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Einheit als Prozess. Interview mit der Podcasterin Nine-Christine Müller

Nine-Chris­ti­ne Mül­ler ist Kom­mu­ni­ka­ti­ons­exper­tin, Mode­ra­to­rin und Host des Pod­casts „Ost­wärts: Gesprä­che über ost­deut­sche Iden­ti­tä­ten“. Die­ser ist aktu­ell auf Tour. Im Inter­view teilt sie Näheres.

Nine-Christine Müller, geboren 1989 in Jena, ist Kommunikationsexpertin, Moderatorin und Podcast-Host von „Ostwärts“. ostwaerts-podcast.com. Abbildung: Dmytro Guk

Nine-Chris­ti­ne Mül­ler, gebo­ren 1989 in Jena, ist Kom­mu­ni­ka­ti­ons­exper­tin, Mode­ra­to­rin und Pod­cast-Host von „Ost­wärts“. Abbil­dung: Dmy­t­ro Guk

ostdeutschland.info: Nine, du bist Podcast-Host von „Ostwärts“. Wann bist du mit ihm gestartet und wie kam es dazu?

Nine-Chris­ti­ne Mül­ler: Als ich mei­nen Pod­cast „Ost­wärts: Gesprä­che über ost­deut­sche Iden­ti­tä­ten“ 2022 star­te­te, wur­de ich oft gefragt: War­um die­ses The­ma? War­um wie­der der Osten? Mei­ne Ant­wort war und ist: Weil zu oft über ihn gespro­chen wird und zu sel­ten aus ihm her­aus.

Über den Osten zu spre­chen heißt für mich, aus einer spe­zi­fi­schen Erfah­rung her­aus zu erzäh­len. Einer ost­deut­schen Per­spek­ti­ve, die sich über Jah­re im Span­nungs­feld zwi­schen Unsicht­bar­keit und Zuschrei­bung ent­wi­ckelt hat. Der Osten wur­de ver­mes­sen, seziert, bedau­ert. Aber sel­ten wur­de wirk­lich zugehört.

Mit Ost­wärts woll­te ich das ändern und das nicht als Ant­wort, son­dern als Ein­la­dung zum Zuhö­ren. Einen Raum schaf­fen, in dem Ambi­va­lenz und Viel­falt gewünscht sind, Wider­sprü­che Platz haben und Per­spek­ti­ven zu hören sind, die sonst zu kurz kom­men. Was fehlt, sind dif­fe­ren­zier­te Nar­ra­ti­ve, die Erfol­ge wür­di­gen, Poten­zia­le benen­nen und Zukunft den­ken; statt immer wie­der Defi­zi­te zu beschreiben.

Und das The­ma geht alle an: Die Geschich­te der DDR und der Trans­for­ma­ti­ons­zeit nach 1989/90 ist untrenn­bar ver­bun­den mit der NS-Geschich­te und der Nach­kriegs­ord­nung. Im Heu­te steckt sehr viel Gestern.

Gibt es immer wiederkehrende Themen?

Ost­wärts funk­tio­niert, weil er Ambi­va­lenz zulässt und weil er ost­deut­sche Erfah­run­gen weder heroi­siert noch patho­lo­gi­siert, son­dern in ihrer Nor­ma­li­tät ernst nimmt. Und weil er zeigt, dass ost­deut­sche Iden­ti­tä­ten plu­ral sind: gene­ra­tio­nell, sozi­al, migran­tisch, urban und länd­lich zugleich.

Seit über drei Jah­ren spre­che ich mit Men­schen über ihre ost­deut­schen Prä­gun­gen, über Brü­che, Auf­brü­che und das lan­ge Echo der Neun­zi­ger. Mich inter­es­siert, war­um so vie­le Bio­gra­fien zwi­schen Unsicht­bar­keit und Zuschrei­bung pen­deln, war­um Her­kunft oft erst im Kon­trast spür­bar wird. Und war­um Reprä­sen­ta­ti­ons­fra­gen nicht nur sta­tis­tisch sind, son­dern existenziell.

Vie­le mei­ner Gäs­te erzäh­len weni­ger von der DDR selbst, als von der radi­ka­len Umwer­tung nach 1990. Iden­ti­tät ent­steht hier nicht aus Nost­al­gie, son­dern aus Trans­for­ma­ti­on: aus Anpas­sung und Wider­stand, aus Auf­bruch und Ver­lust. Was heu­te als Poli­tik­ver­dros­sen­heit oder Sys­tem­miss­trau­en beschrie­ben wird, ist oft tief in bio­gra­fi­schen Ent­wer­tungs- und Beschleu­ni­gungs­er­fah­run­gen ver­an­kert. Dar­an kommt man nicht vor­bei, wenn man die Gegen­wart ver­ste­hen will.

