Das Netzwerk der gemeinnützigen Initiative DenkRaumOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ostdeutschlands Charme sichtbar zu machen. In Teil neun ihrer Kolumne erklärt die KI-Expertin und CEO von Agentryxx, Simona Stoytchkova, wie künstliche Intelligenz dem Osten Chancen und Nutzen bietet.

Simona Stoytchkova ist seit 20 Jahren international in der Finanzbranche tätig, zuletzt im Vorstand einer großen US-Bank. Mit 49 Jahren hat sie bereits zweimal gegründet. Ihre Trainingsplattform Alic.ai richtet sich an Menschen 40+, die KI praktisch und sicher anwenden wollen. Agentryxx beschäftigt sich mit KI-Transformation im Mittelstand. Abbildung: Simona Stoytchkova
Ich bin in Ostberlin aufgewachsen. Plattenbau, Mangel, Erfindungsgeist. Das prägt bis heute: Transformation ist für mich kein abstraktes Konzept, sondern gelebte Realität. Wer gelernt hat, mit Unsicherheit zu leben, adaptiert Veränderung schneller als jene, die auf Stabilität konditioniert sind. Genau deshalb ist der Osten prädestiniert für das, was jetzt kommt: die KI-Transformation im Mittelstand.
Meine Leidenschaft gilt der künstlichen Intelligenz. Denn KI ist ein Hebel für wirtschaftliche und gesellschaftliche Erneuerung. Agilität ist hier kein Modewort, sondern eine Notwendigkeit. KI kann unterstützen, Prozesse zu modernisieren, Produktivität zu steigern, Kosten zu sparen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Sie kann Brücken schlagen, zwischen Tradition und Zukunft, zwischen Industrie und Innovation, zwischen Vorsicht und Pioniergeist. Genau hier liegen enorme Potenziale.
Warum der Osten von KI-Agenten profitiert
Der Fachkräftemangel trifft Mittelständler in Ostdeutschland härter als anderen Regionen. Gleichzeitig sind die Strukturen oft schlanker, die Entscheidungswege kürzer. Genau das macht KI-Agenten hier nicht zur Zukunftsvision, sondern zur praktischen Notwendigkeit. Autonome Systeme entwickeln sich zu digitalen Teammitgliedern, die operative Arbeit übernehmen, Entscheidungsprozesse vorbereiten und menschliche Teams gezielt verstärken. Ostdeutsche Mittelständler, die diesen Weg gehen, werden aus der Not heraus zu Vorreitern werden.
Etwas anderes kommt hinzu, über das viel zu wenig gesprochen wird: In den letzten 20 Jahren sind im Osten zahlreiche neue Hochschulen und Forschungseinrichtungen entstanden. Eine ganze Generation junger Menschen ist hier aufgewachsen, hat hier studiert und kennt KI nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug. Diese Generation ist digital sozialisiert, experimentierfreudig und pragmatisch.
Früher sind sie nach dem Studium weggegangen. Heute bleiben viele. Warum? Weil die Lebenshaltungskosten niedriger sind, Wohnraum bezahlbar ist und sich in Leipzig, Dresden, Jena oder Potsdam eine lebendige Start-up- und Innovationskultur entwickelt hat. Genau diese jungen Leute gründen KI-Start-ups, arbeiten in Innovationshubs und bringen frische Ideen in etablierte Unternehmen. Sie sind keine Bittsteller mehr, sondern Gestalter. Und sie treffen auf eine Mittelstandslandschaft, die nicht mehr warten kann. Diese Kombination aus Dringlichkeit, jungem Talent, erfahrenen, langjährigen Mitarbeitenden und günstigeren Rahmenbedingungen macht den Osten zu einem natürlichen Labor für KI-Transformation. Denn das ist genau das Spannungsfeld aus Erfahrung gepaart mit ostdeutschem Pragmatismus und Resilienz, das Zukunft möglich macht und den Osten zum Vorbild werden lassen kann. Für Aufbruch. Für ein neues Selbstverständnis.
Die stille Superpower des Ostens
Der Osten hat einen Schatz, über den viel zu selten gesprochen wird: exzellente Forschung zusammen mit starken industriellen Kernen. Branchen, die Zukunft bedeuten. Elektromobilität. Batterietechnologien. Mikroelektronik. Rechenzentren. Quantencomputing. Energiewirtschaft. Bioökonomie. Luft- und Raumfahrt. Photonik. Lichttechnologien.
Ich habe dem in meinem Buch „Die aus dem Osten“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Denn hier entsteht etwas, das Strahlkraft hat, und zwar weit über Deutschland hinaus. Der Osten hat gelernt, Chancen zu nutzen, wenn sich Systeme wandeln. Und genau das ist die Kernkompetenz im Zeitalter von künstlicher Intelligenz. KI-Agenten sind nicht die Zukunft. Sie sind die Gegenwart. Sie brauchen Orte, die Geschwindigkeit, Industrie, Daten, Energie und Mut verbinden. Der Osten bringt all das mit. Unsere stille Superpower ist die Transformationserfahrung. Jetzt ist der Moment, sie mit KI zu skalieren.
Transformation beginnt im Kopf und braucht Mut
Die eigentliche Frage lautet nicht, ob KI kommt. Sondern, ob wir bereit sind, unsere Denk- und Entscheidungslogiken schneller zu verändern als unsere Märkte. Ungewissheit nicht zu fürchten, sondern sie in Neugier umzuwandeln und damit verantwortungsbewusst zu gestalten. Die Haltung, Chancen zu sehen, insbesondere dort, wo andere nur Risiken sehen. Meine Wette ist klar. Mut gewinnt, und damit gewinnt auch der Osten.
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