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Dr. Sabine Bergmann-Pohl: Gedanken zur deutschen Einheit

Am 3. Okto­ber 2025 fei­er­te Deutsch­land 35 Jah­re deut­sche Ein­heit. Die Tei­lung ver­lief nicht nur in Ber­lin mit­ten durch Orte hin­durch. Die ehe­ma­li­ge Volks­kam­mer­prä­si­den­tin und Bun­des­mi­nis­te­rin Frau Dr. Sabi­ne Berg­mann-Pohl beschreibt den Weg von der Tei­lung zur Vereinigung.

Dr. Sabine Bergmann-Pohl spricht in ihrem Gastbeitrag über die Teilung in Mödlareuth. Abbildung: Deutsche Gesellschaft e. V.

Dr. Sabi­ne Berg­mann-Pohl beschreibt den Weg von der Tei­lung zur Ver­ei­ni­gung. Abbil­dung: Deut­sche Gesell­schaft e. V.

Kürz­lich folg­te ich einer Ein­la­dung nach Möd­lareuth, jenem his­to­ri­schen Ort an der eins­ti­gen inner­deut­schen Gren­ze, dem auch das Ber­li­ner Schick­sal der Tei­lung wider­fuhr. Hier wur­de eine neue Aus­stel­lung ein­ge­weiht. Grund genug, die jüngs­te deut­sche Geschich­te Revue pas­sie­ren zu las­sen. Auch wenn der Weg vom „Big Ber­lin“ ins „Litt­le Ber­lin“ nicht ganz ein­fach war, bin ich der Ein­la­dung gern gefolgt. Nicht zuletzt weil die geo­gra­fi­schen Bedin­gun­gen ein­mal mehr Erin­ne­run­gen frei­setz­ten. Und das waren vor allem bio­gra­fi­sche Eck­da­ten, die mich sowohl mit Thü­rin­gen als auch Ber­lin ver­bin­den. Denn gebo­ren bin ich in Eisen­ach, auch eine thü­rin­gi­sche Grenz­stadt, wenn­gleich jen­seits der Gren­ze das Bun­des­land Hes­sen liegt und nicht Bay­ern. Aber von Bay­ern und Hes­sen sprach man in Eisen­ach und der DDR ohne­hin nicht. Son­dern das war der Wes­ten, wie alles hin­ter Mau­er und Sta­chel­draht Wes­ten war, egal ob im Nor­den oder im Süden. Thü­rin­gen ist für mich immer noch Hei­mat, obwohl mei­ne Fami­lie 1957 nach Ost­ber­lin zog.

Nun ist die Geschich­te von Möd­lareuth eine ganz beson­de­re. Spek­ta­ku­lär alle­mal, auch wenn zu befürch­ten ist, dass vie­le unse­rer Lands­leu­te auf eine Nach­fra­ge mit dem Namen noch immer wenig anfan­gen kön­nen. Mit Schre­cken den­ke ich dar­an, was deut­sche Schü­ler über die letz­te deut­sche Dik­ta­tur wis­sen. So erin­ne­re ich mich, fast pein­lich berührt, an eine Schul­um­fra­ge, nach der 40 Pro­zent der Schü­ler kei­nen Unter­schied zwi­schen einer Dik­ta­tur und einer Demo­kra­tie sahen. Eben­so konn­ten 40 Pro­zent nichts mit Erich Hon­ecker anfan­gen. Immer­hin haben ihn sie­ben Pro­zent der deut­schen Gym­na­si­as­ten (nicht der Haupt­schü­ler!) zum Staats­ober­haupt gemacht – aller­dings nicht der DDR, son­dern zum zwei­ten Bun­des­kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Die Lis­te von Pein­lich­kei­ten lie­ße sich fort­set­zen, umso wich­ti­ger ist es, sich gemein­sam in Ost und West der Geschich­te zu stellen.

