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Im Osten nichts Neues #8: Die postliberale Demokratie

Er ist wie­der da. Dani­el Heid­rich beginnt hier mit der zwei­ten Staf­fel sei­ner Kolum­ne. Zum Start wid­met er sich dem schwie­ri­gen Ver­hält­nis der Ost­deut­schen zum Libe­ra­lis­mus und lie­fert auch gleich Lösungsvorschläge.

Daniel Heidrich wurde 1975 in Berlin-Köpenick geboren. Er ist ein erfolgreicher und meinungsstarker ostdeutscher Unternehmer. ebk-gruppe.com

Dani­el Heid­rich wur­de 1975 in Ber­lin-Köpe­nick gebo­ren. Er ist ein erfolg­rei­cher und mei­nungs­star­ker ost­deut­scher Unter­neh­mer. ebk-gruppe.com

„Es gibt kei­ne ande­re Welt, nur eine ande­re Art zu leben.“ (Jaques Mes­ri­ne, L’instinct de mort). Als Ost­deut­scher habe ich kein Pro­blem mit dem Libe­ra­lis­mus. Der Libe­ra­lis­mus hat jedoch ein rie­si­ges Pro­blem mit gro­ßen Tei­len Ost­deutsch­lands. Die­se haben kein Pro­blem mit der Demo­kra­tie, son­dern mit dem Liberalismus.

90 Pro­zent der Ost­deut­schen befür­wor­ten die Demo­kra­tie. 74 Pro­zent befür­wor­ten die Demo­kra­tie, wie sie aktu­ell in der Ver­fas­sung ver­an­kert ist. Nur 42 Pro­zent befür­wor­ten die in der BRD geleb­te Demo­kra­tie (Poli­cy Paper 2023-2). Vor allem im Osten miss­traut man den „Main­stream-Medi­en“, den „Links­grü­nen“ und den „Shit­bür­gern“ aus den Städ­ten. Sie miss­trau­en eigent­lich allem, außer ihrer eige­nen Com­mu­ni­ty. Beleh­rungs­fern­se­hen von Sarah Boset­ti und Resch­ke TV ver­stärkt die­ses Pro­blem wöchentlich.

Der Libe­ra­lis­mus hat uns Fort­schritt und Wohl­stand beschert. Nun schei­tert er jedoch an sei­nem eige­nen Erfolg. Bereits Anfang des 19. Jahr­hun­derts stell­te der fran­zö­si­sche Publi­zist Alexis de Toc­que­ville auf sei­nen Rei­sen in die USA fest, „dass die libe­ra­le Demo­kra­tie vor allem von einer Ten­denz zur Gegen­warts­fi­xie­rung geprägt ist“. „Der Libe­ra­lis­mus aber beför­dert […] die Idee einer zer­split­ter­ten, voll­kom­men unver­bun­de­nen Zeit und bringt die Men­schen dazu, ver­schie­dens­te For­men von Zeit so wahr­zu­neh­men, als sei­en sie voll­kom­men ver­schie­de­ne Län­der.“ Die DDR, die 1990er-Jah­re und die aktu­el­le „woke“ Stadt­kul­tur lie­gen auf einer Zeit­ach­se von 45 Jah­ren. Der­sel­be Ort, drei völ­lig unter­schied­li­che Län­der. Kei­nes hat mit dem ande­ren irgend­ei­ne Ver­bin­dung, außer den Men­schen, die dar­in leb(t)en.

Die voll­stän­di­ge Über­win­dung der Ver­gan­gen­heit ist das eigent­li­che libe­ra­le Ziel. Weg mit den Tra­di­tio­nen, weg mit der Reli­gi­on, weg mit dem Bal­last fami­liä­rer Pflich­ten. Das gro­ße Ziel ist die dau­er­haf­te Me-Time des Indi­vi­du­ums. Ver­gan­gen­heit und Tra­di­tio­nen sind im Zwei­fel ras­sis­tisch, kolo­ni­al und patri­ar­chisch. Ist das noch akzep­ta­ble Geschich­te oder kann das weg? Der Libe­ra­lis­mus schei­tert damit vor allem am neu­en Ost­stolz. Erstaun­li­cher­wei­se pochen auch die links der Mit­te zu ver­or­ten­den Ost-NGOs auf eine ost­deut­sche Ver­gan­gen­heit. Es stellt sich die Fra­ge, ob sie damit noch Teil der libe­ra­len Fort­schritts­be­we­gung sind. Otto­kar Dom­ma wür­de sagen: Ein ost­deut­scher Libe­ra­ler ist qua­si ein Oxymoron!

