Frank Nehring, Herausgeber von Wirtschaft+Markt, Gründer des Ostdeutschen Wirtschaftsforum und Präsident des MPW Forums für Medien, Politik und Wirtschaft e.V., ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Frank Nehring, Herausgeber Wirtschaft+Markt, Gründer Ostdeutsches Wirtschaftsforum, Präsident MPW Forum für Medien, Politik und Wirtschaft e.V. Abbildung: Deutschland - Land der Ideen, Bernd Brundert
Denke ich Ostdeutschland, dann denke ich an Verbundenheit, offenen Austausch untereinander, gesundes Selbstbewusstsein, gepaart mit Optimismus und Zukunftsgewandtheit – und wie wir mehr davon bekommen können.
Die ostdeutschen Bundesländer haben sich in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich und gesellschaftlich beachtlich weiterentwickelt. Einen entscheidenden Anteil an dieser positiven Entwicklung haben die Wirtschaftsnetzwerke, die als Plattformen für Austausch, Kooperation und strategische Entwicklung fungieren.
Diese Netzwerke sind häufig noch jung und oftmals Ableger gesamtdeutscher Mutterverbände. Sie beginnen erst jetzt, generationsübergreifend Wirkung zu entfalten. Das Bedürfnis nach Austausch und Organisation wächst spürbar. Dennoch bestehen gegenüber etablierten Strukturen wie Parteien, Verbänden oder juristischen Institutionen weiterhin Vorbehalte. Diese Skepsis führt nicht selten zur Bildung kleiner, abgeschotteter Netzwerke, die es aus eigener Kraft schwer haben, nachhaltige Wirksamkeit zu entfalten. Dabei sind Netzwerke gerade im Osten so wichtig, denn auch hier besteht Nachholbedarf. Oft sind es informelle Veranstaltungen, die Gleichgesinnte zusammenbringen, Dialog fördern und Netzwerke ganz natürlich entstehen lassen – wie etwa das Ostdeutsche Wirtschaftsforum (OWF).

2016: Bundesforschungsministerin Prof. Johanna Wanka spricht auf dem ersten Ostdeutschen Wirtschaftsforum. Abbildung: Succo
Das OWF: Vom Experiment zur Institution
Das Ostdeutsche Wirtschaftsforum wurde 2016 vom Verlag des Wirtschaftsmagazins Wirtschaft+Markt ins Leben gerufen – ursprünglich als Testlauf, um zu klären, ob ein Interesse an ostdeutscher Identität überhaupt noch besteht. Der Begriff „Ostdeutschland“ war lange Zeit negativ behaftet und durch den föderalen Aufbau mit fünf neuen Bundesländern und einem vereinten Berlin nicht mehr eindeutig greifbar. Viele fühlten sich wohler als Norddeutsche, Thüringer, Deutsche oder Europäer – aber kaum jemand wollte sich offen als „Ostdeutscher“ bezeichnen.

2022: Das Ostdeutsche Wirtschaftsforum in Bad Saarow findet unter dem Motto „Wir gestalten Transformation“ statt. Abbildung: Deutschland - Land der Ideen, Bernd Brundert
Der Zeitgeist ändert sich
Doch in den letzten zehn Jahren hat sich das Bewusstsein verändert. Das OWF traf einen Nerv – sowohl bei Unternehmern aus den neuen Bundesländern als auch in der Politik auf Landes- und Bundesebene. Die Versprechen von „blühenden Landschaften“ und gleichwertigen Lebensverhältnissen blieben zum Teil unerfüllt – ein Umstand, der das OWF als ostdeutsch geprägte Plattform zusätzlich politisch aufwertete. Zwei Gründe erklären das Interesse im Besonderen: die lange Verdrängung der ostdeutschen Realität, selbst unter Ostdeutschen, und die mangelnde mediale Sichtbarkeit wirtschaftlicher Erfolge, trotz zahlreicher positiver Beispiele.
Das OWF bot erstmals systematisch eine Bühne für wirtschaftliche Erfolgsgeschichten, Standortvorteile und Leuchtturmprojekte des Ostens. So förderte es ein neues zukunftsorientiertes Selbstverständnis und neue Initiativen.
