Diesmal widmet sich Julian Nejkow der bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Seine Verwunderung ist groß. Am Ende wagt er eine Prognose.

Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Er ist einer der Podcast-Hosts von „Nach meiner Kenntnis sofort!“ Abbildung: Paul Glaser
„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.“ André Malraux muss es wissen, schließlich blickte er auf ein turbulentes Leben als Künstler, Schriftsteller, Soldat und Politiker zurück. Doch man sollte Malraux nicht falsch verstehen. Der Franzose lebte nie in der Vergangenheit, sondern ließ sie in sein der Zukunft zugewandtes Wirken einfließen. Immer wieder denke ich daran, wenn ich als politischer Beobachter auf die aktuellen Geschehnisse blicke.
Sachsen-Anhalt ist ein junges, „neues“ Bundesland: 1947 gegründet, 1990 wiederentdeckt und neu gegründet. In Bezug auf das Alter seiner Bewohner verhält es sich jedoch anders: Mit im Schnitt 48,3 Jahren lebt hier die älteste Bevölkerung eines Bundeslandes. So mag es doch ein wenig verwundern, dass gerade und vor allem Menschen dieser Generation zu über 40 Prozent dem 35-jährigen Havelberger Ulrich Siegmund vertrauen, der laut Spiegel „der gefährlichste Mann Deutschlands“ ist. Der Kaufmann mit Studienabschluss gründete Unternehmen und wird abschätzig gern als der „Raumduftverkäufer“ bezeichnet. Nach einem kurzen Intermezzo in der CDU ist er, trotz seines jungen Alters, ein Urgestein der AfD geworden. Kurze Berufsbiografie, beeindruckende Parteikarriere. Spitzenkandidat der AfD bei den Landtagswahlen am Sonntag.
Dort hört meine Verwunderung nicht auf. Siegmund ist ein Mann, der die „gute alte Zeit“ zurück will. Konkret spricht er vom Sachsen-Anhalt der 90er-Jahre, als er selbst noch ein Kleinkind war und als von 1994 bis 2002 die SPD regierte. Als die Menschen in Scharen in die „alten Bundesländer“ abwanderten, der Hauptarbeitgeber das Arbeitsamt war, die Infrastruktur zurückgebaut wurde oder verfiel und die Dagebliebenen sich in vielerlei Hinsicht neu orientieren mussten – neben rechten Gewaltexzessen und einer „Zonenberichterstattung“, die keine Gelegenheit ausließ, ein ödes, rückständiges Land und Volk zu brandmarken.
Sein zwölf Jahre älterer Konkurrent ist Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) aus Quedlinburg, der Stadt mit dem Titel UNESCO-Weltkulturerbe. Schulze ist Wirtschaftsingenieur und verfügt über sieben Jahre Berufsbiografie. Danach eine Parteikarriere: seit 2014 in Europa, dann ab 2021 Minister in Sachsen-Anhalt, seit Januar Ministerpräsident. Im Vergleich zu Siegmund ist er unprätentiös und pragmatisch – eigentlich Werte, die in Sachsen-Anhalt Sympathie finden.
Doch dort geht meine Verwunderung weiter. In Sachsen-Anhalt scheint bei dieser Wahl alles anders zu sein. In einem nicht gekannten Ausmaß finden hier derzeit eine Mobilisierung und eine Politisierung statt. Nicht nur, dass Siegmund regelmäßig große Säle und Marktplätze füllt. Die Menschen bedienen auch fleißig den Wahl-O-Mat und kennen sich, was Reporter aus der ganzen Republik verwundert, gut mit den Wahlprogrammen aus oder geben es vor. Einer sagt ganz unverblümt in die Kamera: „Ich weiß, was die wollen, das will ich auch.“
„Alles ist möglich“, lautet der Slogan der AfD. „Sachsen-Anhalt stärker machen“, titelt die CDU. Das gipfelt in der tragischen Komik, dass die AfD einen pompösen Wahlkampfabschluss in Magdeburg mit allem, was die AfD zu bieten hat, zelebrieren wird. Das kann oder will die CDU nicht riskieren. Buhrufe einer möglichen Rede von Friedrich Merz gelten als gewiss.
Auch da hört meine Verwunderung noch nicht auf. Sind doch Ostdeutsche eher dafür bekannt, Menschen im Rampenlicht und glamouröse Gestalten kritisch zu betrachten. Siegmund ist eher Poppolitiker, Schulze der pragmatische Problemlöser. Doch der spröde wirkende Schulze dringt nicht durch. Da helfen auch keine Verweise auf das knapp 100-seitige Parteiprogramm der CDU, das von den 150 Seiten der AfD als „Regierungsprogramm“ locker überholt wird. Die geneigten Leser wissen, dass solche Programme in der Regel, wenn überhaupt, nur von Parteifunktionären gelesen werden und vielleicht noch dem ein oder anderen Experten.
So bleibt eine Frage noch zu beantworten: Wie geht das alles aus?
Meine Prognose: AfD 38 Prozent, CDU 25 Prozent, Linke 12 Prozent, SPD 8 Prozent, Grüne 6 Prozent, der Rest wird es wohl nicht schaffen. Möge man mich nach der Wahl an meiner Prognose messen.
Und dann würde ich allen Sachsen-Anhaltern Goethes Ausspruch zurufen: „Nur was sich ändert, bleibt bestehen.“ Oder vielleicht doch: „Zurück in die Zukunft.“
| BUCHTIPP:
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Julian Nejkow: „Höllenjahre – von jetzt auf gleich”, epubli, Berlin 2024, 336 Seiten, 19,90 € (Softcover).


























