Sarah Oswald, freiberufliche Moderatorin und Journalistin, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Sarah Oswald, freiberufliche Moderatorin und Journalistin. Abbildung: Jenny Sieboldt
Wenn ich im Winter durch Berliner Bezirke wie Hohenschönhausen, Marzahn oder Hellersdorf fahre, bekomme ich ein warmes Gefühl im Bauch, das sich nach Heimat anfühlt. Beim Anblick der blinkenden Weihnachtsdeko, die weniger an Käthe-Wohlfahrt-Gemütlichkeit, mehr an Rummel erinnert. Ich bin ab dem zweiten Lebensjahr in Hohenschönhausen aufgewachsen. In einem Plattenbau in Wartenberg. Mehr Stadtrand geht nicht. Hinter unserem Fünfgeschosser war nur Feld. Meine Grundschule stand auf moorigem Grund und wurde mittlerweile abgerissen. Aus der Ausbauwohnung in Baumschulenweg in Treptow mussten wir raus, weil sie zu klein für uns wurde. Eine Neubauwohnung war Ende der 80er in Ostberlin außerdem Luxus pur. Mehr wert als jede Altbauwohnung mit Klo auf halber Treppe in Prenzlauer Berg. Für jeden zugezogenen Berliner Hipster heute unvorstellbar.
Meine Kindheit in Hohenschönhausen war schön. Auf dem Hof stand das zwar karge Klettergerüst, aber es war der Treffpunkt für viele Kinder aus den Blocks. Unsere Eltern hatten uns mit einem Schritt auf den Balkon sicher im Blick. Wenn der Eismann klingelte, rannten wir zur Straße und brüllten „Mutti!!! Haste mal ne Mark?“
Wenn wir über Diversität in den Medien sprechen, müssen dringend auch mehr ostdeutsche Journalisten mitgedacht werden.”
Berlin der 1990er und 2000er
Schwieriger wurden die 90er-Jahre. Die Stimmung kippte, viele Familien zogen weg. Auch wir zogen zurück in den Heimatbezirk meiner Eltern: nach Treptow. In Johannisthal und Schöneweide verbrachte ich meine Jugend. Überstand die Trennung meiner Eltern. Eine sehr jung geschlossene Ost-Ehe von vielen, die die Wendejahre dann doch nicht überlebte. Erst im Rückblick und im Kontrast mit den Erfahrungen von anderen heute fast Vierzigjährigen sehe ich, dass meine Jugend manchmal auch ganz schön rough war. Es gab damals eigentlich nur links oder rechts. Entweder du warst eine Zecke, hast gekifft oder ein Nazi. Wir sind vor den Rechtsradikalen am S-Bahnhof Schöneweide weggerannt. Aufgefangen hat mich in dieser Zeit ein Jugendklub in Johannisthal. Als am 11. September 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, waren die Betreuer dort unsere ersten Ansprechpartner.
Groß und erwachsen geworden bin ich dann im wiedervereinigten Berlin der 2000er-Jahre. Gelebt habe ich in vielen Bezirken: in Friedrichshain, in Ku’damm-Nähe in Wilmersdorf, zwischendurch bin ich zwei Jahre nach Köln gependelt, auch in Kreuzberg habe ich sehr gern gelebt. Ich habe mich viele Jahre immer eher als stolze Berlinerin denn als Ostberlinerin gefühlt. Mir ging das Weltstadt-Gehabe in Köln auf die Nerven, denn wenn man aus Berlin kommt, fühlt sich selbst eine Ein-Millionen-Stadt klein und provinziell an.
Aber je älter ich wurde, desto mehr hatte ich Sehnsucht nach meinem Osten. Ich wollte wieder zurück. Aber da im Ostteil Berlins keine Fernseh- oder Radiosender sitzen, war der lange Arbeitsweg nach Charlottenburg zum RBB für mich der Grund, vorerst in Kreuzberg zu bleiben. Als ich jedoch das Gefühl hatte, in meiner viel zu teuren Zweiraumwohnung im gesamten Mietshaus noch die einzige Berlinerin zu sein, bin ich zurück an meinen Stadtrand: Nach Treptow-Köpenick. Hier fühle ich mich zu Hause! Was nicht nur am vielen Grün und dem Müggelsee liegt. Es sind die Menschen. Die meisten – genauso wie ich – in der DDR geboren und im Osten sozialisiert. Wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht, sprechen die gleiche Sprache und was du bist und was du hast, spielt hier nicht so eine große Rolle. Ich lebe hier mit meinem Mann und unserem Hund. Auch Sebastian ist in Treptow aufgewachsen. Geheiratet haben wir im Rathaus Köpenick. Gemeinsam stehen wir oft im Stadion An der Alten Försterei und singen bei den Spielen des 1. FC Union Berlin „Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn.“ Aber auch „Osten und Westen – Unser Berlin.“

