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Ostkurve: Die Ostfußball-Kolumne #2

DFB-Pokal, Klopps Kader, „Schick­sals­wah­len“. Zum Start der neu­en Fuß­ball­sai­son hat­ten wir eini­ge Fra­gen an unse­ren Fuß­ball­ex­per­ten Gre­gor Ryl.

In seiner Kolumne „Ostkurve“ schreibt Autor und Podcaster Gregor Ryl über neue Entwicklungen im ostdeutschen Fußball.

In sei­ner Kolum­ne „Ost­kur­ve“ schreibt Autor und Pod­cas­ter Gre­gor Ryl über neue Ent­wick­lun­gen im ost­deut­schen Fußball.

ostdeutschland.info: Der DFB-Pokal. Er soll eigene Gesetze haben, außer vielleicht: „Geld schießt Tore“. Gab es ostdeutsche Überraschungen in Runde eins?

Gre­gor Ryl: Sport­lich betrach­tet nicht wirk­lich. Dyna­mo Dres­den und der FCM haben sich sou­ve­rän durch­ge­setzt. Ener­gie Cott­bus hat gegen einen Erst­li­gis­ten ver­lo­ren, was okay ist. Carl Zeiss Jena hat sich gegen das zwei Ligen höher spie­len­de Darm­stadt gut prä­sen­tiert und nur 1:2 ver­lo­ren. Dabei hat der Jena­er Eli­as Löder wahr­schein­lich das Tor des Monats geschos­sen. Der Hal­le­sche FC hat Schal­ke 04 vor hei­mi­scher Kulis­se ein 2:2 nach 90 Minu­ten abge­trotzt – eine star­ke Leis­tung, bedenkt man den Unter­schied von drei Ligen. Dem­entspre­chend hat Schal­ke in der Ver­län­ge­rung dann aber noch drei Tore geschossen.

Die schöns­te Mel­dung für mich kam aus Krie­schow, einem klei­nen Dorf in der Nie­der­lau­sitz, das gleich­zei­tig der kleins­te Teil­neh­mer im DFB-Pokal jemals war. Beim VfB Krie­schow haben sie hier wochen­lang gerödelt, eine Stahl­rohr-Tri­bü­ne an den Dorf­platz gestellt, Park­schil­der auf Bett­la­ken gemalt und an Stroh­bal­len gehängt. Das ist Pokal! Die 0:9‑Niederlage gegen Mainz: völ­li­ge Nebensache.

Supercup: Der einzige ostdeutsche WM-Fahrer Maxi Beier vergibt die Chance zum Ausgleich für Dortmund gegen Bayern. Besteht die Gefahr, dass Klopps Kader „ossifrei bleibt?

Lei­der besteht sie, ja. Es sei denn, Tim Klein­dienst schießt an den ers­ten bei­den Bun­des­li­ga-Spiel­ta­gen zehn Tore. Die Ost-West-Ver­tei­lung der Natio­nal­spie­ler ist ein­mal mehr Abbild dafür, dass man im Osten auch auf sport­li­cher Ebe­ne mehr Start­schwie­rig­kei­ten für einen erfolg­rei­chen Kar­rie­re­weg bis an die Spit­ze hat. Weni­ger Pro­fi­ver­ei­ne, weni­ger Leis­tungs­dich­te, aber: Wir sind auf einem guten Weg. Es gibt aus­ge­zeich­ne­te Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren in Dres­den, Mag­de­burg, Cott­bus etc.  Beacht­lich ist, dass die Regio­nal­li­ga Nord­ost die Regio­nal­li­ga mit den meis­ten NLZs ist. Aue, Chem­nitz, Jena, Erfurt und Hal­le leis­ten exzel­len­te Nach­wuchs­ar­beit und set­zen auf die Jugend.

Erste Liga: Der 1. FC Union Berlin hat einen Stürmer für den Vereinsrekord von zwanzig Millionen Euro verkauft. Ist diese Saison mehr drin als Klassenerhalt?