Am 9. Dezem­ber 1989 fei­er­te Möd­lareuth sei­nen Mau­er­fall. Abbil­dung: PantheraLeo1359531

Verlust von Häusern und Höfen

In Möd­lareuth geschieht dies vor­bild­haft. Denn Zukunft gibt es nur da, wo die Ver­gan­gen­heit auf­ge­ar­bei­tet und nicht ver­klärt wird. Doch nicht nur Muse­en allein sind hier in der Pflicht, es sind die Uni­ver­si­tä­ten, die Schu­len, die Ver­ei­ne und Ver­bän­de. Und die Medi­en! Gern erin­ne­re ich in die­sem Zusam­men­hang an einen Fern­seh­film mit dem Titel „Tann­bach – Schick­sal eines Dor­fes“. Er zeig­te in star­ken Bil­dern die Tren­nung des Ortes durch den Tann­bach und wie aus einer länd­li­chen Idyl­le eine unüber­wind­ba­re Staats­gren­ze gewor­den ist. Hier haben Deut­sche auf Deut­sche geschos­sen. So wie in dem gro­ßen Ber­lin, an des­sen men­schen­ver­ach­ten­der Mau­er allein 140 Men­schen star­ben. Aber sie star­ben auch im Harz, bei Flucht­ver­su­chen in der Alt­mark oder auf der Ost­see. 330 Men­schen waren es an der inner­deut­schen Gren­ze, min­des­tens 200 im soge­nann­ten sozia­lis­ti­schen Aus­land. Bis heu­te gibt es noch eine Dun­kel­zif­fer! Doch müs­sen wir uns nicht nur der erschos­se­nen oder ertrun­ke­nen Lands­leu­te erin­nern, son­dern auch an all jene den­ken, denen die Dik­ta­tur an Leib und See­le Scha­den zuge­fügt hat. Hun­dert­tau­sen­de waren inhaf­tiert, Mil­lio­nen sind um beruf­li­che Auf­stiegs­chan­cen gebracht, zu Duck­mäu­sern erzo­gen wor­den. Wer nicht mit­mach­te, wur­de drang­sa­liert, ver­folgt, gede­mü­tigt. Selbst die ein­fachs­ten Bür­ger­rech­te – Mei­nungs­frei­heit, Rei­se­frei­heit, Ver­samm­lungs­frei­heit – wur­den den Deut­schen in der DDR vor­ent­hal­ten. Beson­ders per­fi­de waren die Aktio­nen der Sta­si. Zwangs­aus­sied­lun­gen an der inner­deut­schen Gren­ze sind hier­für ein Stich­wort. Sie lie­fen unter dem Code­wort „Unge­zie­fer“. So ver­lo­ren auch in Möd­lareuth Men­schen ihre Häu­ser und Höfe. Im Jar­gon der Sta­si waren sie „Unge­zie­fer“. Unge­zie­fer, weil sie einem men­schen­ver­ach­ten­den Grenz­re­gime im Weg stan­den oder wohn­ten. Egal ob in Möd­lareuth, im Eichsfeld, an der Elbe oder an der Mau­er zwi­schen Ost- und Westberlin.

Die Ausstellung zu 35 Jahren Mauerfall im Jahr 2024. Abbildung: PantheraLeo1359531

Die Aus­stel­lung zu 35 Jah­ren Mau­er­fall im Jahr 2024. Abbil­dung: CC BY-4.0/ PantheraLeo1359531.

