindus­tria­li­sie­rung neu erfin­den muss, wenn man sich im Struk­tur­wan­del mit ver­wan­deln muss, wenn alles, was ges­tern galt, heu­te anders sein muss …

Die Wende war ein Bruch, aber damit ist 35 Jahre später keine zufriedenstellende Behandlung mehr auszurichten. Abbildung: privat

Die Wen­de war ein Bruch, aber damit ist 35 Jah­re spä­ter kei­ne zufrie­den­stel­len­de Behand­lung mehr aus­zu­rich­ten. Abbil­dung: privat

Damit kann man trotzdem alt werden

Ich sage nicht, dass der Boxer sei­nen Ermü­dungs­bruch über­stan­den hat, aber sein Come­back erwar­te ich täg­lich gespannt. Wir, und da schlie­ße ich die Ossis selbst mit ein, den­ken nach wie vor, die „Bon­ner Repu­blik“ sei die fit­te­re Kämp­fe­rin. Dabei ist der Fit­nesscheck gar nicht mehr so ein­deu­tig. Ich jeden­falls set­ze auf den Under­dog, auch weil ich die Hoff­nung nicht ver­lie­re, dass der Außen­sei­ter sei­ne Stär­ken begreift, den Stolz und die Ver­let­zung über­win­den kann, um von dem ein­ge­spiel­ten Teil der BRD eini­ges abzu­schau­en und uns alle mit sei­nem ganz eige­nen Stil über­rascht. Die Hoff­nung aller­dings ist dar­an geknüpft, dass es nicht noch ein Kampf Ost gegen West wird, son­dern für eine Ein­heit mit zele­brier­ten Unter­schie­den und dass der neue Box­stil die star­ke Rechts­aus­la­ge zurück­fährt – sie ist eine offen­sicht­li­che Schwä­che im Ring gegen die Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft. Wenn man sich erfolg­reich zurück­kämp­fen will, dann mit Inno­va­ti­on und Krea­ti­vi­tät. Mit den Tricks von 1933 boxt heu­te kei­ner mehr.

Wenn ich an Ost­deutsch­land den­ke, den­ke ich häu­fig an den Aus­nah­me­ath­le­ten, der jung und viel­ver­spre­chend mit schwie­ri­ger Ver­gan­gen­heit star­tet. Der Prot­ago­nist, der wie in einem über­trie­be­nen Hol­ly­wood-Film von einer schwe­ren Ver­let­zung zurück­ge­wor­fen wird, den sei­ne Dia­gno­se mitt­ler­wei­le kran­ker macht, als er eigent­lich ist und der noch nicht begreift, dass er noch mal eine rich­tig stei­le Kar­rie­re erle­ben wird. Es war eine schwe­re Geburt, eine har­te Kind­heit, ja, aber Ost­deutsch­land ist sozio­lo­gisch, his­to­risch, kul­tu­rell und mensch­lich etwas Ein­ma­li­ges. Wir wer­den nicht ganz hei­len. Wir wer­den aber ler­nen, den Schmerz weg­zu­at­men und begrei­fen, dass auch die ande­ren nicht ohne Nar­ben exis­tie­ren. Wenn wir Ost­deut­schen den Fokus weg von der Wut hin­lei­ten zu dem, was uns die Schmer­zen gelehrt haben, wird die Zukunft bei uns lie­gen, dann den­ke ich gern an mein Ost­deutsch­land, dann kann ich lächeln dabei …

Wir haben mit vielen Menschen gesprochen, die den Osten auf ganz unterschiedliche Weise in seiner Therapie begleitet haben. Abbildung: Paul Glaser

Wir haben mit vie­len Men­schen gespro­chen, die den Osten auf ganz unter­schied­li­che Wei­se in sei­ner The­ra­pie beglei­tet haben. Abbil­dung: Paul Glaser


Label Impulsgeber Ost

Clemens Kießling

GEBOREN: 1990/Freiberg (Sach­sen)
WOHNORT (aktu­ell): Bobritzsch-Hil­bers­dorf bei Freiberg
MEIN BUCHTIPP: Lukas Rietz­schel: „Mit der Faust in die Welt schla­gen“, 2018
MEIN FILMTIPP: „Als wir träum­ten“, 2015
MEIN URLAUBSTIPP: Bio­sphä­ren­re­ser­vat Ober­lau­sit­zer Hei­de- und Teichlandschaft

 

Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2BUCHTIPP:

„Denke ich an Ostdeutschland ...“

In der Bezie­hung von Ost- und West­deutsch­land ist 35 Jah­re nach dem Mau­er­fall noch ein Kno­ten. Auch die­ser zwei­te Sam­mel­band will einen Bei­trag dazu leis­ten, ihn zu lösen. Die wei­te­ren 60 Autorin­nen und Autoren geben in ihren Bei­trä­gen wich­ti­ge Impul­se für eine gemein­sa­me Zukunft. Sie zei­gen Chan­cen auf und skiz­zie­ren Per­spek­ti­ven, scheu­en sich aber auch nicht, Her­aus­for­de­run­gen zu benen­nen. Die „Impuls­ge­be­rin­nen und Impuls­ge­ber für Ost­deutsch­land“ erzäh­len Geschich­ten und schil­dern Sach­ver­hal­te, die auf­klä­ren, Mut machen sowie ein posi­ti­ves, kon­struk­tiv nach vorn schau­en­des Nar­ra­tiv für Ost­deutsch­land bilden.

„Den­ke ich an Ost­deutsch­land ... Impul­se für eine gemein­sa­me Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Neh­ring (Hgg.), PRIMA VIER Neh­ring Ver­lag, Ber­lin 2025, 224 S., DIN A4.

Als Hard­co­ver und E-Book hier erhältlich.

 

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