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Dr. Tomasz Kurianowicz: 80 Jahre Berliner Zeitung. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden

Dr. Tomasz Kuria­no­wicz, bis 2025 Chef­re­dak­teur der Ber­li­ner Zei­tung, ist ein wich­ti­ger Impuls­ge­ber für Ost­deutsch­land. Er setzt sich ein für Ver­ge­wis­se­rung, Ver­stän­di­gung und Ver­söh­nung. Mit die­sem Bei­trag ist er auch im zwei­ten Sam­mel­band „Den­ke ich an Ost­deutsch­land ...“ vertreten.

Dr. Tomasz Kurianowicz, Chefredakteur Berliner Zeitung. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung

Dr. Tomasz Kuria­no­wicz, bis 2025 Chef­re­dak­teur Ber­li­ner Zei­tung. Abbil­dung: Mar­kus Wäch­ter, Ber­li­ner Zeitung

Wie soll­te der idea­le Jour­na­list sein? Er soll­te kri­tisch sein, staats­fern, mutig, nicht kor­rum­pier­bar, wach und vor allem: jeder Ideo­lo­gie gegen­über skep­tisch gesinnt. Er soll­te sich mit kei­ner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, sich selbst und sei­ne Quel­len immer hin­ter­fra­gen, fähig dazu sein, die eige­ne Mei­nung zu ändern, bereit sein, auch mit jenen zu spre­chen, denen er nicht ver­traut (oder die er nicht mag) und mit offe­nen Augen durch die Welt lau­fen. Ein schlech­ter Jour­na­list ist Ideo­lo­ge, hat sei­ne Mei­nung schon gefällt, bevor er recher­chiert. Ist Kämp­fer für ein Pro­gramm – Akti­vist und nicht Berichterstatter.

Die Ber­li­ner Zei­tung ist ein Ort für einen kri­ti­schen Jour­na­lis­mus, ein Ort für Men­schen, die täg­lich dar­um rin­gen, dem Anspruch mög­lichst neu­tra­ler Bericht­erstat­tung gerecht zu wer­den. Nun fei­ert die­se Zei­tung ihren 80. Geburts­tag und kann dabei auf eine lan­ge, stol­ze Tra­di­ti­on bli­cken, in der das Aus­ta­rie­ren von Frei­heits­räu­men immer schon eine beson­de­re Rol­le gespielt hat. Selbst in der DDR war die Ber­li­ner Zei­tung ein Blatt, in dem man vor­sich­tig über den Tel­ler­rand bli­cken, Auto­ri­tä­ten her­aus­for­dern, das staat­lich Ver­ord­ne­te hin­ter­fra­gen und den kri­ti­schen Geist anspit­zen konn­te, wo auf der Linie zwi­schen Erlaub­tem und poli­tisch Bekämpf­tem vor­sich­tig balan­ciert wur­de. Heu­te trei­ben wir die­se Reni­tenz – als Zei­tung im Her­zen der Stadt – in einem wie­der­ver­ei­nig­ten und frei­en Ber­lin wei­ter, manch­mal auch auf die Spit­ze. Aus einem Grund: um die poli­ti­schen Frei­hei­ten, die uns die Wen­de geschenkt hat, zu ver­tei­di­gen. Dar­auf bin ich als Chef­re­dak­teur der Ber­li­ner Zei­tung stolz.

Ich bin über­zeugt davon: Wür­de es die Ber­li­ner Zei­tung nicht geben, müss­te man sie erfin­den. Eine Redak­ti­on, in der Men­schen mit ver­schie­de­nen Stand­punk­ten, Bio­gra­fien, Ein­stel­lun­gen zusam­men­kom­men und mit diver­gie­ren­den Per­spek­ti­ven den Lesern ein all­um­fas­sen­des Bild der Wirk­lich­keit bie­ten, ist ein Geschenk. Auch das muss gesagt wer­den: Es gab kaum eine Zeit seit der Wen­de, in der kri­ti­scher Jour­na­lis­mus so sehr gebraucht wur­de wie heu­te. Jetzt, da die Grüpp­chen­bil­dung zunimmt, sich zahl­lo­se Echo­kam­mern bil­den, ande­re Mei­nun­gen lie­ber bekämpft statt als legi­ti­mer ande­rer Stand­punkt akzep­tiert wer­den, braucht es einen Jour­na­lis­mus, der Brü­cken baut über die Grä­ben und den Blick über den Tel­ler­rand ermög­licht. Sozia­le Medi­en, gesteu­ert über Algo­rith­men, sind nicht das geeig­ne­te Medi­um für die­se Aufgabe.


