In Teil sechs seiner Kolumne widmet sich Julian Nejkow dem Autor Lukas Rietzschel und dessen Buch „Sanditz“. Am Beispiel Rietzschels beschreibt er das Phänomen der „Osterklärer“ und erläutert, warum er es für problematisch hält.

Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser
Eines vorweg: Jeder Einzelne und jede Einzelne, der oder die sich für den Osten der Republik engagiert, wird in mir einen Verbündeten finden. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir nicht ab und an mal Bilanz ziehen müssen, was wir im Großen erreicht haben. Die Geschichten im Kleinen sind zahlreich, aber viel zu wenig erzählt.
Die Liste der Namen, die sich für den Osten der Republik engagiert haben und engagieren, ist umfangreich. Einige von ihnen sind durch ihre mediale Präsenz durchaus dem ost- wie westdeutschen Publikum bekannt.
In den Fokus geriet zuletzt noch einmal der Autor Lukas Rietzschel. In Bezug auf seinen Roman „Sanditz“ überschlugen sich die Literaturkritiker und Feuilletons der Republik. Fast kein Loblied konnte zu hoch gesungen werden: „Nachwendeepos“, „das Buch, wenn man Ostdeutschland verstehen will“, um nur zwei von Dutzenden zu nennen. Zuweilen konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Herren Literaturkritiker fleißig voneinander abgeschrieben haben. Aber da kann ich mich natürlich täuschen.
Doch zurück zur Sache. Sanditz ist ein gutes, ein wichtiges Buch. Wer den Autor und die Stadt, an die dieser Roman angelehnt ist, kennt, der kann sie quasi gemeinsam mit ihm abgehen und – wenn man aus ähnlichen Verhältnissen kommt – gewiss auch seiner eigenen Vergangenheit nachspüren. Sicher steht die fiktive Stadt auch für andere ostdeutsche Städte und Rietzschel holt damit gewiss viele Menschen ab. Ich für meinen Teil feiere das Buch, aber genau da liegt das Problem: Autorinnen und Autoren solcher Bücher, Influencer, Podcasthosts etc. werden zu Osterklärern stilisiert – zunächst von den Medien, doch irgendwann erheben sich einige auch selbst in diesen Stand. Nur für wen erklären sie den Osten? Für die Ostdeutschen selbst wohl kaum. Diese nehmen sie meist auch nicht als ihre Vertreter wahr und ernst.
Nein, diese Menschen erklären allzu oft den Westdeutschen, wie es im Osten so läuft. Und ihre Lesungen sind voll. Umgekehrt lassen sich viele Ostdeutsche gern von „Wessis“ wie Björn Höcke oder Alice Weidel die Welt erklären – bizarr. Die Besucher hören den Osterklärern jedenfalls gespannt zu, wenn diese behaupten, der Osten sei so oder so, die Menschen würden deswegen oder jenes wegen die AfD wählen und sie seien unglücklich und unzufrieden. Bis dann einer aus dem Publikum ruft, sie sollten doch dankbar sein.
Um es überspitzt zu sagen: Dann ist die Debatte beendet – oder zumindest sind alle Beteiligten mehr oder weniger zufrieden.
Bis dann irgendwann die nächste Sau durch ein ostdeutsches Dorf getrieben wird. Meist medial durch verantwortliche Redakteure, die sich im Osten so gut auskennen wie ich mit Atomphysik. Zur Hilfe werden dann die Osterklärer gerufen, die erklären sollen, was da wieder in Sanditz, Chemnitz oder Görlitz etc. vor sich geht. Was haben wir nicht alles erklärt und wiederholt und erklärt und wiederholt! Jetzt wollen wir verbieten und maßregeln und die Leute sollten am liebsten die Fresse halten, oder nicht? (Der Ton ist bei uns im Osten ein wenig rauer).
Das Leben soll ja in der Kurzschau eine Tragödie und in der Langschau eine Komödie sein, so einst Charlie Chaplin. Doch wo ist hier der Höhepunkt, wo das retardierende Moment? Wird das Ende zu einer Katastrophe und wie sähe das aus? So altklug und abgedroschen es klingen mag: Wenn wir das wirklich wissen wollen, müssen wir eben nicht erklären, sondern zuhören – so lange, bis es uns aus den Ohren herauskommt. Denn zu behaupten, das wurde ausreichend gemacht, halte ich für genauso hanebüchen wie die Behauptung, die Einheit sei vollzogen. Denn sie wurde wirtschaftlich gedacht und gesellschaftlich vernachlässigt.
Jetzt noch einen frischen Slogan oder gar eine Handlungsempfehlung – ohne mich! Jeder weiß, was zu tun ist.
| BUCHTIPP:
Mehr Informationen unter Ölbart.de. |



Julian Nejkow: „Höllenjahre – von jetzt auf gleich”, epubli, Berlin 2024, 336 Seiten, 19,90 € (Softcover).
















