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Buchvorstellung: In der Nähe

Die Gesell­schaft lebt in einer Zeit der Ent­frem­dung zwi­schen den poli­ti­schen Lagern sowie zwi­schen Stadt und Land. In sei­nem Buch wirft Simon Strauß einen Blick auf die Sehn­sucht der Ost­deut­schen nach Nähe und sucht in einer ost­deut­schen Klein­stadt nach Antworten.

BUCHTIPP:

Simon Strauß: „In der Nähe. Vom poli­ti­schen Wert einer ost­deut­schen Sehn­sucht“, Tro­pen Ver­lag, Stutt­gart 2025, 240 Sei­ten, 24 € (Hard­co­ver).

Zur Ein­füh­rung greift der Autor auf das Thea­ter­stück „Unse­re klei­ne Stadt“ des ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­lers Thorn­ton Wil­der aus dem Jahr 1938 zurück. Strauß, der in Ber­lin und der Ucker­mark auf­ge­wach­sen ist, kam wäh­rend sei­ner Schul­zeit durch eine Thea­ter-AG erst­mals mit dem Stück in Berüh­rung. Für ihn steht die Klein­stadt für einen Ort, an dem Men­schen ein­an­der als Gegen­über begeg­nen, Kon­flik­te aus­tra­gen und Kom­pro­mis­se fin­den. Hier las­se sich Demo­kra­tie unmit­tel­bar erfah­ren. Mit dem Bild eines lan­gen Tisches, an dem unter­schied­li­che Men­schen Platz fin­den, begibt sich Strauß auf die Suche nach sei­ner Klein­stadt. Nach rund zwan­zig Jah­ren hat er mit dem ein­ein­halb Auto­stun­den von Ber­lin in Rich­tung Polen ent­fernt lie­gen­den Prenz­lau sei­ne Stadt gefunden.

Strauß besucht Prenz­lau über einen Zeit­raum von zwei Jah­ren immer wie­der und sucht das Gespräch mit unter­schied­li­chen Stadt­bür­gern. Im Zen­trum sei­ner Recher­chen steht die Fra­ge, wel­che Kraft der gemein­sa­me Glau­be an einen kon­kre­ten Ort ent­fal­ten kann und ob es so etwas wie einen geteil­ten Him­mel noch gibt – oder inzwi­schen jeder allein nach den Ster­nen greift.

In sei­nen Gesprä­chen begeg­net der Autor Men­schen, die er in Anleh­nung an die Defi­ni­ti­on des Alt­his­to­ri­kers Chris­ti­an Mei­er als „kön­nens­be­wusst“ beschreibt. Die­ses Kön­nen-Bewusst­sein steht laut Mei­er für einen Fort­schritts­ge­dan­ken und die Vor­stel­lung posi­ti­ver Ver­än­de­rung, wie sie bereits die alten Grie­chen präg­ten. Laut Strauß leben in Prenz­lau vie­le sol­cher Men­schen, die blei­ben, Ver­ant­wor­tung über­neh­men und so aus einer Stadt eine Gemein­schaft machen.

Ein Bei­spiel hier­für ist der Prenz­lau­er Geschichts­leh­rer und Poli­ti­ker der Par­tei Die Lin­ke, Jörg Ditt­ber­ner. Er erin­nert an Wer­te, die sei­ner Wahr­neh­mung nach in der DDR-Zeit gal­ten, ins­be­son­de­re an den sozia­len Zusam­men­halt. Er beschreibt eine Gesell­schaft, in der die Men­schen Din­ge gemein­sam getan haben und nicht neben­ein­an­der­her leb­ten, sowie Orte, die die­ses Mit­ein­an­der ermög­lich­ten. Dazu zäh­len Haus­ge­mein­schaf­ten, in denen sich alle Bewoh­ner kann­ten und ver­trau­ten und denen man wäh­rend des Urlaubs den Haus­schlüs­sel anver­trau­en konn­te. Ein ande­res Bei­spiel sind die Ost-Gara­gen, die auch als Treff­punk­te der Gesel­lig­keit dien­ten. Die­ser „Ost-Wert“ taucht in vie­len Gesprä­chen des Autors immer wie­der auf und wirkt als ver­bin­den­des Element.

