Am 31. Mai findet der zweite Wahlgang zur Oberbürgermeisterwahl im ostsächsischen Görlitz statt. Mit ihr beschäftigt sich Julian Nejkow im fünften Teil seiner Kolumne, indem er mögliche Szenarien aufzeigt.

Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser
Am 10. Mai 2026 ist in Görlitz gewählt worden. Die Wahl zum Oberbürgermeister stand an. Viele erinnern sich noch an das Spektakel von 2019, bei dem sogar Schauspieler aus Hollywood dazu aufriefen, nicht den Kandidaten der AfD, Sebastian Wippel, zu wählen. Diesmal legte sich der Staub deutlich schneller. Es geht langsam in die zweite Runde der Wahl, bei der von den einst vier Kandidaten die beiden Favoriten, Amtsinhaber Octavian Ursu (CDU) und Widersacher Sebastian Wippel gegeneinander antreten. Bei einer Wahlbeteiligung von gut 58 Prozent kam Ursu im ersten Wahlgang auf 49,1 Prozent und Sebastian Wippel auf 44,3 Prozent. Auf den ersten Blick eine klare Sache, doch einiges kann für den Amtsinhaber Ursu am 31. Mai in der zweiten Runde unangenehm werden.
Szenario 1: Erinnerungen an 2019
Im Jahr 2019 hatte Ursu den zweiten Wahlgang mit gut 55 zu 45 Prozent für sich entschieden. Im ersten Wahlgang lag Wippel noch gut sechs Prozent (36 Prozent) vorne. Mit dem Zurückziehen der sehr gut abschneidenden Grünenkandidatin Schubert (28 Prozent) und dem Aussprechen einer Wahlempfehlung für Ursu schienen die Dinge klar. In der Stichwahl entschied Ursu das Rennen bei sinkender Wahlbeteiligung für sich. Ein großes Fragezeichen aber blieb. Aus welchem Lager und Milieu konnte Wippel im zweiten Wahlgang 8,8 Prozent zulegen? Die sinkende Wahlbeteiligung allein kann es jedenfalls nicht erklären. Ursu muss also vor allem darauf achten, dass er seine Wähler mobilisiert bekommt, um das Ergebnis halten zu können.
Szenario 2: Eine stark sinkende Wahlbeteiligung
Die AfD hat bereits gezeigt, dass sie ihre Wählern mobilisieren kann. Sie zieht Stimmen aus dem Protestwählerlager, dem Nichtwählerlager und aus dem Wählerlager der etablierten Parteien an sich.
Wenn die Wahlbeteiligung sinkt, dann eher im bürgerlichen Lager. Schon drei bis vier Prozent weniger (2019 waren es beim zweiten Wahlgang drei Prozent weniger) können fatal für den Amtsinhaber sein. Ebenfalls unklar bleibt, wem sich die 6,5 Prozent der Wähler zuwenden, die auf die beiden anderen Bewerber entfallen sind. Der Weg von der Kandidatin der Linken zu Ursu oder gar Wippel scheint weit. Bei Hagen Jeschke (parteilos), als Einzelbewerber am ehesten noch der FDP nahe stehend, ist ebenso offen, wohin die Stimmen seiner Wählerschaft gehen.
Szenario 3: Eine stark steigende Wahlbeteiligung
Dieses Szenario gilt als unwahrscheinlich, weil der Wahlkampf für seine Tragweite und Bedeutung bisher auffallend ruhig ausgefallen ist. Weder aus der Bürgerschaft noch aus den Medien sind größere Aufrufe zustande gekommen. Im Netz ist es derweil ziemlich robust bis ruppig zugegangen.
Von einer steigenden Wahlbeteiligung können indes beide profitieren. Ursu, wenn er es schafft, die bürgerliche Mitte zu mobilisieren, und Wippel, wenn er genau jene mobilisiert, die die bürgerliche Mitte mittlerweile ablehnen.
Wie gewonnen, so zerronnen.
Die nächsten Tage bleiben also spannend in Görlitz. Entschieden ist noch nichts und einmal mehr gilt der alte Gassenhauer: „Jede Stimme zählt.“ Das war schon 2019 so und gilt diesmal verschärft.
| BUCHTIPP:
Mehr Informationen unter Ölbart.de. |



Julian Nejkow: „Höllenjahre – von jetzt auf gleich”, epubli, Berlin 2024, 336 Seiten, 19,90 € (Softcover).

















