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Der Osten als Avantgarde #14: Seine verborgene Stärke

Das Netz­werk der gemein­nüt­zi­gen Initia­ti­ve Denk­Rau­mOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ost­deutsch­lands Charme sicht­bar zu machen. In Teil 14 ihrer Kolum­ne wid­met sich die Öko­no­min Dr. Daph­ne Hering der Kul­tur Ost­deutsch­lands und för­dert wert­vol­le Res­sour­cen zutage.

Dr. Daphne Hering ist Ökonomin, Unternehmerin, Investorin und Transformationsrednerin. Sie ist gebürtige Düsseldorferin und hat von 2000-2006 Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg in Sachsen studiert. 2006 lernte sie dort ihren Mann kennen, der gebürtig aus Karl-Marx-Stadt stammt. Abbildung: Initiative Denkraum Ost

Dr. Daph­ne Hering ist Öko­no­min, Unter­neh­me­rin, Inves­to­rin und Trans­for­ma­ti­ons­red­ne­rin. Die gebür­ti­ge Düs­sel­dor­fe­rin hat von 2000 bis 2006 Betriebs­wirt­schafts­leh­re an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Berg­aka­de­mie Frei­berg in Sach­sen stu­diert. Abbil­dung: Initia­ti­ve Denk­raum Ost

Als ich im Herbst 2001 das ers­te Mal in die Sem­per­oper in Dres­den ging, um Wag­ners Wal­kü­re zu hören, betrat ich das Foy­er und lief ent­lang der Ein­gangs­tü­ren zum Opern­saal. Über den Türen waren die Namen berühm­ter Opern, Kom­po­nis­ten und Dich­ter ange­bracht. Plötz­lich blieb ich ver­blüfft ste­hen. Nicht wegen der Archi­tek­tur. Auch nicht wegen des Gol­des oder der Geschich­te des Hau­ses. Son­dern wegen eines Opern­na­mens. Über einer die­ser Türen stand in gol­de­nen Buch­sta­ben: „Daph­ne“.

Der Moment, als ich durch die­se Tür in den Innen­raum des Opern­saals ging, berühr­te mich auf eine Wei­se, die ich damals noch nicht ganz ver­stand. Irgend­et­was in mir spür­te, dass dort etwas still wei­ter­leb­te. Etwas, das tie­fer reich­te als die Gegen­wart. Eine Schöp­fer­kraft aus der Ver­gan­gen­heit, die für unse­re Zukunft weg­wei­send wer­den könn­te. Erst spä­ter erfuhr ich, dass die Oper Daph­ne von Richard Strauss 1938 in der Sem­per­oper urauf­ge­führt wur­de. Rück­bli­ckend erscheint es mir fast sym­bo­lisch, dass aus­ge­rech­net die­se Oper mich damals so tief berühr­te. Nicht nur wegen mei­nes Vor­na­mens, son­dern auch, weil die Figur Daph­ne in der grie­chi­schen Mytho­lo­gie für Trans­for­ma­ti­on steht – und kaum eine Regi­on Deutsch­lands hat tief­grei­fen­de­re gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­tio­nen erlebt als der Osten.

Kulturelle Tiefe Ostdeutschlands

Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Berg­aka­de­mie Frei­berg – der ältes­ten Mon­tan­uni­ver­si­tät der Welt – fiel mir etwas auf, das sich nur schwer beschrei­ben lässt. Ich begeg­ne­te einer stil­len und zugleich leben­di­gen, kul­tu­rel­len Tie­fe. Nicht laut, insze­niert oder getra­gen von einem Bedürf­nis nach Selbst­ver­mark­tung. Son­dern eher wie eine kraft­vol­le Mee­res­strö­mung, die an der Ober­flä­che ruhig, ja fast still erscheint.