Gleich­zei­tig macht Strauß deut­lich, dass Sehn­sucht nach Nähe auch aus Angst vor dem Frem­den ent­ste­hen kann. Er schil­dert eine Dis­kus­si­on in Prenz­lau über die Errich­tung eines zwei­ten Flücht­lings­heims, gegen die eine Peti­ti­on mit 15.700 Unter­schrif­ten ein­ge­reicht wur­de. In die­sem Zusam­men­hang erwähnt er den AfD-Poli­ti­ker und Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Felix Teich­ner, den er spä­ter per­sön­lich tref­fen wird. Teich­ner, 1991 in Prenz­lau gebo­ren, ver­bin­det Ost-Iden­ti­tät mit dem Gefühl von Frei­heit, bei­spiels­wei­se beim Moped­fah­ren ohne staat­li­che Kon­trol­le. Wie Ditt­ber­ner betont auch er den Wert von Zusam­men­halt und gesell­schaft­li­chem Mit­ein­an­der, die er als ver­lo­ren emp­fin­det. Gleich­zei­tig äußert er eine grund­le­gen­de Sys­tem­kri­tik und den Wunsch nach einer wie­der über­schau­ba­ren Welt. Teich­ner berich­tet von sei­nem zeit­wei­li­gen Auf­ent­halt in Han­no­ver und beschreibt die dort emp­fun­de­ne Anony­mi­tät im Ver­gleich zur Ver­traut­heit und Gemein­schaft Prenzlaus.

Neben ihm stellt Strauß auch den Flücht­ling Ham­za Albei­di­wi vor. Er wur­de in Syri­en gebo­ren und floh auf­grund des Krie­ges über die Bal­kan­rou­te nach Deutsch­land. 2021 kam er in das Flücht­lings­heim in Prenz­lau. Er sieht die Mög­lich­kei­ten, die sich ihm in Deutsch­land bie­ten, als Chan­ce, durch ehren­amt­li­che Arbeit Nähe auf­zu­bau­en. Wie Teich­ner und Ditt­ber­ner sehnt auch er sich nach Ver­bun­den­heit – nach einer Nähe, die ihm durch den Krieg genom­men wur­de. Strauß beschreibt Albei­di­wis Kampf dar­um, gedul­det zu wer­den und sich als zukünf­ti­ger Bür­ger Prenz­laus füh­len zu können.

In einem wei­te­ren Teil sei­nes Buches spricht der Autor mit einer Kita­lei­te­rin, die den gesell­schaft­li­chen Wan­del in Prenz­lau beschreibt. Wäh­rend in ihrer Ein­rich­tung frü­her eine rela­ti­ve Homo­ge­ni­tät mit weni­gen unter­schied­li­chen Spra­chen herrsch­te, wer­den heu­te 104 Kin­der aus 18 Natio­nen betreut. Die­se Viel­falt führt zu kul­tu­rel­len Kon­flik­ten und erschwert die Ein­ge­wöh­nung sowie den Auf­bau von Nähe.

Strauß führt auch ein Gespräch mit den ehe­ma­li­gen Arbei­tern Fer­di­nand Strot­köt­ter, Peter-Jörg Mahn­ke und Nor­bert Zart, die im Arma­tu­ren­werk Prenz­lau (AWP) beschäf­tigt waren. Sie erzäh­len die Geschich­te des Betriebs vor und nach der Wen­de, die zugleich ihre eige­ne ist. Sie berich­ten von der star­ken Ver­bun­den­heit inner­halb des Werks und davon, wie die das AWP nach der Wen­de wie ein geschlach­te­tes Tier in Ein­zel­tei­le zer­legt und ver­schie­de­nen Käu­fern ange­bo­ten wurde.

Strot­köt­ter, Mahn­ke und Zart kämpf­ten dar­um, die Zukunft der Käl­te­tech­nik des Arma­tu­ren­werks zu sichern. Ein­drück­lich schil­dern sie den Ver­such, inner­halb von vier Wochen über eine Bürg­schaft der Spar­kas­se Ucker­mark kre­dit­wür­dig zu wer­den, sowie den anschlie­ßen­den Druck der Treu­hand, die ihnen einen Ver­trag ohne Alter­na­ti­ve nach dem Prin­zip „Friss oder stirb“ vorlegte.

Auch Hen­drik Som­mer, der par­tei­lo­se Bür­ger­meis­ter von Prenz­lau, kommt zu Wort. Er beschreibt eine aus­ge­präg­te Unzu­frie­den­heit in der Bevöl­ke­rung der Stadt. Die­se ent­ste­he weni­ger aus loka­len Miss­stän­den als aus der als fern und welt­fremd emp­fun­de­nen Poli­tik der Ber­li­ner Regie­rung. Die mora­lisch abge­ho­be­ne Hal­tung aus der Haupt­stadt füh­re dazu, dass sich man­che Bür­ger Agi­ta­to­ren zuwenden.