Dialog schafft Vertrauen und Netzwerke
Zielgruppe des Forums waren von Beginn an verantwortliche und engagierte Vertreter von Unternehmen, Industrie- und Handels sowie Handwerkskammern, Wirtschaftsverbänden, der Landespolitik und den Wirtschaftsförderern in Ostdeutschland. Gesucht wurde nicht der Wettbewerb mit anderen Bundesländern oder Rechtfertigungsversuche jedweder Art, sondern das Gemeinsame als Grundlage für Zukunftsideen. Es entstand ein Raum für den Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. In Workshops, Vorträgen und Podien wurden nicht nur Wissen und Kontakte geteilt, es wurde auch gegenseitiges Verständnis aufgebaut. So entstanden viele neue Verbindungen – ob zwischen Start-ups und etablierten Förderern oder zwischen Unternehmern und politisch Verantwortlichen.
Das Forum wurde zur Keimzelle eines echten Netzwerks: Die OWF-Community war geboren. Das Format gewann stetig an inhaltlicher Relevanz, ohne seine Funktion als Ort der Begegnung zu verlieren. Um das Ostdeutsche Wirtschaftsforum von lokalen oder regionalen Wirtschaftskonferenzen abzugrenzen, bei denen es in der Regel um aktuelle und vor allem tagespraktische Fragen ging, positionierten die Veranstalter das OWF als „Davos des Ostens“. Noch im zehnten Jahr seines Bestehens ist diese Definition in vielen Köpfen als eine Art Unique Selling Proposition (USP).

2019: Olaf Scholz besucht das „Davos des Ostens“, damals noch als Vizekanzler und Bundesfinanzminister. Abbildung: S. Welscher
Medienresonanz nur mit Politprominenz
Ein Wermutstropfen blieb: Die mediale Aufmerksamkeit war zunächst gering – obwohl das OWF von Anfang an darauf abzielte, ein positives Bild Ostdeutschlands zu vermitteln. Erst durch hochrangige politische Gäste – wie Vizekanzler Sigmar Gabriel oder Bildungsministerin Johanna Wanka beim ersten OWF im Jahr 2016 – gelang ein vorsichtiger Sprung in die überregionalen Medien. Kanzlerin Angela Merkel blieb zwar dem OWF fern, aber Olaf Scholz präsentierte sich als Vize- und dann als Bundeskanzler beim OWF. Er sprach sich für den Osten aus und sorgte so für ein deutlich größeres Medienecho in den Folgejahren. Dies fand dann seine Fortsetzung beim OWF25, wo die noch junge Bundesregierung des Jahres 2025 mit Finanzminister, Wirtschaftsministerin und Ostbeauftragter vertreten war.

2025: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche beim OWF. Abbildung: Deutschland - Land der Ideen, Bernd Brundert
Netzwerke schaffen neue Netzwerke
Ein besonderes Verdienst des OWF war es, dass sich aus der Community weitere Netzwerke bilden konnten, die über das jährliche Treffen hinausgehen. So entstanden beispielsweise der CEOKreis oder der Saarower Kreis.
Der CEO-Kreis ist ein exklusives Format des OWF für Entscheidungsträger ostdeutscher Unternehmen. Ziel ist der strategische Austausch zu relevanten Themen – mit dem Anspruch, Impulse in die Politik zu geben.
Auch der Saarower Kreis, ein informeller Zusammenschluss von hauptsächlich führenden ostdeutschen Wirtschaftsverbänden, entstand beim OWF im Jahr 2024. Er agiert mittlerweile unabhängig vom Ostdeutschen Wirtschaftsforum als Plattform für regelmäßigen Austausch und hat die Erarbeitung des ifo Faktenmonitors Ostdeutschland 2025 angeregt.
10 Erfolgskiller für Netzwerke
Nicht alle Netzwerke können erfolgreich sein. Was auf den ersten Blick leicht aussieht, ist in der Praxis komplex. Hier sind zehn Punkte, die aus meiner persönlichen Erfahrung heraus für Netzwerke gefährlich werden können. Sie hemmen Wirksamkeit, lähmen Entwicklung oder führen zur Bedeutungslosigkeit:
Erstens: unklare Zielsetzung. Wenn ein Netzwerk nicht weiß, wofür es eigentlich steht oder welche konkreten Ziele es verfolgt, verliert es schnell an Relevanz. Die Verständigung zu den Zielen ist elementar. Eine Vision zu entwickeln und daraus ein attraktives Narrativ zu bestimmen, ist nicht einfach, aber sehr hilfreich.
