Eine neue Studie der Rockwool Foundation zeigt 36 Jahre nach der Wiedervereinigung, wie die Wende viele ostdeutsche Berufskarrieren auf den Kopf gestellt hat. Die Daten zeigen zum Beispiel, dass nur 17 Prozent der ostdeutschen Arbeitnehmer im Jahr 1992 noch den denselben Job hatten wie drei Jahre zuvor.

Ost- und Westdeutsche stehen 1989 auf der Berliner Mauer. Eine Studie der Rockwool Foundation zeigt, dass im Jahr 1992 nur 17 Prozent der Ostdeutschen noch dieselbe Arbeitsstelle hatten wie 1989. Abbildung: Lear21, Wikimedia Commons
In der Studie von Rockwool wurden die Geburtsjahrgänge 1929–1931, 1939–1941, 1949–1951 und 1959–1961 analysiert. Im Fokus standen die Herausforderungen und Chancen der Betroffenen. Für den Datensatz wurden zwei Quellen miteinander verbunden: das Arbeitsregister der DDR von 1989 (mit Daten von rund sieben Millionen Angestellten) und Beschäftigungsdaten der Sozialversicherung Westdeutschlands für dieselben Personen nach der Wiedervereinigung.
Was auf den ersten Blick für einige Menschen nach einer verheißungsvollen Zukunft aussah, entwickelte sich schnell zum Kraftakt. Der 9. November 1989 brachte der ostdeutschen Arbeitswelt eine Umstellung und einen Wandel, wie er in dieser Form in Nachkriegseuropa noch nie vorkam. Innerhalb von drei Jahren sank die Beschäftigung im Osten um 35 Prozent. Die von der DDR-Regierung offiziell nicht anerkannte Arbeitslosigkeit stieg auf über 15 Prozent.
Nur 17 Prozent behielten ihren Job
1989 übte der Studie zufolge die Mehrheit der DDR-Arbeitnehmer Fach- und Hilfsarbeitertätigkeiten aus. Der Anteil an akademischen und angelernten Berufen war geringer als bei den westdeutschen Arbeitnehmern. 53 Prozent der Männer arbeiteten in der DDR als Facharbeiter, im Westen waren es 40 Prozent. Gleichzeitig übten in der DDR weniger als zehn Prozent der Männer akademische oder angelernte Berufe aus, während es in Westdeutschland 20 Prozent waren. Laut Studie war hierbei nicht die Bildung ausschlaggebend, sondern die Ausrichtung der Planwirtschaft, die die Schwerindustrie gegenüber Akademikerberufen höher bewertete.
Die Veränderungen für ostdeutsche Männer sind in den Jahren 1989 bis 1992 deutlich erkennbar. Nur etwa 17 Prozent von ihnen behielten in diesem Zeitraum ihre berufliche Tätigkeit, die übrigen 83 Prozent wechselten ihn oder wurden arbeitslos. Auf der anderen Seite gingen 70 Prozent der westdeutschen Männer in diesem Zeitraum demselben Job nach.
Aufgrund der beruflichen Veränderungen ergaben sich Unterschiede bezüglich der Aufstiegschancen für ostdeutsche Arbeitnehmer. Die Chance auf einen beruflichen Aufstieg habe rund 23 Prozent betragen und sei damit 18,5 Prozent höher als bei westdeutschen Arbeitnehmern gewesen. Gleichzeitig war das Abstiegsrisiko um 15 Prozent höher. Die Wiedervereinigung brachte somit sowohl Aufstiegschancen als auch Abstiegsrisiken mit sich.
Höhere Aufstiegswahrscheinlichkeiten
Die DDR-Frauen erlebten ähnliche berufliche Umbrüche wie die Männer. Ebenfalls nur 17 Prozent der Frauen im Osten hatten 1992 denselben Job wie 1989. In Westdeutschland waren es 63 Prozent der Frauen. Im Vergleich zu ostdeutschen Männern war die Wahrscheinlichkeit für einen beruflichen Aufstieg bei ostdeutschen Frauen mit 22 Prozent höher. Die Aufstiegswahrscheinlichkeiten lagen 19 Prozent höher als bei westdeutschen Frauen. Gleichzeitig war aber auch das Risiko für einen beruflichen Abstieg für ostdeutsche Frauen um 9,8 Prozent höher als bei westdeutschen Frauen. In allen untersuchten Geburtsjahrgängen von ostdeutschen Frauen überstieg die Wahrscheinlichkeit für einen Aufstieg die Wahrscheinlichkeit für einen beruflichen Abstieg.
Besonders stark war der Fall in die Nichterwerbslosigkeit für die zwischen 1929 und 1931 geborenen ostdeutschen Frauen und Männer. 80 Prozent der männlichen Beschäftigten aus der DDR wurden im Zeitraum 1989 bis 1992 arbeitslos oder gingen in den Ruhestand. Bei den Westmännern lag der Wert bei 54 Prozent, bei den Ostfrauen waren es 49 Prozent und bei den Westfrauen 81 Prozent der untersuchten Personen.
Die Arbeitslosenquote der ostdeutschen Männer stieg von 1989 bis 1992 von null auf zehn Prozent, bei den ostdeutschen Frauen kletterte sie von null auf 20 Prozent. Bei Männern blieb diese Zehn-Prozent-Quote bis 1996 bestehen. Ab 1996 kam es zu einem Anstieg und 1998 lag die Arbeitslosenquote von ostdeutschen Männern bei rund 18 Prozent. Bei den ostdeutschen Frauen blieb die 20-Prozent-Quote in den restlichen 1990er-Jahren gleich. Im Westen stieg die Arbeitslosenquote in diesem Zeitraum ebenfalls und befand sich jeweils bei rund zehn Prozent.




