Der Autor spricht mit Sophie Lud­wig, der Pfar­re­rin der evan­ge­li­schen St.-Marien-Kirche, über den Bedeu­tungs­ver­lust der Volks­kir­che. Sie erzählt, dass die DDR-Ver­gan­gen­heit Spu­ren hin­ter­las­sen habe, sodass der sonn­täg­li­che Got­tes­dienst für vie­le Prenz­lau­er kei­ne zen­tra­le Rol­le mehr spie­le. Den­noch wür­den zahl­rei­che Bür­ger eine tie­fe Ver­bun­den­heit mit dem weit­hin sicht­ba­ren Got­tes­haus emp­fin­den, das ein Wahr­zei­chen der Stadt ist.

In einem wei­te­ren Kapi­tel nimmt Strauß die Leser­schaft mit in Erzäh­lun­gen über die letz­ten Kriegs­ta­ge in Prenz­lau. Er zeigt auf, wie in den Dar­stel­lun­gen der DDR-Zeit die Schuld der Roten Armee an der Zer­stö­rung der Stadt aus­ge­blen­det wur­de, was eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Geschich­te erschwer­te. Der Autor berich­tet von dem Schiffs­bau­tech­ni­ker und Hob­by­his­to­ri­ker Wil­helm Zim­mer­mann, der bei einer Ver­an­stal­tung des Ucker­mär­ki­schen Geschichts­ver­eins über die Zer­stö­run­gen durch die Rote Armee sprach. In die­sem Zusam­men­hang the­ma­ti­siert Strauß auch den Ver­such der DDR-Füh­rung, die Wun­den der Ver­gan­gen­heit mit has­tig errich­te­ten Plat­ten­bau­ten sowie einem funk­tio­na­len Stadt­zen­trum mit Spring­brun­nen und Tou­ris­ten­in­for­ma­ti­on zu kaschieren.

An ande­rer Stel­le sei­nes Buches schil­dert der Autor ein Gespräch mit Mat­thi­as Platz­eck, dem ehe­ma­li­gen Minis­ter­prä­si­den­ten Bran­den­burgs, der in der Nähe von Prenz­lau lebt und eng mit der Regi­on ver­bun­den ist. Platz­eck beschreibt die Situa­ti­on in Ost­deutsch­land nach der Wen­de. Rund drei Vier­tel der Ost­deut­schen hät­ten zwi­schen 1989 und 1994 ihren Arbeits­platz gewech­selt. Der gleich­zei­ti­ge Ver­lust von Arbeit, sozia­len Struk­tu­ren und gewach­se­nen Gemein­schaf­ten habe bei vie­len ein Gefühl des Über­drus­ses aus­ge­löst. Arbeits­plät­ze, die Nähe und Mit­ein­an­der ermög­lich­ten, sei­en ver­schwun­den, wäh­rend sozia­le Kom­pe­ten­zen plötz­lich wert­los gewor­den sei­en. Dadurch sei ein Loch ent­stan­den, aus dem man­che Men­schen nicht mehr her­aus­ge­fun­den hät­ten. Platz­eck wünscht sich einen selbst­be­wuss­ten „Ost­stolz”, der als Aus­druck von Nähe und Iden­ti­tät nach außen getra­gen wird.

In sei­nem Fazit for­mu­liert Strauß einen Appell für Nähe als poli­ti­sche Grund­ka­te­go­rie. Poli­tik soll­te sich nicht an der Anzahl von Geset­zes­vor­la­gen mes­sen las­sen, son­dern am Grad des gesell­schaft­li­chen Mit­ein­an­ders. Demo­kra­tie kön­ne gestärkt wer­den, wenn sie das Bedürf­nis nach Nähe ernst neh­me und es poli­tisch umsetze.

Dem Autor ist ein per­sön­li­ches und viel­stim­mi­ges Por­trät der gesell­schaft­li­chen Sehn­süch­te in einer ost­deut­schen Klein­stadt gelun­gen. In den sehr unter­schied­li­chen Lebens­ge­schich­ten der von ihm inter­view­ten Per­so­nen zeigt sich ein gemein­sa­mer Kern: die Sehn­sucht nach Nähe, Ver­bun­den­heit und Gemeinschaft.

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