Ich den­ke, nur wenn alles auf Anhieb funk­tio­niert. Mit dem neu­en Trai­ner Mau­ro Lus­tri­nel­li und dem Weg­gang eini­ger Stamm­spie­ler gibt es einen Neu­an­fang. Neu­zu­gang Emma­nu­el Lat­te Lath hat zwar einen gut zu Ber­lin pas­sen­den Nach­na­men – nach dem Abgang von Ansah braucht er aber noch Ver­stär­kung neben sich in der Offen­si­ve. Nur drei der zehn Test­spie­le wur­den gewon­nen, im Pokal gab es einen Sieg gegen Braun­schweig dank Stan­dard­stär­ke und Wech­sel­glück. In der Alten Förs­te­rei sehe ich per­sön­lich aber eh viel lie­ber Abstiegs­kampf als Königsklasse.

Wir müs­sen außer­dem über die Unio­ne­rin­nen reden: In der ers­ten Liga der Frau­en sind sie eben­falls das ein­zi­ge ech­te Ost-Team, da Jena letz­te Sai­son lei­der abge­stie­gen ist. Bei den Uni­on-Frau­en gab es zwar zum Auf­takt eine Heim­nie­der­la­ge gegen die Bay­ern, aber mit der geschichts­träch­ti­gen Trai­ne­rin Marie-Loui­se Eta an der Sei­ten­li­nie (letz­te Sai­son ers­te Trai­ne­rin eines Män­ner­teams in der Bun­des­li­ga) und dem wirk­lich star­ken Fan-Sup­port im Rücken ste­hen die Chan­cen für den Klas­sen­er­halt auch in die­ser Sai­son gut. 

Stichwort Fan-Support. Schauen wir mal auf die Tribünen – was gibt es Neues von den Fans im Osten?

Da war im Som­mer mal so rich­tig was los, als sich rund 6.000 Fans von Han­sa Ros­tock auf den Weg in einen Vor­ort von Lon­don mach­ten – zu einem Test­spiel beim Wat­ford FC. Prä­si­dent des Clubs war einst Elton John, was man­che Ros­to­cker dazu hin­rei­ßen ließ, in Ori­gi­nal-Elton-John-Kos­tüm anzu­rei­sen. Die Han­sa-Fans hiss­ten außer­dem eine Fah­ne ihres Ver­eins auf der Tower Bridge und erstell­ten ein klei­nes Wör­ter­buch mit Fuß­ball-Voka­beln. Wuss­ten Sie, dass „Ein­tritts­kar­te“ auf Eng­lisch „One­kick­map“ heißt? Ich auch nicht. Die Han­sa-Fans sup­port­e­ten beim Spiel, was das Zeug hielt, und Fuß­ball-Eng­land staun­te nicht schlecht über „The­se cra­zy ger­mans“. Eine Tour mit einem gro­ßen Augenzwinkern.

In Dres­den gab es die­se Woche auch eine tol­le Akti­on. Zum 300. Jubi­lä­um der Grund­stein­le­gung der Frau­en­kir­che gab es ein Son­der­tri­kot sowie eine gro­ße Ver­an­stal­tung mit über 1.000 Men­schen in der Frau­en­kir­che, inklu­si­ve Andacht, Gesang und Anspra­chen. Eine groß­ar­ti­ge Ver­an­stal­tung, die zeigt: Fuß­ball ist immer mehr als nur 90 Minu­ten auf dem Platz. Er ist Gemein­schaft und Ver­bun­den­heit, mit Geschich­te und Region.

Gregor Ryl ist Autor und Podcaster. In seinem wöchentlichen Fußballpodcast „Im Osten geht die Sonne auf“ für den MDR, spricht er mit seinen Kollegen Alex Küpper und Paddy Fritzsche über den Ostfußball und alles drumherum. Abbildung: MDR, Sport im Osten

Gre­gor Ryl ist Autor und Pod­cas­ter. In sei­nem wöchent­li­chen Fuß­ball­pod­cast „Im Osten geht die Son­ne auf“ für den MDR spricht er mit sei­nen Kol­le­gen Alex Küp­per und Pad­dy Fritz­sche über den Ost­fuß­ball und alles drum­her­um. Abbil­dung: MDR, Sport im Osten

In Ihrem Ostfußball-Podcast für den MDR besprechen Sie auch Themen abseits des Sportlichen. Was hat sich zuletzt so zugetragen?

