Torsten Menzel, Verknüpfer beim Netzwerk 3te Generation Ost, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Torsten Menzel, Verknüpfer, Netzwerk 3te Generation Ost. Abbildung: Reine Chahine
Wir. Ein schönes Wort. Es bringt Menschen zusammen. Es betont das Gemeinsame. Es schafft Zugehörigkeit. Wir. Ein ausgrenzendes Wort. Ein trennendes Wort. Gegenüber von Wir steht das Ihr. Schauen wir doch mal zurück auf ein paar Wir-und-Ihr-Geschichten aus dem Osten.
Zweitausendneun. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall. Still ruht der (Ost-)See. Ein leiser Diskurs zum Osten kennt eigentlich nur DDR-Geschichte. Vor allem mit Gregor Gysi, Wolfgang Thierse und Joachim Gauck. Die Ostdeutschen und ihre Themen sind ansonsten weitestgehend unhörbar. Selbst unter Ossis wird die eigene Identität eher zurückhaltend thematisiert. So ist das wahrscheinlich immer, wenn man einen historischen Wettbewerb verloren hat. Erst mal ruhig sein und die wirklich wichtigen Dinge klären.
Zweitausendachtzehn. Ein privater Anlass des Verfassers: Vier Herren in ihren Dreißigern sind zum Essen verabredet. Danach gibt es ein paar Bier an der Bar. Die Zungen sind gelockert. Die Geschichten werden ehrlicher. Der Ostler in der Viererrunde berichtet von seinen ostdeutschen Erfahrungen, von den Erfahrungen seiner Familie, von Wandel, von Unsicherheit, von Abwanderung, von Transformationskompetenz und vom Gesellschaftslabor Ostdeutschland. Er versucht auch zu erklären, warum manche politische Entscheidung im Osten anders ausfällt. In der Runde der Zuhörer ist das Verständnis für seine Erzählung gering. Die Bereitschaft, seine Geschichte weg-zu-erklären hingegen ausgeprägt. Vielleicht ist dieser Abend symptomatisch für den Stand der gesellschaftlichen Debatte. Immerhin sprechen sie, die Ossis. Wirklich wahrgenommen wird ihre Geschichte noch nicht. Zweitausendneunzehn. Hamburg. Volksparkstadion. Elbduell. Der gastgebende Hamburger Sportverein empfängt in der zweiten Fußball- Bundesliga Dynamo Dresden. Wie üblich im Stadion singen die Fans. Sie feuern ihre Vereine an. So weit, so erwartbar. Doch dann tönt von den Dresdner Rängen ein neuer Gesang (oder ein neuer Schlachtruf?): „Ost! Ost! Ostdeutschland! Ost! Ost! Ostdeutschland!“ Tausende Anhänger von Dynamo Dresden singen nicht für ihre Mannschaft und auch nicht gegen den Gegner. Sie skandieren für ihre Region, für ihre Identität, die jahrelang kein Thema sein sollte oder nur dann, wenn sie als Problemerklärung herhalten durfte. Nun holen sie sich ihre Herkunft zurück. Es klingt martialisch. Aber die Botschaft ist klar: Wir sind da. Wir sind viele. Wir sind laut. Wir haben etwas zu sagen. Wir wollen gehört werden. Ost! Ost! Ostdeutschland! (Youtube, 2019).
Zweitausendvierungszwanzig. Es sind Ossiwochen bei ARD und ZDF, denn die Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg, Sachsen stehen vor der Tür. Gebannt schauen die Medien auf der Landkarte nach rechts. Medial wurden die Stadionrufe von 2019 inzwischen erhört. Es gibt zahlreiche gut beobachtete Dokus und vielschichtige Filme zu ostdeutschen Geschichten. Künstler, Sportler, Politiker: Immer mehr Menschen bekennen sich bewusst zur ostdeutschen Biografie und sprechen öffentlich darüber. Das ostdeutsche Wir ist fast schon Dauerthema. Wer es als Ossi will, kann sich im gesellschaftlichen Diskurs wiederfinden. Wer es nicht will, kann das auch weiterhin ignorieren. Strukturell hat sich unterdessen wenig geändert. Die Lohnlücke bleibt, die Vermögenslücke sowieso. Und auch die Repräsentation in den Eliten bleibt weit weg vom Bevölkerungsanteil. Aber immerhin: Ostdeutsche Identität wird inzwischen besprochen und erklärt. Das Schweigen ist gewichen. Die Stimmen des Ostens sind hörbar.
