Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende der Sächsischen Aufbaubank - Förderbank - (SAB), ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende Sächsische Aufbaubank - Förderbank - (SAB). Abbildung: Hendrik Schmidt, SAB
Das kleine Städtchen Lieberose nah am Spreewald war in meiner Jugend in den 70er-Jahren nur einer von vielen Orten in Brandenburg. Wer hier aufwuchs und etwas erreichen wollte, musste die Ärmel hochkrempeln. Meine Eltern waren Lehrer. Bildung war bei uns zu Hause selbstverständlich und ließ mich früh erahnen, dass der Zugang zu Wissen und systematischem Denken Türen öffnen kann. Ich wollte unbedingt studieren und schaffte als Einzige unter 50 Schülern meines Jahrgangs den Zugang zum Abitur.
Leistung lohnt sich, dachte ich. Vom hochfliegenden Wunsch eines Jurastudiums an der Humboldt-Uni landete ich mit Rechnungsführung und Statistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig auf dem Boden der damaligen Tatsachen. Die DDR-Führung hatte meinen Studienwunsch dorthin gelenkt, weil die Planwirtschaft „Wirtschaftskapitäne“ brauchte. Nicht resignieren und aufgeben, sondern dranbleiben am eigenen Weg, auch wenn es Umwege braucht, wurde für mich zur Haltung. Viele aus meiner Generation lernten durch verordnete Umwege Ausdauer und Resilienz. Prägende Eigenschaften, deren Bedeutung mir erst später bewusst wurde und die wir in Ostdeutschland heute wieder mehr denn je gebrauchen können.
Die Wendezeit erlebte ich zwischen dem Uniriesen und der Moritzbastei in Leipzig. Die Montagsdemonstrationen, das Hoffen, das Zweifeln, schließlich die Nachricht vom offenen Grenzübergang – all das hat mich tief bewegt. Es war eine Zeit, in der Veränderung greifbar wurde. Und in der viele lernten: Zukunft beginnt da, wo Menschen Verantwortung übernehmen und sich verbinden.
Die Mauer fiel und damit öffnete sich eine neue Welt – eine Welt voller Chancen, aber auch voller Unsicherheiten. In dieser Zeit wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, sich in einer Welt des Wandels nicht nur anzupassen, sondern diese aktiv zu gestalten. Mit der Aufbruchstimmung der Wende im Rücken wurde ich als eine von wenigen Absolventen der DDR 1990 für ein Masterstudium an der University of Sussex ausgewählt. Mit rudimentären Englischkenntnissen im Gepäck ließ ich mich auf das Unbekannte ein. Ich beklebte alle Wände meiner kleinen Studentenbude mit Vokabel-Post-its, lernte unermüdlich und schaffte einen guten Abschluss. Diese Einstellung begleitet mich bis heute: mutig neue Wege gestalten, sich ständig weiterentwickeln durch innovative und pragmatische Lösungen, aber auch durch Disziplin und intensive Arbeit.
Die ersten Jahre nach dem Mauerfall bedeuteten neben dem äußeren auch einen inneren Wandel der Gesellschaft. Viele, die sich in der DDR eingeengt gefühlt hatten, entdeckten neue Möglichkeiten. Der äußere Übergang von einem System in ein anderes stellte uns vor die innere Frage: Was machen wir mit diesen neuen Chancen?
Im Osten gibt es Potenzial, Klarheit, Bodenhaftung. Es gibt den Wunsch, etwas zu bewegen.”
Förderung neu denken
Nach meiner Promotion zur Wohnungspolitik im vereinten Deutschland durfte ich im Sächsischen Innenministerium an der Wohnungspolitik und -förderung mitwirken. Später folgten 20 Jahre bei der KfW-Bankengruppe in Frankfurt/Main, Berlin und Bonn, die für mich prägend waren. Förderung wurde mein Beruf, um vielen Menschen, egal aus welchem „Lieberose“ sie kommen, Chancen zu eröffnen. Sie kann ganze Regionen stärken – gerade dort, wo Strukturen im Wandel sind. Ich bin überzeugt, dass Förderung wirkt, wenn sie gezielt und nachvollziehbar eingesetzt wird.
Doch in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass Förderung auch lähmen kann. Komplexe Förderprozesse und unübersichtliche Programme überfordern mit Bürokratie und Intransparenz. Zudem ist festzustellen, dass sich bei der Wahl der Finanzierungsinstrumente mit der Zeit eine starke Tendenz in Richtung Zuschuss entwickelt hat, die in Zeiten knapper Kassen an ihre Grenzen stößt. Förderung ist ein gutes Beispiel dafür, dass immer mehr nicht immer besser ist. Wir müssen uns ehrlich fragen: Hat das Zukunft – oder kann das weg? Zahlt die Förderung auf die Prioritäten ein, die wir heute und künftig haben? Es geht nicht um „viel hilft viel“, sondern um Relevanz, Wirkung und Zukunft. Die Zeit zum Handeln ist gekommen. In Sachsen konnten wir in der Fördervereinfachungskommission II bereits 2022 eine ehrliche Bestandsaufnahme vornehmen und 17 weitreichende Empfehlungen abgeben. Vieles fand Eingang in den aktuellen Koalitionsvertrag der sächsischen Staatsregierung.
Auf Bundesebene hat der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung zu Jahresbeginn den Befund ebenfalls adressiert. Unter dem Titel „Funding our tomorrow“ werben wir Mitglieder für eine unabhängige Überprüfung aller Bundes- und Landesförderprogramme, um die Subventionsvielfalt, -höhe und -wirkung auf Nachhaltigkeitsziele und mögliche Überschneidungen und Synergien transparent zu machen. Wir machen uns stark für einfache und standardisierte Berichtspflichten und Wirkungsmessung sowie konsolidierte Förderinstrumente.
Was wir brauchen, ist eine Rückbesinnung auf das Wesentliche auf allen staatlichen Ebenen: Förderung als Mittel zum Zweck, als Anreizsetzung, nicht als Dauerlösung. Förderpolitik sollte den Mut zur Lücke haben – zur gezielten Auswahl statt zur Gießkanne. Und zur stärkeren Mobilisierung von privatem Kapital und Engagement. Nur so lässt sich Bürokratie abbauen und Vertrauen zurückgewinnen. So gewinnen wir Spielraum zur Unterstützung von Zukunftsthemen!