Ich ver­brach­te vor 1957, als wir noch in Thü­rin­gen leb­ten, den Som­mer und spä­ter bis zum Bau der Mau­er am 13. August 1961 die Wochen­en­den bei mei­nen Groß­el­tern in West­ber­lin, in Kla­dow am Glie­ni­cker See. Eine Kind­heit, die die Mau­er und eine Gren­ze zwi­schen Ost und West noch über­win­den konn­te. Nach dem Umzug nach Ost­ber­lin wohn­ten wir in Hohen­schön­hau­sen. Dort besuch­te ich auch die Schu­le. Was kei­ner von uns wuss­te: Gleich um die Ecke befand sich das berüch­tig­te Sta­si­ge­fäng­nis. Es lag in einem Sperr­ge­biet. Allein hier wur­den mit­ten in einem Wohn­ge­biet 11.000 Men­schen inhaf­tiert. Unter ihnen auch SED-Kri­ti­ker, die aus dem Wes­ten ent­führt wur­den. Doch auch die hei­le Kin­der­welt fand bald ihr Ende. Im Rah­men „der sozia­lis­ti­schen Erzie­hung“ nahm der ideo­lo­gi­sche Druck ste­tig zu. Wir Kon­fir­man­den wur­den in der ach­ten Klas­se auch zur Jugend­wei­he gezwun­gen, mit der Dro­hung, sonst nicht zum Abitur zuge­las­sen zu wer­den. Mei­ne Kon­fir­ma­ti­on im Mai 1961 war das letz­te gro­ße Fami­li­en­fest in mei­ner Fami­lie zwi­schen Ost und West.

Entstehen einer Nischengesellschaft

Der Mau­er­bau mach­te das Leben nicht ein­fa­cher. Und das nicht nur wegen der Man­gel­wirt­schaft. Die staat­li­che Bevor­mun­dung zwang vie­le Men­schen zu äuße­rer Anpas­sung, aber auch zu inne­rem Wider­stand. Es ent­stand eine Nischen­ge­sell­schaft, die im Arbeits- und öffent­li­chen Leben eine ande­re Spra­che erfor­der­te als im Freun­des- und Fami­li­en­kreis. Schon Kin­der lern­ten früh­zei­tig, mit gespal­te­ner Zun­ge zu reden. In der Öffent­lich­keit hielt man sich mit der per­sön­li­chen Mei­nung zurück, wäh­rend man in der Pri­vat­sphä­re genau dazu neig­te. Dass dies nicht unge­fähr­lich war, bele­gen die Staats­si­cher­heits­ak­ten. Manch all­zu freie Mei­nungs­äu­ße­rung ende­te mit dem Gefäng­nis oder dem Ver­lust der beruf­li­chen Lauf­bahn. Mir selbst wur­de zunächst das Medi­zin­stu­di­um ver­wehrt. Begrün­dung: Ich sei kein Arbei­ter- und Bau­ern­kind, denn mein Vater war Arzt. Wäh­rend eines zwei­jäh­ri­gen Prak­ti­kums in der Gerichts­me­di­zin der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät nahm mich der dama­li­ge Chef, Prof. Dr. Otto Prokop, ein weit über die Gren­zen Deutsch­lands bekann­ter Gerichts­me­di­zi­ner, unter sei­ne per­sön­li­che Obhut. Ihm habe ich wohl die Zulas­sung zum Medi­zin­stu­di­um an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu ver­dan­ken. Ande­ren war die­ser Weg nicht ver­gönnt. Am wenigs­ten denen, die mutig dem Regime die Stirn boten. Sie waren es, die die Gefäng­nis­se füll­ten oder des Lan­des ver­wie­sen wur­den. Je nach­dem, wie pro­mi­nent sie waren.

Die Zonengrenze in Mödlareuth im Juli 1949. Abbildung: Deutsches Bundesarchiv

Die Zonen­gren­ze am Tann­bach in Möd­lareuth im Juli 1949. Abbil­dung: Bun­des­ar­chiv, Bild 183-N0415-363/Ot­to Donath/CC-BY-SA 3.0.

