Unser Kolumnist Julian Nejkow hat vor der Landtagswahl seiner Verwunderung über die Entwicklung in Sachsen-Anhalt Ausdruck verliehen. Am Ende wagte er eine Prognose. Diese kann er nun in der Pfeife rauchen. Wie hat er den Wahlabend wahrgenommen?

Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser
Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer kommentierte den Volksentscheid zum Nichtraucherschutzgesetz einst wie folgt: „Das Volk hat gesprochen.“ Ähnlich pathetisch äußerte sich der ehemalige Ministerpräsident der Linken, Bodo Ramelow, nach seiner schallenden Niederlage bei der Landtagswahl in Thüringen im Jahr 2024, bei der die Wahlbeteiligung bei historischen 73 Prozent lag: „Es ist ein Fest der Demokratie.“ Die Wähler drittelten die Linke jedoch fast.
Bei einer Wahlbeteiligung von 78 Prozent kann man mit Fug und Recht behaupten: Das Volk in Sachsen-Anhalt hat gesprochen. Zu verdanken ist das, so fair muss man sein, der AfD. Über 150.000 Menschen (zehn Prozent der Wahlberechtigten), die zuvor nicht gewählt hatten, entschieden sich diesmal für die AfD. Die Wahrnehmung der anderen Parteien war dort anscheinend eine andere. In verschiedenen Spitzenrunden von Frei bis Hoppermann, von Klüssendorf bis Pantisano gewann man stets den Eindruck, sie hätten andere Zahlen vorliegen als die ersten Hochrechnungen. Sie sahen einen Erdrutschsieg der AfD mit 44 Prozent, einen historischen Absturz der CDU unter 20 Prozent, Grüne und SPD deutlich drin, BSW überraschend drin und schließlich unklare Mehrheitsverhältnisse. Das Auftreten von Hoppermann, Klüssendorf und Pantisano in einer Runde mit dem zugeschalteten Chrupalla erinnerte eher an das Bällebad des großen M: Hoppermann schmeißt die dunkelroten Bälle angeekelt aus dem Bad, aber die drei sind sich einig, dass auch die blauen raus müssen. Chrupalla schaute diesem Treiben erstaunt zu. Bis Pantisano eine Wutrede hielt und Chrupalla als „größte Flachzange Berlins“ bezeichnete, was dieser cool konterte.
Nicht nur in dieser Runde entstand der Eindruck – und der daraus resultierende Vorwurf: „Sachsen-Anhalter, wie könnt ihr nur (wählen)?“ Schaut man sehr genau in die Wahlergebnisse, so wird eines augenfällig. Die Wähler haben keineswegs beliebig gewählt. In Halle und Magdeburg errang die Linke drei Direktmandate, während die CDU eine deutliche Mehrheit bei den Zweitstimmen erzielte. Die gepriesene Unvereinbarkeit der Parteien im Wahlverhalten der Wähler zerfiel wie Staub. Sven Schulze verlor seinen Wahlkreis, Ulrich Siegmund gewann seinen souverän. 2026 errang die AfD 38/41 Direktmandate, die CDU 40/41. Das Volk hat gesprochen. Und nun? Die Verhältnisse sind kompliziert. Siegmund ließ sich am späteren Abend zu der Aussage hinreißen, er könne sich eine Neuwahl ohne Mehrheit vorstellen. Das ist dünnes Eis.
Wenn Siegmund sich tatsächlich in einem möglichen dritten Wahlgang mit Enthaltungen des BSW wählen lässt, hat er später im Parlament beispielsweise für einen Haushalt keine Mehrheit. Doch machen wir nicht den zweiten vor dem ersten Schritt. Zunächst steht die Wahl des Landtagspräsidenten an. Auch dafür braucht man eine Mehrheit – und auch hier ist das BSW das Zünglein an der Waage! Es scheint also eines klar: dass nichts klar ist. Wie es weitergeht? Da scheine ich der falsche Ansprechpartner zu sein, denn bei der Prognose habe ich mich kolossal geirrt. Insofern schließe ich mit Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
| BUCHTIPP:
Mehr Informationen unter ölbart.de. |



Julian Nejkow: „Höllenjahre – von jetzt auf gleich”, epubli, Berlin 2024, 336 Seiten, 19,90 € (Softcover).

























