Tobias Kremkau, Kreisvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Altmark und Berater für die CoWorkLand e.G., ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Tobias Kremkau, Kreisvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen Altmark, Berater für die CoWorkLand e.G. Abbildung: Ruben Engel
Wer über politische Arbeit in Ostdeutschland spricht, denkt meist an Wahlergebnisse, an Polarisierung, an die Rolle der AfD. Selten richtet sich der Blick auf die Strukturen, die Tag für Tag demokratische Arbeit unter schwierigsten Bedingungen leisten – auf die kleinen Kreisverbände der demokratischen Parteien in ländlichen Regionen Ostdeutschlands.
Ich selbst bin Teil eines solchen Kreisverbands in der Altmark, einer dünn besiedelten Region im Norden von Sachsen-Anhalt, und weiß: Demokratische Arbeit hier draußen ist kein Selbstläufer, sondern eine tägliche Herausforderung – und genau genommen gar nicht mehr im eigentlichen Sinne möglich. Deshalb müssen wir neue Wege suchen, um politisch wirken zu können. Vor drei Jahren bin ich von Berlin-Friedrichshain in die Hansestadt Stendal gezogen und der (politische) Kulturschock hätte kaum größer sein können.
Eben noch war ich eines von mehreren Hundert Mitgliedern in einem Kreisverband, der nicht auf mein Engagement angewiesen war. Nun war ich einer von rund 70 Mitgliedern auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie das Saarland.
Und ich war eine von gerade einmal vier Personen, die zur nächsten Mitgliederversammlung erschienen, auf der der neue Kreisvorstand gewählt werden sollte. Eine Wahl war unter diesen Umständen nicht möglich. Der Verband stand kurz vor der Auflösung – was bedeutet hätte, dass die politische Arbeit meiner Partei in dieser Region wohl für lange Zeit zum Erliegen gekommen wäre.
Spontan erklärte ich mich bereit, Verantwortung zu übernehmen: im Vorstand mitzuarbeiten, den anstehenden Europa- und Kommunalwahlkampf zu organisieren und die Parteiarbeit sowie das Mitgliederengagement wiederzubeleben. Hier, anders als in Berlin, kam es unmittelbar auf mein persönliches Engagement an. Zwar verfügen wir inzwischen wieder über einen gewählten Kreisvorstand und erleben einen erfreulichen Zuwachs an engagierten Mitgliedern, doch die strukturellen Herausforderungen bleiben gewaltig.
Es braucht eine grundlegende Entlastung der Kommunen und eine überfällige Staatsreform.”
Fläche, Vereinzelung und Integration
Ländliche Kreisverbände – und das gilt nicht nur für meine Partei – kämpfen mit geografischen und demografischen Bedingungen, die politische Arbeit erschweren. Die Wege zwischen Mitgliedern sind lang, der ÖPNV ausgedünnt und digitale Kommunikation ist kein vollwertiger Ersatz, wenn der persönliche Austausch fehlt. Die geringe Bevölkerungsdichte spiegelt sich in kleinen Mitgliederzahlen wider. Wer sich engagiert, trägt oft überproportional viel Verantwortung und ist selten ersetzbar.
Hinzu kommt ein Phänomen, das vielleicht meiner Partei in besonderem Maße eigen ist: Der überwiegende Teil unserer Mitglieder – und nahezu alle Neumitglieder der letzten Jahre – sind Zugezogene, häufig westdeutsch sozialisiert. Das bringt durchaus Vorteile mit sich: Sie tragen ein anderes, oft selbstverständliches Bild unserer Partei in sich. Doch gleichzeitig fehlt es ihnen meist an gewachsenen lokalen Netzwerken und tiefen biografischen Bezügen zur Region.
Das führt zu einem Paradox: Viele Menschen in der Altmark haben eine Meinung zu uns – häufig geprägt von medialen Narrativen –, doch kaum jemand kennt ein Mitglied persönlich. Unsere Mitglieder wiederum suchen in der Partei nicht nur politische Mitgestaltung, sondern auch Anschluss, Orientierung, ein soziales Netz in einer für sie neuen Umgebung. Das weckt neue Erwartungen an die Parteiarbeit – sie wird zur Integrationsaufgabe im besten Sinne.

