Heute ist Jana Hensels Buch „Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ erschienen. Ein Warnruf im Grundton der Resignation und das in einem für Ostdeutschland entscheidenden Wahljahr.
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„Es war einmal ein Land“ folgt einer steilen These: Ostdeutschland verabschiedet sich von der Demokratie. Diese Grundannahme steht zum Beispiel im Widerspruch zu den Ergebnissen der großen Autoritarismus-Studie. Dieser zufolge befürworteten zuletzt 95 Prozent der Ostdeutschen die Idee der Demokratie (Westdeutschland: 90 Prozent). Im Osten des Landes waren 2024 zwar nur noch 30 Prozent zufrieden damit, wie Demokratie hierzulande praktiziert wird – im Westen übrigens auch nur 46 Prozent. Allerdings besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Idee und Umsetzung. Stichwort DDR.
Der Leser aber weiß natürlich, was gemeint ist: die AfD und ihre Wähler. Der vermeintlichen Alternative für Deutschland diagnostiziert die Autorin eine ausgeprägte Zerstörungslust in Bezug auf Parteien, Medien und andere demokratische Institutionen.
Dies sei ein Buch, das sie niemals habe schreiben wollen, erklärt Jana Hensel, geboren 1976 in Borna, aufgewachsen in Leipzig, Autorin der „Zonenkinder“ (2002) und seit vielen Jahren Journalistin bei Die Zeit. Die Demokratie habe den Ostdeutschen nicht das gebracht, was sie sich erhofft hätten. Der Osten drifte vom Westen weg. Er werde lauter, wütender, selbstbewusster, kompromissloser, unversöhnlicher. Und so ist sich die Autorin sicher: „Das Ende der Demokratie in Ostdeutschland wird kommen. Vielleicht ist es schon da. Wir sollten also vorbereitet sein.“
Um das Verhältnis von Ost und West zu beschreiben, nutzt Hensel das nicht neue Bild der enttäuschten Liebe: Der Osten sei mit vielen Schmetterlingen im Bauch eine Beziehung mit dem Westen eingegangen. Bald bemerkt er jedoch, dass der Westen die Liebe nicht mehr erwidert. Der Osten wird nicht für voll genommen, ignoriert, geghostet. Und so folgen Streit, Rückzug, Rebellion, Erschöpfung, Aufgabe.
Anhand von Wahrnehmungen und Reflexionen sowie Gesprächen, die sie geführt hat, beschreibt Hensel erst den Weg Ostdeutschlands nach links und dann dessen Hinwendung nach rechts. Den Wendepunkt markiert die sogenannte Flüchtlingskrise 2015.
Bei dieser Erzählung wird noch einmal deutlich, was für einen besonders tiefen Einschnitt die Hartz-IV-Gesetze für Ostdeutschland bedeutet haben. Damals war hier jeder Dritte im Niedriglohnsektor beschäftigt. Deshalb trafen diese Gesetze den Osten besonders hart. Viele wählten daraufhin PDS.
Hensel erinnert an die Rolle von Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck, mit denen für viele im Westen die Ossiquote in der Politik voll erfüllt war. Angela Merkel sei allerdings erfolgreich gewesen, weil sie ihre ostdeutsche Prägung nicht in den Vordergrund rückte. In ihrem ersten Kabinett gab es keinen ostdeutschen Minister, im zweiten durfte Johanna Wanka nachrücken. Und der Rostocker Pfarrer Joachim Gauck habe sich als „Vorzeigedemokrat“ in einer Weise in Szene gesetzt, die ihn von den Ostdeutschen eher trennte.
2009 liegt die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl im Osten nur noch bei 65 Prozent, 2013 bei 68 Prozent. Zum Vergleich: Im März 1990 gingen zur „ersten freien“ Wahl noch 93 Prozent an die Urne. Hensel erkennt hier stillen Protest – Resignation, die dann 2015 in Wut umschlägt. 2016 landet die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bei über 20 Prozent. 2017 zieht sie in den Bundestag ein – mit 22 Prozent im Osten. 2019 bekommt sie in Sachsen 27,5 Prozent und plötzlich – so Hensel – erzähle sich der Osten erstmals seine eigene Geschichte.
Auf die passive Phase des Rückzugs vieler Ostdeutscher folge mit dem Zustrom, den die AfD im Osten verzeichnet, eine aktive, wobei diese Partei eher zufällig zu dem werde, worauf sich nun so viele einigen. Schließlich sei sie von westdeutschen Eurokritikern gegründet worden. Wird die AfD heute gewählt, obwohl sie rechtsradikal ist, und weniger, weil sie es ist, fragt Hensel. In jedem Fall sei sie nun der Ort des Protests, den Ostdeutschland erst nach links getragen habe.
Hensel zeichnet die Karrieren von Tino Chrupalla und Frauke Petry nach. Beide sind wirtschaftlich im Osten gescheitert. Chrupalla bestätigt: „Jede Krise bringt der AfD mehr Wähler.“ Und ein Mitarbeiter aus dem AfD-Umfeld sagt ganz offen: „Die AfD treibt mit den Ostdeutschen ihr ideologisches Spiel und ein politisches Geschäft.“
Die Autorin zitiert Manuela Schwesig: „Wir bekommen im Osten jetzt die Quittung dafür, dass bisher jede Bundesregierung über viele Probleme und Antworten aus dem Osten hinweggegangen ist.“ Hensel fragt sich, ob im Spiegeljahr 2029 zu Ende gehen werde, was nach 40 Jahren DDR dann 40 Jahre gedauert habe. Das sind keine guten Aussichten, aber es ist absolut legitim, hier ohne Happy End zu schließen. Jana Hensels Buch ist erhellend. Eine Art letzter Warnruf. Aber es werden noch viele folgen.



Jana Hensel: „Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“, Aufbau-Verlag, Berlin 2026, 263 Seiten, 22 € (Hardcover).
