Wann trägt das vorgetragene Wir eher zur Spaltung bei als zur Solidarität?”
Gut, dass wir darüber sprechen
Vom eigenen Wir zu berichten ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Manche verschweigen lieber das Wir, zu dem sie gehören. Andere erzählen im kleinen Kreis ihre persönliche Wir-Geschichte. Manche schreien ihr Wir laut heraus. Andere berichten differenziert, wissenschaftlich, statistisch und erklären damit ihr Wir.
Wenn das eigene Wir auf der Sonnenseite der Gesellschaft steht, kann man ganz gut damit umgehen und sich darauf beziehen. Wir Begüterten. Wir Europäer. Wir Jungen. Wir Westler. Diese beispielhaft ausgewählten Identitäten machen den Zugehörigen das Leben im Zweifel immer ein bisschen leichter als es beim gegenüberliegenden Ihr der Fall ist. Bei den Armen. Den Nicht-Europäern. Den Alten. Oder auch: den Ossis.
Es ist durchaus charmant, romantisch, angenehm rebellisch, wenn sich Gruppen, die im Schatten stehen, selbst ermächtigen, ihre Geschichten zu erzählen und die Gesellschaft dazu bringen, sich ihrer Anliegen anzunehmen; und sei es nur, indem man sie anhört. Die Geschichte hat es oft genug gezeigt: Wir Arbeiter. Wir Frauen. Wir Schwarzen. Wir Queere.
Mit einer erstarkenden ostdeutschen Zivilgesellschaft, aber auch einer erstarkenden „lokalpatriotischen“ Politik, hat sich der Umgang mit dem ostdeutschen Wir in den letzten Jahren verändert. „Ost! Ost! Ostdeutschland!“ wurde zur extremen Ausprägung der Nachaußenstellung einer Identität, die jahrelang verleugnet oder gar belächelt wurde. Ostdeutsche Geschichten wurden nun in Bücher geschrieben, Filme wurden gedreht, dokumentarisch und prosaisch sind die Geschichten von Ostdeutschen an die Oberfläche geholt worden. Während eine Gruppe von Ossis dabei die Stärken des Ostens betonte, um das ostdeutsche Wir positiv aufzuladen, erzählte eine andere Gruppe von Ossis die Opfergeschichte des ostdeutschen Wir. Wir oder Wir? Man kann aus vielen Perspektiven draufschauen. Letztlich ist an beiden Geschichten etwas dran.

Fans von Dynamo Dresden in Hamburg, 11. Februar 2019. Abbildung: Youtube, The Walking Ferenc

Vorsicht an der Bahnsteigkante
Eine emanzipatorische Erfolgsgeschichte kann auch kippen. Irgendwann sind die Storys gesellschaftlich auserzählt. Dann werden die Geschichten aus dem Osten wie der berühmte Besuch, der mit dem Fisch verglichen wird: nach drei Tagen fängt er an zu stinken. Nun ist zu entscheiden: Haben wir den dritten Tag in unserer gesellschaftlichen Debatte schon erreicht? Fördern noch mehr Geschichten vom ostdeutschen Wir das Erreichen ostdeutscher Interessen? Oder stärken sie nur den Gegensatz zwischen Wir und Ihr? Wann trägt das vorgetragene Wir eher zur Spaltung bei als zur Solidarität?
Wissenschaftlich betrachtet sind die Ostdeutschen natürlich nicht die erste gesellschaftliche Gruppe, die durch diese Phasen der Identitätspolitik geht.
Silke van Dyk, Kölner Professorin an der Uni Jena (sic!), hat 2019 in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ über Identitätspolitik, ihre innewohnenden Widersprüche und daran geäußerte Kritik geschrieben: Wo Frauen oder Schwarzen angelastet werde, dass sie sich für ihre Belange und nicht für Menschen im Allgemeinen einsetzen, werde verkannt, dass dies die Antwort auf ein gesellschaftlich zugeschriebenes Stigma sei. Dieser Einsatz sei verbunden mit der Paradoxie, dass die Diskriminierung nur schwer ohne Rückbezug auf die in der Abwertung zugewiesene Differenz sichtbar gemacht werden kann. Gegenüber stünden sich die beiden Positionen, ob Widerstand „über eine bewusste Aneignung der Negation“ gelingen kann oder die Dekonstruktion der Differenzkategorie das Ziel sein sollte. Wie mit diesem Dilemma umzugehen sei, ist – entgegen dem Vorwurf, Identitätspolitik zementiere generell Unterschiede – kontrovers debattiert worden.

