Dr. Paula Piechotta, Mitglied des Deutschen Bundestages Bündnis90/Die Grünen, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Dr. Paula Piechotta, Mitglied des Deutschen Bundestages Bündnis90/Die Grünen. Abbildung: Philip Knoll
Ostdeutschland ist beispiellos. Wer im Jahr 1933 in der Region des heutigen Ostdeutschlands letztmals an einer demokratischen Wahl teilnehmen konnte, der musste bis zur nächsten freien Wahl nicht wie die Westdeutschen bis 1949 warten, sondern ganze 57 Jahre bis 1990. Wer im Jahr 1945 in der sowjetischen Besatzungszone lebte, in dessen Umfeld wurden ungleich mehr Industrieanlagen und Schienentrassen für Reparaturen abmontiert und weggeschafft als in den anderen Besatzungszonen – und er hatte in der darauffolgenden Diktatur fast alle Möglichkeiten der freien Berufswahl sowie Eigentum und Entfaltungsmöglichkeiten verloren. Dieser in Ostdeutschland lebende Mensch hat damit sowohl was seine persönlichen Freiheiten als auch seine wirtschaftlichen Möglichkeiten betrifft, deutlich stärker für die deutsche Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus bezahlt als Menschen im heutigen Westdeutschland. Dieser Mensch hat in vielen Fällen Traumata aus diesen Diktaturjahren an seine Kinder und Enkel weitergegeben. Dieser Mensch hat am Ende zwei aufeinanderfolgende Diktaturen durchlebt, mit staatlicher Willkür und immer in Angst, wegen unliebsamer Aussagen vom Staat weggesperrt zu werden. Er hat beispiellose Abwanderungswellen sowohl zu DDR-Zeiten als auch in den 1990er-Jahren erlebt und eine wirtschaftliche Transformation von der Plan- in die Marktwirtschaft, die nirgendwo schneller durchgezogen wurde als hier im Osten Deutschlands.
Dieser Mensch lebt heute in der europäischen Region, die mit Abstand die wenigsten Gläubigen pro Einwohner hat. In der die Skepsis gegenüber staatlichen Institutionen besonders hoch ist. Und das alles, obwohl Ostdeutschland eine der wenigen Regionen der Welt ist, in denen eine Revolution stattgefunden hat, die nicht nur erfolgreich, sondern auch friedlich verlief. Aber dieser kurze Glücksmoment wird in den Schatten gestellt von jahrzehntelang aufgetürmten Problemen, Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen.
Unsere ostdeutsche Gefühlslandschaft ist nach den letzten acht Dekaden komplex und verheddert. Da ist noch immer so vieles nicht ausreichend aufgearbeitet und verarbeitet, dass man beim Versuch, aus diesem Gefühlsknäuel auszubrechen, aber nicht zu können – weil es einfach zu verworren ist –, über kurz oder lang sehr, sehr wütend wird.
Weil wir Glück hatten, tragen wir Verantwortung für die Gesellschaften, die heute in Unfreiheit leben.”
Unser Glück bedingte das Unglück anderer
Weil wir 1989 Glück hatten und die Diktatur ohne Blutvergießen in die Knie ging, lernten Diktatoren weltweit, wie sie ähnliche Demonstrationen noch härter und erfolgreicher bekämpfen müssen. In unserem Glück liegt damit auch das Unglück anderer Gesellschaften, die in der Folge mit friedlichen Protesten oft nicht mehr erfolgreich waren. Damit tragen wir auch Verantwortung für die Gesellschaften, die heute in Unfreiheit leben und mit ihren Revolutionen weniger Glück haben.
Natürlich kann man auf Ostdeutschland auch als große Erfolgsgeschichte blicken. Nicht wenige haben immer wieder versucht, diese Erfolgserzählung zu setzen: Fast nirgendwo sonst hätten sich Menschen friedlich ihre Demokratie auf der Straße selbst erkämpft, fast nirgendwo sonst hätten Menschen so viel Erfahrung mit Umbrüchen und „Veränderungskompetenz“ wie hier, nirgendwo sonst habe man derart viel Selbstwirksamkeit erlebt wie hier. Das ist alles richtig, aber 1989 war ein verdammt kurzer Moment im Leben eines Menschen und er wurde eingerahmt und mehr als nivelliert durch jahrzehntelange Frustrationserfahrungen vor und nach 1989. Oder anders formuliert: Es gibt sicher ein Paralleluniversum, in dem diese Erzählungen von der Generation des beispiellosen ostdeutschen Glücksfalls breit in der Bevölkerung verfangen. In diesem, unserem Universum aber nicht.