Was war für dich bislang am Bemerkenswertesten, Überraschendsten?

Jedes Gespräch ist span­nend und ich gehe immer wie­der mit neu­en Impul­sen raus. Beson­ders hän­gen geblie­ben ist ein Satz von Bodo Rame­low: Er hät­te sich manch­mal gewünscht, dass Ost und West zwei ver­schie­de­ne Spra­chen gespro­chen hät­ten, weil wir die­sel­be Spra­che benut­zen und trotz­dem oft ganz ver­schie­de­ne Din­ge meinen.

Das hat mich nicht los­ge­las­sen. Die­se Illu­si­on des gemein­sa­men Ver­ständ­nis­ses ist viel­leicht das eigent­li­che Pro­blem der deut­schen Ein­heit. Wenn man glaubt, man ver­steht sich und weiß schon alles, hört man auf zuzu­hö­ren. Und dann wun­dert man sich über drei­ßig Jah­re spä­ter, war­um vie­les nicht geklappt hat.

Wie viele Folgen gibt es bereits und wie viele Hörer haben sie?

Ich ver­öf­fent­li­che gera­de mei­ne 42. Fol­ge. Monat­lich errei­che ich rund 3.000 Höre­rin­nen und Hörer, plus die Reich­wei­te über mei­ne Kanä­le – mit wach­sen­der Ten­denz. Für einen unab­hän­gi­gen gesell­schafts­po­li­ti­schen Pod­cast ohne Redak­ti­on im Rücken und ohne Ver­lags­struk­tur ist das eine Zahl, auf die ich super stolz bin.

Das Keyvisual des Podcasts. Die Moderatorin veröffentlicht gerade ihre 42. Podcastfolge von „Ostwärts“ und erreicht rund 3.000 Hörerinnen und Hörer. Abbildung: „Ostwärts“

Der Pod­cast Ost­wärts erreicht monat­lich rund 3.000 Höre­rin­nen und Hörer. Abbil­dung: Ostwärts

„Einheit gut, alles gut.“, „Born in GDR“, „Nach meiner Kenntnis ist das sofort!“ – mittlerweile gibt es einige Ost-Podcasts. Es erscheinen auch viele Bücher zur Thematik. Wie beobachtest du das wachsende Interesse am Thema Ostdeutschland?

Super! Ich freue mich über alle Pro­jek­te. Der Osten hat jahr­zehn­te­lang eine media­le Unter­ver­sor­gung erlebt, die man nur als struk­tu­rell bezeich­nen kann. Jetzt ent­ste­hen For­ma­te, Bücher, Initia­ti­ven und das ist kei­ne Mode­er­schei­nung, das ist eine Kor­rek­tur, die längst über­fäl­lig war.

Du bist jetzt mit Ostwärts auf Tour gegangen. Was hat es damit auf sich?

Ich fah­re in die länd­li­chen Regio­nen der öst­li­chen Flä­chen­län­der und mache dort Live-Fol­gen mit Men­schen, die vor Ort zivil­ge­sell­schaft­lich aktiv sind. Men­schen, die gestal­ten, ohne dass jemand zuschaut.

Es geht mir dar­um, Demo­kra­tie dort sicht­bar zu machen, wo sie oft tot­ge­re­det wird. Der länd­li­che Raum wird medi­al ent­we­der igno­riert oder als Pro­blem­zo­ne beschrie­ben, die er so nicht ist.

Die nächs­ten Ter­mi­ne:

  • 30. Mai, 13 bis 15 Uhr – Nei­ße Film­fes­ti­val, Sachsen
  • 17. Juni, 16 bis 18 Uhr – Brie­sen (Mark), Brandenburg
  • 2. Juli – Mal­chin, Meck­len­burg-Vor­pom­mern (Uhr­zeit folgt)

Die Tour ist im Kontext des Flow Fund für Ostdeutschland entstanden – wie funktioniert diese Förderung konkret?

Der Flow Fund ist das Gegen­teil von dem, was die meis­ten unter För­de­rung ver­ste­hen: kein lan­ger Antrag, kei­ne Jury­sit­zung in Ber­lin, kei­ne Ver­wen­dungs­nach­wei­se in fünf­fa­cher Aus­fer­ti­gung. Statt­des­sen: 17 Men­schen, die vor Ort leben, zivil­ge­sell­schaft­lich oder unter­neh­me­risch aktiv sind und je 25.000 Euro eigen­stän­dig ver­ge­ben. Jedes Pro­jekt bekommt 5.000 Euro von mir. Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Ist es aber.