Unternehmenssitz der Sächsischen Aufbaubank in Leipzig. Abbildung: Albrecht Voss
Digitalisierung mit Haltung
Als ich 2020 zur Sächsischen Aufbaubank (SAB) kam, war das ein Heimkommen mit Verantwortung. Wie zur Wendezeit sah ich Chancen, die ich mitgestalten wollte – in der Überzeugung, dass gerade der Osten Raum für Neues bietet. Seit 2020 verfolgen wir in der SAB ein klares Ziel: Wir wollen uns zukunftsfähig, beweglich und wirksam aufstellen, um die nachhaltige und digitale Transformation in Sachsen zu unterstützen. Seither haben wir uns wirtschaftlich, prozessual und technologisch kontinuierlich weiterentwickelt. Heute bewältigen wir deutlich schneller deutlich mehr Fördervolumen und Darlehensgeschäft mit weniger Personal. Dies wurde möglich durch eine stark gestiegene Digitalisierung unserer Förderprozesse. Konnten 2020 nur 24 Programme digital beantragt werden, sind es heute über 130.
So wird Förderung als Pars pro Toto ein Sinnbild für die notwendige Modernisierung unseres Landes. Digitalisierung ist jedoch nur ein Teilgarant für Fortschritt. Erst die Kombination aus moderner Technik, klaren Prozessen und einer Haltung, die auf Transparenz und Zusammenarbeit setzt, entfaltet echte Transformationskraft. Diese Haltung entwickeln wir weiter – in der SAB, aber auch in der Zusammenarbeit mit Ministerien, Kunden und Partnern. Es geht darum, dass wir die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten, neu denken. Die digitale Transformation muss in den Köpfen beginnen – sie muss ein kultureller Wandel sein.