Mei­ne Groß­mutter Doro­thea öff­ne­te mei­nen Blick für die welt­be­rühm­ten Sil­ber­mann-Orgeln. Den Klang der größ­ten Sil­ber­mann-Orgel durf­te ich oft im Dom St. Mari­en in Frei­berg erle­ben – und ihre monu­men­ta­le Kraft wer­de ich nie ver­ges­sen. Je län­ger ich in Frei­berg leb­te, des­to deut­li­cher wur­de mir die kul­tu­rel­le, intel­lek­tu­el­le und wis­sen­schaft­li­che Tie­fe, der ich im Osten Deutsch­lands begegnete:

  • Dres­den. Sem­per­oper. Frau­en­kir­che. Cas­par David Fried­rich. Ger­hard Rich­ter. Otto Dix.
  • Leip­zig. Tho­mas­kir­che. Johann Sebas­ti­an Bach. Cla­ra und Robert Schu­mann. Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy. Richard Wag­ner. Gott­fried Wil­helm Leibniz.
  • Wei­mar und Jena. Fried­rich Schil­ler. Johann Wolf­gang von Goe­the. Georg Wil­helm Fried­rich Hegel. Gott­hold Ephra­im Les­sing. Alex­an­der von Hum­boldt. Nova­lis. Abra­ham Gott­lob Werner.
  • Und die Berg­aka­de­mie Frei­berg – an der über Jahr­hun­der­te hin­weg Wis­sen ent­stand, das indus­tri­el­le und wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung weit über Deutsch­land hin­aus, ja sogar welt­weit geprägt hat.

Mich berühr­te dabei nie nur die Grö­ße die­ser Namen. Viel­mehr stell­te ich mir die Fra­ge, war­um die­se kul­tu­rel­le und geis­ti­ge Tie­fe oft eher sub­til prä­sent ist. Mög­li­cher­wei­se liegt für mich gera­de dar­in eine der inter­es­san­tes­ten Erfah­run­gen des Ostens: dass kul­tu­rel­le Schön­heit dort weni­ger aus­ge­stellt als getra­gen wird. Und dass dar­in eine Form von Wür­de liegt, die in einer Zeit per­ma­nen­ter Selbst­in­sze­nie­rung fast aus der Zeit gefal­len scheint.

Umbruch als Erfahrungswert

Der Fall der Mau­er bedeu­te­te für Mil­lio­nen Men­schen nicht nur das Ende eines poli­ti­schen Sys­tems. Er bedeu­te­te einen tief­grei­fen­den Umbruch in ihrem Leben. Lebens­rea­li­tä­ten, Sicher­hei­ten und Iden­ti­tä­ten ver­än­der­ten sich inner­halb kür­zes­ter Zeit. Gan­ze Wirt­schafts­struk­tu­ren wan­del­ten sich. Berufs­we­ge muss­ten neu gedacht wer­den. Exis­ten­zen wur­den erschüt­tert und viel­fach neu auf­ge­baut. Je län­ger ich mich mit die­sen Umbrü­chen und den Geschich­ten der Men­schen im Osten beschäf­tig­te, des­to stär­ker ent­stand in mir der Ein­druck, dass genau in die­ser Erfah­rung eine oft unter­schätz­te Fähig­keit liegt: die Fähig­keit zur Transformation.

Eine gute Freun­din aus dem Osten sag­te ein­mal zu mir: „Wir Ost­deut­schen sind Migran­ten im eige­nen Land.“ – Die­ser Satz erin­nert mich an das, was ich vie­le Jah­re spä­ter in mei­ner For­schung über Migra­ti­on unter­such­te. Men­schen, die zwi­schen Wel­ten leben oder tief­grei­fen­de Umbrü­che erle­ben, ent­wi­ckeln häu­fig eine beson­de­re Kom­pe­tenz: Sie ler­nen, Unsi­cher­heit aus­zu­hal­ten, sich neu zu ori­en­tie­ren und durch ihre Lebens­er­fah­run­gen und ihr Wis­sen Mög­lich­kei­ten dort zu erken­nen, wo ande­re zunächst vor allem Ver­lust sehen. In der Entre­pre­neur­ship-For­schung spre­chen wir von „Oppor­tu­ni­ty Iden­ti­fi­ca­ti­on“, der Fähig­keit, in Zei­ten von Unsi­cher­heit und Ver­än­de­rung, genau­er gesagt: inne­rer kogni­ti­ver Dis­so­nanz, neue Mög­lich­kei­ten wahr­zu­neh­men, um dar­aus neue Unter­neh­men und damit Zukunft zu gestal­ten. Oft ent­steht Inno­va­ti­ons­kraft näm­lich genau dort: nicht trotz des Bruchs, son­dern durch die Ver­bin­dung unter­schied­li­cher Erfah­run­gen, Per­spek­ti­ven und Infor­ma­tio­nen. Plötz­lich erschien mir der Osten in einem ande­ren Licht. Nicht nur als Regi­on his­to­ri­scher Umbrü­che. Son­dern als Erfah­rungs­raum gesell­schaft­li­cher Neu­erfin­dung. Mög­li­cher­wei­se besteht die eigent­li­che Avant­gar­de des Ostens genau dar­in. Nicht im Fest­hal­ten an Ver­gan­ge­nem. Son­dern in einer bemer­kens­wer­ten Fül­le an Erfahrungen:

  • Der Erfah­rung, dass Wan­del schmerz­haft sein kann und den­noch Neu­es ent­ste­hen lässt.
  • Der Erfah­rung, dass Brü­che nicht nur Ver­lust bedeu­ten, son­dern auch die Mög­lich­keit eröff­nen, die eige­ne Geschich­te neu zu verstehen.
  • Der Erfah­rung, dass Zukunft nicht ent­steht, indem Unter­schie­de ver­schwin­den, son­dern dann ent­steht, wenn Men­schen ler­nen, mit ihnen zu leben und an ihnen zu wachsen.

Damit ent­steht eine beson­de­re Fähig­keit: die Fähig­keit, Wan­del zu gestal­ten. Je län­ger ich dar­über nach­dach­te, des­to häu­fi­ger frag­te ich mich, ob genau dar­in eine der am meis­ten unter­schätz­ten Erfah­run­gen des Ostens lie­gen könn­te. Nicht als poli­ti­sche Kate­go­rie. Son­dern als mensch­li­che Erfah­rung von Wan­del, Unsi­cher­heit und Neu­an­fang, die uns in einer Zeit tief­grei­fen­der tech­no­lo­gi­scher, gesell­schaft­li­cher und geo­po­li­ti­scher Umbrü­che mehr zu sagen hat, als wir bis­her ver­stan­den haben. Gera­de dar­in könn­te eine bis­lang unter­schätz­te Zukunfts­kom­pe­tenz liegen.

Würdigung von Erfahrungen und Lebenswegen

An der TU Berg­aka­de­mie Frei­berg begeg­ne­te ich im Rah­men mei­nes Stu­di­ums einem Mathe­ma­tik­pro­fes­sor, der mich bis heu­te tief geprägt hat: Pro­fes­sor Ste­phan Dem­pe. Er war kein Mensch gro­ßer Insze­nie­rung. Kei­ne lau­te Per­sön­lich­keit. Kei­ne aka­de­mi­sche Eitel­keit. Und doch lag in sei­ner Art eine außer­ge­wöhn­li­che Prä­senz. Ich hat­te oft das Gefühl, dass er sei­ne Stu­den­ten sehr genau sah. Nicht nur ihre Leis­tun­gen, son­dern ihr tat­säch­li­ches Poten­zi­al. Beson­ders beweg­te mich, dass er sich nie­mals bedroht zu füh­len schien von Men­schen, die ihn eines Tages über­tref­fen könn­ten. Im Gegen­teil. Gera­de jene, in denen er beson­de­re Fähig­kei­ten erkann­te, woll­te er för­dern. Er woll­te ihnen Flü­gel geben.

Rück­bli­ckend erscheint mir genau dar­in eine Hal­tung, die ich im Osten häu­fi­ger wahr­ge­nom­men habe: eine stil­le Form von Ernst­haf­tig­keit, Ver­bind­lich­keit und Kon­zen­tra­ti­on auf die Sache selbst. – Nicht Selbst­dar­stel­lung, son­dern Ver­ant­wor­tung. Nicht per­ma­nen­te Sicht­bar­keit, son­dern Hin­ga­be. Und womög­lich berühr­te mich das auch des­halb so sehr, weil die­se Hal­tung in einer Zeit wach­sen­der Selbst­in­sze­nie­rung fast unge­wöhn­lich gewor­den ist. Aus die­ser Beob­ach­tung kam eine wei­te­re Fra­ge her­vor: Was geschieht eigent­lich mit einer Gesell­schaft, wenn Eigen­schaf­ten wie Ver­bind­lich­keit, Beschei­den­heit, Ernst­haf­tig­keit und die Bereit­schaft, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, nicht mehr als Stär­ke wahr­ge­nom­men wer­den? Wenn die Erfah­run­gen und Leis­tun­gen gan­zer Lebens­we­ge zwar vor­han­den sind, aber nur unzu­rei­chend gese­hen oder gewür­digt wer­den? Men­schen brau­chen nicht nur wirt­schaft­li­che Sicher­heit. Sie brau­chen auch das Gefühl, mit ihrer Geschich­te, ihren unter­schied­li­chen Erfah­run­gen und Fähig­kei­ten sowie ihrem Bei­trag Teil eines grö­ße­ren Gan­zen zu sein. Wo die­ses Gefühl über lan­ge Zeit ver­lo­ren geht, ent­steht Ent­frem­dung. Nicht immer laut. Oft lei­se. Men­schen zie­hen sich inner­lich zurück. Ver­trau­en schwin­det. Aus dem Gefühl, nicht gese­hen, abge­wer­tet oder gar nihi­liert zu wer­den, ent­steht Frus­tra­ti­on. Aus Frus­tra­ti­on wird Här­te, aus Här­te wie­der­um Abgren­zung und aus Abgren­zung Kon­flikt. Die Fähig­keit, ein­an­der zuzu­hö­ren und gemein­sa­me Räu­me zu gestal­ten, geht so lang­sam verloren.

