Anlässlich des heutigen Internationalen Frauentages beschäftigt sich ostdeutschland.info mit einem Buch über Frauen in Ostdeutschland. Annette Schuhmann hat in „Wir sind anders!“ ostdeutsche Frauen porträtiert.
| BUCHTIPP:
Annette Schuhmann: „Wir sind anders! Wie die DDR Frauen bis heute prägt“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2025, 368 Seiten, 28 € (Hardcover mit Bildern). |
Für ihr Buch hat Annette Schuhmann 13 Frauen mit ostdeutschem Hintergrund aus unterschiedlichen Generationen ausgewählt. Einige von ihnen haben die DDR bewusst erlebt, andere sind erst nach der Wende geboren. Im Gegensatz zu vielen Publikationen zur ostdeutschen Identität verfolgt Schuhmann jedoch nicht das Ziel, Identität als solche zu verhandeln. Stattdessen richtet sie den Blick auf weibliche Biografien und Lebenswege. Dabei war es ihr wichtig, die Zäsur von 1989 nicht als Endpunkt zu betrachten, sondern die Entwicklungen der Nachwendezeit bis in die Gegenwart miteinzubeziehen.
Ein Beispiel hierfür ist das Porträt der Nervenärztin und Psychoanalytikerin Irene Misselwitz (*1945). Schon seit ihrer Kindheit hegte sie den Wunsch, Medizin zu studieren, und verfolgte dieses Ziel konsequent. Sie spezialisierte sich auf Psychotherapie und Psychiatrie und arbeitete unter anderem in der Nervenklinik Jena. Dort beschäftigte sie sich intensiv mit wissenschaftlichen Zeitschriften aus dem Westen sowie mit Büchern über moderne Ansätze in der Psychiatrie. Als sie nach kurzer Zeit zur Stationsleiterin aufstieg, wollte sie diese Reformideen in die Praxis umsetzen. Während die jüngeren Kollegen begeistert reagierten, stieß sie bei den älteren auf Widerstand. Mit ihrer Schwangerschaft endeten viele der begonnenen Veränderungen abrupt und die angestoßenen Reformen wurden rasch rückgängig gemacht. Erschwerend kam hinzu, dass die Staatssicherheit jederzeit Zugriff auf Patientenakten hatte und somit direkten Einfluss auf ihre Arbeit nehmen konnte. Misselwitz entwickelte daher Methoden, um sich selbst und ihre Patienten zu schützen. Sie befand sich in einer widersprüchlichen Situation: Einerseits hatte sie eine leitende Position inne, andererseits stand sie unter ständiger staatlicher Überwachung.
Auch die Biografie von Ingrid Gärtner (*1936) zeigt, wie eng berufliche und private Kämpfe miteinander verwoben waren. In jungen Jahren stand sie weitgehend allein da. Ihr Mann saß zweimal im Gefängnis und beteiligte sich nicht an der Kindererziehung. Neben ihrer Vollzeitstelle blieb die Verantwortung für die Kinder an ihr hängen. Beim VEB Elektrokohle Lichtenberg erlebt sie eine von Alkohol geprägte Arbeitskultur und ein stark patriarchalisches Umfeld. Sämtliche Führungskräfte sind Männer. Sie und ihre Kolleginnen sehen sich derben Sprüchen, Übergriffen und Bedrängungen ausgesetzt. Der Wechsel an das Lehrerbildungsinstitut in Berlin-Hohenschönhausen bedeutet für sie zunächst einen Neuanfang. Mit dem Mauerfall im Jahr 1989 verbindet Gärtner große Hoffnungen. Gemeinsam mit einer Kollegin wird sie an das Pädagogische Zentrum in der Berliner Straße in Westberlin versetzt. Doch der erhoffte Aufbruch bleibt aus und wird von Ernüchterung begleitet. Trotz ihrer Ausbildung und langjährigen Berufserfahrung erhält sie lediglich ein Anfängergehalt, und ihre Zeugnisse müssen erst vom Senat anerkannt werden. Zudem wird ihr offene Ablehnung entgegengebracht – eine Westkollegin erklärt ihr unverblümt: „Wir wollen euch hier nicht, ihr kommt aus dem Osten und ihr stinkt. Außerdem bekommen wir jetzt keine Berlin-Zulage mehr.“ Hinzu kommen deutliche Unterschiede im Arbeitsverständnis: Während in Hohenschönhausen alle über das Aufgabenfeld der anderen informiert waren und bei Bedarf einsprangen, herrschte in Westberlin eine strikte Trennung der Zuständigkeiten. Auch ihre Entscheidung, trotz Kinder in Vollzeit zu arbeiten, stößt auf Unverständnis und sie wird als „Rabenmutter“ bezeichnet. So sieht sich Gärtner sowohl vor als auch nach 1989 mit dem Kampf um Anerkennung konfrontiert.