Pendleraktion „Zuhören“: mit den Leuten ins Gespräch kommen. Abbildung: privat/Tobias Kremkau
Ehrenamt unter Druck
Hinzu tritt eine strukturelle Überforderung: Ohne hauptamtliche Unterstützung, ohne Geschäftsstellen oder angestelltes Personal schultern wenige Engagierte die gesamte politische Infrastruktur – von Organisation und Kommunikation über Veranstaltungen bis hin zu Wahlkämpfen. Viele dieser Aktiven sind im fortgeschrittenen Alter; jüngere Menschen fehlen. Sie zieht es – aus nachvollziehbaren Gründen – in die Städte. Wer in der Region bleibt, ist meist bereits stark eingespannt, sei es beruflich, familiär oder beides. Das ehrenamtliche Engagement, das die demokratische Arbeit vor Ort überhaupt erst ermöglicht, wird so zur dauerhaften Belastung.
Gleichzeitig schreitet ein besorgniserregender gesellschaftlicher Wandel voran: Der spürbare Rechtsruck und die zunehmenden Anfeindungen gegenüber ehrenamtlich Engagierten, die sich für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung einsetzen, schrecken immer mehr Menschen ab. Viele ziehen sich ins Private zurück und wünschen sich dies als unpolitischen Raum. Politik soll draußen bleiben: aus den Vereinen, von den Esstischen, aus den Skatrunden.
Doch wir leben in einer Parteiendemokratie. Es ist elementar für das Funktionieren unseres Gemeinwesens, dass sich Menschen in Parteien engagieren und über sie in die Räte und Parlamente auf allen Ebenen hineinwirken. In Ostdeutschland jedoch wirkt das historisch belastete Verhältnis zu Parteien und politischem Engagement fort – verschärft durch die fortschreitende Radikalisierung der politischen Rechten. Dies führt zu einer Atmosphäre der Abschreckung, die unser demokratisches Fundament ins Wanken bringt.

Flyer verteilen: mit Hilfe vom Nachwuchs. Abbildung: privat/Tobias Kremkau
Sichtbar bleiben – ohne Bühne
Ein weiteres strukturelles Problem liegt in der öffentlichen Sichtbarkeit. In einer Region mit lediglich zwei Tageszeitungen und geringem medialen Interesse an politischen Themen jenseits der großen Schlagzeilen ist es schwer, überhaupt Gehör zu finden. Soziale Medien bieten zwar theoretisch alternative Kanäle – doch in der Praxis stoßen sie rasch an ihre Grenzen: mangelhafte Netzabdeckung, geringe Reichweiten und digitale Unsicherheit erschweren die Kommunikation zusätzlich. Oft ist nicht einmal klar, wer die Zielgruppe ist und wofür wir eigentlich kommunizieren. Strategische Öffentlichkeitsarbeit wird unter solchen Voraussetzungen zur Herausforderung.
Empfehlungen, auf Plattformen wie Tiktok zu setzen, laufen in einer dünn besiedelten Region mit einer überalterten Bevölkerung ins Leere. Und wir müssen uns – bei allem Verständnis für moderne Wahlkampfformate – nicht mit dem neuesten Trend-Tanz blamieren, nur um Parteifreunden in Stuttgart, Düsseldorf oder Hamburg zu gefallen. Solche Aktionen mögen anderswo sinnvoll sein, sie tragen jedoch kaum dazu bei, unsere Präsenz und unser Ansehen vor Ort zu stärken.
Immerhin leisten wir uns – im Gegensatz zu vielen anderen Kreisverbänden – noch eine eigene Geschäftsstelle. Auf über 4.500 km2 macht das immerhin zwei Fensterscheiben eines ehemaligen Ladengeschäfts mit unserem Logo sichtbar. Eine Teilzeitstelle mit zehn Wochenstunden können wir uns allerdings nur dank einer Förderung unseres Bundesverbandes leisten.
Dass progressiver Politik im ländlichen Osten mit Skepsis begegnet wird, ist kein Geheimnis. In vielen Regionen sitzen tief verwurzelte Ressentiments gegen „die da oben“, gegen Veränderung, gegen grüne Ideen. Wer sich öffentlich positioniert, setzt sich Anfeindungen aus. Die Dominanz rechter Diskurse prägt zunehmend das gesellschaftliche Klima – sie erschwert nicht nur die politische Arbeit, sondern macht sie mitunter auch riskant.