Här­te bleibt sel­ten bei sich. Sie sucht Reso­nanz. Sie sucht Men­schen, Erzäh­lun­gen oder poli­ti­sche Ange­bo­te, die den eige­nen Schmerz benen­nen. Genau dar­in liegt eine der gro­ßen gesell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit. Denn Schmerz kann ver­stan­den wer­den — oder instru­men­ta­li­siert wer­den. Gesell­schaft­li­cher Frie­den setzt daher viel frü­her an, als wir häu­fig glau­ben. – Frie­den bedeu­tet nicht nur die Abwe­sen­heit von Krieg. Frie­den beginnt nicht erst in poli­ti­schen Ver­hand­lun­gen, son­dern hält dort Ein­zug, wo Men­schen sich mit ihrer Geschich­te, ihren Erfah­run­gen und in ihrer Wür­de gese­hen füh­len — und dadurch die Fähig­keit bewah­ren, sich selbst und ande­ren mit Offen­heit und Güte zu begeg­nen. Vor allem aber beginnt Frie­den dort, wo Men­schen ler­nen, ihre eige­ne Geschich­te nicht län­ger als Makel, son­dern als Teil ihrer Wür­de zu begrei­fen — wo Brü­che nicht nur als Ver­lust, son­dern als Quel­le von Erfah­rung und Rei­fe ange­nom­men wer­den kön­nen und aus der Gestal­tungs­kraft ent­ste­hen kann. Erst wenn Men­schen den Wert ihrer eige­nen Erfah­run­gen, ihrer kul­tu­rel­len Wur­zeln und ihres Bei­trags für das Gemein­we­sen wie­der erken­nen, ent­steht etwas, das tie­fer reicht als Aner­ken­nung von außen: inne­rer Frie­den. Und aus inne­rem Frie­den erwächst häu­fig etwas Über­ra­schen­des: die Bereit­schaft, (wie­der) zuzu­hö­ren, zu ver­ste­hen, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und die Zukunft aktiv mit­ge­stal­ten zu wol­len. Mir erscheint, dass genau hier auch die Ver­bin­dung zwi­schen Her­kunft, kul­tu­rel­ler Tie­fe, inne­rem Frie­den und gesell­schaft­li­cher Erneue­rung liegt. Denn Men­schen, die ihre Her­kunft, ihre Kul­tur und ihre eige­ne Geschich­te als wert­voll begrei­fen, gewin­nen nicht nur Wür­de zurück. Sie gewin­nen Hand­lungs­kraft zurück. Wer sich nicht per­ma­nent gegen die eige­ne Ver­gan­gen­heit ver­tei­di­gen muss, kann sei­ne Ener­gie auf die Gestal­tung der Zukunft rich­ten. Womög­lich ist dies einer der am meis­ten unter­schätz­ten Zusam­men­hän­ge unse­rer Zeit.