Einer der pro­mi­nen­tes­ten war sicher­lich Wolf Bier­mann, ein Lie­der­ma­cher, des­sen Zwangs­aus­bür­ge­rung 1976, also vor 50 Jah­ren, eine Wel­le der Soli­da­ri­tät unter Künst­lern und Kri­ti­kern aus­lös­te und die DDR bis ins Mark erschüt­ter­te. An sei­ner Aus­bür­ge­rung began­nen selbst SED-Genos­sen zu zwei­feln. Weni­ger spek­ta­ku­lär war das Wir­ken vie­ler oppo­si­tio­nel­ler Grup­pen, meist unter dem Dach der Kir­che. Aber auch eine Wel­le von Antrag­stel­lun­gen zur Aus­rei­se aus der DDR mach­te der Dik­ta­tur zu schaf­fen. Hun­dert­tau­sen­de, die nicht mehr wil­lens waren, in der DDR zu blei­ben. Sie woll­ten für sich und ihre Kin­der eine bes­se­re Zukunft. Ohne Bevor­mun­dung, als freie Bür­ger in einem frei­en Land. Und ja, sie schau­ten sehn­süch­tig auf den ande­ren Teil eines Lan­des, der auch deutsch war wie der ihre, aber in dem die­se Frei­heit zu Hau­se war. Sie, die Bür­ger der DDR, die um ein Viel­fa­ches bes­ser über den Wes­ten infor­miert waren, als der Wes­ten über den Osten, sahen, wie eine frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Rechts­ord­nung, der Rechts­staat und ein funk­tio­nie­ren­des Wirt­schafts­sys­tem Auf­schwung und Wohl­stand sicher­ten. Die DDR-Bür­ger wuss­ten, dass sie dem bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Wirt­schafts­sys­tem unein­hol­bar hin­ter­her­hink­ten. Da hal­fen der SED-Füh­rung weder das Mär­chen von der zehnt­größ­ten Volks­wirt­schaft der Welt noch die Paro­le vom „Über­ho­len ohne einzuholen“!

Doch es gab nicht nur den Wil­len, teil­zu­ha­ben am frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Sys­tem und west­li­chen Wohl­stand. Es gab etwas, was heu­te viel zu schnell ver­ges­sen wird: das Gefühl der Zusam­men­ge­hö­rig­keit als Nati­on. Die­ses posi­ti­ve Natio­nal­be­wusst­sein hat die Bür­ger in der DDR beseelt. Für sie waren Mün­chen, Köln und Ham­burg eben nicht Orte im Aus­land, wäh­rend für manch einen West­deut­schen Dres­den und Erfurt im Bewusst­sein wei­ter ent­fernt waren als Paris und Rom. Trotz Wie­der­ver­ei­ni­gungs­ge­bot im Grund­ge­setz war die DDR für manch einen West­deut­schen eben Aus­land. Zur Wahr­heit gehört auch heu­te, dass es poli­tisch Ver­ant­wort­li­che und sogar Par­tei­en gab, die die Staats­bür­ger­schaft der DDR aner­ken­nen, die das Straf­re­gis­ter Salz­git­ter (zu Grenz­to­ten und Opfern poli­ti­scher Jus­tiz in der DDR; Anm. d. Red.) auf­lö­sen und das Wie­der­ver­ei­ni­gungs­ge­bot strei­chen woll­ten. Zum Glück hat sich die Ver­nunft durchgesetzt.

Schon das Gemisch aus natio­na­lem Selbst­be­wusst­sein und dem Wil­len, poli­ti­sche Ver­än­de­run­gen zu erzwin­gen oder ggf. durch Aus­rei­se dem Staat den Rücken zu keh­ren war für die DDR explo­siv genug. Dabei stand sie schon mit ihrer deso­la­ten, auf Ver­schleiß fah­ren­den Wirt­schaft auf wack­li­gen Füßen. Doch es kam noch schlim­mer für die DDR-Obe­ren. Und die­se Bot­schaft kam aus­ge­rech­net aus Mos­kau. Sie trug einen Namen: Michail Gor­bat­schow. Es ist schon eine Iro­nie der Geschich­te, dass aus­ge­rech­net der Gene­ral­se­kre­tär der größ­ten kom­mu­nis­ti­schen Par­tei der Welt den Weg für das Ende der DDR und sogar die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung ebnete.

