Daniel Heidrich wagt im zehnten Teil seiner Kolumne einen ostdeutschen Blick auf die aus seiner Sicht zunehmende Radikalisierung der politischen Linken in Westdeutschland. Freunde werden die beiden wohl nicht mehr.

Daniel Heidrich wurde 1975 in Berlin-Köpenick geboren. Er ist ein erfolgreicher und meinungsstarker ostdeutscher Unternehmer. ebk-gruppe.com
„Um eine Antwort […] zu finden, schlage ich vor, die fortschrittliche Linke wie einen exotischen Stamm zu behandeln, dessen Erzählungen und Mythen zur Erklärung der Welt dem Glauben näherstehen als der Analyse.“ (Eva Illouz – linke Soziologin und Intellektuelle, in ihrem Buch „Der 8. Oktober. Über die Ursprünge des neuen Antisemitismus“, 2025).
Die Linke als Bewegung hat im Osten Deutschlands und in Osteuropa aufgehört zu existieren. Die Veränderung der Demokratie und damit ihre vermeintliche Rettung kommt aus dem rechtskonservativen Lager. Polen und Ungarn erkämpfen sich gerade einen Weg zurück nach Europa. Es geht um nichts weniger, als Demokratie vs. Autokratie. Dieser Weg zurück ins Demokratische wird durch „Rechte“ angeführt und gewonnen.
Ich will nicht rechts sein. Zu sehr hängen mir die Baseballschlägerjahre nach. Meine verletzten Freunde, meine Flucht vor den Jungs mit den Bomberjacken und den Messern. Sie alle waren rechts. Nun kann ich auch nicht mehr links sein. Ein „sich tugendhaft gebender Hass“ gegen alles, was nicht in die progressive Bubble passt, überfordert meinen Intellekt. Ich glaube, gerade als Ostdeutscher stehe ich diesem Tugendfuror eines absolut geschlossenen Weltbildes angewidert gegenüber. Ich kann die ganzen Widersprüche nicht mehr ertragen.
„Dabei wird der Genozid nicht als Folge einer konkreten Regierung in Israel bewertet, sondern als notwendige Konsequenz der zionistischen Ideologie. […] Und genau das ist jetzt nicht mehr nur die Position von irgendwelchen […] Aktivistii, das ist die Position von Die Linke Niedersachsen. […] Hoch die Internationale!“ (Mitglieder von Die Linke Niedersachsen auf Instagram).
Ein junger Mann aus Westdeutschland, nennen wir ihn Lasse, argumentiert, dass der Zionismus die Ursache allen Übels im Nahen Osten sei. Lasse sagt, dass Völkermord und Kriegsverbrechen in der Natur der Idee liegen, dass Juden einen eigenen Staat brauchen. Lasses Urgroßvater lebte unter Antisemiten. Ach, was soll die ganze Vorsicht: Er war mit ziemlicher Sicherheit Antisemit und fand die Idee des Zionismus super. Baldur von Schirach sprach im Namen von Lasses Großvater, dass er noch mit einer Kapelle kommen würde, wenn die Juden Deutschland endlich verlassen würden. Jetzt war es so, dass einige Juden das taten, was Schirach wollte, und andere nicht. Darüber war Lasses Großvater so erbost, dass er half, sechs Millionen von den Dagebliebenen zu töten. Daraufhin folgten die Überlebenden der „Zionistischen Ideologie“ und verließen Deutschland nach dem Krieg. Diese Flucht ist für Lasse die Ursache für Völkermord und Kriegsverbrechen. Lasses Großvater war Antisemit, aber bestimmt kein Antizionist. Heute ist Lasse kein Antisemit, aber stolzer Antizionist. Er hasst ziemlich sicher auch Deutschland, aber das ist eine andere Geschichte, und Geschichte ist nicht seine Stärke.
Die Radikalisierung der Westdeutschen nimmt dramatische Formen an: „Ich will, dass Christian Ulmen und allen anderen Täter an ihren großen Zehen auf den Marktplätzen dieser Nation aufgehangen und öffentlich kastriert werden. […] Wer noch das Wort Unschuldsvermutung verwendet, soll mit dem Wort ‚Täterschützer‘ auf der Stirn zwangstätowiert werden.“ (Leonie Plaar, linke Influencerin aus Osnabrück in einem Video auf Instagram).