Und doch erfüllen gerade kleine Kreisverbände eine unverzichtbare Funktion: Sie sichern demokratische Präsenz – oft als einzig sichtbare Alternative zu autoritären und populistischen Kräften. Wir schaffen Räume für Austausch und Begegnung, engagieren uns in Bürgerinitiativen, wirken in Gemeinderäten mit und bringen lokale Perspektiven in politische Debatten ein: etwa zu Mobilität, Landwirtschaft, Daseinsvorsorge oder der Energiewende.
Dabei geht es nicht um Dauerpräsenz oder Lautstärke, sondern um Verlässlichkeit. Um die leisen Stimmen, die nicht verstummen. Um Orte, an denen Menschen zusammenkommen und gemeinsam überlegen, wie ein gutes Zusammenleben gelingen kann – auf dem Land, mit all seinen Besonderheiten und Herausforderungen. Deshalb lohnt es sich weiterhin, sich in einer demokratischen Partei zu engagieren. Aber wir müssen politische Arbeit neu denken.

Werben für ein Miteinander in der Altmark und dem Jerichower Land. Abbildung: privat/Tobias Kremkau
Was sich ändern muss
Aus meinen bisherigen Erfahrungen lassen sich einige grundlegende Einsichten ableiten.
Erstens: Kreisverbände im ländlichen Raum brauchen gezielte, dauerhafte Unterstützung durch ihre Bundes- und Landesverbände – personell, finanziell und organisatorisch. Ohne diese strukturelle Rückendeckung bleibt das Engagement Einzelner überlastet und auf Dauer kaum tragfähig. In den Parteizentralen muss ankommen, dass sich die politische Realität nicht allein nach der Zahl der Stimmen bemisst. Wer den ländlichen Raum nur als zahlenmäßig schwachen Wahlkreis betrachtet, verkennt seine Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn wenn Regionen aus dem demokratischen Konsens kippen, hilft keine progressive Mehrheit in der nächsten Großstadt – dann bricht das Fundament unserer Gesellschaft.
Zweitens: Der ländliche Raum darf nicht länger nur mitgedacht werden – er muss als gleichwertiger politischer Gestaltungsraum anerkannt werden. Mit eigenen Herausforderungen, aber auch mit eigenem Potenzial. Es reicht nicht, von der Landeshauptstadt aus mit der Gießkanne über Förderprogramme zu handeln. Es braucht echte Beteiligung, echte Gestaltungshoheit. Menschen vor Ort müssen selbst entscheiden können, was gefördert wird und wie.
Drittens: Wer demokratische Verankerung flächendeckend sichern will, muss dort investieren, wo es unbequem, kleinteilig und wenig prestigeträchtig ist. Das heißt: in Strukturen, die heute zu oft auf Verschleiß laufen. Doch dafür braucht es mehr als wohlmeinende Sonntagsreden – es braucht eine grundlegende Entlastung der Kommunen und nicht weniger als eine überfällige Staatsreform. Denn – und hier spannt sich der Bogen vom kleinen, überlasteten Kreisverband bis hin zur Bundesrepublik – unser demokratisches Fundament bröckelt. Und das beginnt ganz unten, auf kommunaler Ebene.
Der viel zitierte „Luxus der Leere“ ist dabei keine romantische Kulisse, sondern eine widersprüchliche Realität. Sie bietet Freiraum für neue Ideen, für ein anderes Miteinander. Aber sie verlangt auch Verantwortung: für Zugehörigkeit, Beteiligung, Vertrauen – die Grundpfeiler einer lebendigen Demokratie.
Diesen Raum dürfen wir nicht den Lautesten und Radikalsten überlassen. Sondern wir müssen diejenigen stärken, die bereit sind, ihn gemeinsam mit anderen zu gestalten – verlässlich, empathisch, demokratisch.

Wahlkampf: Wenige Schultern tragen viel. Abbildung: privat/Tobias Kremkau
Tobias Kremkau
GEBOREN: 1985/Magdeburg
WOHNORT (aktuell): Magdeburg
MEIN BUCHTIPP: Christian Bangel: „Oder Florida“, 2017
MEIN FILMTIPP: „Zwei zu eins“, 2024
MEIN URLAUBSTIPP: Kühlungsborn, Mecklenburg-Vorpommern
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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