Erin­nern wir uns an die ers­ten Demons­tra­tio­nen seit dem Som­mer 1989, die noch durch Poli­zei­ge­walt auf­ge­löst wer­den konn­ten. Den­ken wir an die Bot­schafts­be­set­zun­gen in Prag, Buda­pest und War­schau sowie den inter­na­tio­na­len Druck, der den grei­sen und wie Hon­ecker teil­wei­se schwer kran­ken alten Män­nern im Polit­bü­ro und Zen­tral­ko­mi­tee erwuchs. Refor­men nach dem Mus­ter von Glas­nost und Pere­stroi­ka konn­te die DDR über­haupt nicht gebrau­chen. Es war nur schwie­rig, eine Absa­ge zu for­mu­lie­ren, hieß es doch bis dato, und damit ist jeder DDR-Bür­ger groß gewor­den: „Von der Sowjet­uni­on ler­nen, heißt sie­gen ler­nen.“ Was also soll­te man nun ler­nen? Der poli­tisch über­for­der­te Hon­ecker erkann­te über­haupt nicht den Ernst der Lage. Ganz im Gegen­teil, noch im Janu­ar 1989 pro­phe­zei­te er, dass die Mau­er noch 100 Jah­re ste­hen wür­de. Damit brach­te er nur die Bevöl­ke­rung gegen sich auf.

Heiße Phase 1989

Mit dem 6. und 7. Okto­ber 1989 war die fried­li­che Revo­lu­ti­on in die hei­ße Pha­se getre­ten. Über­all im Land, vor allem aber in Plau­en, Dres­den und Ber­lin, kam es aus­ge­rech­net am DDR-Fei­er­tag zu Demons­tra­tio­nen. Mit Ker­zen in den Hän­den und den Rufen: „Kei­ne Gewalt!“ stell­ten sich die Men­schen mutig dem SED-Macht­mo­no­pol ent­ge­gen. Doch Mili­tär, Poli­zei und Staats­si­cher­heit wur­den ange­sichts der Ker­zen und der Fried­fer­tig­keit der Demons­tran­ten zum stump­fen Schwert. Und es blieb stumpf ange­sichts der schie­ren Mas­se von 70.000 Men­schen, die am 9. Okto­ber in Leip­zig fried­lich demonstrierten.

In der Fol­ge wuchs im Polit­bü­ro die Ein­sicht in die dra­ma­ti­sche wie aus­sichts­lo­se Lage. Mit einem Putsch von innen wird Hon­ecker von sei­nen eige­nen Genos­sen am 18. Okto­ber abge­setzt. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Die­ser irr­tüm­lich Gor­bat­schow nach­ge­sag­te Satz soll­te nun für den SED-Chef ste­hen. Auf dem Ber­li­ner Alex­an­der­platz demons­trier­te bereits am 4. Novem­ber über eine hal­be Mil­li­on Men­schen. Ohne Hon­ecker und mit Krenz an der Spit­ze ver­such­te das Polit­bü­ro einen neu­en Befrei­ungs­schlag. Ein Rei­se­ge­setz muss­te her. Damit hoff­te man, die auf­ge­brach­ten Volks­mas­sen zu beru­hi­gen und ihr Inter­es­se nach dem Wes­ten aus­zu­rich­ten. Doch selbst die Ver­kün­dung des neu­en, sehn­süch­tig erwar­te­ten Rei­se­ge­set­zes ging schief. Auf der legen­dä­ren Pres­se­kon­fe­renz am 9. Novem­ber stot­ter­te Gün­ter Schab­ow­ski in Unwis­sen­heit des Inhalts den Text­ent­wurf her­un­ter und lös­te eine nächt­li­che Mas­sen­be­we­gung aus. Die Bil­der des Tages ken­nen wir. Der 9. Novem­ber 1989 wur­de viel­leicht zum glück­lichs­ten Tag in der deut­schen Geschichte.