Was in den 1980er-Jahren in Gdansk, in Prag, in Plauen und Leipzig begann und gelang, schulte viele Diktatoren, Despoten und Autokraten gerade auch im scharfen Kontrast zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens darin, wie man es eben NICHT machen darf, wenn man die eigene Diktatur erhalten möchte. Die Lehren daraus: Die Menschen nicht demonstrieren lassen. Auf Demonstrationen mit ultimativer Härte reagieren. Ein starker Durchgriff auf die Sicherheitskräfte.
Die Erkenntnisse über die erfolgreichen Revolutionen des Ostblocks machen es den heute für Menschenrechte und Demokratie auf die Straße gehenden Menschen auf der ganzen Welt schwerer, erfolgreich zu sein. Unser ostdeutscher und polnischer und tschechischer und slowakischer Glücksfall war die Grundlage dafür, dass Glücksfälle in Diktaturen nun noch schwerer zu erkämpfen sind. Die Kämpfe um Demokratie im Osten Europas sind keine fernen Konflikte – sie sind Echo dessen, was auch bei uns begann. Und sie zeigen einmal mehr, was auch für die DDR galt: Ein Regime, das auf Lügen und Gewalt beruht, bleibt nicht nur nach innen repressiv, sondern wirkt auch nach außen aggressiv. Deshalb ist unsere Solidarität mit der Ukraine, mit Belarus, mit Moldau nicht bloß Außenpolitik. Sie ist Konsequenz aus unserer Geschichte.

Frühstück mit den ostdeutschen Delegierten auf der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis90/Die Grünen 2024. Abbildung: Gianina Morgenstern
Demokratie neu erkämpfen
Aber auch bei uns im Osten Deutschlands muss Demokratie wieder erkämpft werden, denn ihr Fortbestand ist immer wieder unter Druck. Und dafür braucht es in einer Region, in der nach zwei aufeinanderfolgenden Diktaturen das Vertrauen in staatliche Einrichtungen, Gerichte, Politik und Journalismus beispiellos niedrig ist, Vertrauensaufbau. Hier muss besonders ehrlich, besonders klar und besonders authentisch gesprochen werden, wenn man wieder mehr statt weniger Vertrauen gewinnen will. Und beim Punkt Authentizität bedeutet das auch, dass es mehr Identifikationsfiguren aus Ostdeutschland in all diesen Bereichen braucht – sie sind selbst im Osten bis heute unterrepräsentiert. Die Studie „Es ist kompliziert... Der Osten in den Medien“ zeigt einen weiteren Problempunkt auf: Der Osten begegnet in der gesamtdeutschen Debatte im Regelfall nur dann, wenn etwas schiefläuft – bei Wahlschocks oder in Problemszenarien. Diese Sicht verzerrt Realität und Potenzial und sie verlängert Stereotype um Generationen.
Was ich damit sagen will: Repräsentation und ausgewogene Berichterstattung sind kein Selbstzweck. Sie sind notwendige Voraussetzungen für eine wehrhafte Demokratie, in der sich Politik nicht von Lebensrealitäten entkoppeln kann.
Gebrochene Versprechen, nicht aufgearbeitete Traumatisierungen aus der Zeit vor 1989 und teilweise auch nach 1990, im Einigungsvertrag übersehene Gruppen, strukturelle Schieflagen. Ob es um Zusatzrenten, geschiedene Frauen, Eisenbahner oder Bergleute geht – zu viele Menschen mussten und müssen sich immer wieder neu erklären und sie sind müde davon. Diese Missstände waren selten aus bösem Willen geboren, sondern aus Überforderung. Dass sie allerdings fast nie korrigiert wurden, das war schon systematisch. Der Osten wurde nicht bewusst abgehängt, er hat sich nur nicht 100-prozentig so entwickelt, wie es sich der Westen erhofft hatte, wodurch wiederum Reaktanz im Westen ausgelöst wurde und ausgelöst wird. Das muss sich ändern.