Gesellschaftsressource Kultur

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­de viel dar­über gespro­chen, wie Ost­deutsch­land wirt­schaft­lich auf­ho­len, sta­bi­ler und attrak­ti­ver wer­den kann. Mich aber beschäf­tigt zuneh­mend ein ande­rer Aspekt: Was geschieht, wenn wir die beson­de­ren Erfah­run­gen die­ser Regi­on nicht län­ger pri­mär als Defi­zit, son­dern end­lich als Res­sour­ce betrach­ten? Was ent­steht, wenn Trans­for­ma­ti­ons­fä­hig­keit, Anpas­sungs­kom­pe­tenz, Impro­vi­sa­ti­ons­wil­le und die Erfah­rung des Neu­an­fangs nicht län­ger als Belas­tung, son­dern als gesell­schaft­li­ches Kapi­tal ver­stan­den wer­den? Mei­ne For­schung bestä­tigt die­se Dyna­mik. Men­schen, die gelernt haben, zwi­schen unter­schied­li­chen Wel­ten zu navi­gie­ren, ent­wi­ckeln häu­fig eine beson­de­re Fähig­keit, neue Mög­lich­kei­ten zu erken­nen und mit außer­ge­wöhn­li­chen und alter­na­ti­ven Mit­teln in die Tat umzu­set­zen. Nicht trotz ihrer Brü­che, son­dern gera­de durch sie. Viel­leicht gilt etwas Ähn­li­ches auch für den Osten. Denn wer gelernt hat, mit Unsi­cher­heit umzu­ge­hen, wer erlebt hat, wie schnell ver­meint­li­che Gewiss­hei­ten ver­schwin­den kön­nen, ent­wi­ckelt oft einen ande­ren Blick auf Ver­än­de­rung. Einen Blick, der nicht nur Risi­ken sieht, son­dern auch Poten­zia­le. Gera­de in einer Zeit, in der künst­li­che Intel­li­genz, geo­po­li­ti­sche Span­nun­gen und tech­no­lo­gi­sche Umbrü­che unse­re Gesell­schaft tief­grei­fend ver­än­dern, könn­te die­se Fähig­keit zu einer der wich­tigs­ten Zukunfts­res­sour­cen über­haupt wer­den: Doch die­se Fähig­keit ent­steht nicht im luft­lee­ren Raum. Men­schen brau­chen einen gewis­sen Grad an inne­rem Frie­den und ein Fun­da­ment, aus dem her­aus sie sich immer wie­der neu erfin­den kön­nen. Es wäre denk­bar, dass genau dar­in die beson­de­re Bedeu­tung der kul­tu­rel­len, wis­sen­schaft­li­chen und geis­ti­gen Tie­fe liegt, die ich im Osten immer wie­der wahr­ge­nom­men habe.

Die Musik Johann Sebas­ti­an Bachs. Die Huma­ni­tät Fried­rich Schil­lers. Die Bil­dungs­idea­le Alex­an­der von Hum­boldts. Die wis­sen­schaft­li­che Neu­gier­de eines Gott­fried Wil­helm Leib­niz oder Abra­ham Gott­lob Wer­ners. Sie alle ver­wei­sen auf etwas, das grö­ßer ist als ihre Zeit: die Fähig­keit des Men­schen, Sinn zu stif­ten, Neu­es zu ent­de­cken, sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und Zukunft schöp­fe­risch zu gestal­ten. Genau dar­in könn­te die tiefs­te Res­sour­ce einer Gesell­schaft lie­gen. Nicht allein in ihrem Kapi­tal, ihren Tech­no­lo­gien oder ihren Insti­tu­tio­nen, son­dern in den geis­ti­gen und kul­tu­rel­len Quel­len, aus denen Men­schen Ori­en­tie­rung, Wür­de und Gestal­tungs­kraft schöp­fen. Die­ses kul­tu­rel­le Erbe kann somit ein sta­bi­les Fun­da­ment für eine gelin­gen­de Trans­for­ma­ti­on bil­den. Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­run­gen ent­fal­ten ihre größ­te Kraft aber nicht allein aus dem kul­tu­rel­len Fun­da­ment und durch das Erleb­te. Sie ent­fal­ten sie dort, wo Erfah­run­gen inte­griert wer­den kön­nen, wo Brü­che nicht nur als Ver­lust ver­stan­den wer­den, son­dern Teil einer eige­nen und gemein­sa­men grö­ße­ren Geschich­te wer­den, die einem Zukunfts­pfad die­nen. Wo pola­ri­sie­rend-schmerz­haf­te Erfah­run­gen und Unter­schied­lich­keit nicht län­ger Zer­ris­sen­heit und Schmerz erzeu­gen, son­dern zu einer neu­en inne­ren Har­mo­nie finden.