Es gibt wirk­lich unzäh­li­ge, wun­der­schö­ne Mel­dun­gen. Bei der BSG Stahl Rie­sa gibt es seit Kur­zem Zet­ti-Knus­per­flo­cken als Sta­di­on­snack – geni­al. Eines der schöns­ten Sta­di­en Deutsch­lands, das Wald­sta­di­on im Kaf­fee­täl­chen, Hei­mat der BSG Kali Wer­ra Tie­fen­ort, hat kürz­lich sei­nen hun­derts­ten Geburts­tag mit einem rie­si­gen Fest-Wochen­en­de gefei­ert. Ein Bal­ler­mann-Sän­ger hat die Tor­hym­ne beim VfB Otters­le­ben live per­formt, ich bin auf die „Hei­de­witz­ka Kreis­ober­li­ga Süd­thü­rin­gen“ gesto­ßen, deren Name allein schon Cham­pi­ons League ist, die Spie­ler von Ener­gie Cott­bus waren alle­samt im Spi­der­man-Kos­tüm im Kino … ich könn­te ewig so wei­ter­ma­chen. Wir bekom­men jede Woche so vie­le schö­ne Nach­rich­ten von Dorf­plät­zen, skur­ri­len Toren, wit­zi­gen Geschich­ten. Es ist ein­fach toll zu sehen, wie vie­le Men­schen sich in Fuß­ball­ver­ei­nen enga­gie­ren und dabei jedes Wochen­en­de so viel Posi­ti­ves ent­ste­hen lassen.

Im Osten stehen in Kürze Landtagswahlen an. Inwieweit macht sich das auch im Fußball bemerkbar?

Gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen sind auf jedem Platz und in jedem Sta­di­on zu beob­ach­ten. Gera­de in den länd­li­chen Regio­nen gera­ten Ver­ei­ne teil­wei­se unter Druck auf­grund des Rechts­rucks. Das zeigt sich in Ver­ro­hung, ras­sis­ti­scher Spra­che und Belei­di­gun­gen. Hier appel­lie­re ich ganz klar auch an klei­ne Ver­ei­ne, sol­che Ver­ge­hen öffent­lich zu machen und der Öffent­lich­keit zu zei­gen, dass der Sport­platz ein Ort des Mit­ein­an­ders sein soll­te. Wei­ter­hin glau­be ich, dass wir vor allem die posi­ti­ven Geschich­ten erzäh­len und auf die ver­bin­den­de Kraft des Fuß­balls hin­wei­sen müssen. 

Der VfB Auer­bach lädt alle Hel­fer der Feu­er­wehr und des THW, die bei der Bekämp­fung der Wald­brän­de in der Regi­on mit­ge­wirkt haben, zum Heim­spiel am 13. Sep­tem­ber gegen Dyna­mo Dres­den II ein. Beim 1. FC Mag­de­burg hat man in die­ser Sai­son ein Tri­kot her­aus­ge­bracht, das einen klas­si­schen DDR-Plat­ten­bau als Auf­druck hat, um an die Her­kunft und die Hei­mat vie­ler Fans zu erin­nern. Das bil­det Men­schen ab und nimmt mit – das reicht manch­mal schon. Im Aus­wärts­block der BSG Che­mie Leip­zig war unter der Woche ein Spruch­band zu sehen: „Wird es im Osten immer dunk­ler, bringt auch die AfD kei­nen Fun­ken Licht.“ Der Fuß­ball im Osten ist leben­di­ger denn je, auf und neben dem Platz. Gehen Sie mal wie­der ins Sta­di­on. Sport frei!

Vielen Dank.

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