Die Ber­li­ner Zei­tung ist als eines der weni­gen bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Medi­en in ost­deut­scher Hand. […] Das ist nicht tri­vi­al, son­dern ein Pfund.”


Reformbedarf nicht ignorieren

Ein Schrift­stel­ler hat mal gesagt, dass Jour­na­lis­mus dazu da sei, die Welt ein wenig nach links zu dre­hen, wenn sie nach rechts abdrif­tet, und sie nach rechts zu dre­hen, wenn sie zu sehr nach links kippt. Jour­na­lis­mus als Kor­rek­tiv, als Instanz, die den Zeit­geist prüft, ist genau­so wich­tig wie ein Jour­na­lis­mus, der in einer libe­ra­len Demo­kra­tie auch jene in den Dis­kurs holt, die am Tisch der Mäch­ti­gen kei­nen Platz fin­den, egal von wel­cher Sei­te sie kommen.

Die Zei­ten sind kom­pli­ziert und von Kul­tur­kämp­fen geprägt, die den Jour­na­lis­mus nicht unbe­rührt las­sen. Der Jour­na­lis­mus hat sich aus Angst vor Ver­än­de­rung und wegen der Ero­si­on eta­blier­ter Struk­tu­ren teil­wei­se zu einem Ver­tei­di­gungs­in­stru­ment des Bestehen­den gewan­delt. Ich ken­ne die Grün­de. In einer Zeit, in der Demo­kra­tien auf dem Prüf­stand ste­hen (auch durch die eige­ne Bevöl­ke­rung) und auto­ri­tä­re Ten­den­zen um sich grei­fen, mutiert der Jour­na­list, der die Demo­kra­tie ver­tei­di­gen will, manch­mal zum Kämp­fer für das Alt­be­währ­te und ver­gisst, dass er auch Spie­gel für das not­wen­di­ge Neue sein kann.

Ich möch­te ein Bei­spiel mit Bezug auf Deutsch­land geben: Es ist nicht immer klar zu sagen, ob ein Jour­na­list, der für „Mehr Demo­kra­tie!“ auf die Stra­ße geht und gegen die AfD pro­tes­tiert, die demo­kra­ti­sche Viel­falt und die freie Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dung ver­tei­digt – oder ob er für fest­ge­fah­re­ne Struk­tu­ren ein­steht, die eigent­lich einer Reform bedür­fen, um noch für einen gro­ßen Teil der wäh­len­den Bevöl­ke­rung attrak­tiv zu blei­ben. Ich bin über­zeugt davon, dass alle, die den Ist­zu­stand unse­rer Gesell­schaft nüch­tern betrach­ten, zu einem ähn­li­chen Urteil kom­men müss­ten wie ich: Wer den wirt­schaft­li­chen, aber auch gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Reform­be­darf Deutsch­lands igno­riert, über­lässt das Spiel­feld der AfD.

Am 21. Mai 1945 erschien die Berliner Zeitung als erste Zeitung nach dem Kriegsende am 8. Mai. Abbildung: Bundespressekonferenz (Bpk)

Am 21. Mai 1945 erschien die Ber­li­ner Zei­tung als ers­te Zei­tung nach dem Kriegs­en­de am 8. Mai. Abbil­dung: Bun­des­pres­se­kon­fe­renz (Bpk)

Heu­te wür­de ich sagen: „Don‘t shoot the mes­sen­ger.“ Das Über­brin­gen unan­ge­neh­mer, schmerz­vol­ler Infor­ma­tio­nen ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zum Kern der Bericht­erstat­tung der Ber­li­ner Zei­tung gewor­den. Ich möch­te nur anek­do­tisch eini­ge Bei­spie­le nen­nen: Schon früh hat die Redak­ti­on über mög­li­che Kol­la­te­ral­schä­den der Pan­de­mie­po­li­tik gewarnt. Schon früh haben Autoren der Ber­li­ner Zei­tung über einen wahr­schein­li­chen zwei­ten Wahl­sieg von Donald Trump nach­ge­dacht. Dass in Mei­nungs­bei­trä­gen und Berich­ten dis­ku­tiert wur­de, ob die Ukrai­ne eine krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit einem aggres­si­ven und auch ato­mar hoch­ge­rüs­te­ten Russ­land gewin­nen kann – und ob es eine Alter­na­ti­ve zur Poli­tik des Wes­tens gibt, um die impe­ria­le Expan­si­on des Kremls ein­zu­däm­men; eine Alter­na­ti­ve zu einer Stra­te­gie, die auch Eska­la­ti­ons­po­ten­zi­al birgt –, hat immer wie­der zu har­schen, oft auch unfai­ren Reak­tio­nen geführt. Als wür­de die Pole­mik gegen­über Tei­len unse­rer Bericht­erstat­tung, je här­ter sie aus­fällt, die Wirk­lich­keit von ihrer Kom­ple­xi­tät und ihren Wider­sprü­chen befrei­en. Das tut sie nicht. Daher ist es umso wich­ti­ger, offen über Chan­cen und Risi­ken poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen zu dis­ku­tie­ren, auch wenn es wehtut.