Eine analytische Einordnung liefert die Historikerin Anja Schröter (*1983), die unter anderem zum Scheidungsrecht in der DDR forscht. Im Gespräch mit Schuhmann erläutert sie die Unterschiede zwischen vollzeitbeschäftigten ostdeutschen Frauen und den wenigen, die etwa aufgrund der Pflege von Angehörigen nicht berufstätig waren. Mit der Übernahme des bundesdeutschen Scheidungsrechts verloren Letztere den Rentenanteil aus der DDR, für den sie lediglich einen symbolischen Beitrag entrichtet hatten. Da das System des Versorgungsausgleichs in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Modell der „Hausfrauenehe“ beruhte, also auf einer Eheform, in der Frauen dem Mann den Rücken freihielten und im Scheidungsfall Rentenpunkte angerechnet bekamen, griff dieses System für viele DDR-Frauen nicht, weil es in der DDR nicht existierte. Die Frauen hatten darauf vertraut, durch ihre Einzahlungen abgesichert zu sein. Dieses Vertrauen erwies sich im Nachhinein als folgenschwerer Irrtum.
Eindrucksvoll ist auch die Geschichte der 1963 geborenen Designerin, Künstlerin und Hebamme Jeanne: Als Tochter einer DDR-Staatsbürgerin und eines Mannes aus Guinea wächst sie nach der frühen Trennung der Eltern allein bei ihrer Mutter auf. Diese sah sich nicht nur mit der Herausforderung der Alleinerziehung konfrontiert, sondern war auch massiven, rassistischen Anfeindungen ausgesetzt: Sie wurde bespuckt und beschimpft. Von der propagierten Völkerfreundschaft war im Alltag wenig zu spüren. Die ständigen Angriffe führten dazu, dass sich Jeannes Mutter zunehmend zurückzog und versuchte, sich und ihr Kind unsichtbar zu machen. Die psychische Belastung übertrug sich auf Jeanne. Mit neun Jahren versucht sie, aus dem Fenster zu springen, weil sie das Verdrängen der Erlebnisse nicht mehr aushält. Von frühester Kindheit an kämpft sie um Anerkennung und gegen Beleidigungen – bis heute. Im Rückblick beschreibt sie einen Unterschied zwischen der Zeit vor und nach 1989: Vorher hätten sich viele „zusammengerissen“, danach hätten viele „die Sau rausgelassen“.
Trotz unterschiedlicher Jahrgänge und Lebenswege lassen sich in den Interviews verbindende Linien erkennen. Keine der Frauen trauert der DDR nach, doch viele von ihnen berichten von biografischen Brüchen nach 1990 – von neuen Chancen ebenso wie von Verlusten und von veränderten Beziehungen zu Familie und Freunden. Auffällig ist zudem ein wiederkehrendes Motiv: Die Beziehung zwischen Ostdeutschen wird häufig als unkomplizierter und selbstverständlicher beschrieben als die zu Westdeutschen. Dies wird mit geteilten Erfahrungen begründet. Annette Schuhmann gelingt es, weibliche Perspektiven differenziert in die ostdeutsche Identitätsdebatte einzubringen, ohne sie auf das Schlagwort „Identität“ zu verengen.





