Die Mödlareuther Mauer trennte Bayern von Thüringen. Museum Mödlareuth, schaffner-doku, Arndt R. Schaffner, Bundesgrenzschutz Bayern, Friedrich Marx, Herbert Donath.

Die Möd­lareu­ther Mau­er trenn­te Bay­ern von Thü­rin­gen. Abbil­dung: CC BY-4.0/ PantheraLeo1359531.

Gern erin­nern wir uns an die Eupho­rie des Tages, das gren­zen­lo­se Stau­nen und die glück­li­chen Gesich­ter. Die­se gab es auch in Möd­lareuth, aller­dings tick­ten die Uhren im „Litt­le Ber­lin“ etwas lang­sa­mer. Erst im Dezem­ber kamen die Men­schen in bei­den Tei­len mit Ker­zen und Fackeln sowie dem Ruf „Die Mau­er muss weg“ dank eines fünf Meter brei­ten Weges zusam­men. Aller­dings mit Pass­kon­trol­le und nächt­li­cher Schlie­ßung. Doch die Welt schau­te wei­ter auf die gro­ße Schwester.

Wäh­rend es auf der Demons­tra­ti­on am 4. Novem­ber auf dem Ber­li­ner Alex­an­der­platz noch kei­ne ein­zi­ge Losung gab, die die Wie­der­ver­ei­ni­gung for­der­te, änder­te sich dies mit dem Mau­er­fall umge­hend. Bis dato kann man von einer „demo­kra­ti­schen Pha­se“ der Revo­lu­ti­on spre­chen. Es ging um bür­ger­li­che Frei­hei­ten, sym­bo­li­siert in dem Spruch „Wir sind das Volk“. Doch mit die­sem Spruch wur­de die „natio­na­le Pha­se“ der Revo­lu­ti­on ein­ge­läu­tet. Die For­de­rung nach Wie­der­ver­ei­ni­gung, zunächst zag­haft vor­ge­tra­gen, gewann mit Hel­mut Kohls Zehn-Punk­te-Pro­gramm und ent­spre­chen­den Ver­laut­ba­run­gen eini­ger Oppo­si­ti­ons­grup­pen an Fahrt.

Beglei­tet wur­de der Chor von „Deutsch­land einig Vater­land“ durch ein  schwarz-rot-gol­de­nes Fah­nen­meer in Städ­ten und Dör­fern. In die­sem Fah­nen­meer ertrank gera­de­zu die DDR und die alte Ord­nung. Ich weiß noch heu­te, wie befremd­lich manch west­deut­scher Besu­cher geschaut hat, wenn er 1989/90 durch ost­deut­sche Orte fuhr, in denen schwarz-rot-gol­de­ne Fah­nen zu Hun­der­ten wehten.

Erste freie Wahlen

Wil­ly Brandt begrüß­te den Mau­er­fall ganz patrio­tisch mit den Wor­ten: „Jetzt wächst zusam­men, was zusam­men­ge­hört.“ Dass die­ses Zusam­men­wach­sen nach vier­zig­jäh­ri­ger Tren­nung in zwei völ­lig ver­schie­de­nen poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Sys­te­men schwie­rig sein wür­de, blen­de­ten vie­le Zeit­ge­nos­sen aus. Zu groß war die Eupho­rie über die Wie­der­ver­ei­ni­gung. Die Ost­deut­schen tau­mel­ten gera­de­zu freu­de­trun­ken in ein neu­es Land. Doch genau­so schnell hol­te sie die Wirk­lich­keit ein. Die Rea­li­tät hat­te vor allem mit maro­den Betrie­ben und einer kata­stro­pha­len Wirt­schafts­si­tua­ti­on zu tun. Aber auch mit men­ta­len Unter­schie­den, die nach Jahr­zehn­ten unter­schied­li­cher Sozia­li­sa­ti­on und tie­fen Wun­den, die uns die Geschich­te hin­ter­ließ, nicht aus­blei­ben konn­ten. Dazu reicht schon ein Blick auf die ehe­mals inner­deut­sche Gren­ze, die uns jetzt als grü­nes Band versöhnt.