Sarah Oswald mit ihrem Vater auf dem Balkon in Berlin-Hohenschönhausen. Abbildung: privat
Stolz auf den Osten
Ich habe meinen Stolz auf den Osten und meine Herkunft erst im Laufe der Jahre stärker gespürt. In meiner Zeit als Moderatorin beim RBB wurde mir bewusst, dass es etwas Besonderes war, als Ostberlinerin für den Ur-Westberliner Sender 88,8 zu moderieren und erst recht als ostdeutsches Arbeiterkind die Berliner Abendschau zu präsentieren. Damit war ich nicht die erste Ostdeutsche, aber eine der wenigen. Und vielleicht eine der Ersten, die das auch stolz vor sich hertrugen und in Moderationen formulierten. Zu Hause in Köpenick sprachen mich so viele Menschen darauf an. Sie freuten sich, dass jemand im Fernsehen sagte, dass er aus Köpenick kommt, Fan vom 1. FC Union Berlin ist und Erfahrungen aus dem Osten teilte. Wie zum Beispiel, dass ich traurig darüber bin, dass mit dem SEZ in Friedrichshain das Schwimmbad verschwindet, in dem ich schwimmen gelernt habe. Es sind manchmal nur kleine Anekdoten, Erinnerungen, Erzählungen, Emotionen, aber es sorgt dafür, dass Zuschauerinnen und Hörer spüren, da moderiert jemand, der auch aus dem Osten kommt. Und sogar stolz darauf ist. Ich finde mich also im Radio oder Fernsehen wieder. Oft habe ich selbst nur durch Recherchen herausgefunden, dass andere Moderatorinnen oder Journalisten auch aus dem Osten kommen. Aber in ihrer täglichen Arbeit auf dem Schirm war davon nichts zu spüren. Schade!

Als Kind mit ihrer Mutter. Das Bild hing im Schaufenster des Fotoladens in der Baumschulenstraße in Berlin-Treptow. Abbildung: privat
Der Osten in den Medien
„Wenn meine Geschichten, wenn meine Erfahrungen, meine Erinnerungen, meine Einstellungen und Haltungen nicht oder eben weniger in den Medien vorkommen, entwickle ich über die Zeit so eine gewisse Distanz. Einfach weil ich mich da nicht wiederfinde.“ Das sagt der Politikwissenschaftler Christopher Pollak in der MDR-Doku „Abgeschrieben? – Der Osten in den Medien“. Eine empfehlenswerte Dokumentation über das Bild des Ostens in den Zeitungen, im Fernsehen, Radio und online – vom Fall der Mauer bis heute.
Dieses Bild war zu oft geprägt von Klischees, Zuspitzungen, gar abwertenden Stereotypen und meist formuliert aus der westdeutschen Perspektive auf den Osten. Wir lesen, sehen und hören zu wenig Differenziertes. Wo waren und sind neben den Artikeln über Neonazis, Stasi-Fälle, undankbare Jammer-Ossis und Zonen- Gabis die Berichte über die Erfolgsgeschichten des Ostens, die Erzählungen über die vielen Umbruchserfahrungen und die daraus resultierende Transformationskompetenz der Ostdeutschen? Dabei soll es auf keinen Fall um das Schönreden oder gar Verschweigen von Problemen im Osten gehen. Aber eben um einen differenzierten Blick.
Vor mehr als 35 Jahren sind die Menschen in der DDR nicht nur für Reisefreiheit auf die Straße gegangen, sondern auch für Meinungs- und Pressefreiheit. Bereits ein halbes Jahr nach der Wiedervereinigung gingen die meisten ostdeutschen Zeitungen an westdeutsche Verlage. Mit der Berliner Zeitung gibt es heute genau eine Zeitung in Deutschland, die ostdeutsche Verleger hat. Und das wird aus der westdeutschen Sicht kritisch verfolgt.