Wir haben unse­rer Demo­kra­tie das Adjek­tiv „libe­ral“ ange­fügt. Das war ein gro­ßer Feh­ler. Denn nun leh­nen vie­le, die eigent­lich das Libe­ra­le und Liber­tä­re ableh­nen, gleich auch das Demo­kra­ti­sche ab. „Nicht libe­ral“ gibt es gera­de nur am rech­ten Rand der CDU und der AfD. In der soge­nann­ten „links­li­be­ra­len Bubble“ fin­det daher ein inter­es­san­ter Vor­gang statt. Es wird behaup­tet, die ost­deut­schen AfD-Wäh­ler hät­ten Angst. Angst vor Ver­än­de­run­gen, vor Zuwan­de­rung und Digi­ta­li­sie­rung. Bei mei­nen Besu­chen in Dres­den und Thü­rin­gen kann ich jedoch kei­ne Angst erken­nen. Das Ein­zi­ge, was ich wahr­neh­me, ist, dass sie kei­nen Bock auf die­sen Fort­schritt haben und das auch ganz offen aus­spre­chen. Angst neh­me ich vor allem beim städ­ti­schen Bür­ger­tum wahr. Angst vor dem Ver­lust der libe­ra­len Demo­kra­tie, ihrer Demo­kra­tie. Angst vor dem Bedeu­tungs­ver­lust und dem Ver­lust hyper­in­di­vi­dua­li­sier­ter Rech­te. Die­se Angst geht zum Bei­spiel so weit, dass die Nicht­wahl einer poten­zi­el­len Ver­fas­sungs­rich­te­rin durch frei und demo­kra­tisch gewähl­te Abge­ord­ne­te demo­kra­tie­ge­fähr­dend ist. Ein Abge­ord­ne­ter darf sei­nem ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Recht nur so lan­ge fol­gen, wie er sich „fort­schritt­lich“ ver­hält. Tut er es nicht, ist er kein sou­ve­rän den­ken­des Indi­vi­du­um mehr, son­dern ein dum­mes Opfer rech­ter Informationsnetzwerke.

„Die Demo­kra­tie ist also nur so lan­ge ein akzep­ta­bles Legi­ti­ma­ti­ons­in­stru­ment, wie ihre Prak­ti­ken im Rah­men der libe­ra­len Vor­ga­ben blei­ben und die­se weit­ge­hend unter­stüt­zen. Wenn demo­kra­ti­sche Mehr­hei­ten Aspek­te des Libe­ra­lis­mus ableh­nen – wie es Wäh­ler in ganz West­eu­ro­pa und Ame­ri­ka in den letz­ten Jah­ren getan haben –, pran­gert ein wach­sen­der Chor füh­ren­der Stim­men die Demo­kra­tie und den Unver­stand der Mas­sen an.“ (Patrick J. Deneen, War­um der Libe­ra­lis­mus geschei­tert ist).

Es lässt sich nicht mehr leug­nen: Die Bon­ner Par­tei­en­de­mo­kra­tie ist end­gül­tig vor­bei, und Ost­deutsch­land hat sie ins Wan­ken gebracht. Nur noch 1,5 Pro­zent der Ein­woh­ner Deutsch­lands und 0,8 Pro­zent der Ein­woh­ner Ost­deutsch­lands sind Mit­glie­der in Par­tei­en. So ent­ste­hen allen­falls Selbst­re­fe­ren­zen, aber kei­ne Abbil­der gesell­schaft­li­cher Stimmungen.

Und bei all dem Getö­se und der gan­zen Angst geschieht im Osten wie­der etwas Uner­war­te­tes. Der Durch­marsch der AfD-Kan­di­da­ten bei den Bür­ger­meis­ter­wah­len ist aus­ge­blie­ben. Wenn also klar wird, dass mei­ne poli­ti­sche Wahl einen direk­ten Ein­fluss auf mei­nen Ort, mei­ne Gemein­schaft, mein direk­tes Umfeld hat, dann ent­schei­den sich die angeb­lich angst­er­füll­ten Demo­kra­tie­fein­de meist für par­tei­lo­se Kan­di­da­ten und nicht für Rechts­extre­me. Es wird daher Zeit für eine direk­te­re, lokalere und emo­tio­na­le­re Form der Demo­kra­tie. Eine Demo­kra­tie­form, die das Impe­ra­ti­ve im gesell­schaft­li­chen Fort­schritt been­det und das Neue nicht mehr gegen das Alte aus­spielt. So wie einst die „Run­den Tische“.

Mir fal­len dafür drei Instru­men­te ein:

  1. Nega­ti­ve Volks­ent­schei­de, bei denen mit einem Quo­rum von 75 Pro­zent Geset­ze abge­schafft wer­den kön­nen. Das Argu­ment der schwei­gen­den Mehr­heit wäre dahin oder eben wahr.
  2. Die Abschaf­fung von kom­mu­na­len Par­la­men­ten, wel­che durch Bür­ger­rä­te mit Betei­li­gungs­pflicht ersetzt werden.
  3. Kom­mu­na­le Zuwen­dungs- und Spen­den­par­la­men­te, um alles staat­li­che Geld für Demo­kra­tie- und Gemein­wohl­för­de­rung den Funk­tio­nä­ren der Lan­des- und Bun­des­par­tei­en zu ent­zie­hen. Die­se legen nur noch die Höhe des Bud­gets fest. Der Rest wird vor Ort bestimmt.

Ein­fach mal was Neu­es wagen, wäre im Osten … nichts Neues.

 

„Im Osten nichts Neu­es“ von Dani­el Heid­rich: alle Kolum­nen auf einen Blick.

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