Sieben Wochen ist die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung alt. Die Idee zu einer solchen klang gut, die Umsetzung ist sehr umstritten. Unser Kolumnist Julian Nejkow hat sich das Projekt näher angesehen.

Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser
Da ist sie also, die sagenumwobene Ostdeutsche Allgemeine Zeitung. Laut Verleger Holger Friedrich eine Selbstverständlichkeit, aber durchaus eine große Sache für jeden, der sich als Ostdeutscher versteht. Es gebe eine „Süddeutsche“ für den Süden, eine „WAZ“ für den Westen und es gab eine „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“. Warum also keine „OAZ“? Die Bedenkenträger argumentieren schnell und scharf: Die Zeitungen in der DDR haben gezeigt, wie die Ostdeutschen Journalismus verstehen. Nur ist Ostdeutschland nicht gleich DDR und 40 Jahre sind als Maßstab für die Geschichte des Journalismus ein wenig zu kurz gegriffen.
Ja, natürlich muss jetzt die erste deutsche Zeitung Erwähnung finden. Die „Einkommende Zeitung“ wurde 1650 nach den Grauen des Dreißigjährigen Kriegs in Leipzig etabliert. Sie begründete die Tradition der Buch- und Messestadt. Damals noch eher in Mitteldeutschland, als Geografie das Land und den Standort einordnete und nicht die Geschichte. Soweit so historisch.
Medien für den Osten sind rar gesät. Dass Anfang der 1990er-Jahre versucht wurde, ostdeutsche Medien wie „Der Freitag“ oder das Boulevardblatt „Super“ zu etablieren, war nur teilweise von Erfolg gekrönt. Das gilt im Grunde bis heute. „Die Zeit“ versucht seit 2013 zumindest, sich mit der dünnen Sonderbeilage „Zeit im Osten“ dem Gegenstand zu nähern. Wie ernst das gemeint ist, konnte man in der Jubiläumsausgabe zum 80. Geburtstag der Wochenzeitung sehen: Sie kam komplett ohne den „Osten“ aus. Manches kann man sich nicht ausdenken.
Doch mal weg von der Geschichte und den Umständen, wie es nun zur „OAZ“ kam: Wichtiger ist es, sich der Zeitung, ihres Inhalts und der Rezeption zu widmen. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mir das Treiben seit der gedruckten Erstausgabe am 20. Februar 2026, aber auch schon davor intensiv anzuschauen. Viele Artikel und Kommentare taten sich mit einer objektiven Einordnung offenbar mehr als schwer. Doch warum?
Natürlich kann man sich an einem zweiseitigen, wohlwollenden Porträt des AfD-Vorsitzenden Tino Chrupalla in der Erstausgabe reiben. Ja, man kann das ausführliche Interview mit dem rechten Verleger Götz Kubitschek scharf kritisieren, den Gastbeitrag Sahra Wagenknechts mindestens mal schräg finden und sich ebenso wundern, wie der Soziologe Hartmut Rosa aus Jena sehr schlüssig sein Konzept des wachsenden Rechtspopulismus in der „OAZ“ erklärt.
Vier von mittlerweile Dutzenden Beispielen, die zeigen: Mit einer kurzen Kritik nach der ersten Ausgabe ist es bei der „OAZ“ nicht getan. Die bisher laut „OAZ“ gut verkaufte Zeitung lässt sich noch schwer einordnen. Ohne Frage: Sie hat schon die eine oder andere Debatte wieder aufleben lassen. Sei es die ewige „Elitendebatte“ um Ost und West oder die „Seid-mal-dankbar-Debatte“. Die Ostdeutsche Allgemeine sorgt auch für Perspektivwechsel, die durchaus den Blick weiten lassen und leider manchmal auch verengen.
Nicht ganz unschuldig an manchen Bedenken ist neben dem Journalistischen der Auftritt der Zeitung, vor allem in Persona des Verlegers Holger Friedrich. Geschickt trifft er parallel Menschen wie Augstein und Döpfner, mit denen er sich medienwirksam öffentlich streitet und dabei ostdeutsche Themen nach vorne stellt.
All das kann man schwierig finden. Außerdem sollte zur Kenntnis genommen werden, dass der westdeutsche Chefredakteur Dorian Baganz nach nicht einmal vier Wochen das Handtuch geworfen hat. Es gilt auch zu berücksichtigen, dass es gemäß dem eigenen Anspruch viel mehr Regionalausgaben geben müsste und dass es eine große Verquickung mit der „Berliner Zeitung” gibt.
Auf der anderen Seite: Wieder einmal wurde der Osten, in diesem Fall die „OAZ”, von einigen westdeutschen Medienhäusern in den Blick genommen. Soweit, so richtig. Doch wieder wird man den Eindruck nicht los, dass eine überkritische Brille aufgesetzt wurde. Beim Schreiben der Kritiken stellt man sich nicht wenige mit ein wenig Schaum vor dem Mund vor.
Doch auch hier muss versucht werden, objektiv zu bleiben. Denn nicht wenige der Journalisten der „OAZ“ bieten Anlass zur Kritik. Einige Artikel spalten mehr als sie einen. Hier finden sich in jeder Ausgabe, in der Onlinepräsenz und im Podcast „sachlich richtig“ Beispiele. Es gibt also Hausaufgaben für beide Seiten.
Nein, ich bediene hier nicht die Opferrolle, denn auch ich werde die Zeitung kritisch begleiten, aber vielleicht geben wir der Idee erstmal eine Chance, bevor wir sie mal wieder verdammen. Denn in einem hat der Verleger Friedrich, neben vielem Streitbaren, Recht: Der Osten braucht eine starke Stimme. Ob das die „OAZ“ wird, werden wir sehen.
| BUCHTIPP:
Mehr Informationen unter Ölbart.de. |



Julian Nejkow: „Höllenjahre – von jetzt auf gleich”, epubli, Berlin 2024, 336 Seiten, 19,90 € (Softcover).
