Zweitens: mangelndes Engagement der Mitglieder. Ohne aktive Beteiligung und verbindliches Handeln entsteht keine Dynamik – Netzwerke werden träge und wirken nur noch formal. Je prominenter die Mitglieder, desto voller ist der Terminkalender. Ohne eine hohe Priorität des Netzwerkes sind die Erfolgschancen gering. Guter Wille ist zu wenig.
Drittens: Dominanz einzelner Akteure. Wenn wenige Personen oder Institutionen das Netzwerk dominieren, entsteht kein echter Austausch – neue Ideen und Stimmen gehen verloren. Empfehlenswert: die Mitwirkung aller Mitglieder als Thema in das Feedback einbeziehen.
Viertens: fehlende Offenheit gegenüber anderen Netzwerken. Abschottung verhindert Synergien, Vernetzung und überregionale Wirksamkeit. Übertriebene Wettbewerbsängste oder Selbstüberschätzung sind oft die Gründe dafür, manchmal sind es auch einfach nur Unwissenheit und Desinteresse.
Fünftens: Abhängigkeit von öffentlicher Förderung. Befristete Fördermittel können zu kurzfristigem Aktionismus führen – ohne langfristige Wirkung. Oftmals finanziert man nur den zusätzlichen bürokratischen Aufwand und schottet sich ab.
Sechstens: keine Nachfolge- oder Generationsstrategie. Wenn Netzwerke nicht verjüngt werden, altern sie mit ihren Gründungsmitgliedern und verlieren Anschluss. Auch Generationsnetzwerke sind davon betroffen.
Siebentens: unklare Rollen und Verantwortlichkeiten. Ohne klare Strukturen verlaufen Aktivitäten im Sand. Zuständigkeiten und Verantwortungen müssen benannt sein. Hier geht es nicht um klassische Funktionsbezeichnungen.
Achtens: reine Veranstaltungsorientierung ohne inhaltliche Substanz. Netzwerke, die sich auf Events beschränken, aber keine weiterführende Arbeit leisten, wirken oberflächlich und sind es auch oft genug.
Neuntens: konfliktscheue statt konstruktive Auseinandersetzung. Netzwerke, in denen Kritik nicht möglich ist, entwickeln sich nicht weiter.
Zehntens: keine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen. Netzwerke, die sich nicht an neue wirtschaftliche, technologische oder gesellschaftliche Entwicklungen anpassen, verlieren ihre Relevanz.
Ein Netzwerk ist also mehr als ein gelegentliches Treffen Gleichgesinnter. Es lebt von Tiefe, Verbindlichkeit und der Bereitschaft seiner Mitglieder, sich dauerhaft einzubringen. Gute Ansätze und wohlwollende Absichten reichen nicht – Prioritäten müssen stimmen. Fehlt das persönliche Engagement, scheitert selbst das beste Konzept.
Ein Beispiel ist die Initiative Unternehmensnachfolge in Ostdeutschland. Viele Gründer der Nachwendezeit suchen heute Nachfolger. Doch Übergaben sind komplex – rechtlich, steuerlich, emotional. Obwohl es viele Beratungsangebote von Industrie- und Handelssowie Handwerkskammern, Banken, Beratungen und anderen gibt, agieren die meisten Institutionen isoliert voneinander. Der Versuch, eine Zusammenarbeit aller Player für Ostdeutschland in der genannten Initiative zu organisieren, scheiterte am mangelnden Kooperationswillen. Auch das ist Realität.
Mein persönliches Fazit
Netzwerken ist wichtig. Gerade in Ostdeutschland dürfen wir nicht nachlassen, aktiv Netzwerke zu gestalten. Diese Netzwerke müssen zukunftsgerichtet sein. Rechtfertigungs- oder Frustabbau-Runden sind nicht zielführend. Lokale und regionale Netzwerke sollten überregionale Partnerschaften anstreben, zumindest bezogen auf die Wirtschaftsregion Ostdeutschland. Generationsnetzwerke sollten den Austausch mit anderen Generationen bzw. Generationsnetzwerken suchen. Und last but not least: Netzwerke, die ihren Zweck erfüllt haben, sollten sich auflösen.
Frank Nehring
GEBOREN: 1953/Ostberlin
WOHNORT (aktuell): Ostberlin
MEIN BUCHTIPP: Christoph Hein: „Das Narrenschiff“, 2025
MEIN DOKUTIPP: „Es ist kompliziert… – Der Osten in den Medien“, 2024
MEIN URLAUBSTIPP: Usedom, Balmer See
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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