In sei­nem Buch „Lebens­eli­xier Schön­heit“* beschreibt der Phi­lo­soph Chris­toph Quarch Schön­heit als „nichts ande­res als Har­mo­nie“ (S. 58). Har­mo­nie meint dabei nicht Gleich­för­mig­keit oder fried­vol­les Neben­ein­an­der, son­dern die Fähig­keit, Unter­schied­li­ches in eine stim­mi­ge Bezie­hung zuein­an­der zu brin­gen. Schön­heit im Sin­ne der Har­mo­nie kann laut Quarch nur dann ent­ste­hen, „... wenn die vie­len, die zu einem Gan­zen zusam­men­stim­men, unter­schied­lich oder gar [dia­me­tral, Anmer­kung der Autorin] gegen­sätz­lich sind; wenn es sich nicht um eine har­mo­nis­ti­sche, son­dern um eine span­nungs­ge­la­de­ne Ganz­heit han­delt.“ (S. 59).

Mir scheint, dass genau dar­in eine der tiefs­ten gesell­schaft­li­chen Auf­ga­ben unse­rer Zeit liegt. Denn erst, wenn Erfah­run­gen, Unter­schie­de und Wider­sprü­che inte­griert und in eine har­mo­ni­sche Bezie­hung, basie­rend auf ihrem kul­tu­rel­len Fun­da­ment, zuein­an­der gebracht wer­den kön­nen, ent­ste­hen Wür­de, Ori­en­tie­rung und die Kraft, Zukunft zu gestal­ten. Und mög­li­cher­wei­se liegt genau dar­in ein wei­te­rer Aspekt der Avant­gar­de des Ostens. Nicht allein in den Brü­chen sei­ner Geschich­te. Son­dern in der Ver­bin­dung zwi­schen kul­tu­rel­lem Fun­da­ment, unter­schied­li­chen Posi­tio­nen und der geleb­ten Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­rung. Genau hier ent­schei­det sich mög­li­cher­wei­se die eigent­li­che Zukunfts­fra­ge unse­rer Zeit. Wir erfah­ren eine zuneh­men­de Pola­ri­sie­rung unse­rer Gesell­schaft. Den­noch kön­nen Gesell­schaf­ten nicht allein von Kon­flik­ten leben. Sie brau­chen viel­mehr doch eine Vor­stel­lung davon, was sie gemein­sam erschaf­fen wol­len und eine Visi­on. Eine Visi­on die grö­ßer ist als ihre Ängs­te, Frus­tra­tio­nen und Wut; grö­ßer als ihre Ver­let­zun­gen; grö­ßer als die Geschich­ten, die sie sich über Jahr­zehn­te über­ein­an­der erzählt haben. Genau des­we­gen liegt eine wei­te­re Auf­ga­be unse­rer Zeit genau nicht dar­in, Unter­schie­de zu besei­ti­gen, son­dern statt­des­sen, eine neue Form des Mit­ein­an­ders zu lernen.

Lebenserfahrungen als Stärke

Wir haben gelernt, Unter­schie­de zu bewer­ten, sie in Kate­go­rien ein­zu­ord­nen und zu kri­ti­sie­ren. Was wir viel­fach ver­lernt haben, ist mit ihnen in Bezie­hung zu tre­ten. Dabei ent­steht Zukunft sel­ten dort, wo Men­schen ein­an­der nur von einer Wahr­heit über­zeu­gen. Sie ent­steht dort, wo Men­schen bereit sind, sich von den Erfah­run­gen ande­rer berüh­ren zu las­sen. Wo sie hin­ter ein­zel­nen Posi­tio­nen plötz­lich Lebens­er­fah­run­gen erken­nen, hin­ter Mei­nun­gen Bio­gra­fien sehen und hin­ter Unter­schie­den neue Pfa­de erah­nen. Denn erst, wenn wir mit unse­rer eige­nen Geschich­te ver­söhnt sind, ent­steht jene inne­re Ruhe, aus der Offen­heit wach­sen kann. Aus die­ser Offen­heit ent­fal­tet sich Neu­gier, mit der Bereit­schaft, zuzu­hö­ren und zu ler­nen. Dann kann in Per­spek­ti­ven, die nicht die eige­nen sind, auch etwas Wert­vol­les ent­deckt wer­den. Dar­aus ent­steht jener Raum, in dem etwas Neu­es wach­sen kann.

