Im zweiten Teil seiner Wirtschaftskolumne widmet sich Frank Nehring den ostdeutschen Kleinstunternehmen. Sie werden von der Politik oft übersehen, sind aber von großer Bedeutung für die Volkswirtschaft.

Frank Nehring, langjähriger Herausgeber von Wirtschaft+Markt und Gründer des Ostdeutschen Wirtschaftsforums OWF. Abbildung: Bernd Brundert
In der Wirtschaftspolitik spielen Kleinstunternehmen kaum eine Rolle. Sie gelten als nicht groß genug, zu wenig relevant für die Volkswirtschaft und angesichts der vielen individuellen Unternehmerpersönlichkeiten als zu kompliziert. Bei Steuern, Bürokratie und Regulierung werden sie aber meist so behandelt wie große Unternehmen. Dabei bilden sie das Rückgrat vieler Regionen.
Kleinstunternehmen – definiert als Betriebe mit bis zu neun Beschäftigten und einem Jahresumsatz von maximal zwei Millionen Euro – machen in Ostdeutschland einschließlich Berlin 86,6 Prozent aller Unternehmen aus. Das sind 558.037 von insgesamt 644.200 Unternehmen (Stand 2024/2025).
Trotz dieser enormen Zahl tauchen sie in den Debatten über Unternehmensnachfolgen kaum auf. In Statistiken werden sie häufig gar nicht erst erfasst. Pauschal gelten sie als „nicht übernahmefähig“. Für viele Nachfolgeberater sind sie schlicht kein tragfähiges Geschäftsmodell. Das ist kein Vorwurf – wirtschaftlich nachvollziehbar ist es allemal. Doch volkswirtschaftlich ist es ein Problem.
Denn wer diese Unternehmen aus der Betrachtung ausblendet, akzeptiert stillschweigend ihr Verschwinden. Die meisten dieser Betriebe verschwinden nicht spektakulär durch Insolvenzen. Sie schließen einfach. Der Inhaber wird älter, krank oder müde. Eine Nachfolge findet sich nicht. Also geht das Licht aus – für immer.
Gerade im ländlichen Raum hat dieser Prozess längst begonnen. Wenn der Bäcker schließt, die Dorfkneipe nicht mehr öffnet, die Apotheke keinen Nachfolger findet und auch der Schlosser aufgibt, verändert sich mehr als nur die lokale Wirtschaft. Es verschwindet Infrastruktur. Und mit ihr ein Stück Lebensqualität.
Das Problem ist dabei keineswegs exklusiv ostdeutsch. Auch im Westen dominieren Kleinstunternehmen die Unternehmenslandschaft. Doch im Osten kommt eine entscheidende Besonderheit hinzu: Viele Unternehmerinnen und Unternehmer gehören oft noch der ersten Generation nach der Wiedervereinigung an. Sie haben ihre Betriebe nach 1990 gegründet – zumeist ohne familiäre Unternehmertradition, ohne gewachsene Netzwerke und ohne Vermögen im Hintergrund, das eine Übergabe erleichtern könnte. Erfahrungen mit Unternehmensnachfolge gibt es entsprechend selten.
Die Folgen zeigen sich zunehmend deutlich. Wenn Betriebe schließen, entsteht ein Dominoeffekt: Die Infrastruktur vor Ort verschlechtert sich, die Standortattraktivität sinkt, junge Menschen ziehen weg, Zuzug bleibt aus. Damit schrumpft nicht nur die Bevölkerung, sondern auch das potenzielle Reservoir an Nachfolgern. Ein Kreislauf beginnt, der ganze Regionen schwächen kann.
Dabei sind Kleinstunternehmen wirtschaftlich keineswegs irrelevant. In Ostdeutschland tragen sie rund 16 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Das mag auf den ersten Blick überschaubar erscheinen. Doch ihre eigentliche Bedeutung liegt tiefer: Sie sichern Versorgung, schaffen lokale Arbeitsplätze und stabilisieren die wirtschaftliche Struktur vieler Regionen. Mit anderen Worten: Sie sind ein entscheidender Teil regionaler Standortqualität.
Deshalb stellt sich eine einfache Frage: Sollte die Wirtschaftspolitik diese Unternehmen nicht stärker in den Blick nehmen? Die Antwort lautet: ja. Doch die bisherigen Instrumente der Nachfolgeförderung passen häufig nicht zu dieser Unternehmensgruppe. Viele Programme orientieren sich an größeren Mittelständlern, während Kleinstbetriebe durch das Raster fallen.
Dabei wäre gerade hier ein neuer Ansatz nötig – pragmatischer, regionaler und stärker auf die besonderen Bedingungen kleiner Betriebe zugeschnitten. Eines jedenfalls sollte klar sein: Der schleichende Verlust von Kleinstunternehmen ist kein Naturgesetz. Und er sollte auch politisch nicht als solcher hingenommen werden.




