Dr. Katrin Leonhardt (rechts) mit Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum 2025. Abbildung: David Brähler
Verwaltung als Ermöglicherin
Die Pandemie war Zäsur und Katalysator zugleich. Sie hat uns gezeigt, wie verletzlich Systeme sind und wie schnell sich alles ändern kann. Wir leben nicht mehr in einer VUCA-, sondern in einer BANIWelt: brüchig, ängstlich, nicht-linear, unbegreiflich. In solchen Zeiten braucht es eine neue Führungskultur. Vertrauen statt Kontrolle. Kooperation statt Silodenken. Haltung statt Formalismus. Vernetztheit statt Alleingänge.
In der SAB haben wir daraus Konsequenzen gezogen. Wir haben diesen Anspruch in unseren umfassenden Strategie- und Transformationsprozess von Anfang an einfließen lassen. Wir verfolgen eine integrierte Weiterentwicklung in den drei Dimensionen Strategie, Strukturen/Prozesse und Kultur. Iterativ, lernend, an der Wertschöpfung orientiert, partizipativ und messbar. Dabei dauert vieles immer noch sehr lange und auch Rückschläge bleiben nicht aus: „Sometimes we win, sometimes we learn.“ Ich nehme wahr, wie im Kleinen noch sehr langsam, aber immerhin eine neue Vision von öffentlicher Verwaltung entsteht. An die Stelle von Kontrollieren, Regulieren und Sanktionieren tritt immer häufiger Ermöglichen, Wege bereiten, partnerschaftlich unterwegs sein. Dafür müssen wir uns noch dringlicher fragen: Bringt etwas wirklich Mehrwert und Wirkung, was ist das Ergebnis oder verwalten wir den Status quo? Diese Frage ist unbequem, aber notwendig, damit staatliche Institutionen künftig mehr Vertrauen schaffen, Orientierung geben und Innovationen ermöglichen. Wenn wir sie neu denken – mit klarem Kompass und echtem Gestaltungswillen.

Dr. Katrin Leonhardt (links) mit der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum 2025. Abbildung: David Brähler
Ostdeutsche Perspektiven einbringen
Auch nach 35 Jahren sind die DDR-Prägung und die Wendeerfahrung Ostdeutscher regelmäßig Thema. Statistiken und Umfragen belegen unterschiedliche Entwicklungen und Wahrnehmungen zwischen Ost und West. Zahlen zeigen, dass ostdeutsche Biografien unterrepräsentiert sind – in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft. Ich finde es gut, dass ostdeutsche Perspektiven stärker sichtbar werden – nicht per Quote, sondern als Qualität. Ostdeutsche können reflektierte Erfahrungen einbringen, die heute relevant sind: Transformation, Resilienz, Neuorientierung. Die Sozialisation in unterschiedlichen Systemen, unterschiedliche Wertvorstellungen und die Umbrucherfahrungen können zur Vielfalt von Perspektiven beitragen, die unser Land weiterbringen. Ostdeutsche Führungspersönlichkeiten können Brücken schlagen – zwischen alten und neuen Systemen, zwischen Verwaltung und Innovation, zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Ostdeutsche Regionen haben enorme Innovationsfähigkeit bewiesen. Der Umbau ganzer Wirtschaftsstrukturen, das Entstehen neuer Netzwerke, die Selbstverständlichkeit, mit weniger Mitteln mehr zu schaffen – das alles verdient mehr Sichtbarkeit. Nicht als Ostalgie, sondern als Kompetenz. Der Osten hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass er mit Herausforderungen nicht nur umgehen, sondern auch neue Chancen ergreifen kann.
Ich glaube an die Kraft der Menschen vor Ort, an die Energie engagierter Personen und Institutionen, an die Wirkung klarer Entscheidungen. Ich bin zurückgekommen, weil ich weiß: Im Osten gibt es mehr als Nachwendebiografien. Es gibt Potenzial, Klarheit, Bodenhaftung. Es gibt den Wunsch, etwas zu bewegen. Führung bedeutet für mich nicht, alle Antworten zu haben, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Zukunft braucht Haltung, nicht Perfektion. Sie braucht Menschen, die Verantwortung nicht nur annehmen, sondern ausfüllen. Der Osten ist ein Möglichkeitsraum. Wer hier gestalten will, findet Resonanz. Das ist nicht immer leicht – aber es ist wertvoll.

Kommunikation auf Augenhöhe: mit Vorstandsmitglied Ronald Kothe und Beschäftigten. Abbildung: Hendrik Schmidt
Sächsische Aufbaubank - Förderbank - (SAB)
GEGRÜNDET: 1991
STANDORTE: Leipzig, Dresden
MITARBEITENDE: 1.065
WEBSITE: sab.sachsen.de
Dr. Katrin Leonhardt
GEBOREN: 1966/Lieberose (Brandenburg)
WOHNORT (aktuell): Leipzig
MEIN BUCHTIPP: Ilko-Sascha Kowalczuk: „Freiheitsschock“, 2024
MEIN FILMTIPP: „Das Leben der Anderen“, 2006
MEINE URLAUBSTIPPS: Schlepzig im Spreewald
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |





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