Wer sind deine Kooperationspartner und Unterstützer?

Mei­ne Part­ner suche ich nicht nach Reich­wei­te aus, son­dern nach Hal­tung. Das klingt idea­lis­tisch, ist aber schlicht die Vor­aus­set­zung dafür, dass Ost­wärts glaub­wür­dig bleibt. Auf der För­der­sei­te bin ich dank­bar für die Unter­stüt­zung durch das Grow-Sti­pen­di­um 2024 von Netz­werk Recher­che und Schöpf­lin-Stif­tung, den Flow Fund für Ost­deutsch­land 2025 und die Kin­nings Foundation.

Inhalt­lich und struk­tu­rell arbei­te ich mit der Hes­si­schen Lan­des­ver­tre­tung, dem DDR-Muse­um, der Stif­tung Bür­ger für Bür­ger, der Spar­da-Bank Ber­lin, dem Tages­spie­gel und dem MACHN Fes­ti­val zusam­men. Das sind sehr unter­schied­li­che Part­ner, von Erin­ne­rungs­kul­tur bis Medi­en­jour­na­lis­mus, und das spie­gelt auch wider, wie plu­ral das The­ma ost­deut­sche Iden­ti­tät eigent­lich ist.

Was mich dabei immer wie­der über­rascht: Wie vie­le Insti­tu­tio­nen die­ses The­ma mitt­ler­wei­le ernst neh­men. Das war vor drei Jah­ren noch anders.  Und ja, ich bin offen für neue Koope­ra­tio­nen. Wer Inter­es­se hat, kann sich gern bei mir mel­den.

Ihre Kooperationspartner sucht die Podcasterin nicht nach Reichweite, sondern nach Haltung aus. Abbildung: Dmytro Guk

„Ost­deutsch­land ist kein Pro­blem­raum“, sagt Nine-Chris­ti­ne Mül­ler. Abbil­dung: Dmy­t­ro Guk

Du bist derzeit auch Fellow der Kinnings Foundation …

Kin­nings ist ein Lea­der­ship-Pro­gramm für jun­ge Chan­ge­ma­ker aus Ost­deutsch­land und es ist das ers­te Netz­werk, in dem ich nicht erklä­ren muss, woher ich kom­me. Das klingt nach wenig. Es ist aber sehr viel. Ich arbei­te dort mit Men­schen aus Bil­dung, Zivil­ge­sell­schaft, Poli­tik und Kul­tur zusam­men, die nicht nur reden, son­dern gestal­ten. Was mich beein­druckt: das kol­lek­ti­ve Selbst­be­wusst­sein. Kein Trotz, kein Erklä­rungs­be­darf, son­dern sehr viel Ener­gie. Ost­deutsch­land ist kein Pro­blem­raum. Es ist ein Raum vol­ler Men­schen, die längst wis­sen, was sie können.

Wie blickst du auf das „Ostwahljahr“ 2026?

Sehr ambi­va­lent. Sabi­ne Renne­fanz hat geschrie­ben: „Hört auf, den Sieg der AfD her­bei­zu­re­den!“ und ich ver­ste­he die­sen Impuls. Gleich­zei­tig: Außer­halb der Ber­li­ner Bla­se ist es mehr als nach­voll­zieh­bar, sich mit den mög­li­chen Fol­gen der Wah­len ernst­haft aus­ein­an­der­zu­set­zen. Weg­schau­en hat in die­sem Land sel­ten geholfen.

Du hast das letzte Wort ...

Der Osten ist nicht nur Ver­gan­gen­heit. Er ist ein Raum, der erzählt wer­den will und das viel­stim­mig, wider­sprüch­lich und ohne Auf­lö­sung auf Bestellung.

Ich wün­sche mir eine Öffent­lich­keit, die das aus­hält. Die neu­gie­rig bleibt, nach­fragt, zuhört; auch wenn die Ant­wor­ten unbe­quem sind. Die Viel­falt nicht als Pro­blem behan­delt, son­dern als das, was sie ist: Realität.

Ein­heit ist kein Zustand. Sie ist ein Pro­zess. Und die­ses Gespräch hat gera­de erst begonnen.

Vielen Dank.

Die Fra­gen stell­te Robert Nehring.

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