Paula Piechotta beim CSD 2024 in Leipzig. Abbildung: Ferdinand Uhl
Veränderung ist möglich
Ostdeutschland war und ist Wandel gewohnt – aber anders als viele behaupten, bedeutet das vor allem, dass bei jedem Wandel die Risiken stärker gesehen werden als die Chancen. Die eigene Blauäugigkeit 1989 und 1990, die man selbst mit dermaßen vielen Schrammen und Verletzungen bezahlt hat: Diesen Fehler will hier niemand noch einmal machen.
Das verstellt inzwischen regelrecht den Blick darauf, dass die Wahrheit mal wieder weder schwarz noch weiß ist und es durchaus sehr bedeutende Fortschritte gibt. In vielen Zukunftsfeldern ist die Region heute Vorreiter: mit Silicon Saxony und der Chipindustrie, mit klimaneutralem Bauen in der Lausitz, mit E-Mobilität bei VW, mit starken Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wo früher Braunkohle gefördert wurde, entsteht heute die Zukunft für klimaneutrales Bauen. Der Strukturwandel ist in vollem Gange und birgt Chancen nicht nur für den Osten, sondern für ganz Deutschland.
Wir müssen diese positiven Entwicklungen endlich sichtbar machen. Es wird Zeit, dass wir die Erzählung umdrehen, selbstbewusst und selbst erzählen sowie entscheiden, was gelingt. Und doch: Auch in der neuen Bundesregierung bleiben ostdeutsche Stimmen in zentralen Ämtern unterrepräsentiert. Die Bundestagsvizepräsidenten, hohe Kabinettsposten – wieder gehen Chancen verloren, den Osten aktiv in Entscheidungen einzubeziehen und ihm auf höchster politischer Ebene ein Sprachrohr zu geben. Ich höre oft: „Jetzt muss doch mal Schluss sein mit dem Ostthema.“ Nein. So lange reale Ungleichheiten bestehen, so lange ostdeutsche Perspektiven übergangen werden, so lange demokratisches Engagement aus dem Osten zu selten sichtbar wird, so lange werden wir weiter darüber reden.
Was ich auch oft höre: Der Osten sei eine gesamtdeutsche Aufgabe. Das ist zweifelsohne richtig. Aber genauso wenig, wie wir es akzeptieren würden, wenn Frauenpolitik in Deutschland nur von Männern gemacht würde, auch wenn die Gleichstellung der Geschlechter eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, genauso wenig darf die „gesamtdeutsche Aufgabe Ostdeutschland“ rechtfertigen, dass allein oder zu weit überwiegenden Teilen Westdeutsche über Ostdeutschland entscheiden.
Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass die parteiübergreifende Zusammenarbeit unter ostdeutschen Bundestagsabgeordneten ein ermutigender Schritt ist. In vielen Runden durfte ich parteiübergreifend mit ostdeutschen Kollegen an zentralen Dingen arbeiten und einiges Positives für die Region bewirken. Das allein reicht aber nicht. Auch unsere westdeutschen Kolleginnen und Kollegen müssen zuhören und bereit sein, Macht zu teilen. Gleichwertigkeit ist keine Geste – sie ist Grundlage für Vertrauen.
Darum: Erzählen wir weiter. Arbeiten wir weiter. Streiten wir weiter – für Gerechtigkeit, für Anerkennung, für Demokratie. Und erinnern wir uns dabei an die Menschen, die 1989 den Anfang gemacht haben. Sie haben gezeigt, dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen ehrlich aussprechen, was es wirklich braucht, wenn sie mutig sind und wenn sie sich nicht einschüchtern lassen.

Lost Places in Leipzig und Umgebung – immer wieder einen Ausflug wert. Abbildung: Ferdinand Uhl
Sarah Oswald
GEBOREN: 1986/Gera
WOHNORT (aktuell): Leipzig
MEIN BUCHTIPP: Ilko-Sascha Kowalczuk: „Freiheitsschock“, 2024
MEIN FILMTIPP: „Die Legende von Paul und Paula“, 1973
MEIN URLAUBSTIPP: Elberadweg
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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