Donald Trump ist wie­der Prä­si­dent der USA, die Ukrai­ne hat den Krieg noch nicht gewon­nen, die New York Times schreibt Leit­ar­ti­kel, in denen sie beklagt, über Coro­na und den Ursprung des Virus von der US-Regie­rung betro­gen wor­den zu sein. Zudem beob­ach­ten wir (auch dar­über hat die Ber­li­ner Zei­tung mehr­fach berich­tet) ein Erstar­ken Chi­nas und des glo­ba­len Südens – und erle­ben das Selbst­be­wusst­sein eines expan­si­ven Russ­lands, das mili­tä­ri­schen Exper­ti­sen zufol­ge über die not­wen­di­gen Reser­ven ver­fügt, um den Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne auch in die­sem Jahr fort­zu­set­zen und dabei den Druck auf die EU zu erhöhen.

Gesperrte Sitzplätze im Zuschauerraum eines Gerichtssaals aufgrund der Abstandsregeln in der Coronapandemie. Abbildung: Sven Hoppe, Picture Alliance/dpa

Gesperr­te Sitz­plät­ze im Zuschau­er­raum eines Gerichts­saals auf­grund der Abstands­re­geln in der Coro­na­pan­de­mie. Abbil­dung: Sven Hop­pe, Pic­tu­re Alliance/dpa

Spiegelbild der politischen Gegenwart

Der Jour­na­list kann den Zustand die­ser Rea­li­tä­ten bekla­gen, aber er kann nicht die Augen davor ver­schlie­ßen, wie sich die Welt ent­wi­ckelt. Ansons­ten gerinnt Jour­na­lis­mus zu rei­nem Wunsch­den­ken, im schlimms­ten Fall zu einer Abspiel­form von Pro­pa­gan­da, die den Leser über die Brü­che und Wider­sprü­che des eige­nen Blick­win­kels im Unkla­ren lässt, ob aus Absicht oder Unwil­len. Wir bei der Ber­li­ner Zei­tung spie­geln Risi­ken und Chan­cen der poli­ti­schen Gegen­wart, dis­ku­tie­ren sie, loten Lösungs­we­ge aus, auch unge­müt­li­che, schwie­ri­ge, unpo­pu­lä­re, mit dem unstill­ba­ren Wil­len, einen Weg zu zeich­nen, wie wir Men­schen in Ber­lin, Deutsch­land und Euro­pa wei­ter­hin in Frie­den und Frei­heit leben und als Tei­le der Gesell­schaft koexis­tie­ren kön­nen. Vie­les, wovor Tex­te der Ber­li­ner Zei­tung in der Ver­gan­gen­heit gewarnt haben, ist ein­ge­trof­fen. Und wenn ich dies etwas keck for­mu­lie­ren darf: Hät­ten man­che Ent­schei­dungs­trä­ger unse­re Bericht­erstat­tung genau­er ver­folgt, wären sie auf schwie­ri­ge Situa­tio­nen viel­leicht bes­ser vor­be­rei­tet gewe­sen, als wir das heu­te im poli­ti­schen Ber­lin erleben.

Das aus­ge­präg­te Pro­blem­be­wusst­sein der Ber­li­ner Zei­tung, das auf der Fähig­keit zum Mul­ti­per­spek­ti­vis­mus basiert, hat sicher mit unse­rer wech­sel­vol­len 80-jäh­ri­gen Geschich­te zu tun. Aber vor allem damit, dass hier Men­schen arbei­ten, die sich mit Brü­chen und Erfol­gen, Chan­cen und Risi­ken sehr gut aus­ken­nen. Die Ber­li­ner Zei­tung ist als eines der weni­gen bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Medi­en in ost­deut­scher Hand, der Ber­li­ner Ver­lag wur­de vor sechs Jah­ren von Sil­ke und Hol­ger Fried­rich erwor­ben. Das ist nicht tri­vi­al, son­dern ein Pfund.