Garagenaufschrift in Polenz, Neustadt, Sachsen: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern.“ Abbildung: Lupus in Saxonia, CC BY-SA 4.0
Sie beschreibt die Phasen der Identitätspolitik, indem sie den Kulturtheoretiker Stuart Hall zitiert. Er unterscheidet im Lichte dieses Spannungsfeldes eine Identitätspolitik ersten und zweiten Grades. Erstere besteht in der notwendigen „Konstituierung einer defensiven kollektiven Identität“ als Antwort auf die Angriffe der „Mehrheitsgesellschaft“. Eine solche defensive Identität könne aber immer nur ein erster Schritt der Sichtbarmachung auf dem Weg zu einer neuen Politik des pluralen Gemeinsamen sein. Eine Identitätspolitik zweiten Grades dekonstruiert die im ersten Schritt der Verteidigung stark gemachten Identitäten und nimmt die Vielfalt der Einzelpositionen und die Vielfalt der Erfahrungen derjenigen in den Blick, die beispielsweise unter der Identität „schwarz“ zusammengefasst werden. Hier geht es darum, die herrschaftsförmige Differenz („schwarz-weiß“) nicht (mehr) zu bestätigen, sondern sie zu durchkreuzen (vgl. Stuart Hall: „Alte und neue Identitäten, alte und neue Ethnizitäten“, in: ders.: „Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2“, Hamburg 1994, S. 78).
Die Stimme der ostdeutschen Sache ist inzwischen stark. Das Thema ist angekommen. Die Problematiken sind nach innen wie nach außen bekannt. Folgen wir den Gedanken der Wissenschaftler, stehen die Ostdeutschen am Übergang der Identitätspolitik ersten Grades zu der zweiten Grades.
Als Ostdeutscher konnte man bis dato schwerlich seine Themen vortragen, ohne dabei die Unterschiedlichkeit des Ostens oder der Ostdeutschen betonen zu müssen. Nun muss das zuvor abwertend genutzte Etikett „ostdeutsch“ entweder bewusst positiv aufgeladen werden oder die Kategorie „ostdeutsch“ muss bewusst vermieden werden, um die Interessen der Ostdeutschen nicht aufgrund ihrer – aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft – „nervigen“ Kategorie zu konterkarieren. Diese Debatte braucht es jetzt unter den Ostdeutschen.

Installation „Offen-Geschichte-Fragment-Identität-Standpunkt“, Dresden-Gorbitz, von Francois Mchain, 1999. Abbildung: SchiDD, Wikimedia Commons
Verbündet euch leise!
Meine Überzeugung ist: Je mehr Ostdeutsche ihre Herkunft und Identität zum Gegenstand der öffentlichen Debatte machen, desto mehr schaden sie sich individuell und ihrem kollektiven Anliegen. Öffentliches Einfordern und Aufbegehren für den Osten wird in der Mehrheitsgesellschaft weiterhin häufig nur als Jammer-Ossitum verstanden.
Es braucht den nächsten Schritt. Im Sinne einer Identitätspolitik zweiten Grades ist es wichtig und unverzichtbar, dass die Ostdeutschen sich vernetzen, sich gegenseitig supporten, Positionen anstreben und besetzen und gemeinsam mit anderen Gruppen für ihre Interessen einstehen. Aber: Ein zu lautes „Ost! Ost! Ostdeutschland!“ wird uns dabei nicht weiterbringen.
Torsten Menzel
GEBOREN: 1986/Meißen
WOHNORT (aktuell): Berlin
MEIN BUCHTIPP: Lea Ypi: „Frei“, 2023
MEIN DOKUTIPP: „Wut. Eine Reise durch den zornigen Osten“, 2024
MEIN URLAUBSTIPP: Sächsisches Elbtal, Elbkilometer 86
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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