„Ob es Beweise für die behaupteten Vergewaltigungen israelischer Frauen gibt oder nicht, o. k., wenn es Beweise gibt, dann werden wir das beklagen […] aber wir wollen diese Beweise sehen und wir wollen wissen, ob es stimmt.“ (Judith Butler). Judith Butler ist eine queer-feministische Ikone. Sie lehrt an der University of California, Berkeley. Diese Aussage tätigte sie am 3. März 2024! Lange nachdem Videos und Fakten des 7. Oktober 2023 auf dem Tisch lagen. Harte Queer-Feminist:innen sagen eigentlich immer: „Glaubt den Frauen, nicht den Männern. Männer sind schuldig, weil sie Männer sind.“ Es sei denn … die Frauen sind Jüdinnen. Der Antizionismus ist, wie Eva Illouz gut beschrieb, jetzt „die intellektuell respektable Form des Antisemitismus“. Er ist in der „Westlinken“ tief verankert und bricht sich nun ganz offen Bahn.
Links zu sein bedeutete für mich, fortschrittlich zu sein. Die linke Idee des dialektischen Prozesses von These, Antithese und Synthese ist meine Idee des Streits. Nur ist sie nicht mehr die Idee derer, die sich heute als links bezeichnen. Heute bedeutet links zu sein vor allem, alle anderen für blöd und ungebildet zu erklären. Ich habe jetzt aufgehört, links zu sein. Nicht, weil ich linke Ideen ablehne, sondern weil ich einfach nicht so sein will wie diese „Linken“. Auf Linkedin hat Mirko Lange, ein Influencer, den Trust-Score erfunden. Das Ziel besteht darin, Aussagen daraufhin zu untersuchen, ob sie richtig gesagt wurden. Bewertet wird in A, B, C, D. Er nennt es Democracy Intelligence. Im Englischen bedeutet Intelligence aber auch Geheimdienst. Er begründet also ein digitales Wahrheitsministerium zur Rettung der Demokratie. Gewissheit und Autorität gehen mit einer Illusion der Gültigkeit einher (vg. Kahneman und Illouz).
Dieses betreute Denken ist viel näher an einer Diktatur als irgendwelche rechten Influencer, die alles raushauen, was ihrem ungebildeten Kleinhirn entspringt. Hat man ein Problem mit der Migration oder dem Stadtbild, dann ist man einfach nur das Opfer einer rechten Kampagne. Auseinandersetzung erledigt. Der Aufstand der „Anständigen“ endet mit einem kurzen: „Halts Maul, du Rassist.“
„Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.“ (Bernhard von Clairvaux). Ich kann all die guten Absichten des Linksseins immer noch sehen. Ich weiß aber auch, dass viele linke Ideen aus der Sowjetunion kamen. Ich weiß ebenfalls, dass die westdeutsche Linke 1968 tief ins Innere des Totalitären geblickt hat. Das marxistisch-leninistische Menschenbild ist das des Proletariers, der mit Bildung zur Erkenntnis erzogen werden kann. Entwickelte er aus dieser Bildung heraus Zweifel und eine eigene Meinung, wurde er als Erstes agitiert, dann niedergebrüllt, dann als Wegbereiter des Faschismus bezeichnet. „Komm nicht vom Wege ab, Genosse!“ Der Knüller am Marxismus-Leninismus war aber auch, dass alles mit wissenschaftlichen Erkenntnissen begründet wurde. Follow the Science, ansonsten bist du ein Faschist.
Und so führt Lasses linke Idee direkt in eine Diktatur der „Anständigen“. Lasse ist sogar bereit, die größten Menschenfeinde zu unterstützen, wenn es gegen den Imperialismus geht.
Ich mache mir nichts vor. Kommen die hartgesottenen Rechtsradikalen an die Schaltstellen der Macht, ist das das Ende unseres demokratischen Miteinanders. Lassen wir jedoch die westdeutschen Linken die soziale Gerechtigkeit einführen, führt der Weg direkt in das Umerziehungslager. Mit einem Unterschied: Der Trust-Score würde ständig grün leuchten und wir hätten ein besseres Gefühl dabei.
Ein gutes Gefühl bei der Umerziehung wäre im Osten … nichts Neues





