Sarah Oswald als freiberufliche Moderatorin für den Nachrichtensender n-tv. Abbildung: RTL/Gerald Matzka
Wenn wir verstehen wollen, warum das Bild des Ostens in den Medien oft so negativ ist, müssen wir auch schauen, wem die Medien gehören. Zu diesem Ergebnis kommt Mandy Tröger, Medienwissenschaftlerin an der Universität Tübingen. Um den Osten zu verstehen – und auch ich habe nach wie vor viele Fragen –, brauchen wir in der Berichterstattung neben dem westdeutschen auch den ostdeutschen Blick. In den Chefetagen, in den Intendanzen, in den Redaktionen. Wenn wir über Diversität in den Medien sprechen, müssen dringend auch mehr ostdeutsche Journalisten mitgedacht werden.
Auf einer Diskussionsveranstaltung im Stadion An der Alten Försterei, die ich für die Initiative Denkraum Ost und den Wirtschaftsrat des 1. FC Union Berlin genau zu diesem Thema moderiert habe, sagte Anja Reich, Autorin und Journalistin bei der Berliner Zeitung: „Die Ostdeutschen werden wieder mündiger.“ Das wünsche ich mir auch von uns ostdeutschen Journalisten, die in westdeutsch geprägten Medienhäusern arbeiten. Es gibt sie. Die Wende- und Nachwendekindergeneration, die Dritte Generation Ost, die genau das immer lauter und selbstbewusster machen.
Das stößt nicht überall auf Gegenliebe: „Ist das Thema jetzt nicht 35 Jahre danach mal durch? Zu rückwärtsgewandt!“ Uff. Selbst bei alten Freunden, die zwar auch aus dem Osten kommen, mit ihren Eltern aber entweder noch vor dem Fall der Mauer oder direkt danach in den Westen gegangen sind und dort sozialisiert wurden, spüre ich ein Fremdeln damit. „Du immer mit deinen Ostthemen!“ oder sogar einmal die Warnung, es könnte für mich beruflich zum Nachteil werden, wenn ich so viel über den Osten rede und Veranstaltungen zu dem Thema moderiere.

Beim Stadiongespräch unter anderem mit Anja Reich, Journalistin bei der Berliner Zeitung. Abbildung: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Veränderungen mutig angehen
Im Frühjahr 2023 habe ich mich aus privaten Gründen dazu entschieden, den RBB zu verlassen. Eine Entscheidung, die von außen betrachtet, viele nicht nachvollziehen konnten. Andere fanden meinen Schritt mutig und bewundernswert. Veränderungen fallen mir leicht. Eine Kompetenz, die mir als Wendekind in die Wiege gelegt wurde. Viele Ostdeutsche haben dieses Vertrauen in sich selbst und die Fähigkeit, Veränderungen mutig und optimistisch anzugehen.
Manchmal habe ich den Wunsch, noch weiter gen Osten zu ziehen. Nach Leipzig, Dresden oder Erfurt. Ich bin immer noch neugierig auf meinen Osten und die Menschen, die dort leben. Dieses Interesse und diese Neugierde wünsche ich mir auch mehr von den Westdeutschen.
Aber als Berlinerin bleibe ich wohl weiter in meinem Köpenick. Und zur Weihnachtszeit freue ich mich nun im Märchenviertel über die vielen dekorierten Fenster. Nur ist es hier nicht die Rummelbeleuchtung, die leuchtet. Es sind die Herrnhuter Sterne – aus der Oberlausitz in die ganze Welt. Eine weitere Erfolgsgeschichte aus dem Osten, die es wert ist, erzählt zu werden.

Als Unionerin beim Weihnachtssingen im Stadion An der Alten Försterei. Abbildung: privat
Sarah Oswald
GEBOREN: 1986/Ostberlin
WOHNORT (aktuell): Ostberlin
MEIN BUCHTIPP: Steffen Mau: „Ungleich vereint“, 2024
MEIN FILMTIPP: „Gundermann“, 2018
MEINE MUSIKTIPPS: Silbermond: „B96“; Trettmann: „Grauer Beton“
MEINE URLAUBSTIPPS: Quedlinburg, Ahrenshoop, Peenemünde
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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