Auch in der Musik bil­det sich Har­mo­nie nicht dadurch, dass alle Instru­men­te den­sel­ben Ton spie­len. Eine Sym­pho­nie hat als Fun­da­ment eine bestimm­te Ton­art und lebt von und ent­wi­ckelt sich aus Ver­schie­den­heit. Von Span­nung. Von Kon­tras­ten. Von Stim­men, die eigen­stän­dig blei­ben und den­noch etwas grö­ße­res Gemein­sa­mes her­vor­brin­gen. – Für Gesell­schaf­ten könn­te das­sel­be gel­ten. Die Zukunft Deutsch­lands wird nicht dadurch ent­ste­hen, dass Ost und West sich ent­we­der dia­me­tral gegen­über­ste­hen oder sich kom­plett ein­an­der anglei­chen. Sie wird dort ent­ste­hen, wo wir begin­nen, die Unter­schied­lich­keit unse­rer Erfah­run­gen als gemein­sa­me Res­sour­ce zu ver­ste­hen. Nicht als Feh­ler, die kor­ri­giert wer­den müs­sen. Nicht als Rück­stän­de der Ver­gan­gen­heit. Son­dern als Stim­men einer gemein­sa­men Kom­po­si­ti­on, gar einer Sym­pho­nie. Die Fähig­kei­ten Ver­gan­gen­heit anzu­neh­men, Unter­schied­lich­keit als Res­sour­ce zu begrei­fen und Wider­sprü­che aus­zu­hal­ten sind letzt­lich kei­ne poli­ti­schen Tech­ni­ken. Sie sind Vor­aus­set­zun­gen für Reso­nanz, Ver­trau­en und ein gelin­gen­des Mit­ein­an­der. Womög­lich beginnt Frie­den genau dort: Nicht wenn Unter­schie­de ver­schwin­den, son­dern, wenn Men­schen ler­nen, ihnen zuzu­hö­ren, auf sie ein­zu­ge­hen und so zu ant­wor­ten, dass dar­aus ein har­mo­nisch wach­sen­des Spiel wird.

Die Erfah­run­gen unse­res Lebens sind mehr als nur Erin­ne­run­gen an die Ver­gan­gen­heit. Sie sind Res­sour­cen für unse­re Zukunft. Sie geben uns die Kraft, unse­re Zukunft mit Inte­gri­tät, Wür­de und Ver­ant­wor­tung zu gestal­ten. Genau dar­in liegt die eigent­li­che Hoff­nung und Stär­ke unse­rer Zeit. Hoff­nung ent­wi­ckelt sich nicht dadurch, dass Her­aus­for­de­run­gen klei­ner wer­den, son­dern dort, wo wir grö­ßer wer­den als unse­re Ängs­te. Die Erfah­run­gen des Ostens sind dabei nicht nur Teil einer ver­gan­ge­nen Trans­for­ma­ti­on. Sie könn­ten zu einer beson­de­ren Res­sour­ce für die Zukunft wer­den. Für Deutsch­land. Für Euro­pa. Denn Frie­den ent­steht nicht aus Gleich­för­mig­keit, son­dern dort, wo Men­schen den Wert ihrer eige­nen Geschich­te erken­nen, die Erfah­run­gen ande­rer ach­ten und den Mut fin­den, dar­aus gemein­sam eine lebens­wer­te Zukunft zu gestalten.

Es liegt nahe, dass eine gelin­gen­de Gesell­schaft dar­in einer Sym­pho­nie ähneln könn­te, wenn dia­me­tral unter­schied­li­che, ja viel­leicht sogar pola­ri­sie­ren­de Stim­men ler­nen, auf Basis einer gemein­sa­men Ton­art – auf Grund­la­ge unse­res gemein­sa­men kul­tu­rel­len Erbes, unse­rer gemein­sa­men Wer­te und einer gemein­sa­men Zukunfts­vi­si­on – mit­ein­an­der zu klin­gen. So ent­steht aus die­sem Klang, der grö­ßer ist als jede ein­zel­ne Stim­me für sich: die Sym­pho­nie unse­rer gemein­sa­men Zukunft.

*Chris­toph Quarch: „Lebens­eli­xier Schön­heit. Was uns ret­tet“, 2026.

 

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