Das Pressehaus am Berliner Alexanderplatz, Sitz der Berliner Zeitung. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung

Das Pres­se­haus am Ber­li­ner Alex­an­der­platz, Sitz der Ber­li­ner Zei­tung. Abbil­dung: Mar­kus Wäch­ter, Ber­li­ner Zeitung

Die Brü­che und Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­run­gen, die die Men­schen hin­ter der Ber­li­ner Zei­tung erlebt und oft zu Erfolgs­ge­schich­ten umge­münzt haben, soll­ten bei unse­rer Kon­kur­renz nicht zu Abwehr­hal­tun­gen füh­ren, son­dern Neu­gier wecken für das, was wir zum Dis­kurs bei­tra­gen kön­nen. 80 Jah­re nach Grün­dung der Ber­li­ner Zei­tung und 80 Jah­re nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs braucht es eine brei­te, ergeb­nis­of­fe­ne Debat­te über die Bedin­gun­gen, wie wir die­ses sich rasant ver­än­dern­de Deutsch­land in Zukunft gestal­ten wol­len. Die­se Dis­kus­si­on soll­te alle Berei­che der Gesell­schaft mit ein­schlie­ßen. In Ost- wie in Westdeutschland.

Damit das gelingt, müs­sen wir zuein­an­der­fin­den, uns respekt­voll gegen­über­tre­ten, Dif­fe­ren­zen offen aus­dis­ku­tie­ren, ger­ne auch kon­tro­vers. Die Ber­li­ner Zei­tung lädt dazu ein, sich die­ser Dis­kus­si­on zu stel­len und ergeb­nis­of­fen über Lösun­gen zu dis­ku­tie­ren, um Mög­lich­keits­räu­me zu öff­nen und den Weg für eine fried­li­che Zukunft zu sichern. Dafür arbei­ten wir jeden Tag, mit gan­zer Kraft, mit Enga­ge­ment und Mut. Für eine offe­ne, leben­di­ge und ande­ren Mei­nun­gen gegen­über auf­ge­schlos­se­ne Gesellschaft.

Ein Mockup-Cover der Berliner Zeitung, 2025. Abbildung: Berliner Zeitung

Ein Mock­up-Cover der Ber­li­ner Zei­tung, 2025. Abbil­dung: Ber­li­ner Zeitung


Label Impulsgeber Ost

Dr. Tomasz Kurianowicz

GEBOREN: 1983/Bremerhaven
WOHNORT (aktu­ell): Berlin 
MEIN BUCHTIPP: Dirk Osch­mann: „Der Osten: eine west­deut­sche Erfin­dung: wie die Kon­struk­ti­on des Ostens unse­re Gesell­schaft spal­tet“, 2023 
MEIN FILMTIPP: „Bar­ba­ra“, 2012 
MEIN URLAUBSTIPP: Gerswalde

 

Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2BUCHTIPP:

„Denke ich an Ostdeutschland ...“

In der Bezie­hung von Ost- und West­deutsch­land ist 35 Jah­re nach dem Mau­er­fall noch ein Kno­ten. Auch die­ser zwei­te Sam­mel­band will einen Bei­trag dazu leis­ten, ihn zu lösen. Die wei­te­ren 60 Autorin­nen und Autoren geben in ihren Bei­trä­gen wich­ti­ge Impul­se für eine gemein­sa­me Zukunft. Sie zei­gen Chan­cen auf und skiz­zie­ren Per­spek­ti­ven, scheu­en sich aber auch nicht, Her­aus­for­de­run­gen zu benen­nen. Die „Impuls­ge­be­rin­nen und Impuls­ge­ber für Ost­deutsch­land“ erzäh­len Geschich­ten und schil­dern Sach­ver­hal­te, die auf­klä­ren, Mut machen sowie ein posi­ti­ves, kon­struk­tiv nach vorn schau­en­des Nar­ra­tiv für Ost­deutsch­land bilden.

„Den­ke ich an Ost­deutsch­land ... Impul­se für eine gemein­sa­me Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Neh­ring (Hgg.), PRIMA VIER Neh­ring Ver­lag, Ber­lin 2025, 224 S., DIN A4.

Als Hard­co­ver und E-Book hier erhältlich.

 

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