Nur vier Mona­te nach dem Fall der Mau­er konn­ten die Bür­ger in der DDR das ers­te Mal frei wäh­len. Vor­aus­ge­gan­gen war ein soge­nann­ter „Run­der Tisch“, der eigent­lich vier­eckig war und an dem Regie­rung und Oppo­si­ti­on glei­cher­ma­ßen Platz fan­den. Er hat­te die Wah­len vor­be­rei­tet. Die Ergeb­nis­se der Volks­kam­mer­wahl waren weder mani­pu­liert, wie sonst üblich, noch tra­fen die Vor­her­sa­gen der Wahl­for­scher ein.

Die Wah­len zur Volks­kam­mer am 18. März 1990 waren ein wich­ti­ger Bestand­teil des Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­ses, der sich im gan­zen Lan­de voll­zog. Das spie­gel­te sich auch in der Wahl­be­tei­li­gung von 92 Pro­zent wider, einem heu­te traum­haf­ten Wert. Die Demo­kra­tie, die in der alten Bun­des­re­pu­blik bereits Jahr­zehn­te frü­her mit­hil­fe der west­li­chen Besat­zungs­mäch­te Wirk­lich­keit gewor­den war, hat­te nun in ganz Deutsch­land gesiegt. Aus eige­ner Kraft wur­de so die Vor­aus­set­zung zur Her­stel­lung der deut­schen Ein­heit geschaf­fen. Vor allem aber war es eine nicht zu unter­schät­zen­de „Mit­gift“ in die gemein­sa­me Zukunft.

Ein grünes Band als Symbol

Es ist müßig, jetzt 35 Jah­re spä­ter über die Feh­ler der Wie­der­ver­ei­ni­gung zu lamen­tie­ren oder uns vor­zu­rech­nen, was uns trennt. Ich hat­te bereits bei der letz­ten Volks­kam­mer­sit­zung Fol­gen­des aus­ge­führt: „Viel Geduld und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen auf bei­den Sei­ten wer­den not­wen­dig sein, damit kei­ne Sei­te Scha­den nimmt, damit alte Grä­ben zuge­schüt­tet wer­den und neue nicht ent­ste­hen kön­nen.“ Manch­mal ver­mis­se ich bis heu­te die­se Geduld und das Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Und eine gewis­se Ehr­lich­keit. Denn wer mit offe­nen Augen durch die neu­en Län­der geht, wird sie zwei­fels­frei erken­nen. Es sind jene blü­hen­den Land­schaf­ten, die Hel­mut Kohl einst beschwor. Die Deut­schen ins­ge­samt kön­nen auf das Erreich­te stolz sein. Auch jene, die durch ein tie­fes Tal der Trä­nen gingen.

Den­noch: Es bleibt viel zu tun, der Reform­stau ist kein ost­deut­scher, son­dern ein gesamt­deut­scher. Und die Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft, gera­de in einer unsi­cher wer­den­den Welt, betref­fen uns alle. Der ehe­ma­li­ge Todes­strei­fen ist heu­te ein 1.400 km lan­ger Bio­top­ver­bund quer durch Deutsch­land, ange­regt 1989 durch den BUND e.V. Bay­ern. Er ist als grü­nes Band ein Sym­bol für die fried­li­che Über­win­dung der Tei­lung Deutsch­lands und auch für das Mit­ein­an­der von Men­schen und Generationen.

Das ist die Her­aus­for­de­rung für die Zukunft. Aber Zukunft haben wir nur dort, wo wir mit einem kla­ren Blick in die Ver­gan­gen­heit schau­en. In die­sem Sin­ne ist die Aus­stel­lung im Deutsch-Deut­schen Muse­um Möd­lareuth Zeug­nis und Mah­nung zugleich und für unser eige­nes Selbst­ver­ständ­nis längst überfällig.

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